"Jemand muss über diese Schande berichten ..." von Widad Nabi

· Der Text "Jemand muss über diese Schande berichten ... " von Widad Nabi gibt Einblick in das literarische Können der ersten Stipendiatin des "Weiterschreiben-Stipendium Wiesbaden".

Jemand muss über diese Schande berichten ...
Widad Nabi

Ich werde dieser Schande entkommen, indem ich über sie schreibe und mich ihrer überall erinnere. Diese Schande, die wie ein eng anliegendes durchsichtiges Kleid an uns haftet; die Schande, eine von jenen zu sein, die dem Massaker entkommen konnten, das in meinem Land vor den Augen der ganzen Welt verübt wird. Ich werde dieser Schande entkommen und versuchen zu glauben, dass ich auch dem Krieg in Aleppo entkommen bin, als ich meine Taschen packte und die Stadt im Mai 2014 verließ. Deshalb tue ich alles, was die Überlebenden und die wie durch ein Wunder Geretteten tun können.

Ich lächele, reise, verliebe mich, ich lerne eine neue Sprache, schreibe Gedichte, zünde Kerzen an, richte meine neue Wohnung ein, gieße die Lilie im Topf und empfange meine deutsche Nachbarin mit einem Lächeln, als wäre ich Bürgerin eines glücklichen Landes. Aber mit jedem Bild der Zerstörung, das aus Aleppo herdringt, der Stadt, in der ich lebte, bricht mein Leben hier zusammen wie es dort zusammenbrach. Denn wer von uns ist wohl imstande, sich selbst und seine Erinnerungen von seinem Leben in der Stadt zu trennen, die in traurige Trümmer gelegt wurde? Überall auf der Welt blicken sie uns aus den Nachrichten und den sozialen Netzwerken heraus an, als würden sie uns zuwinken, uns, die wir dem Tod in jener Stadt entkommen sind. Als würden sie uns zuwinken mit ihren geretteten Überresten, mit auf dem Balkon eines zerstörten Hauses hängenden Wäscheleinen, mit einer Schaukel, die zur Hälfte in der Luft hängenblieb wie das Lachen eines Kindes, das sich den Trümmern widersetzt, mit dem Schloss einer Wohnungstür, das einzig und allein jener Fassbombe entkam, die das Leben seiner Bewohner kostete.

Mein Freund sagt:
Der Gedanke, entkommen zu sein, ist eine Illusion im Krieg. Glaubst du etwa, dass du dich gerettet hast, als du deine Tasche genommen und Aleppo verlassen hast? Schau doch, was jetzt passiert: Du weinst wie ein Kind, wenn du die Bilder und Videos aus Aleppo siehst, obwohl du doch Tausende Meilen entfernt bist. Du kannst nicht schlafen, wenn du siehst, wie die Stadt zusammenstürzt und wie die Hoffnung zerfällt, dass du eines Tages wieder dorthin zurückkehren wirst; die Hoffnung, dass du die Wohnung deiner Familie je wieder betrittst und dein Bücherregal, dein Bett und den Orangenbaum an ihrem Platz findest; dass du durch die Straßen läufst und lachst, weil du deine Stadt dem Maul des Krieges und der Diktatur entrissen hast.

