Rückblick auf den Wiesbadener Prinzenraub in der Villa Clementine

· Am 18. und 19. November wurde der „Wiesbadener Prinzenraub“ als szenische Lesung auf der Bühne der Villa Clementine vom Förderverein Wiesbadener Literaturhaus in Kooperation mit dem Literaturhaus aufgeführt.




Anbei ein Artikel aus dem Wiesbadener Kurier über die begeistert aufgenommene Veranstaltung.




Die Geschichte des "Wiesbadener Prinzenraubs" und seiner Hintergründe neu erzählt auf der Basis bisher unbekannter Dokumente. Mit zahlreichen zeitgenössischen Abbildungen und Dokumenten.
4 € (inkl. Porto und Versand) - Beim Förderverein erhältlich unter:
Villa-clementine-ev@t-online.de

Am 17. Mai 1888 trifft die serbische Königin Nathalie mit ihrem Sohn, dem Kronprinzen Alexander, in Wiesbaden ein und findet in der Villa Clementine eine standesgemäße Unterkunft. Zwei Monate später, am 13. Juli – ein in der abendländischen Geschichte beispielloses Ereignis: Der serbische Kriegsminister Kosta Protic zerrt den Kronprinzen auf Befehl seines Vaters, König Milan von Serbien, und mit Zustimmung der preußischen Regierung aus den Armen seiner Mutter und bringt ihn zum Taunusbahnhof, wo ein Sonderzug nach Belgrad auf ihn wartet.

Armin Conrad hat die Ereignisse des Sommers 1888 in Wiesbaden neu recherchiert, in den Archiven in Belgrad, Berlin und Wiesbaden neue Details entdeckt und zu einer szenischen Lesung verarbeitet, die der Förderverein Literaturhaus Villa Clementine mit bekannten Darstellern am Originalschauplatz auf die Bühne der Villa Clementine brachte. Die Premiere fand in Anwesenheit des serbischen Botschafters statt.




Zwei Artikel aus dem Wiesbadener Kurier über die Vorgeschichte des Events:


Foto: RMB / Joachim Sobek


Die Königin friert

Von Viola Bolduan
PRINZENRAUB Dreharbeiten in der Villa Clementine für Uraufführung am 18. November


WIESBADEN - Wir sind im Bild. „Hallo, raus da... wir wollen drehen.“ Schneller Sprung also die Treppe rauf und weg vom Kamera-Auge. Sollte es tatsächlich noch etwas sehen können in dieser Regenwand am Montag? Jedenfalls ist das Auge postiert im Garten vor dem Literaturhaus Villa Clementine und gerichtet auf Personen in Kostüm. Wolfgang Jürgens vom Vorstand des Fördervereins Literaturhaus steht unter schwarzer Palatine hinter einem Aufnahme-Fossil. Er soll einen Berichterstatter aus dem Jahre 1888 darstellen und wird ziemlich nass dabei.

Der Ton im Innern hat es gut

Die Außenatmosphäre ist regnerisch, auch „die Stimmung ist regnerisch“, teilt Regisseur und Autor Armin Conrad mit. Er – ebenfalls Vorstandsmitglied im Förderverein – hat das Stück über den „Prinzenraub am 13. Juli 1888 in Wiesbaden“ geschrieben und trifft nun Vorbereitungen vor Ort für die „szenische Lesung mit Originaldokumenten“, die am 18. November im Literaturhaus uraufgeführt wird. Der frühere Kulturzeit-Leiter bei 3sat kennt sich aus im dramatischen Geschäft wie auch im Procedere einer Aufnahmeleitung. Der Probenplan ist minutiös. Die Villa Clementine steht ganztägig für Bild und Ton zur Verfügung. Der Ton hat es gut, denn drinnen regnet es nicht.

Zur Aufführung werden die Sprecherrollen aus den verschiedenen Räumen und die Filmeinspielungen auf Screens übertragen. Jetzt soll diese Material-Grundlage hergestellt werden. 20 Personen gehören zum Produktionsteam.

