Literaturforum – Gesprächskreis zur Gegenwartsliteratur

· Leitung: Rita Thies. Das nächste Literaturforum findet am Dienstag, den 09. Oktober um 19.30 Uhr im Café der Villa Clementine statt.

Das Literaturforum ist eine offene Veranstaltung, in der jeweils zwei Bücher aus dem Bereich der aktuellen Literatur und/oder der Literatur des 20. Jahrhunderts diskutiert werden. Es ist nicht notwendig, sich anzumelden, wir begrüßen Sie gerne beim nächsten Forum. Weitere Infos können Sie unter literaturforum.wiesbaden@online.de erhalten. Die Titel für das jeweils nächste Treffen mit kurzer Beschreibung finden Sie im Folgenden.


Das nächste Literaturforum findet am Dienstag, 09. Oktober 2018 um 19.30 Uhr im Café des Literaturhauses Villa Clementine statt (ab 19.00 Uhr geöffnet). Im Juli und August findet aufgrund der Sommerpause des Literaturhauses kein Literaturforum statt.

Die weiteren Termine im zweiten Halbjahr sind:

Dienstag, 13. November
Dienstag, 11. Dezember


Auf dem Programm am 04. September standen:

  • Daniel Kehlmann: „Tyll"

  • Fernando Aramburu: „Patria"


  • Rund 760 Seiten stark ist allein Fernando Aramburus* Roman „Patria“. Sein Thema ist der Terror der ETA, der im Baskenland bis 2011 weit über 860 Ermordete forderte und Familien, Freunde, Nachbarn entzweite und zu Todfeinden machte. Wer bei dem entfesselten Nationalismus nicht mitmachte, kam möglicherweise auf die Todesliste.
    In „Patria“ ist das der Unternehmer Txato, der in einem kleinen Dorf lebt, nicht weit von San Sebastian. Er weigert sich, immer mehr „Revolutionssteuer“ zu zahlen, d.h., den zunehmenden Gelderpressungen der ETA nachzugeben, und wird hingerichtet. Seine Frau Bittori kehrt zwanzig Jahre später in das Dorf zurück und versucht herauszufinden, ob und wie Joxe Mari, inhaftiertes ETA-Mitglied sowie Sohn ihrer ehemals besten Freundin und heute größten Feindin Miren, an dem Anschlag auf ihren Mann beteiligt war....
    Das große erzählerische Werk entsteht durch einen geschickten Aufbau: Aramburu entfaltet die Geschichten aller Mitglieder der beiden Familien, wechselt die Erzählperspektiven und auch die Zeitebenen. Eine Gewissheit verdichtet sich dabei mehr und mehr: Niemand kann sich dem von der ETA und ihren Sympathisanten gelebten Diktat von Hass und Gewalt entziehen, jede und jeder muss sich dazu verhalten. Was bleibt, sind zerstörte menschliche Beziehungen und die Frage, wie Aussöhnung oder Vergebung möglich sind.

    * Fernando Aramburu ist ein spanisch schreibender Autor aus dem Baskenland, der schon über 30 Jahre in Hannover lebt.


