Widad, vor Kurzem hast Du in Italien den internationalen Camaiore-Poesie-Preis für „Ein Kontinent namens Körper“ erhalten. Das ist ein Gedicht, das Du für eine Aufführung im Berliner Theater der Neuköllner Oper geschrieben hast und das Dich und Aleppo, die Stadt in Syrien, in der Du gelebt hast, zum Thema hat. Hattest Du dafür mit einem Preis rechnen können?
Tatsächlich war der Preis eine Überraschung – für mich, den Verlag und auch für den Übersetzer. Er gehört zu den wichtigsten und renommiertesten Literaturpreisen für Lyrik in Italien; er wird seit 1950 verliehen, und bedeutende Namen, wie die bekannte italienische Dichterin Alda Merini, sowie der Literaturnobelpreisträger Seamus Heaney haben ihn bereits erhalten. Da ich jedoch eine Dichterin aus einer Region bin, die in den westlichen Medien oft als Ort des Terrorismus und des Islamismus dargestellt wird, hatte niemand damit gerechnet, dass der Preis an eine Autorin von dort gehen könnte. Doch die Stimme der Poesie erwies sich als stärker als alle geografischen, nationalen oder politischen Grenzen.
In Deinem neuen auf Deutsch erschienenen Buch „Wurzeln schlagen“ schreibst Du im ersten Essay über Deine Lesereise durch Italien und wie Du zwischen Italienisch und Arabisch die deutsche Sprache als Art Heimat empfunden hast. Ist Deutsch jetzt zu Deiner Sprache geworden?
Ich kann diese Frage nicht eindeutig beantworten. Aber ich kann sagen: Ich lebe zwischen drei Sprachwelten – Kurdisch, Arabisch und Deutsch –, und all diese sprachlichen Welten tragen dazu bei, meine Identität, mein Schreiben und mein Denken zu formen. Manchmal überrascht es mich selbst, dass ich, wenn ich meinem Kind strenge Anweisungen geben will, auf Deutsch spreche – als ob die Struktur einer Sprache Einfluss darauf hätte, wie man sie im Leben verwendet. Und wenn ich sehr emotional bin, spreche ich mit ihm Kurdisch. In verschiedenen und vielfältigen Sprachwelten geboren zu werden und zu leben, verändert ständig die eigene Identität, das Denken und die Sicht auf die Welt. Und genau das liebe ich an meinen Sprachwelten – auch wenn ich mich manchmal in ihren komplexen grammatikalischen Strukturen verliere.
Welche Bedeutung hat die Tatsache, dass Du Mutter bist für die Notwendigkeit, Wurzeln zu schlagen, wie es im Titel der neuen Publikation heißt?
Die Mutterschaft hat mich auf direkte und zugleich schmerzhafte Weise mit der Frage nach Zugehörigkeit und Wurzeln konfrontiert. Bevor ich Mutter wurde, hatte ich mich mit der Idee des Exils abgefunden – nicht nur mit dem geografischen, sondern auch mit dem psychischen und sprachlichen Exil. Doch die Mutterschaft hat mich mitten in die Realität gestellt.
Wir leben in einem Land, das immer wieder Phasen des Erstarkens der extremen Rechten erlebt und Probleme im Umgang mit Migration hat.
Selbst Menschen, die hier geboren wurden und deren Eltern ebenfalls hier geboren sind, werden wegen ihrer sogenannten „Migrationswurzeln“ oft nicht wirklich als Deutsche betrachtet. Im Kindergarten, in der Schule, an der Universität oder im Beruf hören sie immer wieder die gleiche Frage: „Aber woher kommt deine Familie?“ Als ob man nur dann wirklich deutsch wäre, wenn man weiße Haut und helle Augen hat. Das ist ein veraltetes, mittelalterliches und rückständiges Verständnis von Identität. Denn die Identität eines Landes verändert sich – wie seine Menschen auch – mit der Zeit, durch Migration und durch das Vermischen von Kulturen. Mit der Geburt meines Kindes befand ich mich in einem Kampf – im Kampf gegen ein festgefahrenes Verständnis deutscher Identität gegen Rassismus, gegen Vorurteile und gegen stereotype Vorstellungen davon, was es bedeutet, deutsch zu sein. Deshalb habe ich mehrere Texte geschrieben. Wenn meinem in Berlin geborenen Kind – das Deutsch als Muttersprache spricht und dessen ganzes Leben hier stattfindet – erlaubt wird, in diesem Land Wurzeln zu schlagen, dann werde auch ich es ihm gleichtun und ebenfalls Luftwurzeln schlagen.