Königin Natalie von Serbien, deren Schwester Fürstin Ghika und Tante Fürstin Murussi, respektive deren Darstellerinnen, tragen feine dünne Kleidchen – für diesen Oktober-Drehtag allzu feine. Die Königin friert. Der serbische Kriegsminister leiht seine Jacke. Historisch wird er dafür Sorge tragen, dass der elfjährige Aleksandar unter Mithilfe des Wiesbadener Polizeipräsidenten Paul von Rheinbaben und preußischer Soldaten aus der Villa Clementine entführt wird.

Die Kutsche steht schon unter den Bäumen auf der Wilhelmstraße vor dem Presseclub. Das Messing-Schild wird später – damit die Filmeinspielungen auch authentisch wirken– vom Wappen der serbischen Obrenovic-Dynastie verdeckt werden. Die Kutsche, die den Kronprinzen vor 128 Jahren zum Bahnhof brachte, um nach Hause, nach Belgrad, zum Vater zurückgebracht zu werden, jedenfalls steht. Für die Pferde, obwohl Kaltblüter, ist es noch zu nass. Die Königin friert. Historisch gesehen hat Natalie von Serbien den Rosenkrieg gegen ihren Mann Milan verloren.

Wie sitzt das Haar? Wo liegt die Abdeckfolie? „Bitte mal den Schirm halten...“ Es ist Zeit für fotografische Standbilder. Alle Kostümierten auf den Balkon! Aus Konferenz- und Vorraum der 2. Etage, wo Maske und Kostüm untergebracht sind und das Darsteller-Team sich aufhält, strömen ein Dutzend Figuren herbei: Soldaten in Uniform, Herren unterm Zylinder, Damen in eleganter Robe. „Und wo ist mein Fächer?“ Schließlich sind sie alle in Reih’ und Glied gerückt, das Panorama-Bild wird gemacht. Heller wird es heute ohnehin nicht mehr. Also noch einmal eine TV-Aufnahme vom Villen-Eingang durch den Garten bis zur Kutsche.

„Ich will nicht Kunst, ich will Authentizität“

„Es muss nicht klasse aussehen“, entgegnet Armin Conrad seinem begeisterungsfähigen Kameramann. „Ich will nicht Kunst. Ich will Authentizität.“ Am authentischsten ist am Drehtag ein Regen, der nicht aufhört, oder auch dieses „Mistwetter“, wie Armin Conrad zerknirscht in den Himmel guckt.

Artikel erschienen im Wiesbadener Kurier am 26.10.2016


Skandal in Wiesbaden: Ein Kronprinz wird geraubt
Natalie, die serbische Königin, wird nach dem Prinzenraub in der Villa Clementine aus Deutschland ausgewiesen.


Von Armin Conrad
NATALIE VON SERBIEN Weltpolitik am Rande der Kriminalität rund um die Villa Clementine / Natalie überlebt alle / 75. Todestag am 8. Mai

WIESBADEN - Es war der 13. Juli 1888, zehn Uhr morgens. In der Villa Clementine wurde ein Telegramm aus der Kaiserlichen Reichskanzlei Berlin abgegeben. Königin Natalie von Serbien las es und blickte verzweifelt auf ihren zwölfjährigen Sohn, den Kronprinzen Aleksandar. Der deutsche Kaiser wird sich nicht in diese Angelegenheit einmischen, hatte sie lesen müssen. Man könne ihr nicht helfen. Natalie, die gebürtige Russin, wusste jetzt, dass sie ausgespielt hatte.

Kriegsminister wird rabiat

Serbiens Kriegsminister Kosta Protic, extra aus Belgrad angereist, um der Mutter das Kind wegzunehmen, wurde jetzt – wenn man einem zeitgenössischen Text glauben darf – rabiat. Eine Stunde später saß der Kronprinz im Eisenbahnzug Wiesbaden-Wien-Belgrad, begleitet und bewacht von serbischen Offizieren. Der „Wiesbadener Prinzenraub“ war von Natalies Ehemann, König Milan I. von Serbien, angeordnet worden, und Europa schaute dabei zu.

