Poesie experimentiert und lacht

14.06.2026 / Förderverein Literaturhaus Wiesbaden, Viola Bolduan


„Gedichte müssen nicht bescheiden sein,“ stellt Literaturwissenschaftlerin Maren Jäger in ihrer Laudatio auf Debüt-Preisträgerin Lara Rüter fest. Die, die mit dem Wiesbadener Orphil-Preis für Lyrik 2026 im Literaturhaus ausgezeichnet werden, sind es im Umgang mit ihrem Material Sprache keineswegs. Sowohl Lara Rüters wie Karin Fellners Gedichte gewinnen ihren Sprachexperimenten leichthändig witzige Poesie ab. Wenn der Debüt-Preis, dotiert mit 2.500 € an die junge Lara Rüter (geb. 1990) geht, empfängt Karin Fellner (Jahrgang 1970) aus München den mit 10.000 € dotierten Hauptpreis, seit 2012 gestiftet von George Konells Witwe und alle zwei Jahre vergeben.

Kulturdezernent Hendrik Schmehl konstatiert in seiner Begrüßungsrede vor nur wenig besetzten Stühlen im Roten Salon dennoch allgemein „gestiegenes Interesse“ an Lyrik, deren Arbeit mit und an der Sprache zu Recht Wertschätzung und finanzielle Unterstützung brauche. Karin Fellner wird der inzwischen verstorbenen Mäzenin zuliebe ein „Orphil“-Gedicht von George Konell vorlesen – von wegen Ovid und Orpheus: „Herr Orphil“ ist Konells französischer Hahn. Das gefällt Karin Fellners Widerspruchsgeist wiederum gut. „Witz und Wucht“ bescheinigt Laudatorin Maren Jäger auch Lara Rüters Lyrik, die nun ihrerseits Wortspiele mit dem großen römischen Vorgänger Ovid treibt („… hab ovid / an der hand. lehn mich voll rein. ernte romantische blicke. das ist alles.) oder auch „carmen et error forever“, als die Gründe zitiert, die Ovid selbst für seine Verbannung aus Rom nach Constanza angibt. Da verarbeitet Lara Rüter Historie und Mythos, in anderen Gedichten Venus- und Mutter-Figuren oder dichtet den britischen Kollegen Thomas De Quincey an, der Anfang des 19. Jahrhunderts viel Ruhm als „Opium-Eater“ einheimste. Maren Jägers Lobrede weiß um subtile Arbeitsdetails, womit sie Preisträgerin Lara Rüter zu Tränen rührt. Zart trägt sie ihre durchrhythmisierten und überraschend zusammengesetzten, sich selbst auch unterbrechen könnenden Texte vor.

Laudator für Hauptpreisträgerin Karin Fellner ist Literaturprofessor Christian Metz (Aachen), der eine kleine selbstironische Vorlesung über den Begriff „Spaß“ hält und dabei Fellners Gedichte „verwickelt und verwirrt“ in die Nähe von Barock und Vorromantik rückt. Wenn Fellners jüngster Gedichtband „Polle und Fu“ heißt, verbinden sich laut Metz Blütenstaub und Kampfsport mit der Empfehlung „halte Unhaltbares aus“, wenn aus einem Wort etwa unterschiedliche Bedeutungen entstehen können: Ein Gedichttitel wie „Kommen Tiere“ kann auch rein akustisch verstanden werden. Heiterkeit. Auch, wenn der Tapir nichts aufs Tapet bringt und statt zu warten, besser gegengewartet werden sollte. „Dinke, Dank, Denken“: Die Urkunden sind zur Hand und die Blumensträuße stehen von Beginn der Veranstaltung an auf der Fensterbank. Und also werden sie von Kulturdezernent Hendrik Schmehl verlesen und vergeben.

Foto: Rita Thies