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· Aktuelle Presseberichte über die Veranstaltungen des Fördervereins Literaturhaus Villa Clementine


Welttag des Buches: Drei syrische Autorinnen stellen ihre Werke im Wiesbadener Literaturhaus vor

Von Bärbel Schwitzgebel


WIESBADEN - Den „Welttag des Buchs“ zum Anlass nehmend, stellt der Förderverein Wiesbadener Literaturhaus in dieser Woche gleich mehrere Veranstaltungen unter das Motto „Freiheit für das Wort“. Und bereits am Montag konnte Fördervereinsvorsitzende Rita Thies als Einladende und Moderatorin mit einer spannenden Veranstaltung aufwarten. Um „mit anderen Worten“ zu sprechen, waren drei syrische Autorinnen geladen, die, von Krieg und Unterdrückung geflohen, im deutschen Exil eine neue Heimat gefunden und ihre literarischen Ambitionen mitgebracht haben. Dass es ihnen gelingen möge, sich mit ihren Worten auch hier – wie in der alten Heimat – Gehör zu verschaffen, kann man Lina Atfah, Rasha Habbal und Widad Salloum nur wüschen. Dem deutschen Literaturbetrieb, der sich zunehmend für zeitgenössische arabische Literatur interessiert, im Übrigen auch, denn die drei Frauen haben viel zu erzählen: von ihrem Land, der Flucht, vom Weggehen, Ankommen und Neuorientieren. Und sie geben damit auch all denen eine Stimme, die sich dort oder hier nicht selber artikulieren können oder dürfen.

Lina Atfah hat schon als Kind Gedichte geschrieben

So wie Lina Atfah, geboren 1989: Seit ihrer Kindheit schreibt sie Gedichte und hat sich als Autorin in Syrien mit sozialen und politischen Fragen auseinandergesetzt, bis sie mit dem Assad-Regime in Konflikt geriet, als 17-Jährige wegen Regimekritik und „Gotteslästerung“ von allen kulturellen Veranstaltungen ausgeschlossen wurde und schließlich ihrem Mann nach Deutschland folgte. Ihrem lebendigen Vortrag ist die Freude darüber anzumerken, dass sie hier – wie im Gedicht „Das Buch der fehlenden Ankunft“ – offen Exilerfahrungen oder in dezenter Form erotische Anspielungen verarbeiten und sogar ihren „Mann auf der Straße küssen darf!“.

Auch ohne etwas zu verstehen, fasziniert der arabische Originalton ihrer rhythmisierten Verse, in der Übersetzung vorgetragen von Larissa Bender. Die erfahrene Dolmetscherin begleitet den Abend und hilft weiter, wenn den Autorinnen, die inzwischen allesamt die deutsche Sprache beherrschen, mal ein Wort fehlt.

Ebenfalls mit metaphern- und bildreicher Lyrik ist die studierte Wirtschaftswissenschaftlerin Rasha Habbal bislang in Erscheinung getreten. Jetzt hat sie für sechs Monate die Möglichkeit, als „Torschreiberin am Pariser Platz“ in Berlin ihr Romanprojekt in Angriff zu nehmen, in dem sie die außergewöhnlichen Erlebnisse ihrer Flucht durch Ungarn verarbeiten wird.

Publizistisch bereits angekommen ist Widad Salloum in Bedburg, wo sie, neben ihrer Tätigkeit als Förderlehrerin, für die Bedburger Stadtzeitung schreibt. Doch auch der von ihr vorgetragene Prosatext „Ein kleines Fenster in die Seele“ lässt deutlich erkennen, wie schwer das Exil und der Verlust von Heimat und vertrauter Umgebung auf ihr lasten, nicht zuletzt der – alle drei Autorinnen betreffende – unsichere Aufenthaltsstatus.

Nachzulesen sind diese und andere Texte in der vom Frauenkulturbüro NRW, Redaktion Rita Thies, herausgegebenen Anthologie „Mit anderen Worten“, der man nur viel Aufmerksamkeit wünschen kann, verbunden mit der Hoffnung, dass von Lina Atfah, Rasha Habbal und Widad Salloum noch viele „andere Worte“ zu hören oder zu lesen sein werden.

Erschienen im Wiesbadener Kurier am 25.04.2018



Weiterschreiben nach der Flucht

Der Förderverein Literaturhaus Villa Clementine unterstützt arabische Autoren im Exil.

Von Jürgen Streicher

Das Fräulein Clementine hat zwar nie in der Villa gewohnt, die ein Mainzer Fabrikant ihr 1878 bauen ließ, aber ihr Name ist geblieben. Seit 140 Jahren steht das Haus an der Wilhelmstraße für die Glanzzeit Wiesbadens als Weltkurbad des 19. Jahrhunderts. Hat mit dem „Wiesbadener Prinzenraub“ Weltgeschichte geschrieben, als 1888 Königin Natalie von Serbien sich von ihrem königlichen Gemahl trennte und mit dem jungen Kronprinzen einzog, bis er je nach Lesart in seine Heimat Serbien „gebracht“ oder „entführt“ wurde. Und heißt auch jetzt noch Villa Clementine, da es schon seit 16 Jahren Literaturhaus ist, in dem auch solcherart Geschichte lebendig gehalten wird.

Wie König oder Königin im Exil wird der erste Preisträger oder die erste Preisträgerin des Weiterschreiben-Stipendiums Wiesbaden dort nicht wohnen. Dies hätte der rührige Förderverein Wiesbadener Literaturhaus Villa Clementine gerne gewollt, doch das tatsächlich vorhandene Stipendiatenzimmer im Haus ist schon belegt.

So wird noch eine Wohnung in Wiesbaden für den Autor oder die Autorin gesucht, der oder die sich über das Stipendium freuen darf, das der Förderverein ausgelobt hat. Es soll geflüchteten Literaten aus dem arabischen Sprachraum einen Neustart als Autor ermöglichen und richtet sich insbesondere an exilierte Schriftsteller, die noch nicht von einem deutschsprachigen Verlag veröffentlicht werden.

