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· Aktuelle Presseberichte über die Veranstaltungen des Fördervereins Literaturhaus Villa Clementine


Ein Luftschiff hebt ab – Hans Dieter Schreeb und Ralph Siegel stelllen ihr Musical „Zeppelin“ im Literaturhaus Villa Clementine vor

Von Viola Bolduan

WIESBADEN - Vor den Worten die Musik: Der Mann, der so kräftig auf die Tasten des Flügels im roten Salon des Literaturhauses haut, ist Ralph Siegel, Deutschlands erfolgreichster Musikproduzent der leichten Muse. Auf dem Podium lächelt ein anderer leicht – auf diese Weise hatte der Musiker vor anderthalb Jahren seinen Drehbuchautor gefunden. Hans Dieter Schreeb erinnert sich: „Sie haben ein so freundliches Lächeln“, reagierte Ralph Siegel auf ihn via Skype: „Wir machen das.“ Das meinte die Zusammenarbeit für ein neues Musical, geschrieben von Hans Dieter Schreeb, komponiert von Ralph Siegel: „Zeppelin“. Auf dem Podium sitzt auch Bettina Weyers, Leiterin des Gallissas Theaterverlags, der Stücke und Musical-Produktionen vertritt. Hartmut Boger moderiert. Für die Produktion „Zeppelin“ scheinen sich drei gefunden zu haben, die vom Projekt und voneinander begeisterter kaum sein könnten. Siegel über Schreeb: „Fantastisch, mit ihm zu arbeiten.“ Schreeb über Siegel: „Eine wunderbar passende Zusammenarbeit.“ Bettina Weyers über beide: „Hier stimmt einfach alles.“ Auch die gemeinsame Emphase am Abend zur Erstvorstellung des Musicals auf Einladung des Fördervereins Literaturhaus. Am Montag wird es auf der Wintergarten-Bühne in Berlin vor ausgewählten Musical-Produzenten präsentiert – mit großem Aufwand. Schließlich träumen Komponist, Autor und Verlegerin von einer weltweiten Verbreitung ihres „Zeppelins“. Die gleichnamigen Luftschiffe sind in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ja auch rund um die Welt geflogen, und das Unglück der „Hindenburg“ 1937 über Lakehurst nahe New York könnte als Musical doch auch den Broadway interessieren... Bettina Weyers: „Ich denke da sehr groß.“

„Schnipsel Musik“ zum Mitwippen und Fußtippen

Jetzt erst einmal interessiert es Wiesbaden, weil Hans Dieter Schreeb hier geboren, bekannter Autor u.a. historischer Romane (auch Wiesbadener!) und Drehbücher ist, und Ralph Siegels Vater hier in den 60er Jahren ein Musical uraufgeführt hat. Und für ihr Projekt hat beide nicht nur die fatale Geschichte des Luxus-Luftschiffs „Hindenburg“ interessiert, sondern auch die des Namensgebers Zeppelin, Graf Ferdinand. Beide Erzählstränge galt es dramaturgisch und kompositorisch zu verknüpfen. Wir hören für diesen Abend extra zusammengestellte „Schnipsel Musik“ (Ralph Siegel) von voluminösem Streicher-Bläser-Glockenklang, Einsatz von Basso ostinato, Chor und Soli. Mitwipp- und Fußtipp-Wirkung, Ralph Siegel dirigiert und der ganze Körper geht mit im Sitzen. „Wir fahren nach Amerika“, „Du hast mich nie geliebt“, „Wo führt der Weg uns hin?“. Auch die Liedtexte stammen von ihm. Und von Hans Dieter Schreeb das Gesamtskript, dem Leichtigkeit attestiert wird, beispielsweise durch die Figur eines schwedischen Staubsaugervertreters.

An Bord des Siegel/Schreeb-Zeppelins befindet sich internationales, auch Englisch sprechendes Personal mit seinen ganz eigenen Konflikten. Schreeb: „Richtige Dramen spielen sich ab“ im Luftschiff und parallel im historischen Rückblick auf die Grafenfamilie am Bodensee.