Meine Mutter, die die sechzig schon überschritten hat und Flüchtling in diesem Land wurde, dessen Sprache sie nicht versteht, sagt immer: »Ich werde nach Aleppo zurückkehren, sobald sich die Lage dort ein bisschen bessert.« Jeden Tag versichert meine Mutter, dass sie in ihre Wohnung heimkehren und sich die Lage eines Tages bessern werde. Sie glaubt so wenig wie ich, dass wir die Stadt verloren haben und zusammen mit ihr ins Maul der Diktatur und seiner Panzer und Flugzeuge gestürzt sind. Ich blicke mich um und begreife, dass mein größter Wunsch heute, nach allem, was wir verloren haben, ist, eines Tages in jenes Land zu reisen und einen Blumenstrauß auf das Grab meines Vaters in Kobane zu legen. Danach nach Aleppo zu gehen und der Stadt einen Gruß zuzuwerfen und aus dem alten Suk Rosenwasser für einen Mann zu kaufen, den ich liebe. Mit meiner vom Weinen heiser gewordenen Stimme für Aleppo singen. Eine Stadt kennenlernen, die einmal vor Leben pulsierte und lärmte und in der sich erstaunliche Geschichten ereigneten. Das Bild der Stadtviertel und Straßen in meinem Gedächtnis bewahren, nachdem sie durch die Bomben ausgelöscht wurden. Ich möchte die Stadt kennenlernen, auch wenn in Wirklichkeit alles verschwunden ist. Ich möchte, dass mich die Überreste der Trümmer zu dem Lächeln der Toten, zu ihren Schritten und ihren traurigen Geschichten im Augenblick des Todes führen. Ich möchte die vergessenen Geschichten jener Menschen aufzeichnen, die einmal in der Stadt gelebt haben. Wie mag wohl die Mutter, die sich des nahenden Todes in der Stadt bewusst ist, in der Nacht der Belagerung ihrem Kind die Geschichte vom kleinen Prinzen erzählt haben, der in einem glücklichen Land groß wird und heiratet? Wie hat sie das Krachen der auf sie niedergehenden Granaten und Kugeln mit dem Knallen des Feuerwerks anlässlich der Krönung des kleinen Prinzen zum König verglichen? Wie mögen sie zusammen unter den Trümmern gestorben sein, während sie von einem glücklichen Land ohne Krieg träumten? Wie sind all jene gestorben, deren Namen in den Nachrichten nicht genannt, ja, die nicht einmal als Nummern erwähnt wurden? Ich möchte mit meinen Fingern auf die Trümmer des Al-Schiar-Viertels und seines Suks zeigen, zu dem uns mein Vater, als wir Kinder waren, mitnahm, um uns neue Kleider für das Fest zu kaufen. Ich möchte das Geschäft des Verkäufers sehen, der ein blaues Kleid für mich aussuchte. Ich möchte die Überreste der Kirche in der Altstadt von Aleppo sehen, der Kirche, in der die Toten eines vergangenen Tages Kerzen für die Liebe und die Rettung anzündeten. Aber der Tod war ein gewaltiger Stern, der alle Lebenskerzen in der Stadt auslöschte. Ich möchte so viel, so viel, ich möchte die Viertel, Gassen und Straßen sehen, als gäbe es sie noch immer, als winkten sie mir zu. Ich möchte so viel von dieser Stadt, als wären sie und ich durch ein Wunder gerettet worden.

Ich bin die, die über ein Jahr lang den aus Aleppo kommenden Bilder auswich, um hier in diesem angenehmen Exil mein Leben einzurichten, ohne mit der Vergangenheit konfrontiert zu werden. Ich wollte den Krieg vergessen, um wieder als normales Wesen leben zu können. Ich habe nicht erwartet, dass der Tag kommen wird, an dem ich erneut nach all den Videos und Bildern suche, die anzusehen ich vermieden hatte, um nun unter den Trümmern nach meinem alten Leben dort zu graben; nach den Schreien der um Hilfe rufenden Kinder, dem Geruch von Infusionen und Alkohol in den Krankenhäusern, die mit all den Wunden auf den Körpern der Patienten bombardiert wurden; nach den abgewetzten Koffern, die die Alten von Aleppo schleppen, wenn sie ihre Wohnungen mit gebrochenem Rücken verlassen, gebrochen von der Enttäuschung über die Welt und die Revolution und die Fassbomben und die Gesetze der Menschenrechte. Ich bin die, die immer wieder in die Bilder zoomt, die in hoher Auflösung von den Trümmern und zerstörten Häusern gemacht wurden, ich vergrößere jedes Detail, bis ich das Lärmen des Lebens in all diesem Tod finde.

Ich wollte wirklich glauben, dass dieser Krieg mit all seiner Brutalität in meiner Stadt ausgetragen wird, dass es sich nicht um die Seite eines Romans handelt, den ich über den Ersten oder Zweiten Weltkrieg gelesen habe. Ich wollte wirklich glauben, dass all dieser Schmerz, den wir erleiden, real und notwendig ist, damit wir glauben, dass das Blut an der Hand unseres Mörders unser Blut ist.
Ich wollte an das Wunder glauben, dass das Schreiben den Vergessenen und Getöteten zu Gerechtigkeit verhilft, die ihnen das Leben nicht gewährt hat. Wir schreiben heute über den Tod und den Krieg, damit die Geschichten derjenigen, die gestorben sind, vor dem Vergessen bewahrt werden. Es muss jemand vom Leben der Vergessenen erzählen, die still unter den Blicken der ganzen Welt im Krieg starben.

Jemand muss über diese große Schande berichten ...



Aus dem Arabischen von Larissa Bender

Aus: "Mit anderen Worten. Texte von exilierten Autorinnen aus dem arabischen Sprachraum", Hrsg. Frauenkulturbüro NRW e.V.

 
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