Es ist das „größte Projekt“, das Rita Thies gestern bei einem Pressegespräch in der Villa Clementine für das laufende Jahr angekündigt hat. Eine Jury solle den Preisträger im Frühsommer ernennen, sagte die ehemalige Kulturdezernentin und heutige Vorsitzende des Fördervereins weiter. Die Kandidaten und Kandidatinnen werden gezielt vom Berliner Autorenportal „Weiter Schreiben“ und von Übersetzern empfohlen, die einen Überblick über die „Szene der aus dem arabischen Sprachraum geflüchteten Autoren“ haben, erläuterte Thies.

Drei Monate lang, voraussichtlich von Anfang September bis Ende November, sollen Preisträger oder Preisträgerin mit monatlicher Unterstützung in Höhe von 2000 Euro ungestört an einem eigenen literarischen Projekt arbeiten können. Auch bei der späteren Veröffentlichung des Werkes will der Förderverein Hilfe bieten.

Um die „Freiheit für das Wort“ geht es auch in der gleichnamigen Veranstaltungsreihe von Literaturhaus und Förderverein rund um den Welttag des Buches am 23. April. An diesem Tag lesen drei exilierte Autorinnen aus Syrien aus „Mit anderen Worten“, so lautet der Titel einer Anthologie, die Prosa und Lyrik aus dem arabischen Sprachraum vorstellt. In Wiesbaden lesen Rasha Habbal, Lina Atfah und Widad Salloum.

Can Dündar will immer noch an die Freiheit des Worts und die „andere Türkei“ glauben. Der ehemalige Chefredakteur der türkischen Tageszeitung „Cumhuriyet“, der seit zwei Jahren in Berlin im Exil lebt, kommt am 26. April zum Autorengespräch in die Villa Clementine. Im Gespräch wird es vor allem um Can Dündars aktuelles Buch „Verräter. Aufzeichnungen im deutschen Exil“ gehen sowie allgemein über die Situation in der Türkei und das Thema Meinungsfreiheit.

Zu dieser Veranstaltung ist eine Voranmeldung zwingend erforderlich.

Erschienen in der Frankfurter Rundschau am 28.03.2018




Wiesbadener Literaturhaus-Förderverein setzt auf neue Formate und möchte geflüchteten Autoren helfen

Von Volker Milch

WIESBADEN - Der Förderverein des Literaturhauses Villa Clementine floriert: Die Vorsitzende Rita Thies kann sich über 20 Neuzugänge freuen. Rund 100 Mitglieder stehen nun hinter den Formaten, die das Angebot des Literaturhauses ergänzen. Zum Beispiel die Reihe „Literaturforum“, in der zeitgenössische Literatur diskutiert wird.

Ein Stipendium mit Wohnmöglichkeit

Zum weiteren Florieren des Vereins könnte auch ein neues Format beitragen, dessen Titel Frühlingsgefühle verspricht: Ein „Bücher-Speed-Dating“ findet erstmals am Mittwoch, 25. April, in der Villa Clementine statt. Das Speed-Dating wird hier aber nicht angewandt, um einen menschlichen Flirt- oder Beziehungspartner zu finden. Leserinnen und Leser sollen ihre Bücher an Gleichgesinnte weitergeben. Fünf Minuten haben sie Zeit, um das Gegenüber am kleinen Tisch von ihrem Buch zu überzeugen oder Fragen zu beantworten. Der Empfehlende legt den Preis (ab drei Euro) seines Buchs fest. Der Interessent entscheidet, ob er zugreift und wechselt zum nächsten Tisch.

Der Kaufpreis wandert dann aber keineswegs in die Tasche des Empfehlenden, sondern kommt dem neuen „Weiterschreiben-Stipendium“ des Fördervereins zugute. Damit soll geflüchteten Autoren der Neustart in Deutschland erleichtert werden. „Die haben ihr Werkzeug verloren, ihre Sprache“, sagt Thies.

Autoren haben es noch schwerer als Musiker oder Maler. Drei Monate lang, voraussichtlich von September bis November 2018 bekommt die Stipendiatin oder der Stipendiat 2000 Euro monatlich und eine kostenfreie Wohnmöglichkeit in Wiesbaden. Um Autoren zu finden, hat der Verein Übersetzer angesprochen, die sich im arabischen Sprachraum auskennen. Zur Jury, die über die Vergabe des Stipendiums entscheidet, gehört neben Anita Djafari, Geschäftsführerin des Frankfurter Vereins Litprom, und Heiner Boehncke, Künstlerischer Leiter des Rheingau Literatur Festivals, auch Stefan Schröder, Chefredakteur dieser Zeitung.

Um exilierte Autorinnen geht es im April auch in der gemeinsamen, „Freiheit für das Wort“ überschriebenen Reihe von Förderverein und Literaturhaus: Die aus Syrien stammenden Autorinnen Kasha Habbal, Lina Atfah und Widad Salloum lesen am Montag, 23. April, in der Villa Clementine.

Am Donnerstag, 26. April, kommt der türkische Journalist Can Dündar nicht, wie ursprünglich angekündigt, ins Literaturhaus, sondern liest im Kulturforum am Schillerplatz aus seinem aktuellen Buch „Verräter. Aufzeichnungen im deutschen Exil“. Der ehemalige Chefredakteur der Tageszeitung „Cumhuriyet“ sei „so gefährdet, dass er ständig Personenschutz braucht“, sagt Thies. Daher müssten beim Kartenkauf Name, Geburtsdatum sowie Adresse der Besucher angeben werden.

Erschienen im Wiesbadener Kurier am 28.03.2018



„Detektive der hessischen Geschichte“: Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz im Wiesbadener Literaturhaus

Von Volker Milch

WIESBADEN - Mit den Räubern also hat alles angefangen. Das Autorenduo Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz, das im Literaturhaus Villa Clementine von Moderator Armin Conrad als „starkes Team“ vorgestellt wird, hatte schon immer Gespür für spannende Themen, über die es so fesselnd schreibt, wie spricht.