Artikel erschienen am 26.05.2017 im Wiesbadener Kurier



Petra Gerster und Christian Nürnberger lesen im Presseclub Wiesbaden aus ihrem Luther-Buch

Von Laura Jung

WIESBADEN - Der Andrang im Presseclub Wiesbaden war groß. So groß, dass die 70 interessierten Besucher um ein Haar nicht genug Stühle abbekommen hätten. ZDF-Moderatorin Petra Gerster und ihr Mann Christian Nürnberger präsentierten ihr neues Buch in den Räumen der Villa Clementine: „Der rebellische Mönch, die entlaufene Nonne und der größte Bestseller aller Zeiten“. In der Not wurde ein altes Stehpult aus der Abstellkammer geholt und schnell noch abgestaubt. Dann begrüßte Armin Conrad, Vorsitzender des Fördervereins Literatur der Villa Clementine, die beiden Autoren und die „geistig jung gebliebene Elite Wiesbadens“.

Beziehung zu Katharina von Bora war prägend

Am Welttag des Buches präsentierte das Ehepaar seinen Beitrag zum Thema Martin Luther im Reformationsjubiläumsjahr. „Es ist Ihnen wirklich gelungen, die Denkleistung Martin Luthers zu entblättern“, lobte Armin Conrad. Nürnberger und Gerster schildern in ihrem Werk alle Lebensphasen des Reformators, seine Fragen und sein Wirken und vor allem seine Beziehung zu Katharina von Bora.

„Ich habe Katharina von Bora reingeboxt“, erzählt Petra Gerster schmunzelnd und ihr Mann muss zugeben, dass das eine gute Idee war. Denn die entlaufene Nonne habe einen wesentlichen Einfluss auf Luther gehabt, der lange negiert worden sei. „Bei uns ist das nach 35 Jahren Ehe auch so. Sie erteilt mir das Wort und entzieht es mir auch wieder“, scherzte Nürnberger zur Erheiterung der Zuhörer. Der Autor studierte vier Semester Theologie, bevor er in den Journalismus wechselte. So wie Luther dem Volk aufs Maul geschaut habe, wollte er auch schreiben. Die Zuhörer bestätigen, dass ihm dies gelungen ist.

Nürnberger schildert die Entwicklung Luthers vom Jungphilosophen in der berühmten Gewitternacht über die Entdeckung eines neuen Gottesbildes bis hin zum entscheidenden Bruch mit Papst und Kaiser, die daraus folgenden blutigen Kämpfe und schließlich seine Hochzeit mit der entlaufenen Nonne Katharina von Bora, der er bei der Flucht aus dem Kloster bei Grimma geholfen hatte.

Er schildert Luther als naiven, treuen Diener seiner Kirche, der es als seine christliche Pflicht empfand, den Ablasshandel zu kritisieren. Ohne Reue und Buße, könne Schuld nicht erlassen werden, sei seine Auffassung gewesen. Dabei kam er jedoch den mächtigen Kirchenoberhäuptern in die Quere, denen er ihr einträgliches Geschäft kaputtzumachen drohte.

Zum Schluss schilderte Petra Gerster Luthers Beziehung zu „Herrn Käthe“, wie er seine selbstbewusste Frau in Briefen liebevoll nannte. Die tüchtige Geschäftsfrau verwaltete neben der Erziehung ihrer sechs Kinder ein Gut mit zehn Angestellten, großem Garten und bis zu 60 Gästen pro Tag, braute Bier und stellte Honig her. Luther verdankte ihr viel und schätzte ihren starken Charakter, was aus Briefen hervorgehe.


Artikel erschienen am 24.04.2017 in der Allgemeinen Zeitung


Farben der zweiten Fassung

Von Viola Bolduan

LITERATURHAUS Architekt Dirk Hoga über die Sanierungsarbeiten auf der zweiten Etage

WIESBADEN - Er steht im ehemaligen Lagerraum der Villa Clementine an der Wilhelmstraße. Der Wiesbadener Architekt Dirk Hoga kennt die Geschichte des Literaturhauses gut. Heute steht er im Parterre, in den Räumen des Wiesbadener Presseclubs (PCW). „Lagerraum“? PCW-Ehrenvorsitzender Hilmar Börsing runzelt leicht die Stirn, wenn er auf Holzvertäfelung, Mobiliar, Teppich blickt. Das sieht doch heute ganz manierlich aus!

Und wie es oben nach Fertigstellung dieser bis 1882 erbauten Villa sogar großbürgerlich manierlich ausgesehen haben muss, davon gibt die restaurierte erste Etage öffentlichen Einblick. Im Parterre aber schildert Dirk Hoga auf Einladung des Fördervereins Literaturhaus die Sanierungsgeschichte der zweiten Etage.

