Ein Jüngling ist verliebt und eine ältere Dame entzückt

03.07.2019, von Viola Bolduan


„Göthe war ihr Erlöser“, schreibt der Student Julius Döring an die arrivierte Schriftstellerin Bettine von Arnim – und, wenn „jeder seinen Erlöser (hat)“, dann möge sie diese Rolle bitteschön nun ihm gegenüber wahrnehmen. Das liest Bettine von Arnim gern und noch lieber übernimmt sie Schutz und Schirm und Pflege eines Talents im Sinne der Romantik. Die Korrespondenz zwischen Bettine Brentano, verwitwete von Arnim, und dem Schwärmer aus Wolmirstedt, die lange Zeit unzugänglich blieb, liegt jetzt in einer sorgfältig aufbereiteten und ausführlich kommentierten Publikation vor. Professor Wolfgang Bunzel, Leiter der Brentano-Abteilung im Goethe-Haus Frankfurt, hat das „unbekannte Briefbuch“ unter dem Titel „Letzte Liebe“ herausgegeben. Es ist vor wenigen Wochen im Verlag „Die Andere Bibliothek“ in schöner Aufmachung erschienen. Die Briefe aus den Jahren 1839 bis 1841 sind „genau in der Reihenfolge und dem Wortlaut, wie sie damals geschrieben worden sind“ gedruckt, erklärt der Brentano-Kenner Bunzel zur Edition. Auch, wenn Bettine wenig von Kommata, viel aber von eigenwilliger Rechtschreibung hält, sind die Texte unmittelbar verständlich.
Sie, die „gnädige Frau … begnadete, gebenedeite“ aus dem ersten Döring-Brief hat kurz darauf keine Einwände, wenn er, der 32 Jahre Jüngere, bittet: „Werd ich nicht zudringlich … wenn ich Sie bitte, mich du zu nennen?“ „Der ist mein! – Das reizt mich“, lässt die Umschmeichelte vernehmen. Julius Döring sendet seine Gedichte – und Bettine von Arnim gefällt sich in der Rolle einer urteilenden und formenden Mentorin. Auch, wenn Julius Döring nicht der Einzige ist, der in Jünglingswallung für die Ikone romantischer Gefühlswelt und sozialkritischer Haltung schwärmt, tut er es doch mit einer derart leidenschaftlichen Hingabe und literarischen Delikatesse, dass die knapp 54-Jährige dem Twen Einblick erlaubt in ihr Denken und Fühlen. „Ja“, sagt der Herausgeber, „auch Bettine von Arnim war verliebt“. Sie schenkt Küsse, einen Ring und eine gemeinsame Reise. Sie fühlt sich angezogen, weil begehrt, bleibt freilich ihrem „einzigen Liebespartner“, dem seit sieben Jahren verstorbenen Mann Achim von Arnim, ihr Leben lang treu, versichert Wolfgang Bunzel.

Das aber eigentlich Neue in der Beziehung zu Döring sei, „dass Bettine von Arnim sich das Liebesverhältnis zu Julius Döring eingestand, es bejahte und Glück darüber empfand, geliebt und begehrt zu werden.“ „Ja wir sind glücklich wir beide Thautrunckenen … bau auf mich mit deinem ganzen Lebensgeschick, ich wills wenden … ich hab ein Beginnen … für dich in Händen“ – da meint die Führerin durch geistige Gefilde, dass er Dichter werden solle, konkreter: ihr wie auch dem Bruder Clemens doch helfen könne bei der Sichtung des Achim-von-Arnim-Nachlasses und Herausgabe eines weiteren Bandes „Des Knaben Wunderhorn“. Das aber ist des frühreifen Poeten Ziel nicht, der aber dann doch auf Vaterwunsch hin eine mühsame juristische Laufbahn einschlagen muss, die Julius Döring zutiefst verachtet: „O Philisterleben!“

Als Bettine von Arnim eine Publikation der Korrespondenz plant (zusammen mit Briefwechseln, die sie mit anderen jungen Männern pflegt), fordert sie ihre Briefe von Julius Döring wieder ein, der danach vergeblich um Rückgabe bittet. Aufgrund seiner Eifersucht und antisemitischen Haltung lässt Bettine von Arnim den jungen Mann schließlich einfach verhungern: Er schreibt ihr nach wie vor, sie aber antwortet nicht mehr („Schweigen wie Verschmähung“). Julius Döring ist zwar weder ein persönlicher noch poetischer Nachfolger Achim von Arnims geworden – wohl aber ein politisch aufmerksamer und aufgeweckter Jurist, politischer Akteur in der März-Revolution 1848 und später Abgeordneter im preußischen Landtag – „ein Weg“, so konstatiert der Herausgeber des Briefwechsels, „der ohne die Vorbildrolle Bettine von Arnims nicht zu denken ist.“

Lesenswert der romantische Überschwang und das verbale Flirten, bemerkenswert die enthusiastische Hingabe eines jungen Mannes wie auch das Selbstbewusstsein bis zur Selbstgefälligkeit einer romantischen Leitbild-Figur namens Bettine von Arnim.

Bettine von Arnim: „Letzte Liebe. Das unbekannte Briefbuch“. Korrespondenz mit Julius Döring. hg. Wolfgang Bunzel. Die Andere Bibliothek. 576 Seiten. 42 €.

Hinweis: „Besuch mit Goethe im Brentano-Haus“, Veranstaltung des Fördervereins Literaturhaus am 09.08.,17 Uhr, siehe Kalender