    In einer Zeit des Hasses, der Gewalt, der Furcht und irrwitziger Zerstörung ist auch Daniel Kehlmanns „Tyll“ verortet, im Dreißigjährigen Krieg.
    Sein Tyll Ulenspiegel wächst als als Sohn eines Müllers in einem kleinen Dorf auf und erlebt schon in seiner Kindheit die Folgen religiösen Wahns: Tylls Vater wird Opfer jesuitischer Inquisitoren und des Aberglaubens. Der Junge schließt sich dem fahrenden Volk an und reist von nun an quer durch den Dreißigjährigen Krieg. Er gerät an die unterschiedlichsten Kriegsschauplätze und trifft historische Persönlichkeiten.
    Tyll ist in diesem Roman die Figur, über die Kehlmann die Geschichte des und Geschichten vom Dreißigjährigen Krieg verbindet: Die vom Pfalzgrafen Friedrich V., der sich von den böhmischen Ständen die Wenzelskrone aufsetzen lässt, aber nur für einen Winter König bleibt. Die Geschichte von seiner Frau Elisabeth Stuart (Liz), Tochter des englischen Monarchen Jakob I., die von Macht und Größe träumt und noch verhandelt, als es für sie nichts mehr zu verhandeln gibt.....Verbunden mit den Erzählungen über diejenigen, die am Räderwerk der Geschichte keine Drehungen verursachen können, aber unter ihr Mahlwerk geraten, gelingt Kehlmann sein Epos über diese Zeit des Schreckens und des Todes. Dass das Lesen trotz als der Grausamkeiten auch eine vergnügliche Angelegenheit bleiben kann, dafür sorgt u.a. sein Tyll, der, ganz Till Eulenspiegel, Heuchler und Doppelmoral entlarvt und mit Dummheit seine Scherze treibt....



    Am 26. Juni standen folgende Titel auf dem Programm:

  • Jane Gardam: „Ein untadeliger Mann“ („Old Filth“ im englischen Original von 2004, deutsche Ausgabe erstmals 2015)

  • Alain Claude Sulzer: „Postskriptum“ (2015)



  • Jane Gardam, Britin, 1928 geboren und seit den 70er Jahren in England mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin, die neben Roman und Erzählungen auch Kinderbücher veröffentlicht hat, wurde vom deutschen Feuilleton erst seit Ende 2015 wahrgenommen. Mit „Ein untadeliger Mann“ erschien im Carl Hanser Verlag der erste Teil einer Romantriologie. Übersetzt von Isabel Bogdan* wurde der Roman sowohl von der Presse als auch der Leserschaft begeistert aufgenommen.
    Edward Feathers, genannt „Old Filth“, ehemals Kronanwalt in Hongkong, ist mit seiner Frau Betty ein paar Jahre nach der Übergabe der britischen Kolonie an die Volksrepublik China (1997) nach England zurückgekehrt. Seinen von Berufskollegen mit Ehrfurcht ausgesprochenen Spitznamen hat er durch einen Witz erhalten, den er selbst in die Welt gesetzt hat: „Failed In London Try Hong Kong“ (Filth). Dabei verkörpert er auch noch im hohen Alter in seinem eleganten Erscheinungsbild und seinem korrekten, höflich-distanzierten Auftreten ganz das alte Empire. „Schmutz“ ist das Gegenteil dessen, was man mit Feathers assoziiert.
    Als Betty stirbt und in der direkten Nachbarschaft Terry Veneering einzieht, ein alter Kollege, den er inbrünstig hasst, begibt sich Old Filth auf eine Reise, um den Fäden seines eigenen Lebens nachzuspüren. Nach und nach setzt sich vor dem inneren Auge der Leser das Leben Feathers zusammen: seine ersten Lebensjahre in Malaysia, Kindheit und Jugend in England, der berufliche Aufstieg in der Kronkolonie.
    Die Spannung in der Erzählung entsteht durch die Verknüpfung verschiedener Zeitebenen, wodurch vieles erst sukzessive zur Gewissheit wird. Und schließlich gibt es dann doch eine Menge „alten Schmutz“.....
    *(„Der Pfau“, 2016)