„Unglaublich tolle Lebensgeschichten“

„Hessens große Räuberbanden“, 1995 im Eichborn-Verlag erschienen, ist ein Titel, der auch Wiesbadener hellhörig macht, schließlich gibt es im Nerotal eine echte Räuberhöhle zu besichtigen. „Leichtweiß war nur ein armer Hund“, sagt der Literaturwissenschaftler Sarkowicz jedoch über den angeblichen Wilddieb, der hier Ende das 18. Jahrhunderts einen Unterschlupf gehabt haben soll.

Der Leiter der Literaturredaktion beim Hessischen Rundfunk (HR) hat bei der Recherche für die Räuber-Bücher aber „unglaublich tolle Lebensgeschichten“ kennengelernt: Unterschichts-Biografien „alleinerziehender Väter, die acht Kinder ernähren mussten“. Kollege Boehncke, früher ebenfalls beim HR tätiger Literaturprofessor der Frankfurter Uni, ergänzt Handfestes von der Hinrichtung der Schinderhannes-Bande anno 1804 zu Mainz. Für das Spektakel gab es Programmzettel, Eintrittskarten und ein Shuttle-Schiff mit Schaulustigen aus Frankfurt. Mit den frisch abgeschlagenen Köpfen stellte man dann neurologische Experimente an. Zum Beispiel wurden sie angebrüllt.

Die „Detektive der Hessischen Geschichte“, so der Titel der Veranstaltung von Literaturhaus-Förderverein und Presseclub, haben unlängst nicht nur, wie berichtet, eine höchst lesenswerte Geschichte unseres Bundeslandes verfasst oder das „Literaturland Hessen“ durchleuchtet. Sie haben einen besonderen Sinn für die Menschen, die es sonst nicht in die Geschichtsbücher schaffen. Boehncke knüpft da an ein Projekt in Bremen an, in dem es um autobiografische Schriften der „kleinen Leute“ und Außenseiter ging. Zu diesen wird man auch „Monsieur Göthé“ zählen können, so der Titel des jüngsten Buchs, das Boehncke und Sarkowicz gemeinsam mit Joachim Seng über „Goethes unbekannten Großvater“ Friedrich Georg Göthé geschrieben haben. Den Accent aigu hat sich der Seidenschneider auf Wanderschaft in Lyon zugelegt. „Er war der Karl Lagerfeld von Frankfurt“, sagt Boehncke, und das Buch setzt dem nicht nur als Schneider, sondern auch als Gastwirt („Zum Weidenhof“) erfolgreichen Opa ein Denkmal, das den ästhetischen Anspruch seines Handwerks auch in der bibliophilen Qualität der Reihe „Die andere Bibliothek“ spiegelt.

Der Reichtum, der dieser erfolgreiche Schneider in die Frankfurter Familie brachte, nützte ihm nichts: Der berühmte Enkel verschweigt den peinlichen Handwerker-Opa konsequent. Die „soziale Scham“, von der der Soziologe Didier Eribon schreibt, muss also auch im Fall Johann Wolfgangs enorm gewesen sein.

Zur Rehabilitation des verdrängten Großvaters trägt übrigens nicht nur das schöne Buch, sondern bis 25. Februar auch eine sehr sehenswerte Ausstellung im Frankfurter Goethe-Museum bei. Dort wird nicht zuletzt eine feine Seidenweste gezeigt, die Monsieur Göthé für seinen Sohn geschneidert hat. Wenn das der undankbare Enkel wüsste!

Erschienen im Wiesbadener Kurier am 19.02.2018


Ein Luftschiff hebt ab – Hans Dieter Schreeb und Ralph Siegel stelllen ihr Musical „Zeppelin“ im Literaturhaus Villa Clementine vor

Von Viola Bolduan

WIESBADEN - Vor den Worten die Musik: Der Mann, der so kräftig auf die Tasten des Flügels im roten Salon des Literaturhauses haut, ist Ralph Siegel, Deutschlands erfolgreichster Musikproduzent der leichten Muse. Auf dem Podium lächelt ein anderer leicht – auf diese Weise hatte der Musiker vor anderthalb Jahren seinen Drehbuchautor gefunden. Hans Dieter Schreeb erinnert sich: „Sie haben ein so freundliches Lächeln“, reagierte Ralph Siegel auf ihn via Skype: „Wir machen das.“ Das meinte die Zusammenarbeit für ein neues Musical, geschrieben von Hans Dieter Schreeb, komponiert von Ralph Siegel: „Zeppelin“. Auf dem Podium sitzt auch Bettina Weyers, Leiterin des Gallissas Theaterverlags, der Stücke und Musical-Produktionen vertritt. Hartmut Boger moderiert. Für die Produktion „Zeppelin“ scheinen sich drei gefunden zu haben, die vom Projekt und voneinander begeisterter kaum sein könnten. Siegel über Schreeb: „Fantastisch, mit ihm zu arbeiten.“ Schreeb über Siegel: „Eine wunderbar passende Zusammenarbeit.“ Bettina Weyers über beide: „Hier stimmt einfach alles.“ Auch die gemeinsame Emphase am Abend zur Erstvorstellung des Musicals auf Einladung des Fördervereins Literaturhaus. Am Montag wird es auf der Wintergarten-Bühne in Berlin vor ausgewählten Musical-Produzenten präsentiert – mit großem Aufwand. Schließlich träumen Komponist, Autor und Verlegerin von einer weltweiten Verbreitung ihres „Zeppelins“. Die gleichnamigen Luftschiffe sind in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ja auch rund um die Welt geflogen, und das Unglück der „Hindenburg“ 1937 über Lakehurst nahe New York könnte als Musical doch auch den Broadway interessieren... Bettina Weyers: „Ich denke da sehr groß.“

„Schnipsel Musik“ zum Mitwippen und Fußtippen

Jetzt erst einmal interessiert es Wiesbaden, weil Hans Dieter Schreeb hier geboren, bekannter Autor u.a. historischer Romane (auch Wiesbadener!) und Drehbücher ist, und Ralph Siegels Vater hier in den 60er Jahren ein Musical uraufgeführt hat. Und für ihr Projekt hat beide nicht nur die fatale Geschichte des Luxus-Luftschiffs „Hindenburg“ interessiert, sondern auch die des Namensgebers Zeppelin, Graf Ferdinand. Beide Erzählstränge galt es dramaturgisch und kompositorisch zu verknüpfen. Wir hören für diesen Abend extra zusammengestellte „Schnipsel Musik“ (Ralph Siegel) von voluminösem Streicher-Bläser-Glockenklang, Einsatz von Basso ostinato, Chor und Soli. Mitwipp- und Fußtipp-Wirkung, Ralph Siegel dirigiert und der ganze Körper geht mit im Sitzen. „Wir fahren nach Amerika“, „Du hast mich nie geliebt“, „Wo führt der Weg uns hin?“. Auch die Liedtexte stammen von ihm. Und von Hans Dieter Schreeb das Gesamtskript, dem Leichtigkeit attestiert wird, beispielsweise durch die Figur eines schwedischen Staubsaugervertreters.