Zuvor aber rekapituliert der Architekt noch seine erste Begegnung mit der Stadt: „Was geht denn hier ab?“, habe er sich gefragt – und „Geht’s auch ohne Cabriolet?“ Die historische Bausubstanz hat ihn fasziniert und zu Wilhelmstraßen- und anderen Geräuschen meint er: „Ich bin nicht so laut.“ Also eher im Stillen hat Dirk Hoga eine stattliche Anzahl von Gebäuden auch in der Stadt Wiesbaden saniert, etwa an der hinteren Langgasse, im Moment ist u. a. der Umbau der Dallmannhöfe in Schierstein akut.

Ort für Salonkultur, Ort für die Literatur

2000 war es die obere Etage der Villa Clementine. Denn die damalige Kulturdezernentin Rita Thies war entschlossen, die Villa fit zu machen für eine ihr zuträgliche spezielle Funktion: Zum Ort „einer demokratisierten Salonkultur, zum Ort der Debatte, des Zuhörens, des Wortes“ sollte der Bau werden. So schreibt sie, die ursprünglich Dirk Hogas Ausführungen live hätte ergänzen wollen, in ihrem von Corinna Freudig verlesenen Brief zur Veranstaltung.

Auch die obere Etage ist wertvoll

Als der Hessische Buchhändlerverband (mit zwei anderen Landesverbänden) zum Einzug in die obere Etage bereit war, stand der beauftragte Sanierer Hoga vor weiß gestrichenen Wänden, übermaltem Stuck, „abenteuerlichen Leitungen“ auf Putz, Brandspuren auf dem Parkett – aber auch vor abwaschbaren Farben und dem Eindruck: „Auch diese Etage ist wertvoll.“

Ihr Wert schälte sich in alten Farben und Ornamenten, Stukkaturen auch mit Holzeindruck, Türen und Fenstern heraus. Die Urfassung der Räume entdeckte Hoga zwar nicht, so doch eine „zweite Fassung“, wie sie sich auch im fulminanten Treppenhaus darstellt. Boden, Türen, Wände wurden aufgearbeitet – für 250 000 Euro. „Man kann auch günstig und trotzdem gut“, kommentiert der Architekt.

Rund um seinen Vortrag mit Beispielbildern nutzt er die Gelegenheit, das Gesamt der Villa in Augenschein zu nehmen. „Da sollte man mal wieder etwas für die Bauunterhaltung tun“, stellt er fest. Oberflächen, Böden, Beschläge überprüfen, manches nachbessern. Und guckt genau hin: „Der Wasserschaden von 2007 ist bis heute nicht behoben.“ Aber doch die frühere Lagerstätte im Parterre. Sonst hätte Dirk Hoga in die Räume des Presseclubs ja gar nicht eingeladen werden können.

Artikel erschienen am 21.10.2016 im Wiesbadener Kurier unter der Rubrik "Kultur vor Ort"




Die Grenzen der Kunstfreiheit

Von Viola Bolduan

FÖRDERVEREIN Christian Russ über Schlüsselromane

WIESBADEN - Wer einen Schlüsselroman plant, schreibe ihn so, „dass die Personen nicht erkennbar sind und weder Sexuelles, Krankheit noch Alkohol vorkommen“. Pointiert formuliert Professor Christian Russ seine Schlussfolgerung aus dem Prozess um Maxim Billers Roman „Esra“, der von 2003 bis 2008 sechs Jahre lang stattfand, um eine Klärung von Persönlichkeitsrechten, Entschlüsselbarkeiten, Schadensersatz, etc. In welchem Verhältnis steht das Persönlichkeitsrecht zum Gebot der Kunstfreiheit und wann geraten beide aneinander?

Plagiat und Diffamierung

Darüber sprach der in Wiesbaden tätige Anwalt, spezialisiert u. a. auf Urheber- und Presserecht, auf Einladung des Fördervereins des Literaturhauses im Literaturhaus Villa Clementine. Christian Russ war selbst Vorsitzender des Fördervereins von 2010 bis ’14 und nahm deshalb auch gern an dessen neuen Aktivitäten, nun als Referent über „Plagiat und Diffamierung in der Literatur“, teil.

Dass für ihn die Juristerei besonderen Charme entwickelt, wenn sie es mit Literatur zu tun bekommt, mag auch an seiner Herkunft als Sohn des früheren Kurier-Feuilletonleiters Bruno Russ liegen.

