Wiesbaden schreibt ein Buch

Wer hätte nicht gern schon immer mal einen spannenden Krimi nicht nur gelesen, sondern auch selbst geschrieben? Allein – es fehlte am Schub der Verwicklung, an der Aufstellung des verdächtigen Personals, am zündenden Start der kriminellen Machenschaften …

Hans Dieter Schreeb, Autor und früherer Vorsitzender des Fördervereins Literaturhaus Wiesbaden, hat deshalb das Entree für einen allen Schreibwilligen offenstehenden Wiesbaden-Krimi unter dem Titel „Drei Schwestern, erbberechtigt“ vorbereitet.

Sein Text fordert auf, den Plot aus eigener Fantasie fortzusetzen. Schreiben Sie dieses Wiesbaden-Buch selbst weiter! Zweimal im Laufe einer Woche von Sonntag bis Mittwoch und von Mittwoch wiederum bis zum nächsten Sonntag soll ein Text in Fortsetzungen entstehen (Länge bis zu 4.000 Zeichen im Chat-Format auf dieser Website). Auf diese Weise entwickelt sich im Laufe des Sommers ein Krimi aus vielen verschiedenen Stimmen, worunter eine die Ihre sein kann. Nur Mut! Lassen Sie Ihrer Fantasie freien Lauf und spinnen den jeweiligen Vorgängertext weiter. Das Ergebnis wird jedenfalls ein Wiesbaden-Krimi unter Beteiligung aller Schreibhungrigen sein. Vom 13. Juni an ist der Eingangstext auf dieser Website unter „Chat“ offen für Fortsetzungen. Interessierte Autorinnen und Autoren melden sich bei Viola Bolduan unter v.bolduan@t-online.de (Betreff: „Eine Stadt schreibt ein Buch“), die Ihnen ein Zeitfenster und eine Datei vorangegangener Texte zur Verfügung stellt.

Den Starttext von Hans Dieter Schreeb „Drei Schwestern, erbberechtigt“ lesen Sie in der PDF-Datei. Die jeweils neuen Folgen stehen unten im Chat-Format. Und sie sind im Fortsetzungs-Rhythmus dort auch zu lesen, wenn man nicht mitschreibt! Viel Spaß!


Kurzfassung des Krimi-Starts:

Nach dem Tod der Wiesbadener Musikverlegerin Anna-Maria Schauß sind laut Testament ihre drei Töchter Edith, Clara und Eva zu gleichen Teilen erbberechtigt. Das Erbe besteht aus dem Verlag, dem großen Elternhaus an der Kapellenstraße und aus Sparbüchern, die freilich nur für zwei Schwestern angelegt waren. Und der kostbare Schmuck der Mutter ist nicht auffindbar … Stattdessen gibt es ein Faktotum im Haus, Gärtner Rogowski. Hat er etwa seine Hände im Spiel? In welchem?


Langfassung (als PDF-Datei): Erbberechtigt_PDF1

Schlusssätze von Kapitel 1 /Autor: Hans Dieter Schreeb

Clara legt den Arm um ihre Schwester und verspricht: »Wenn wir sie finden, die verdammten Sparbücher, teilen wir uns das Geld! Das habe ich mir immer vorgenommen. Ganz gerecht! Bis auf den Pfennig genau!«

»Ja, mein Wort hast du auch …Wenn wir sie wiederfinden, teilen wir!«, verspricht Edith ebenfalls. »Sollten wir sie je wiederfinden!«