Die Entstehungszeiten der 17 Essays im Band sind rückläufig von 2025 bis 2017, mithin enthält das Buch die Geschichte einer kontinuierlichen Entwicklung vom Ankommen in Deutschland, das Dir durch die „Zuflucht in Literatur“ erträglich wurde, über den Widerspruch, dass das Land Dir einerseits Schutz bietet, Dich andererseits aber als Fremde einordnet, bis hin zur deutschen Staatsbürgerschaft. Was hast Du innerhalb dieser zehn Jahre über Dich selbst gelernt?
Als ich die ersten Texte bis hin zu den letzten, die ich geschrieben habe, noch einmal las, fiel mir auf, dass ich mich stark verändert habe – ebenso wie meine Gedanken über Konzepte, wie Heimat, Zugehörigkeit, Integration, Migration, Grenzen usw. Mir wurde auch bewusst, dass sich meine Identität in diesen zehn Jahren ständig gewandelt hat und mit jeder neuen Erfahrung und jeder neuen Sprache reicher geworden ist. Dieses Buch hat mich daran erinnert, dass ich eine Schriftstellerin bin, die sich verändert und weiterentwickelt – nicht an die Grenzen der Vergangenheit oder an einen erlebten Krieg gebunden, sondern jemand, der unablässig unter die Oberfläche des Bewusstseins gräbt, um neue Welten und Leben zu formen.
Neben Deiner Tagesarbeit, aller Bürokratie und häuslichen Arbeit für die Familie, wie viel Zeit bleibt Dir für die Literatur?
Eigentlich nicht viel. Meinen neuen Gedichtband, der vor einem Monat auf Arabisch erschienen ist, habe ich in der Zeit fertiggestellt, in der ich mit dem Zug zur Arbeit hin- und zurückgefahren bin. Einen Teil der Gedichte habe ich in den Zügen geschrieben, und manchmal habe ich mir ein wenig Zeit „gestohlen“ und mich in die Leseecke der Hugendubel-Buchhandlung gesetzt, um dort zu schreiben.
Wie stark fühlst Du Dich in der literarischen Szene Berlins eingebunden und aufgehoben?
Ich denke, auf den ersten Teil der Frage sollten eher die literarischen Institutionen in Berlin antworten, nicht ich. Was den zweiten Teil betrifft: Berlin hat mir viel gegeben, aber zugleich ist die Stadt stark von den persönlichen und politischen Ansichten derjenigen geprägt, die diese Institutionen leiten. So gab es beispielsweise in den Jahren 2016 bis 2019 ein starkes Interesse daran, die literarischen Werke von Autorinnen und Autoren mit Migrationshintergrund zu präsentieren – im Zusammenhang mit der damaligen Flucht- und Migrationswelle. Heute liegt der Fokus jedoch eher auf anderen literarischen Themen, abhängig von der aktuellen politischen Situation. Das bedeutet, dass der Schwerpunkt weniger auf der Literatur liegt, die wir als Menschen mit Migrationshintergrund schaffen, sondern vielmehr darauf, eine Art literarisches Zeugnis über die politische Lage als „migrantische Stimme“ in Deutschland zu geben.
Vom „Weiterschreiben“-Stipendium in Wiesbaden über die Auszeichnung der Stadtschreiberin in Neuruppin bis zum diesjährigen Poesie-Preis in Camaiore – wie wichtig sind solche Anerkennungen für Deine schriftstellerische Arbeit?
Preise verleihen der literarischen Arbeit an sich keine Bedeutung, denn ihr Wert liegt in ihrer Qualität, nicht in dem Glanz, der den Autor umgibt. Gleichzeitig sind sie jedoch eine wichtige Anerkennung dafür, dass der Autor mehr Leser erreicht und sein Werk Einfluss auf deren Leben hat.
Literarische Stipendien sind ebenfalls von großer Bedeutung, da sie dem Autor Zeit und die nötigen finanziellen Mittel geben, um zu schreiben, ohne ständig an seine Rechnungen denken zu müssen.
Du warst vor Kurzem mit „Wurzeln schlagen“ auf der Frankfurter Buchmesse – wie hast Du beides, Deinen Auftritt und die Messe, erlebt?
Es war für mich etwas sehr Besonderes – dieses Gefühl, als ich die Messe betrat. Es war bereits das vierte Mal, dass ich dort teilnahm, doch zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, am richtigen Ort zu sein und genau zu wissen, wohin ich gehen sollte. Früher fühlte ich mich immer wie eine fremde Besucherin, doch dieses Mal hatte ich das Gefühl, dass dieser Ort zu mir gehört und dass ich dort wirklich Wurzeln geschlagen habe.
Fotos: privat