Christian Russ’ Urteil zum Schlüsselroman über das Wiesbadener Ordnungsamt als „Mord(s)amt“ – vor einem Jahr war der Jurist selbst damit befasst – ist literaturkritisch deutlich: „Grauenhaft.“ Da im Amt selbst von Betroffenen aber viel gelesen, kann Erkennbarkeit als Argument für eine Unterlassung durchaus herangezogen werden.

Schlüsselromane

Literaturgeschichte kennt vielerart Schlüsselromane: Thomas Manns „Die Buddenbrooks“ hat über Lübecker Familien nicht nur zu deren reinen Freude erzählt; alle Welt wusste auch, wer in Martin Walsers Roman „Tod eines Kritikers“ gemeint war und bekannt war, wen Klaus Mann in seinem „Mephisto“ als Karrierist in der NS-Zeit dargestellt hatte (Gustaf Gründgens). Was 1936 beim ersten Erscheinen des Romans noch kein Problem war, wurde nach dem Tode von Autor und Figuren-Vorbild aber zu einem. Gründgens Erbe Peter Gorski beruft sich später mit Erfolg auf das Persönlichkeitsrecht.

Umgekehrt wertet 2009 der Bundesgerichtshof Maxim Billers Kunstfreiheit höher als die Persönlichkeitsrechte seiner Ex-Freundin, die sich im Roman „Esra“ verunglimpft sah. Dennoch ist die Verbreitung des Buchs weiterhin verboten wegen Erkennbarkeit der realen Vorbilder. Biller hätte besser verfremden sollen ... Plagiate wiederum müssen nicht sein, wenn man nur zitieren kann ... Schon Brecht aber hatte das gern versäumt.

Der Abend mit einem charmant vortragenden Christian Russ brachte nicht nur juristischen Erkenntnisgewinn, sondern war auch Beleg dafür, dass und wie „Literatur nicht im luftleeren Raum existiert“.

Artikel erschienen am 16.10.2015 im Wiesbadener Kurier unter der Rubrik "Kultur vor Ort"



Dieter Zimmer spricht im Presseclub über den Erfolg seines Romans „Für’n Groschen Brause“

Von Richard Lifka

WIESBADEN - Nicht ohne Stolz bemerkte der ehemalige, aber noch immer bekannte Fernsehjournalist Dieter Zimmer, dass sein erster Roman über ein halbes Jahr lang in den Top Ten der Spiegel Bestsellerliste gestanden habe, rund 1,8 Millionen Exemplare davon verkauft worden seien. Ach ja, das Buch wurde auch verfilmt, Dieter Zimmer schrieb das Drehbuch und erhielt dafür den Jakob-Kaiser-Preis.

Die Rede ist von dem 1980 erschienenen, autobiografischen Roman „Für’n Groschen Brause“. Aber, so der in Leipzig geborene Journalist, Schreiben sei immer nur ein Hobby gewesen. Zunächst etwas zurückhaltend, dann aber immer aufgeräumter, berichtete der ehemalige Studioredakteur der „heute“-Nachrichten, wie er, nachdem sein zweites Buch „Alles in Butter“ auch erfolgreich gewesen war und sein vierter Roman „Kalifornisches Quartett“ ebenfalls verfilmt wurde, überlegt habe, sich als freier Autor ganz dem Schreiben zu widmen. Die Entscheidung, sein gesichertes Einkommen doch lieber als Journalist beim ZDF zu behalten, sei gefallen, als ihm der damalige Vorsitzende des deutschen Schriftstellerverbands das 400 Personen starke Mitgliederverzeichnis gezeigt und ihn darauf hingewiesen habe, wie viele davon einmal sehr erfolgreich gewesen und nun Sozialhilfeempfänger seien.

Das Publikum in den Räumen des Wiesbadener Presseclubs, der in Kooperation mit dem „Förderverein Wiesbadener Literaturhaus“ Dieter Zimmer eingeladen hatte, folgte seinen Ausführungen konzentriert, gespannt und hätte sicher gerne noch länger zugehört, wäre die Zeit nicht wie im Fluge vergangen. Ein wenig Unterstatement in Zimmers Bemerkungen war allerdings unverkennbar.

Bestseller würden nicht von Autoren geschrieben, sondern von Verlagen, Presse und Buchhandel gemacht. Dass sein erster Roman, der übrigens zunächst von den vielen Verlagen abgelehnt wurde, so erfolgreich war, sei Glück, mehreren Zufällen und zeitlichen Stimmungen zu verdanken.