Das Ereignis hat seinen Weg in die Geschichtsbücher gefunden und doch bleiben viele Fragen unbeantwortet. Selbst die Enthüllungen um König Milans Taktik einige Jahre später: Das Kind wird König – der Vater hält die Fäden der Macht weiter in der Hand – beantworteten nur wenige Fragen. Wer spielte während dieses neunwöchigen Rosenkriegs im Welt-Bad Wiesbaden welches Spiel? War Natalie wirklich nur die liebende Mutter, der das Kind aus ihren Armen gerissen wurde?

Unter Beobachtung

Es gibt Dokumente, die das in Zweifel ziehen. Im Deutschen Reich mit dem frischgekrönten jungen Kaiser Wilhelm II. stand die serbische Königin unter verschärfter Beobachtung. Die politische und militärische Balance in diesem Europa des späten 19. Jahrhunderts war fragil geblieben, der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck sah sein Vertragswerk aus der „Berlin Conference“ 1878 im Kern bedroht. Natalie war ein Störfaktor, manchem war sie gar eine vom Zaren in St. Petersburg eingesetzte Spionin.

Dass sich der leichtfüßige serbische Fürst Milan Obrenovic (eben der spätere König Milan I.) in der Spielbank von Monte Carlo ausgerechnet in dieses hübsche sechzehnjährige Fräulein Keschko von der Krim verlieben würde, hätte man vielleicht ahnen können. Als die Hochzeitsglocken der serbisch-orthodoxen Kirche läuteten, war ganz Europa in geheimdienstlicher Hab-Acht-Stellung. Im August 1876 wurde dem Paar ein Junge geboren, eben Aleksandar. Sechs Jahre später wurde – auf Betreiben der K-und-K-Monarchie – aus der Familie ein Königshaus.

Ehe-Desaster

Für das Kind ein Trauma, denn die Ehe zwischen Natalie und Milan war nach wenigen Jahren ein Desaster. Nicht nur, dass der Vater viel Trost bei anderen Frauen suchte, unter anderem auch bei der Mutter des späteren englischen Staatsmannes Winston Churchill. Auch politisch waren die Eltern Milan und Natalie fast nie einer Meinung.

Kriege, die der Vater führen wollte, lehnte die Mutter ab. Keineswegs nur aus pazifistischen Motiven, wie auch ihre Tagebücher belegen; Natalie galt als das Scharnier für den Einfluss des russischen Zaren auf dem umkämpften Balkan. Für Milan war sie längst eine Verräterin. Ein entscheidender Teil der Geschichte fand zwischen 17. Mai und 14. Juli 1888 in Wiesbaden in der Villa Clementine statt, als Natalie aus Deutschland ausgewiesen wurde. Es waren neun Wochen Weltpolitik am Rande der Kriminalität. Der Wiesbadener Prinzenraub ist sicher nicht die einzige, aber eine der Ursachen für die Katastrophen, die Europa in den kommenden Jahrzehnten ereilten.

Übrigens: Natalie überlebte sie alle, Kontrahenten und Unterstützer in Belgrad, Wiesbaden und anderswo. Sie starb als Nonne 1941 im von den Nazis besetzten Paris. Am 8. Mai ist ihr 75. Todestag.

ZUM AUTOR
Armin Conrad, früher Redaktionsleiter von „Kulturzeit“ bei 3sat, hat als Vorstandsmitglied des Fördervereins des Literaturhauses Villa Clementine umfänglich über die Hintergründe des Prinzenraubs in Wiesbaden recherchiert. Sein Drama zum Thema soll als szenische Lesung im Herbst in der Villa uraufgeführt werden.

Artikel erschienen im Wiesbadener Kurier am 07.05.2016

 
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