Alexander Pf: Kapitel 2
Alexander Pfeiffer

Edith wirft noch einen letzten abschätzigen Blick in den leer geräumten Tresor, dann wendet sie sich dem Fenster zu. Während Evas Tränen dunkle Flecken auf Claras Seidenbluse machen, schweift der Blick der ältesten Schwester über den Garten da draußen vor dem Haus.
»Dieser Gärtner …«, murmelt sie.
»Er ist überhaupt kein Gärtner«, schnappt Eva zwischen zwei Schluchzern.
»Nein?“ Edith schaut sie an. »Was ist er dann?«
»Soweit ich weiß, hat er früher im Krankenhaus gearbeitet. Bis Mutter ihn zu ihrem Leibdiener gemacht hat.«
»Im Krankenhaus? Als was denn?«
Eva zuckt unwirsch mit den Schultern, ihr Kinn zittert. »Ich weiß es nicht! Woher soll ich das denn auch alles wissen? Ihr beiden habt euch nie um irgendetwas hier gekümmert, und jetzt soll ich für alles verantwortlich sein. Dabei gibt es für mich nicht mal ein Sparbuch!«
Clara drückt sie noch ein bisschen fester an sich. »Beruhige dich. Wir haben doch schon versprochen, dass wir alles teilen.«
Edith schaut wieder aus dem Fenster, dann zu ihren Schwestern. »Denkt ihr, Mutter hat ihm vertraut, diesem Rogowski?«
Eva nickt. »Absolut. Mehr als mir vermutlich. Würde mich nicht wundern, wenn es für ihn auch irgendwo ein Sparbuch gäbe!«
Clara tätschelt ihre Schulter. »Jetzt tust du Mutter aber Unrecht, Liebes.«
»Von wegen«, schnappt Eva. »Herr Rogowski hat sogar den Pfarrer für ihre Beerdigung besorgt. Er meinte, dass Mutter sich diesen jungen Fatzke gewünscht hätte.«
»Wieso interessierst du dich überhaupt so für diesen Herrn Rogowski?«, wendet sich Clara an Edith, die noch immer am Fenster steht und in den Garten hinausschaut.
»Na ja«, murmelt Edith. »Er gräbt da draußen.«
Eva schreckt aus Claras Umarmung hoch. »Er gräbt? Im Garten?«
Edith nickt. »Vielleicht will er ja Tulpenzwiebeln setzen, dieser Gärtner, der überhaupt kein Gärtner ist.«
»Du meinst, er hebt Löcher aus?«
Edith schüttelt den Kopf. »Nur ein Loch. Und jetzt sieht es so aus, als würde er es auch schon wieder zuschaufeln.«
Clara und Eva drängen sich an ihre Seite, um ebenfalls einen Blick in den Garten zu erhaschen. Was sie zu sehen bekommen, ist kaum besser als das, was der Tresor ihnen offenbart hat. Herr Rogowski steht unter der gut zweihundert Jahre alten Eiche, die im Garten des Schauß’schen Anwesens thront. Er wischt sich Schweiß von der Stirn. An seine Hüfte gelehnt steht ein Spaten. Mit der rechten Hand greift er den Spaten, schultert ihn. Mit den Schuhsohlen tritt er den Erdboden unter der Eiche platt. Dann wendet er sich ab, verschwindet um die Hausecke und aus dem Blick der Schwestern.
Die drei schauen sich an, schweigend.
»Sehr fleißig, der Mann«, konstatiert Clara schließlich. »Selbst am Tag von Mutters Beerdigung erledigt er Gartenarbeiten. Muss sicher etwas sehr Dringliches gewesen sein.«
»Glaubst du …«, setzt Eva an.
»Was?«, schnappt Edith. »Dass wir ihm vertrauen sollten, diesem Rogowski?«
Eva geht zu dem Bett, in dem ihre Mutter jahrzehntelang geschlafen hat und das jetzt mit der Tagesdecke bedeckt ist, die womöglich Herr Rogowski dort hingelegt hat. Oder Luisa, die portugiesische Putzfrau. Wem von den beiden hat Anna-Maria Schauß wohl mehr vertraut? Und auf was kann man überhaupt vertrauen in diesem Leben, das so viele unerwartete Wendungen bereithält?
Edith und Clara lassen sich rechts und links von Eva nieder. Die Schultern der drei Schwestern berühren sich sanft. Die Tagesdecke, das Bettzeug und die Matratze geben unter ihrem Gewicht nach. Die drei Körper sacken aneinander. Ein Seufzen ertönt, das aus allen drei Mündern gleichzeitig zu kommen scheint.
»Wisst ihr noch …«, setzt Eva an. »Damals, als Papa noch gelebt hat …«
Weiter kommt sie nicht. Sie wird von einem Geräusch unterbrochen, das von draußen in das Schlafzimmer dringt. Von der anderen Seite des Fensters, hinter dem der Garten liegt. Es klingt wie ein geplatzter Reifen. Aber
Alexander Pf: auf der Kapellenstraße herrscht keinerlei Verkehr. Und für einen Feuerwerkskörper ist es die falsche Jahreszeit.
Susanne Kr: Kapitel 3
Susanne Kronenberg

