Villa Clementine

· Vom Wiesbadener Prinzenraub zum Wiesbadener Literaturhaus

von Christian Russ


Das Jahr 1867 ist bedeutsam für die Wiesbadener Stadtgeschichte: Wilhelm I. besucht erstmals Wiesbaden, ab 1871 als Kaiser jährlich. Sein Enkel, Kaiser Wilhelm II., setzt diese Tradition ab 1894 fort. Wiesbaden wird in diesen Jahren "schick": Adel und Bürgertum halten mit dem Kaiser Einzug und nach kurzer Zeit ist Wiesbaden die Stadt mit den meisten Millionären in Deutschland. Wo wohnt man standesgemäß? Selbstredend in der "Villa". Villen schießen in Wiesbaden wie Pilze aus dem Boden: Die Architektur folgt vielfach klassizistischen Idealen, zunehmend entsteht daneben eine Kombination überlieferter Stile, entsprechend dem jeweiligen Bedürfnis des Bauherrn nach Repräsentation. Den Kontrast hierzu bilden die Wiesbadener Brotkrawalle des Jahres 1873, in denen die ärmeren Teile der Bevölkerung gegen die Verteuerung der Lebensmittel protestierte. 1875 beginnt die Bebauung des südlichen Teils der Wilhelmstraße, die große Nachfrage nach Baugrundstücken in diesem exklusiven Bereich führt zur ursprünglich nicht geplanten Bebauung der Ostseite des Warmen Damms.

Der Baubeginn der Villa Clementine fällt in das Jahr 1877. Bauherr ist ein Fabrikant aus Mainz, Ernst Mayer, dessen Frau Clementine der Villa ihren Namen gibt.

Architekt der Villa ist ein erstaunlich junger Mann: Georg Friedrich Fürstchen, geboren 1848 in Biebrich. Bei Baubeginn ist der Architekt gerade 29 Jahre alt und hat sich erst vor kurzem selbstständig gemacht. Er bezeichnet sich selbst als geistigen Schüler von Gottfried Semper und hatte zuvor mit dem Rathaus in Biebrich (1876) sein Meisterstück abgeliefert. In den wenigen Jahren bis zu seinem Tod (1884 mit nur 35 Jahren) baut er in Wiesbaden noch eine Mehrzahl von Villen und Stadthäusern: Adolfstraße 14, Sonnenberger Straße 37, Herrngartenstraße 2. Die Fertigstellung der Villa Clementine erfolgt 1882. Die herausragende architektonische Besonderheit ist die Doppelfassade zur Wilhelmstraße und zum Warmen Damm. Das Gebäude selbst folgt einem U-förmigen Grundriss: Die Wohn- und Repräsentationsräume umschließen einen aus rückwärtiger Treppe, Flur und Sanitärräumen gebildeten Kern. Die Geschosshöhen sind kennzeichnend für die Bedeutung, die der Architekt dem jeweiligen Stockwerk beimisst: Das Erdgeschoss 3,25 m, das erste Obergeschoss 5,12 m, das zweite Obergeschoss 4,05 m. Eine "großbürgerliche Villa" hat man die Villa Clementine genannt, "monumentalen Historismus", eine "Kombination von Landhaus und Stadtpalais". Hervorzuheben sind neben der beeindruckenden Fassade die prächtigen Stuckdecken, die in Wiesbaden Ihresgleichen suchen dürften, die vielen Wintergärten und Terrassen, das Treppenhaus mit den schwarzen Marmorstufen und dem filigranen Eisenguss-Geländer. Nur kurz nach Fertigstellung verstirbt Clementine Mayer, eine Typhus-Epidemie sucht Wiesbaden 1885 heim.