Zwischen Zimmers Schilderungen las der ebenfalls aus dem Fernsehen bekannte Journalist und Rechtsanwalt Bernhard Töpper Passagen aus „Für’n Groschen Brause“. Sehr anschaulich und dennoch der historischen Genauigkeit verhaftet, wurde die Flucht des 13-jährigen Thomas zusammen mit seiner Mutter nach Westberlin geschildert.

Ist der Roman, der die Flucht von täglich mehr als 4000 Menschen in die junge Bundesrepublik beschreibt, mit all den Problemen der Aufnahme und Eingliederung auch mehr als 35 Jahre alt, so schwang doch ein Bezug zur Gegenwart unterschwellig mit.

Artikel erschienen am 04.09.2015 im Wiesbadener Tagblatt unter der Rubrik "Kultur vor Ort"




Buchwissenschaftler Stephan Füssel über Wiesbaden als Verlagsstadt 1945

Von Viola Bolduan

WIESBADEN - Eine Zeit versäumter Gelegenheiten in Wiesbaden? Es hätte in den Jahren 1945 bis 1948 hier der Grundstock für eine zentrale Verlagsstadt gelegt werden können. Die amerikanische Besatzungsmacht hatte es jedenfalls so vorgesehen. Woran eine Entwicklung gescheitert ist, vielleicht auch scheitern musste, erklärte der Mainzer Buchwissenschaftler und Hochschulprofessor Stephan Füssel im Literaturhaus.

Eingeladen hatte der Förderverein des Literaturhauses und trotz noch nicht befahrbarer Schiersteiner Brücke sprach der Referent vor vollem Saal von „vielen Brücken“ zwischen den beiden Städten diesseits und jenseits des Rheins. Dazu gehört dann wohl auch das Archiv des ehemals in Wiesbaden beheimateten Brockhaus-Verlags („100 Kisten als Teilerbe“) in seinem Mainzer Institut.

„Wiesbaden – Verlagshauptstadt der Westzonen 1945“ ist Thema des Vortrags wie auch Teil der Buchhandelsgeschichte, an der er gemeinsam mit einem Kollegen aus Leipzig gerade arbeitet. Nicht von ungefähr Leipzig... Die Stadt ist seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Herzstück des aufgeklärten Geisteslebens und damit auch des Buchhandelsystems. Das geht mit der Zerstörung seines „Graphischen Viertels“ 1943/45 zugrunde. „50 Millionen Bücher verbrannten... das Brockhaus-Areal wird zu 78 Prozent zerstört ...“ Kenntnisreich spricht Stephan Füssel über die Kriegsschäden, illustriert sie auch auf Leinwand. Mit Kriegsende holen die Amerikaner ihren Zonen-Plan heraus und vereinbaren mit dem Aktionsausschuss der Leipziger Buchhändler einen Umzug nach Wiesbaden. Warum Wiesbaden?

Hier siedelte sich das American Headquarter an und plante einen Ausbau auch als kulturelles Zentrum. Im Juni 1945 siedelt ein Militärkonvoi mit 20 Personen, einem Autobus und drei Lastwagen Leipziger Verleger mit ihren Relikten nach Wiesbaden um. Dazu gehören die Verlage Insel, Thieme, Dieterich, Brockhaus und Breitkopf & Härtel. Eine Filiale des Börsenvereins zieht mit. Und dann stellt sich in Wiesbaden heraus, dass der Standort so ideal für die Ansiedlung von Verlagen doch nicht ist: Das Quartier Pariser Hof liegt inmitten einer Trümmerlandschaft, das Haus ist für Badegäste, aber nicht für Büromitarbeiter gedacht; zwar gibt es rasch Lizenzen fürs Drucken, aber viel zu wenig Papier und brauchbare Druckmaschinen. Ermutigend ist die Situation nicht. Mut aber hat dennoch Max Niedermayer, der im Wiesbadener Pariser Hof seinen Limes-Verlag neu gründet, mit einem Kant-Altdruck und Gottfried Benn als Lyriker der Nachkriegszeit. Der Börsenverein des deutschen Buchhandels zieht 1946 dennoch weiter nach Frankfurt, wo in Kürze mit der Deutschen Nationalbibliothek, Buchmesse und Friedenspreis ein neues Zentrum des Buchhandels entsteht.