Nur ein Volltrottel hebt im Wurzelgeflecht eines Baumriesen Gräber aus. Trotzdem bestand Anna-Maria Schauß darauf, dahingeschiedene Gartenbewohner unter ihrem Lieblingsbaum zur ewigen Ruhe zu betten. Toni Rogowski will gar nicht wissen, wie viele Amseln, Meisen und Eichhörnchen er hier schon verbuddelt hat. Neulich kam eine verweste Taube zum Vorschein, als er sich bemühte, einen zermatschten Igel, den Anna-Maria vom Asphalt gekratzt hatte, auf dem Tierfriedhof unterzubringen. Seine Arbeitgeberin begleitete jede Beerdigung mit huldvollen Sprüchen und schenkte ihm anschließend einen doppelten Cognac ein. An diesem Morgen lag ein Siebenschläfer auf der Terrassenstufe – ein Opfer der mordlustigen Nachbarskatze. Der Respekt vor der verstorbenen Chefin hat Toni davon abgehalten, die kleine Tierleiche auf den Kompost zu werfen.
Susanne Kr: Mit Anna-Maria ist er gut ausgekommen, trotz ihrer Schrulligkeit. Der alte Doktor wäre ihrem Ableben auf den Grund gegangen. Der sichtlich überforderte Notarzt jedoch attestierte kurzerhand plötzliches Herzversagen. Toni wundert es nicht, dass die Töchter keine Fragen stellen. Eine ist raffsüchtiger als die andere. Durchs offene Fenster musste er oft genug mit anhören, wie jede Einzelne gnadenlos über die Schwestern herzog, sobald sie mit der Mutter allein war. Das letzte Gezeter, das ihm zu Ohren gekommen ist, stammte allerdings von einem Streit zwischen Anna-Maria und dieser hochnäsigen Farbkleckserin, deren Stimme sich vor Wut überschlug.
Vor dem Gartenhaus hält er inne und bückt sich, um die Erdkrumen von Spatenblatt zu streichen. Darüber, wie es mit ihm weitergehen wird, macht er sich keine Illusionen. Unwichtig, ob die Töchter die Burg, wie die Familie das Gebäude nennt, verkaufen oder selbst einziehen wollen – seine Arbeit wird er los. So oder so. Und Wehrhahn? Der Pfarrer wird niemals Ruhe geben und ihn auch in Zukunft aussaugen wie ein blutgieriger Vampir. Keinen müden Euro vom Erlös des geklauten Geschmeides hat ihm der Kerl gelassen. Jeder Cent des Hehlers wanderte in seine Tasche. Anna-Maria war nicht aufgefallen, wie nach und nach Goldketten, Silberringe und Colliers verschwanden. Sie besaß jede Menge davon, und Toni hütete sich, ihre Lieblingsstücke anzurühren.
Bestimmt haben ihn die drei Schnepfen vom Haus aus beobachtet. Sollen sie nur, dies ist sein Reich, hier draußen kann er tun und lassen, was er will. Blöd nur, dass sie gesehen haben, wie er aus der Wohnung gekommen ist. Zum Glück ist ihm eine Bemerkung über die Post eingefallen. Sein Schreck galt weniger dieser unverhofften Begegnung als dem, was er drinnen entdeckt hat: den bis auf einen Aktenordner und ein Bündel Scheine ausgeräumten Tresor! Von der Schmuckkassette keine Spur. Bevor er sich das Geld schnappen konnte, hörte er die Töchter ins Haus kommen.
Susanne Kr: Im milden Sonnenlicht steht ihm nun, wie viel zu häufig, Wehrhahns Fratze vor Augen – wie damals auf der Intensivstation. Als sich ihre Blicke über den Toten hinweg kreuzten! Wenige Stunden später fing ihn der Krankenhauspfarrer vor der Klinik ab und hielt ihm ein Video unter die Nase. Da war alles drauf! Toni im Pflegekittel, die beiden Spritzen in den Händen, deren Vertauschung den Patienten gleich darauf ins Jenseits befördern sollte.
»Wenn Sie nicht umgehend kündigen, geht das Video an die Staatsanwaltschaft. Und wagen Sie es nicht, jemals wieder einen Job als Krankenpfleger anzunehmen. Ich behalte Sie im Blick!«
Toni schob ein Burn-out vor und fand - nach zermürbenden Monaten - den Job als Gärtner. Eines Abends lauerte der Gottesmann ihm auf. Aufgeregt und abgehetzt. Er habe Spielschulden, die Inkasso-Mafia sitze ihm im Nacken. Als Pfand brachte er erneut das verfluchte Video aufs Tapet. Und verlangte Geld. Wieder und wieder.
Toni richtet sich auf. Das Spatenblatt glänzt wie am ersten Tag. Nachdenklich betrachtet er die scharfe, metallene Kante. Wie es sich wohl anfühlen würde, sie dem Pfarrer über den Schädel zu ziehen? Ein gezielter Hieb, und Wehrhahn befände sich auf direktem Weg zu seinem Gott. Oder auf der Fahrt zur Hölle, wo Erpresser seiner Sorte hingehören.
Während der Gedanke in seiner Fantasie Farbe und Form annimmt, zerreißt ein Knall die Luft.
angelika.be: Kapitel 4
Angelika Beltz