Nur drei Jahre später gerät die Villa dann unvermittelt ins Zentrum internationaler Aufmerksamkeit - heute würde man sagen: in die Schlagzeilen. Was war geschehen? Königin Natalie von Serbien hatte ihren Gatten, den serbischen König Michael ("König Lustig des Balkans") fluchtartig verlassen, weil ihr dessen ausschweifendes Leben, seine Trunk- und Verschwendungssucht auf die Nerven gingen (vom Wiener Hof war sie anderes gewöhnt). Den Kronprinzen Alexander nahm sie mit, damit dieser nicht werde wie sein Vater. Nach einer Irrfahrt über Florenz und Wien, stets auf der Flucht vor den Häschern des Königs, mietet sie sich im Juni 1888 zunächst im Wiesbadener Hotel "Vier Jahreszeiten" ein. Sie suchte einen repräsentativen Wohnsitz für sich und den Kronprinzen, den sie schließlich in der Villa Clementine fand. Dort wird sie dann aber kurze Zeit später von König Michael ausgespäht: Dieser verlangt ultimativ die Herausgabe des Thronfolgers, um die Dynastie zu sichern. Die Drähte zwischen dem Balkan und Berlin laufen heiß: König Michael setzt die Deutsche Reichsregierung unter Druck. Am 13. Juli 1888 kommt es dann zu einer denkwürdigen gemeinsamen Aktion des deutschen und des serbischen Staates: Die Villa wird von Offizieren umstellt, der Wiesbadener Polizeipräsident und der serbische Kriegsminister verschaffen sich Zutritt und konfiszieren persönlich den kleinen Prinzen. Die Königin verlässt Deutschland daraufhin fluchtartig. Wiesbaden und die Villa Clementine sind für einen Wimpernschlag der Weltgeschichte im Zentrum internationaler Aufmerksamkeit und Presseberichterstattung über den weithin als Polit-Skandal betrachteten "Wiesbadener Prinzenraub" der Serben mit Amtshilfe des Kaisers persönlich. Notabene: Kronprinz Alexander bestieg 1893 den serbischen Thron und schockierte von da an die europäische Aristokratie. Seinem Vater stand er in Sachen Frauengeschichten, Trunk- und Verschwendungssucht in keiner Weise nach. 1900 sorgte er noch für einen handfesten Skandal, als er eine zehn Jahre ältere Hofdame seiner Mutter heiratete. Als weiteren Charakterzug offenbarte er noch eine ungewöhnliche Grausamkeit, so dass sich kaum einer wunderte, als man den jungen König bereits 1903 erdolchte. Die Mutter ging ins Kloster.

Die Villa Clementine selbst wird 1891 vom Privatier Carl Eugen Siebel als Wohnhaus erworben. Im Erdgeschoss richtet sich ab 1900 eine Privatbank ein. Zu dieser Zeit wird Wiesbaden gerade Großstadt (100.000 Einwohner bei 200.000 Kurgästen jährlich). Eigentümer Siebel erhält 1913 die Erlaubnis zur Errichtung eines "Unterstellraums für Kraftwagen im Sockelgeschoss" (heute würde man sagen: Garage).

Im 1. Weltkrieg verliert Wiesbaden seine Bedeutung als internationale Kurstadt. In den 30er Jahren zieht Professor Dr. med. Hans Betke in das erste Obergeschoss ein, im Erdgeschoss etabliert sich die Arztpraxis Dr. O. Hieber. In den 50er Jahren wird das Erdgeschoss zweigeteilt: Rechts entsteht ein Café und Restaurant, links führt der Arzt Dr. Schuster die Arztpraxis Hieber fort.

Im Jahre 1960 verkauft die Erbengemeinschaft Siebel die Villa an die Stadt Wiesbaden, die mit der Villa ein Bauvorhaben besonderer Art hat: Den Abriss. Man reibt sich die Augen. Doch die Stadt will eine Osttangente zur Entlastung der Wilhelmstraße bauen, die Villa steht einfach im Weg. Im Jahr 1965 veröffentlicht der bekannte Städtebauer und Architekt Professor Ernst May ein Planungsgutachten, das er für die Stadt Wiesbaden erstellt hatte. Nach seinem Plan sollte die Villa durch einen Eingang in das seinerzeit geplante Wiesbadener U-Bahn-Netz (!!) ersetzt werden. Weiterhin plante May den kompletten Abriss des Villengebiets Ost, an dessen Stelle Wohn-Hochhäuser kommen sollten, wie sie später in Klarenthal und im Schelmengraben (1967) verwirklicht wurden und in ihrer tristen Größe noch heute zu besichtigen sind.

War der Mann verrückt?