An Bord des Siegel/Schreeb-Zeppelins befindet sich internationales, auch Englisch sprechendes Personal mit seinen ganz eigenen Konflikten. Schreeb: „Richtige Dramen spielen sich ab“ im Luftschiff und parallel im historischen Rückblick auf die Grafenfamilie am Bodensee.

Artikel erschienen am 26.05.2017 im Wiesbadener Kurier



Petra Gerster und Christian Nürnberger lesen im Presseclub Wiesbaden aus ihrem Luther-Buch

Von Laura Jung

WIESBADEN - Der Andrang im Presseclub Wiesbaden war groß. So groß, dass die 70 interessierten Besucher um ein Haar nicht genug Stühle abbekommen hätten. ZDF-Moderatorin Petra Gerster und ihr Mann Christian Nürnberger präsentierten ihr neues Buch in den Räumen der Villa Clementine: „Der rebellische Mönch, die entlaufene Nonne und der größte Bestseller aller Zeiten“. In der Not wurde ein altes Stehpult aus der Abstellkammer geholt und schnell noch abgestaubt. Dann begrüßte Armin Conrad, Vorsitzender des Fördervereins Literatur der Villa Clementine, die beiden Autoren und die „geistig jung gebliebene Elite Wiesbadens“.

Beziehung zu Katharina von Bora war prägend

Am Welttag des Buches präsentierte das Ehepaar seinen Beitrag zum Thema Martin Luther im Reformationsjubiläumsjahr. „Es ist Ihnen wirklich gelungen, die Denkleistung Martin Luthers zu entblättern“, lobte Armin Conrad. Nürnberger und Gerster schildern in ihrem Werk alle Lebensphasen des Reformators, seine Fragen und sein Wirken und vor allem seine Beziehung zu Katharina von Bora.

„Ich habe Katharina von Bora reingeboxt“, erzählt Petra Gerster schmunzelnd und ihr Mann muss zugeben, dass das eine gute Idee war. Denn die entlaufene Nonne habe einen wesentlichen Einfluss auf Luther gehabt, der lange negiert worden sei. „Bei uns ist das nach 35 Jahren Ehe auch so. Sie erteilt mir das Wort und entzieht es mir auch wieder“, scherzte Nürnberger zur Erheiterung der Zuhörer. Der Autor studierte vier Semester Theologie, bevor er in den Journalismus wechselte. So wie Luther dem Volk aufs Maul geschaut habe, wollte er auch schreiben. Die Zuhörer bestätigen, dass ihm dies gelungen ist.

Nürnberger schildert die Entwicklung Luthers vom Jungphilosophen in der berühmten Gewitternacht über die Entdeckung eines neuen Gottesbildes bis hin zum entscheidenden Bruch mit Papst und Kaiser, die daraus folgenden blutigen Kämpfe und schließlich seine Hochzeit mit der entlaufenen Nonne Katharina von Bora, der er bei der Flucht aus dem Kloster bei Grimma geholfen hatte.

Er schildert Luther als naiven, treuen Diener seiner Kirche, der es als seine christliche Pflicht empfand, den Ablasshandel zu kritisieren. Ohne Reue und Buße, könne Schuld nicht erlassen werden, sei seine Auffassung gewesen. Dabei kam er jedoch den mächtigen Kirchenoberhäuptern in die Quere, denen er ihr einträgliches Geschäft kaputtzumachen drohte.

Zum Schluss schilderte Petra Gerster Luthers Beziehung zu „Herrn Käthe“, wie er seine selbstbewusste Frau in Briefen liebevoll nannte. Die tüchtige Geschäftsfrau verwaltete neben der Erziehung ihrer sechs Kinder ein Gut mit zehn Angestellten, großem Garten und bis zu 60 Gästen pro Tag, braute Bier und stellte Honig her. Luther verdankte ihr viel und schätzte ihren starken Charakter, was aus Briefen hervorgehe.


Artikel erschienen am 24.04.2017 in der Allgemeinen Zeitung


Farben der zweiten Fassung

Von Viola Bolduan

LITERATURHAUS Architekt Dirk Hoga über die Sanierungsarbeiten auf der zweiten Etage

WIESBADEN - Er steht im ehemaligen Lagerraum der Villa Clementine an der Wilhelmstraße. Der Wiesbadener Architekt Dirk Hoga kennt die Geschichte des Literaturhauses gut. Heute steht er im Parterre, in den Räumen des Wiesbadener Presseclubs (PCW). „Lagerraum“? PCW-Ehrenvorsitzender Hilmar Börsing runzelt leicht die Stirn, wenn er auf Holzvertäfelung, Mobiliar, Teppich blickt. Das sieht doch heute ganz manierlich aus!

Und wie es oben nach Fertigstellung dieser bis 1882 erbauten Villa sogar großbürgerlich manierlich ausgesehen haben muss, davon gibt die restaurierte erste Etage öffentlichen Einblick. Im Parterre aber schildert Dirk Hoga auf Einladung des Fördervereins Literaturhaus die Sanierungsgeschichte der zweiten Etage.

