Literaturforum – Gesprächskreis zur Gegenwartsliteratur

· Leitung: Rita Thies. Das nächste Literaturforum findet am Dienstag, den 26. Juni um 19.30 Uhr im Café der Villa Clementine statt.

Das Literaturforum ist eine offene Veranstaltung, in der jeweils zwei Bücher aus dem Bereich der aktuellen Literatur und/oder der Literatur des 20. Jahrhunderts diskutiert werden. Es ist nicht notwendig, sich anzumelden, wir begrüßen Sie gerne beim nächsten Forum. Weitere Infos können Sie unter literaturforum.wiesbaden@online.de erhalten. Die Titel für das jeweils nächste Treffen mit kurzer Beschreibung finden Sie im Folgenden.


Das letzte Literaturforum vor den Sommerferien – das Literaturhaus schließt im Juli und August – findet wie vereinbart am Dienstag, den 26. Juni 2018 um 19.30 Uhr im Café des Literaturhauses Villa Clementine statt (ab 19.00 Uhr geöffnet).

Auf dem Programm stehen:

  • Jane Gardam: „Ein untadeliger Mann“ („Old Filth“ im englischen Original von 2004, deutsche Ausgabe erstmals 2015)

  • Alain Claude Sulzer: „Postskriptum“ (2015)


  • Beide Romane sind als Taschenbücher erhältlich.


    Jane Gardam, Britin, 1928 geboren und seit den 70er Jahren in England mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin, die neben Roman und Erzählungen auch Kinderbücher veröffentlicht hat, wurde vom deutschen Feuilleton erst seit Ende 2015 wahrgenommen. Mit „Ein untadeliger Mann“ erschien im Carl Hanser Verlag der erste Teil einer Romantriologie. Übersetzt von Isabel Bogdan* wurde der Roman sowohl von der Presse als auch der Leserschaft begeistert aufgenommen.
    Edward Feathers, genannt „Old Filth“, ehemals Kronanwalt in Hongkong, ist mit seiner Frau Betty ein paar Jahre nach der Übergabe der britischen Kolonie an die Volksrepublik China (1997) nach England zurückgekehrt. Seinen von Berufskollegen mit Ehrfurcht ausgesprochenen Spitznamen hat er durch einen Witz erhalten, den er selbst in die Welt gesetzt hat: „Failed In London Try Hong Kong“ (Filth). Dabei verkörpert er auch noch im hohen Alter in seinem eleganten Erscheinungsbild und seinem korrekten, höflich-distanzierten Auftreten ganz das alte Empire. „Schmutz“ ist das Gegenteil dessen, was man mit Feathers assoziiert.
    Als Betty stirbt und in der direkten Nachbarschaft Terry Veneering einzieht, ein alter Kollege, den er inbrünstig hasst, begibt sich Old Filth auf eine Reise, um den Fäden seines eigenen Lebens nachzuspüren. Nach und nach setzt sich vor dem inneren Auge der Leser das Leben Feathers zusammen: seine ersten Lebensjahre in Malaysia, Kindheit und Jugend in England, der berufliche Aufstieg in der Kronkolonie.
    Die Spannung in der Erzählung entsteht durch die Verknüpfung verschiedener Zeitebenen, wodurch vieles erst sukzessive zur Gewissheit wird. Und schließlich gibt es dann doch eine Menge „alten Schmutz“.....
    *(„Der Pfau“, 2016)