May war - wie die meisten bedeutenden Architekten seiner Zeit - Anhänger des Bauhaus-Stils, sein Ziel war die Schaffung architektonisch und urbanistisch anspruchsvollen, gesunden und preiswerten Wohnraums. In den 30er Jahren hatte er bei Planung und Aufbau neuer Städte in der UDSSR mitgewirkt (Industriestädte Stalinsk und Magnitorsk). Später entwickelte er Bauten- und Stadtgrundrisse in Tansania und Nairobi. Der Abriss der Villa entsprach einem Geist der Zeit: Viele (heutige) Baudenkmäler vor allem des wilhelminischen Historismus wurden in den 50er und 60er Jahren als überflüssiger Plunder der Vergangenheit angesehen und abgerissen. Viele Bausünden wurden in dieser Zeit begangen: Zu Recht betrauert man etwa den Abriss der Leipziger Paulinenkirche als barbarischen und kulturlosen Staatsakt. Aber auch in der alten Bundesrepublik wurden schwere Sünden begangen: Der Abriss des Braunschweiger Stadtschlosses, der Abriss des Palais Thurn und Taxis in Frankfurt, dort auch der Abriss von Teilen der Altstadt und der Westend-Villen und Gründerzeithäuser, die den Bankhochhäusern weichen mussten. Eine käuferfreundliche und autogerechte Innenstadt waren Ziele der Zeit: Genormte Fußgängerzonen entstanden, umsäumt von vierspurigen Zubringerstraßen, die heute die Städte zerschneiden. Parallel dazu entstanden gesichtslose Gewerbeparks am Rande der Städte. Ansätze hiervon sind auch in Wiesbaden noch zu erkennen: Die Fußgängerzone, die Schwalbacher Straße. Ein gruseliges Denkmal jener Zeit war die - gottlob - zwischenzeitlich abgerissene "Hochbrücke", gedacht als ein Verbindungsstück einer noch zu bauenden Stadtautobahn(!) nach Osten. Bundespräsident Walter Scheel sagte Anfang der 70er Jahre: "In Deutschland ist nach dem Kriege vielleicht mehr Schutzwürdiges zerstört worden als während des Krieges selbst."

Erst Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre tritt ein Bewusstseinswandel ein. Dies geschieht gerade noch rechtzeitig, um den Abriss der Villa Clementine zu verhindern. Vorausgegangen waren heftige politische Kämpfe zwischen dem CDU-geführten Magistrat und insbesondere den Jusos um Jörg Jordan. Seit 1968 stellt die SPD in Wiesbaden den Bürgermeister, Anfang der 70er Jahre beschließt der Magistrat den Erhalt des Villengebietes Ost, die künftige Nutzung der Villa Clementine als Kultureinrichtung sowie deren Renovierung. Diese geht in den Jahren von 1974 bis 1979 vonstatten und kostet DM 4,1 Mio. Seither ist die Villa ein Ort von Konzerten, Vorträgen und Lesungen. Ein schönes Kompliment ist die Wahl der Villa Clementine als Drehort für die aufwendig produzierte, 13-teilige Fernsehserie "Die Buddenbrooks" des Hessischen Rundfunks im Jahre 1978. Die Innendekoration im ersten Stock wurde nach den Dreharbeiten nicht mehr entfernt und gab dem ersten Obergeschoss bis zur Renovierung 2009 einen zunehmend verwelkenden bürgerlichen Charme. 1991 zieht der Presseclub in die linke Seite des Erdgeschosses ein, 2000 folgt der Hessische Verleger- und Buchhändler-Verband im renovierten zweiten Obergeschoss. Seit 2001 ist die Villa im ersten Obergeschoss Standort des Wiesbadener Literaturhauses. Dieses wird von der Stadt getragen, eine Kulturreferentin ist für ein vielseitiges und interessantes Programm verantwortlich.

In den Jahren 2008/09 wird die Villa aufwändig saniert und erstrahlt seither neu im alten Glanz. Nirgendwo sonst kann man sich ein vergleichbar eindrucksvolles Bild über die Wohnwelt des Großbürgertums im ausgehenden 19. Jahrhundert machen. Ein Cafè im ersten Stock lädt zum Verweilen und Lesen ein, die Veranstaltungen sind über einen Aufzug nun auch für Behinderte gut zugänglich. Eine Audiothek für Kinder lockt nun auch die jüngeren Literaturfans an.

Die Villa Clementine ist nun wieder, was Sie schon einmal war: Die schönste Villa in Wiesbaden. Doch im Unterschied zu damals ist sie heute jedermann zugänglich: Ein Ort der Literatur und des Gesprächs. Jede Bürgerin und jeder Bürger Wiesbadens sollte stolz auf sie sein - und sie regelmäßig besuchen!


 
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