    In „Postskriptum“ erzählt Alain Claude Sulzer mit der Lebensgeschichte seines Protagonisten eine Geschichte über das Berühmtsein, Vergessenwerden und über die Erinnerungen, die wir von Menschen behalten. Ausgangspunkt für den Autor ist das Hotel Waldhaus in Sils Maria im Engadin, berühmter Treffpunkt und Refugium von Künstlern und Intellektuellen. Ob F. Nietzsche, R. Tauber, M. Reinhardt, H. Hesse, T. Mann, F. Dürrenmatt....- sie alle waren Gäste in diesem Hotel.
    Sulzers Figur heißt Lionel Kupfer, ist ein gefeierter Filmstar in Deutschland und besucht 1933 das Hotel. Gerade übernehmen in Deutschland die Nazis die Macht, Kupfer hat jüdische Wurzeln. Das besonders Perfide an der Situation: Kupfers heimlicher Liebhaber reist an und übernimmt die Aufgabe, dem Schauspieler mitzuteilen, dass alle Verträge in Berlin mit ihm aufgelöst würden und er nicht mehr gewünscht sei. Kupfers bisheriges Leben ist zerstört, für jemanden wie den Postbeamten Walter Staufer, der Kupfer bewundert und sich in ihn verliebt hat, bleibt da kein Platz mehr. Im amerikanischen Exil kann der berühmte Schauspieler an seine große Karriere erst einmal nicht anknüpfen....
    Seine Faszination entfaltet der Roman für mich vor allem durch Sulzers Figurenzeichnung, sein Einfühlungsvermögen in die Vorstellungswelten der einzelnen Personen. Doch lesen Sie selbst.....

    (Rita Thies)



    Am 15. Mai standen folgende Titel auf dem Programm:

  • José Eduardo Agualusa: Eine allgemeine Theorie des Vergessens (Beck, Deutsch 2017)

  • Karan Mahajan: In Gesellschaft kleiner Bomben (CulturBooks, Deutsch 2017)


  • José Eduardo Agualusa, ein angolanischer Autor portugiesischer Abstammung, erzählt in „Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ die Geschichte einer Frau, die sich 30 Jahre in einer Wohnung einmauert.
    Ludovica, eine Portugiesin, die an Agoraphobie leidet, lebt vor der Unabhängigkeit Angolas gemeinsam mit ihrer Schwester und ihrem Schwager im obersten Stock eines Hochhauses in Luanda. Als 1974 der Aufstand gegen die portugiesische Kolonialherrschaft ausbricht, kehren Schwester und Schwager irgendwann nicht in die Wohnung im „Haus der Beneideten“ zurück. Stattdessen versuchen drei Männer, in Ludovicas Refugium einzudringen. Sie erschießt einen Eindringling, vergräbt ihn im Blumenbeet auf der Dachterrasse und errichtet eine Mauer im Flur zu ihrer Wohnung. Während draußen der Bürgerkrieg tobt, versucht Ludovica dort zu überleben, abgeschirmt von der Außenwelt, allein mit ihrem Hund Fantasma.
    Wir, die Leserinnen und Leser, dürfen den Geschehnissen im Lande über die Geschichten weiterer Figuren folgen, und wir werden am Ende feststellen, wie alle Erzählpfade Jahre später vor der Wohnungstür Ludovicas wieder zusammenlaufen....

    Zoe Beck hat „In Gesellschaft kleiner Bomben“ von Karan Mahajan vom Englischen ins Deutsche übersetzt. Mahajan, der heute in Texas lebt, wuchs in Neu-Delhi auf. Für den Roman erhielt er in den Vereinigten Staaten diverse Preise.
    Mahajan entwickelt seinen Plot vor dem Hintergrund des Kaschmir-Konfliktes zwischen Pakistan und Indien: Zwei Mittelschichtsfamilien in Indien pflegen untereinander Kontakt, der in der tief gespaltenen Gesellschaft nicht selbstverständlich ist, die Hindu-Familie Khurana und die muslimische Familie Ahmed. Die beiden Jungen der Khuranas und der Sohn der Ahmeds, Mansoor, befinden sich auf einem belebten Wochenmarkt in Delhi, als eine Bombe detoniert. Einzig Mansoor überlebt den Anschlag der muslimischen Terroristen, die für die Unabhängigkeit Kashmirs morden.
    Der Erzähler macht sich nun auf, sowohl Opfer als auch Täter bis ins Jahr 2005 zu begleiten, folgt damit der zerstörerischen Explosionswelle der Bombe....

    (Rita Thies)









     
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