    In „Postskriptum“ erzählt Alain Claude Sulzer mit der Lebensgeschichte seines Protagonisten eine Geschichte über das Berühmtsein, Vergessenwerden und über die Erinnerungen, die wir von Menschen behalten. Ausgangspunkt für den Autor ist das Hotel Waldhaus in Sils Maria im Engadin, berühmter Treffpunkt und Refugium von Künstlern und Intellektuellen. Ob F. Nietzsche, R. Tauber, M. Reinhardt, H. Hesse, T. Mann, F. Dürrenmatt....- sie alle waren Gäste in diesem Hotel.
    Sulzers Figur heißt Lionel Kupfer, ist ein gefeierter Filmstar in Deutschland und besucht 1933 das Hotel. Gerade übernehmen in Deutschland die Nazis die Macht, Kupfer hat jüdische Wurzeln. Das besonders Perfide an der Situation: Kupfers heimlicher Liebhaber reist an und übernimmt die Aufgabe, dem Schauspieler mitzuteilen, dass alle Verträge in Berlin mit ihm aufgelöst würden und er nicht mehr gewünscht sei. Kupfers bisheriges Leben ist zerstört, für jemanden wie den Postbeamten Walter Staufer, der Kupfer bewundert und sich in ihn verliebt hat, bleibt da kein Platz mehr. Im amerikanischen Exil kann der berühmte Schauspieler an seine große Karriere erst einmal nicht anknüpfen....
    Seine Faszination entfaltet der Roman für mich vor allem durch Sulzers Figurenzeichnung, sein Einfühlungsvermögen in die Vorstellungswelten der einzelnen Personen. Doch lesen Sie selbst.....

    (Rita Thies)



    Am 15. Mai standen folgende Titel auf dem Programm:

  • José Eduardo Agualusa: Eine allgemeine Theorie des Vergessens (Beck, Deutsch 2017)
  • Karan Mahajan: In Gesellschaft kleiner Bomben (CulturBooks, Deutsch 2017)


  • José Eduardo Agualusa, ein angolanischer Autor portugiesischer Abstammung, erzählt in „Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ die Geschichte einer Frau, die sich 30 Jahre in einer Wohnung einmauert.
    Ludovica, eine Portugiesin, die an Agoraphobie leidet, lebt vor der Unabhängigkeit Angolas gemeinsam mit ihrer Schwester und ihrem Schwager im obersten Stock eines Hochhauses in Luanda. Als 1974 der Aufstand gegen die portugiesische Kolonialherrschaft ausbricht, kehren Schwester und Schwager irgendwann nicht in die Wohnung im „Haus der Beneideten“ zurück. Stattdessen versuchen drei Männer, in Ludovicas Refugium einzudringen. Sie erschießt einen Eindringling, vergräbt ihn im Blumenbeet auf der Dachterrasse und errichtet eine Mauer im Flur zu ihrer Wohnung. Während draußen der Bürgerkrieg tobt, versucht Ludovica dort zu überleben, abgeschirmt von der Außenwelt, allein mit ihrem Hund Fantasma.
    Wir, die Leserinnen und Leser, dürfen den Geschehnissen im Lande über die Geschichten weiterer Figuren folgen, und wir werden am Ende feststellen, wie alle Erzählpfade Jahre später vor der Wohnungstür Ludovicas wieder zusammenlaufen....

    Zoe Beck hat „In Gesellschaft kleiner Bomben“ von Karan Mahajan vom Englischen ins Deutsche übersetzt. Mahajan, der heute in Texas lebt, wuchs in Neu-Delhi auf. Für den Roman erhielt er in den Vereinigten Staaten diverse Preise.
    Mahajan entwickelt seinen Plot vor dem Hintergrund des Kaschmir-Konfliktes zwischen Pakistan und Indien: Zwei Mittelschichtsfamilien in Indien pflegen untereinander Kontakt, der in der tief gespaltenen Gesellschaft nicht selbstverständlich ist, die Hindu-Familie Khurana und die muslimische Familie Ahmed. Die beiden Jungen der Khuranas und der Sohn der Ahmeds, Mansoor, befinden sich auf einem belebten Wochenmarkt in Delhi, als eine Bombe detoniert. Einzig Mansoor überlebt den Anschlag der muslimischen Terroristen, die für die Unabhängigkeit Kashmirs morden.
    Der Erzähler macht sich nun auf, sowohl Opfer als auch Täter bis ins Jahr 2005 zu begleiten, folgt damit der zerstörerischen Explosionswelle der Bombe....

    (Rita Thies)









     
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