Zuvor aber rekapituliert der Architekt noch seine erste Begegnung mit der Stadt: „Was geht denn hier ab?“, habe er sich gefragt – und „Geht’s auch ohne Cabriolet?“ Die historische Bausubstanz hat ihn fasziniert und zu Wilhelmstraßen- und anderen Geräuschen meint er: „Ich bin nicht so laut.“ Also eher im Stillen hat Dirk Hoga eine stattliche Anzahl von Gebäuden auch in der Stadt Wiesbaden saniert, etwa an der hinteren Langgasse, im Moment ist u. a. der Umbau der Dallmannhöfe in Schierstein akut.

Ort für Salonkultur, Ort für die Literatur

2000 war es die obere Etage der Villa Clementine. Denn die damalige Kulturdezernentin Rita Thies war entschlossen, die Villa fit zu machen für eine ihr zuträgliche spezielle Funktion: Zum Ort „einer demokratisierten Salonkultur, zum Ort der Debatte, des Zuhörens, des Wortes“ sollte der Bau werden. So schreibt sie, die ursprünglich Dirk Hogas Ausführungen live hätte ergänzen wollen, in ihrem von Corinna Freudig verlesenen Brief zur Veranstaltung.

Auch die obere Etage ist wertvoll

Als der Hessische Buchhändlerverband (mit zwei anderen Landesverbänden) zum Einzug in die obere Etage bereit war, stand der beauftragte Sanierer Hoga vor weiß gestrichenen Wänden, übermaltem Stuck, „abenteuerlichen Leitungen“ auf Putz, Brandspuren auf dem Parkett – aber auch vor abwaschbaren Farben und dem Eindruck: „Auch diese Etage ist wertvoll.“

Ihr Wert schälte sich in alten Farben und Ornamenten, Stukkaturen auch mit Holzeindruck, Türen und Fenstern heraus. Die Urfassung der Räume entdeckte Hoga zwar nicht, so doch eine „zweite Fassung“, wie sie sich auch im fulminanten Treppenhaus darstellt. Boden, Türen, Wände wurden aufgearbeitet – für 250 000 Euro. „Man kann auch günstig und trotzdem gut“, kommentiert der Architekt.

Rund um seinen Vortrag mit Beispielbildern nutzt er die Gelegenheit, das Gesamt der Villa in Augenschein zu nehmen. „Da sollte man mal wieder etwas für die Bauunterhaltung tun“, stellt er fest. Oberflächen, Böden, Beschläge überprüfen, manches nachbessern. Und guckt genau hin: „Der Wasserschaden von 2007 ist bis heute nicht behoben.“ Aber doch die frühere Lagerstätte im Parterre. Sonst hätte Dirk Hoga in die Räume des Presseclubs ja gar nicht eingeladen werden können.

Artikel erschienen am 21.10.2016 im Wiesbadener Kurier unter der Rubrik "Kultur vor Ort"




Die Grenzen der Kunstfreiheit

Von Viola Bolduan

FÖRDERVEREIN Christian Russ über Schlüsselromane

WIESBADEN - Wer einen Schlüsselroman plant, schreibe ihn so, „dass die Personen nicht erkennbar sind und weder Sexuelles, Krankheit noch Alkohol vorkommen“. Pointiert formuliert Professor Christian Russ seine Schlussfolgerung aus dem Prozess um Maxim Billers Roman „Esra“, der von 2003 bis 2008 sechs Jahre lang stattfand, um eine Klärung von Persönlichkeitsrechten, Entschlüsselbarkeiten, Schadensersatz, etc. In welchem Verhältnis steht das Persönlichkeitsrecht zum Gebot der Kunstfreiheit und wann geraten beide aneinander?

Plagiat und Diffamierung

Darüber sprach der in Wiesbaden tätige Anwalt, spezialisiert u. a. auf Urheber- und Presserecht, auf Einladung des Fördervereins des Literaturhauses im Literaturhaus Villa Clementine. Christian Russ war selbst Vorsitzender des Fördervereins von 2010 bis ’14 und nahm deshalb auch gern an dessen neuen Aktivitäten, nun als Referent über „Plagiat und Diffamierung in der Literatur“, teil.

Dass für ihn die Juristerei besonderen Charme entwickelt, wenn sie es mit Literatur zu tun bekommt, mag auch an seiner Herkunft als Sohn des früheren Kurier-Feuilletonleiters Bruno Russ liegen.

Christian Russ’ Urteil zum Schlüsselroman über das Wiesbadener Ordnungsamt als „Mord(s)amt“ – vor einem Jahr war der Jurist selbst damit befasst – ist literaturkritisch deutlich: „Grauenhaft.“ Da im Amt selbst von Betroffenen aber viel gelesen, kann Erkennbarkeit als Argument für eine Unterlassung durchaus herangezogen werden.

Schlüsselromane

Literaturgeschichte kennt vielerart Schlüsselromane: Thomas Manns „Die Buddenbrooks“ hat über Lübecker Familien nicht nur zu deren reinen Freude erzählt; alle Welt wusste auch, wer in Martin Walsers Roman „Tod eines Kritikers“ gemeint war und bekannt war, wen Klaus Mann in seinem „Mephisto“ als Karrierist in der NS-Zeit dargestellt hatte (Gustaf Gründgens). Was 1936 beim ersten Erscheinen des Romans noch kein Problem war, wurde nach dem Tode von Autor und Figuren-Vorbild aber zu einem. Gründgens Erbe Peter Gorski beruft sich später mit Erfolg auf das Persönlichkeitsrecht.

Umgekehrt wertet 2009 der Bundesgerichtshof Maxim Billers Kunstfreiheit höher als die Persönlichkeitsrechte seiner Ex-Freundin, die sich im Roman „Esra“ verunglimpft sah. Dennoch ist die Verbreitung des Buchs weiterhin verboten wegen Erkennbarkeit der realen Vorbilder. Biller hätte besser verfremden sollen ... Plagiate wiederum müssen nicht sein, wenn man nur zitieren kann ... Schon Brecht aber hatte das gern versäumt.

Der Abend mit einem charmant vortragenden Christian Russ brachte nicht nur juristischen Erkenntnisgewinn, sondern war auch Beleg dafür, dass und wie „Literatur nicht im luftleeren Raum existiert“.