Eine verpasste Chance für Wiesbaden? Vor politischen Selbstvorwürfen bewahrt ein kluger Stephan Füssel mit der Bemerkung: „Die Standortbedingungen waren nicht richtig geprüft worden.“ Sein Vortrag über die kurze Geschichte der Stadt als Verlagszentrum 1945 war nicht nur lehrreich, sondern auch anregend für viele Gespräche im Nachhinein.

Artikel erschienen am 10.04.2015 im Wiesbadener Tagblatt unter der Rubrik "Kultur vor Ort"




Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, im Wiesbadener Literaturhaus

Von Viola Bolduan

WIESBADEN - Ob tatsächlich die Buchpreisbindung gegen Blinker für ein Freihandelsabkommen zwischen Europa und den USA verschachert wird? Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, kann es sich vorstellen, will aber nicht daran glauben. Denn die Buchpreisbindung ist ein starkes Schutzschild der Branche, die er vertritt. Und er vertritt sie kompetent und eloquent einen Abend lang im Literaturhaus als Gast des Fördervereins Literaturhaus. „Was haben Sie gegen Amazon, Herr Skipis?“, lautet die eigentliche Frage, die die beiden Moderatoren vom Vorstand des Fördervereins, Armin Conrad und Jochen Wörner, dem 60-jährigen Juristen in gut besuchten Räumen des Presseclubs stellen.

Wenn sich der Online-Versandhändler Amazon irgendwann als einziger Vermittler zwischen Autor und Publikum sieht, ist es das genaue Gegenteil von Skipis‘ Interesse. Gleichwohl, sagt er, Amazon könnte Mitglied im Club des Börsenvereins werden, sei aber – als „autistisches Unternehmen“ – gar nicht interessiert daran, über Bücher zu sprechen.

Das aber ist die Existenzberechtigung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels (mit seiner Gründung 1825 einer der ältesten Verbände in Deutschland), der die Interessen von rund 5400 Verlagen, Buchhandlungen, Antiquariaten und Kulturveranstaltungen mit Buchmesse, Friedenspreis und Deutschem Buchpreis vertritt. Skipis legt Wert auf beide Seiten der Medaille: auf das Kulturgut Buch und die Ökonomie seines Vertriebs. Sein Geschäftsmodell für die Zukunft der Branche: „Sie müssen als Buchhändler nicht nur gern lesen, sondern auch verkaufen wollen.“ Und er sieht seit anderthalb Jahren auch im Kaufpublikum eine Umkehr vom sich per Mausklick von Amazon Beliefernlassen zur persönlichen Beratung im Buchladen um die Ecke.

„Der persönliche Kontakt, der Genuss an Beziehungen“ gehöre, so Skipis, zu elementaren menschlichen Bedürfnissen, die an der „Kulturaustauschstätte Buchladen“ eingelöst werden können. Überdies hätte die Branche von den Online-Händlern mittlerweile viel gelernt: Auch sie bietet digitalen Service, und vertreibt neben dem Amazon-Reader Kindle das eigene E-Book-Gerät Tolino. Mit einem Marktanteil von 45 Prozent (gegenüber 32 Prozent verkaufter Kindles) „erfolgreich“. Das E-Book aber werde nie Nachfolger des gedruckten Buches werden, ist Alexander Skipis sicher: „Print ist einfach und genial.“

Wettbewerb gewinnen

Die Nachfrage nach Büchern sei nach wie vor hoch – der Wert des Buches rangiere bei Umfragen noch immer vor Fernsehen und Computer. Und für die Buchgeschäfte gelte: „Die Großen bauen zurück, den Kleinen geht es relativ gut.“ Große Rendite sei in der Branche ohnehin nie zu erwarten gewesen. Denn, wenn Buchhandel mehr als ein rein wirtschaftliches Geschäft sein will, lebt er eben auch von der Überzeugung, dass „ohne Buch eine freie Gesellschaft nicht existieren kann“.

Also auch vom Ideellen. Amazon dagegen sei ausschließlich auf Zugewinn seiner Marktanteile aus (Skipis: „momentan acht bis zehn Prozent vom Gesamtbuchhandel“). Deshalb, sagt Alexander Skipis zuversichtlich, „werden wir den Wettbewerb gegen Amazon gewinnen“. Voraussetzung allerdings bleibe die Buchpreisbindung.

Artikel erschienen am 10.03. im Wiesbadener Kurier unter der Rubrik "Kultur vor Ort"







Literaturhaus-Entree: Förderverein stattet aus

Artikel erschienen am 23.09.2015 im Wiesbadener Kurier

 
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