Artikel erschienen am 16.10.2015 im Wiesbadener Kurier unter der Rubrik "Kultur vor Ort"



Dieter Zimmer spricht im Presseclub über den Erfolg seines Romans „Für’n Groschen Brause“

Von Richard Lifka

WIESBADEN - Nicht ohne Stolz bemerkte der ehemalige, aber noch immer bekannte Fernsehjournalist Dieter Zimmer, dass sein erster Roman über ein halbes Jahr lang in den Top Ten der Spiegel Bestsellerliste gestanden habe, rund 1,8 Millionen Exemplare davon verkauft worden seien. Ach ja, das Buch wurde auch verfilmt, Dieter Zimmer schrieb das Drehbuch und erhielt dafür den Jakob-Kaiser-Preis.

Die Rede ist von dem 1980 erschienenen, autobiografischen Roman „Für’n Groschen Brause“. Aber, so der in Leipzig geborene Journalist, Schreiben sei immer nur ein Hobby gewesen. Zunächst etwas zurückhaltend, dann aber immer aufgeräumter, berichtete der ehemalige Studioredakteur der „heute“-Nachrichten, wie er, nachdem sein zweites Buch „Alles in Butter“ auch erfolgreich gewesen war und sein vierter Roman „Kalifornisches Quartett“ ebenfalls verfilmt wurde, überlegt habe, sich als freier Autor ganz dem Schreiben zu widmen. Die Entscheidung, sein gesichertes Einkommen doch lieber als Journalist beim ZDF zu behalten, sei gefallen, als ihm der damalige Vorsitzende des deutschen Schriftstellerverbands das 400 Personen starke Mitgliederverzeichnis gezeigt und ihn darauf hingewiesen habe, wie viele davon einmal sehr erfolgreich gewesen und nun Sozialhilfeempfänger seien.

Das Publikum in den Räumen des Wiesbadener Presseclubs, der in Kooperation mit dem „Förderverein Wiesbadener Literaturhaus“ Dieter Zimmer eingeladen hatte, folgte seinen Ausführungen konzentriert, gespannt und hätte sicher gerne noch länger zugehört, wäre die Zeit nicht wie im Fluge vergangen. Ein wenig Unterstatement in Zimmers Bemerkungen war allerdings unverkennbar.

Bestseller würden nicht von Autoren geschrieben, sondern von Verlagen, Presse und Buchhandel gemacht. Dass sein erster Roman, der übrigens zunächst von den vielen Verlagen abgelehnt wurde, so erfolgreich war, sei Glück, mehreren Zufällen und zeitlichen Stimmungen zu verdanken.

Zwischen Zimmers Schilderungen las der ebenfalls aus dem Fernsehen bekannte Journalist und Rechtsanwalt Bernhard Töpper Passagen aus „Für’n Groschen Brause“. Sehr anschaulich und dennoch der historischen Genauigkeit verhaftet, wurde die Flucht des 13-jährigen Thomas zusammen mit seiner Mutter nach Westberlin geschildert.

Ist der Roman, der die Flucht von täglich mehr als 4000 Menschen in die junge Bundesrepublik beschreibt, mit all den Problemen der Aufnahme und Eingliederung auch mehr als 35 Jahre alt, so schwang doch ein Bezug zur Gegenwart unterschwellig mit.

Artikel erschienen am 04.09.2015 im Wiesbadener Tagblatt unter der Rubrik "Kultur vor Ort"




Quintett von der Diltheyschule begeistert Gäste beim ersten Stelenfest des Fördervereins Literaturhaus

WIESBADEN - Hätten die Damen, und natürlich auch die Herren, Hüte aufgehabt – sie hätten sie respektvoll gelüftet. Denn was die Vokaltruppe „Männer-WG“ der Diltheyschule (mit dem Geburtstagskind Nico) beim „Stelenfest“ des Fördervereins Wiesbadener Literaturhaus im Garten der Villa Clementine ablieferte, verdiente höchste Anerkennung.

Sehnsucht nach kühlem Bad

Den tropischen Temperaturen trotzend, gab das in Smokings gewandete Quintett Gassenhauer der 1920-er und 1930-er Jahre zum Besten, bot dem Verkehrslärm der Wilhelmstraße mit der „Schönen Isabella von Kastilien“ stimmgewaltig Paroli, besang „Die Liebe der Matrosen“ und die „Donna Clara“. Nicht zuletzt erweckten sie mit dem in der Choreografie ebenfalls sehr ansprechend vorgetragenen „Ich hab’ das Fräulein Helen baden sehn“ zweifellos Sehnsüchte bei den Gästen dieses ersten „Stelenfestes“. Wohl weniger nach einem Fräulein Helen, als nach einem erfrischenden Bad.

Bei mediterranen Häppchen und Unmengen Mineralwasser nutzen die Gäste des Festes die Gelegenheit zum Austausch und zum Netzwerken. Ohne Letzteres, und vor allem ohne ehrenamtliches Engagement, komme gerade der Kulturbereich nicht aus, bekräftigte Kulturdezernentin Rose-Lore Scholz, die dem Förderverein attestierte, „eine wichtige Schnittstelle“ zu sein. Gleichzeitig würdigte sie die „hervorragende Entwicklung“ des Wiesbadener Literaturhauses in den vergangenen 13 Jahren.

Rund 70 Mitglieder zählt der Förderverein des Literaturhauses, dem die Journalistin Ingeborg Toth als Vorsitzende vorsteht. Zu den Aktivitäten des Vereins zählt unter anderem die Installation der Stele „eines Lesenden“ des Wiesbadener Glas-Künstlers Nabo Gass an der Wilhelmstraße; deswegen auch firmierte das Gartenfest als „Stelenfest“. Die Errichtung eines Kassenmöbels für das Foyer des Literaturhauses steht als nächstes Vorhaben auf der Agenda des Vereins, sagt Ingeborg Toth bei ihrer Begrüßung, in der sie ferner auf die Anfang des Jahres gelungene Initiierung eines Beirats zur Unterstützung der Arbeit des Fördervereins hinwies. Und nicht zuletzt soll ein Literatur-Drama verfasst werden, das sich der Geschichte der Villa Clementine widmet, in dem sich 1888 der „Wiesbadener Prinzenraub“, die erzwungene Rückreise des Kronprinzen Alexander von Serbien von Wiesbaden nach Serbien, ereignete.

Die mit den Gitarristen Klaus Schermer, Werner Müller und Rainer Zimmermann sowie Sänger Michael Stein leicht dezimierte Rockband „Sinfonie“ hatte mit Dramatik nichts am Hut. Im Gegenteil. Sie begleiteten die Gespräche der Gäste des Fördervereins, zu dessen Vorstandsmitgliedern neben Ingeborg Toth Jochen Wörner, Wolfgang Jürgens, Elfriede Weber und Armin Conrad gehören, mit ausgesprochen harmonischen Klängen.

Artikel von Christina Oxfort; erschienen am 06.07.2015 im Wiesbadener Kurier



Buchwissenschaftler Stephan Füssel über Wiesbaden als Verlagsstadt 1945

Von Viola Bolduan

WIESBADEN - Eine Zeit versäumter Gelegenheiten in Wiesbaden? Es hätte in den Jahren 1945 bis 1948 hier der Grundstock für eine zentrale Verlagsstadt gelegt werden können. Die amerikanische Besatzungsmacht hatte es jedenfalls so vorgesehen. Woran eine Entwicklung gescheitert ist, vielleicht auch scheitern musste, erklärte der Mainzer Buchwissenschaftler und Hochschulprofessor Stephan Füssel im Literaturhaus.

Eingeladen hatte der Förderverein des Literaturhauses und trotz noch nicht befahrbarer Schiersteiner Brücke sprach der Referent vor vollem Saal von „vielen Brücken“ zwischen den beiden Städten diesseits und jenseits des Rheins. Dazu gehört dann wohl auch das Archiv des ehemals in Wiesbaden beheimateten Brockhaus-Verlags („100 Kisten als Teilerbe“) in seinem Mainzer Institut.

„Wiesbaden – Verlagshauptstadt der Westzonen 1945“ ist Thema des Vortrags wie auch Teil der Buchhandelsgeschichte, an der er gemeinsam mit einem Kollegen aus Leipzig gerade arbeitet. Nicht von ungefähr Leipzig... Die Stadt ist seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Herzstück des aufgeklärten Geisteslebens und damit auch des Buchhandelsystems. Das geht mit der Zerstörung seines „Graphischen Viertels“ 1943/45 zugrunde. „50 Millionen Bücher verbrannten... das Brockhaus-Areal wird zu 78 Prozent zerstört ...“ Kenntnisreich spricht Stephan Füssel über die Kriegsschäden, illustriert sie auch auf Leinwand. Mit Kriegsende holen die Amerikaner ihren Zonen-Plan heraus und vereinbaren mit dem Aktionsausschuss der Leipziger Buchhändler einen Umzug nach Wiesbaden. Warum Wiesbaden?

Hier siedelte sich das American Headquarter an und plante einen Ausbau auch als kulturelles Zentrum. Im Juni 1945 siedelt ein Militärkonvoi mit 20 Personen, einem Autobus und drei Lastwagen Leipziger Verleger mit ihren Relikten nach Wiesbaden um. Dazu gehören die Verlage Insel, Thieme, Dieterich, Brockhaus und Breitkopf & Härtel. Eine Filiale des Börsenvereins zieht mit. Und dann stellt sich in Wiesbaden heraus, dass der Standort so ideal für die Ansiedlung von Verlagen doch nicht ist: Das Quartier Pariser Hof liegt inmitten einer Trümmerlandschaft, das Haus ist für Badegäste, aber nicht für Büromitarbeiter gedacht; zwar gibt es rasch Lizenzen fürs Drucken, aber viel zu wenig Papier und brauchbare Druckmaschinen. Ermutigend ist die Situation nicht. Mut aber hat dennoch Max Niedermayer, der im Wiesbadener Pariser Hof seinen Limes-Verlag neu gründet, mit einem Kant-Altdruck und Gottfried Benn als Lyriker der Nachkriegszeit. Der Börsenverein des deutschen Buchhandels zieht 1946 dennoch weiter nach Frankfurt, wo in Kürze mit der Deutschen Nationalbibliothek, Buchmesse und Friedenspreis ein neues Zentrum des Buchhandels entsteht.

Eine verpasste Chance für Wiesbaden? Vor politischen Selbstvorwürfen bewahrt ein kluger Stephan Füssel mit der Bemerkung: „Die Standortbedingungen waren nicht richtig geprüft worden.“ Sein Vortrag über die kurze Geschichte der Stadt als Verlagszentrum 1945 war nicht nur lehrreich, sondern auch anregend für viele Gespräche im Nachhinein.

Artikel erschienen am 10.04.2015 im Wiesbadener Tagblatt unter der Rubrik "Kultur vor Ort"



Neuer Beirat des Fördervereins Wiesbadener Literaturhaus Villa Clementine e.V.

Von Richard Lifka

WIESBADEN - Das Wiesbadener Literaturhaus in der Villa Clementine ist unbestritten eines der schönsten Literaturhäuser Deutschlands und wartet Jahr für Jahr mit einem anspruchsvollen Programm aus Lesungen, Buchvorstellungen, Podiumsdiskussionen, Werkstattgesprächen und Verleihungen von Medienpreisen auf. Seit 2001 ist das Haus ein fester Bestandteil in Wiesbadens Literatur- und Kulturszene.

2002 gegründet

Da all dies auch Geld kostet und allein aus städtischen Mitteln nicht finanziert werden kann, wurde bereits 2002 der Förderverein Wiesbadener Literaturhaus Villa Clementine ins Leben gerufen. Sein Ziel ist es, Privatpersonen und Unternehmen in ihrem Engagement für Literatur und Lesen zusammenzuführen. Der neue Vorstand unter der Vorsitzenden Ingeborg Toth hatte die Bildung eines Beirats zur Unterstützung seiner Arbeit angeregt. Mitte Februar hat er sich gebildet mit der Aufgabe, Ideen zu entwickeln, die den Förderverein unterstützen, die Mitgliederzahl erhöhen und durch die Sponsoren gefunden werden sollen. Beide Gremien planen die unterschiedlichsten Projekte, um im Literaturhaus eine erweiterte Plattform für die Kommunikation aller an Literatur interessierten Menschen zu schaffen. Gleichzeitig werden die schon vorhandenen Programme unterstützt. Die Zusammenarbeit mit Schulen soll ausgebaut werden, damit auch Schüler und Jugendliche sich noch mehr für das Literaturhaus begeistern. Nicht wenige und vor allem keine leichten Aufgaben, die sich Viola Bolduan, Lothar Schöne, Dorothea Friedrich, Kurt Büsser und Rita Thies vorgenommen haben.

Trotz der kurzen Zeit, die der Beirat besteht, gibt es schon einige bemerkenswerte und konkrete Pläne. So soll die Geschichte der Entführung des serbischen Thronfolgers 1888 aus der Villa Clementine, allgemein bekannt unter dem Schlagwort „Prinzenraub“, auf die Bühne gebracht werden. Das Exposé ist fertig und Autoren wurden bereits kontaktiert. Ob als Drama, Oper oder Musical soll das Stück vor allem in der Villa aufgeführt werden, also am historischen Tatort.

Ganz dem Thema „breitgefächerter Austausch über Literatur“ hat sich Rita Thies verschrieben. Nicht nur, dass sie ein Konzept dazu entworfen hat, wird sie auch das erste offene Literaturforum im Literaturhaus am 21. April um 19 Uhr veranstalten und leiten. Aber auch an die Gestaltung des Hauses wurde gedacht. So soll, dank einer Spende der Nassauischen Sparkasse, nun endlich im Eingangsbereich ein Empfangspult installiert werden. Von diesem Beirat ist in Zukunft sicherlich noch einiges zu erwarten, einiges, das das Literaturhaus noch stärker ins Bewusstsein der Wiesbadener rücken wird.

Mit freundlicher Genehmigung des Wiesbadener Kurier und des Autors.

Artikel erschienen am 12.03.2015 im Wiesbadener Kurier unter der Rubrik "Kultur vor Ort"





Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, im Wiesbadener Literaturhaus

Von Viola Bolduan

WIESBADEN - Ob tatsächlich die Buchpreisbindung gegen Blinker für ein Freihandelsabkommen zwischen Europa und den USA verschachert wird? Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, kann es sich vorstellen, will aber nicht daran glauben. Denn die Buchpreisbindung ist ein starkes Schutzschild der Branche, die er vertritt. Und er vertritt sie kompetent und eloquent einen Abend lang im Literaturhaus als Gast des Fördervereins Literaturhaus. „Was haben Sie gegen Amazon, Herr Skipis?“, lautet die eigentliche Frage, die die beiden Moderatoren vom Vorstand des Fördervereins, Armin Conrad und Jochen Wörner, dem 60-jährigen Juristen in gut besuchten Räumen des Presseclubs stellen.

Wenn sich der Online-Versandhändler Amazon irgendwann als einziger Vermittler zwischen Autor und Publikum sieht, ist es das genaue Gegenteil von Skipis‘ Interesse. Gleichwohl, sagt er, Amazon könnte Mitglied im Club des Börsenvereins werden, sei aber – als „autistisches Unternehmen“ – gar nicht interessiert daran, über Bücher zu sprechen.

Das aber ist die Existenzberechtigung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels (mit seiner Gründung 1825 einer der ältesten Verbände in Deutschland), der die Interessen von rund 5400 Verlagen, Buchhandlungen, Antiquariaten und Kulturveranstaltungen mit Buchmesse, Friedenspreis und Deutschem Buchpreis vertritt. Skipis legt Wert auf beide Seiten der Medaille: auf das Kulturgut Buch und die Ökonomie seines Vertriebs. Sein Geschäftsmodell für die Zukunft der Branche: „Sie müssen als Buchhändler nicht nur gern lesen, sondern auch verkaufen wollen.“ Und er sieht seit anderthalb Jahren auch im Kaufpublikum eine Umkehr vom sich per Mausklick von Amazon Beliefernlassen zur persönlichen Beratung im Buchladen um die Ecke.

„Der persönliche Kontakt, der Genuss an Beziehungen“ gehöre, so Skipis, zu elementaren menschlichen Bedürfnissen, die an der „Kulturaustauschstätte Buchladen“ eingelöst werden können. Überdies hätte die Branche von den Online-Händlern mittlerweile viel gelernt: Auch sie bietet digitalen Service, und vertreibt neben dem Amazon-Reader Kindle das eigene E-Book-Gerät Tolino. Mit einem Marktanteil von 45 Prozent (gegenüber 32 Prozent verkaufter Kindles) „erfolgreich“. Das E-Book aber werde nie Nachfolger des gedruckten Buches werden, ist Alexander Skipis sicher: „Print ist einfach und genial.“

Wettbewerb gewinnen

Die Nachfrage nach Büchern sei nach wie vor hoch – der Wert des Buches rangiere bei Umfragen noch immer vor Fernsehen und Computer. Und für die Buchgeschäfte gelte: „Die Großen bauen zurück, den Kleinen geht es relativ gut.“ Große Rendite sei in der Branche ohnehin nie zu erwarten gewesen. Denn, wenn Buchhandel mehr als ein rein wirtschaftliches Geschäft sein will, lebt er eben auch von der Überzeugung, dass „ohne Buch eine freie Gesellschaft nicht existieren kann“.

Also auch vom Ideellen. Amazon dagegen sei ausschließlich auf Zugewinn seiner Marktanteile aus (Skipis: „momentan acht bis zehn Prozent vom Gesamtbuchhandel“). Deshalb, sagt Alexander Skipis zuversichtlich, „werden wir den Wettbewerb gegen Amazon gewinnen“. Voraussetzung allerdings bleibe die Buchpreisbindung.

Artikel erschienen am 10.03.2015 im Wiesbadener Kurier unter der Rubrik "Kultur vor Ort"







Literaturhaus-Entree: Förderverein stattet aus

Artikel erschienen am 23.09.2015 im Wiesbadener Kurier

 
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