Luisa Maria Castro kam vor vielen Jahren mit ihren Eltern aus Portugal nach Deutschland. Bald fanden die Eltern Arbeit im Schaußschen Verlag und waren lange Jahre als gute Geister für die Hausmeister- und Haushaltsarbeiten zuständig. Luisa arbeitet nun auch schon zwanzig Jahre als Haushaltshilfe im Hause Schauß in der Kapellenstraße. Mama und Papa würden sich im Grab umdrehen, wenn sie wüssten, dass ich an der Beerdigung der Chefin nicht teilgenommen habe, denkt Luisa. Aber zu oft hat sie sich in der letzten Zeit über die Chefin geärgert. Nichts konnte Luisa ihr Recht machen. Häufig kam der Steuerberater des Verlags, der alte Doktor Wagner, zum Mittagessen in das Haus. Luisa musste dann bei Tisch bedienen, und Frau Schauß hat sie herumkommandiert. Leider konnte Luisa von den Gesprächen nur wenig verstehen. Aber, dass es um Geld ging, viel Geld, das hatte sie verstanden. Und der sorgenvolle Blick von Doktor Wagner war ihr aufgefallen. Nach so einem Treffen war die Stimmung der Chefin auf dem Tiefpunkt und Luisa war froh, wenn sie nach Hause gehen durfte. Bei Herrn Schauß war das noch anders, denkt Luisa häufig, der hat seine Launen nicht am Personal ausgelassen.
Die Zeit ist mit Luisa gnädig umgegangen. Sie hat nur wenige Fältchen unter den dunkelbraunen Augen, fast kein weißes Haar in der schulterlangen schwarzen Pracht und ihre Sanduhrfigur hat die Form wie vor zwanzig Jahren. Seit langem hat Luisa ein Verhältnis mit Thomas Rogowski. Sie liebt ihren Toni und hat in der Vergangenheit anderen Verehrern die kalte Schulter und nicht mehr gezeigt.
Als Luisa hört, dass die drei Töchter der verstorbenen Chefin das Haus betreten, flieht sie schnell in Tonis Wohnung unter das Dach der Burg. Die brauchen mich jetzt nicht sehen, denkt sie. Ich habe keine Lust wie üblich von ihnen ausgefragt zu werden. Luisa macht es sich auf Tonis Couch bequem und hängt ihren Gedanken nach. Wäre doch wunderbar, wenn wir jetzt erben würden. Dann könnte unser gemeinsamer Traum, noch bevor wir alt sind in Erfüllung gehen: ein kleiner Laden mit portugiesischen Spezialitäten in der Taunusstraße mit drei Stehtischen zum "Vor-Ort-Genießen". Allerdings ist ihr aufgefallen, dass ihr Toni in letzter Zeit häufig mit dieser überkandidelten Malerin, die so ein einfaches Gekleckse als Gemälde ausgibt, heiße Blicke wechselt. Beim letzten Sommerfest im Garten der Burg hat sie die Beiden sogar beim Knutschen hinter einer Hecke erwischt. Wenn er mich nicht mehr will, denkt sie trotzig, nehme ich eben den flotten Pfarrer, der ist jung, der hat noch keine Probleme bei der Liebe -. Sie kichert.
Nach dem Tod der Chefin hat Toni gesagt, sie soll erstmal so weiterarbeiten wie bisher, also jeden Tag, außer sonntags. Die letzten Tage hatte sie viel Zeit, niemand hat Dreck gemacht oder wollte etwas von ihr. Da hat sie die Wohnung gründlich geputzt, vor allem das Schlafzimmer der Chefin, das Todeszimmer, wie sie es jetzt nennt.
Als Luisa den Knall hört, erschrickt sie, läuft panisch in das Schlafzimmer des Liebsten, lässt sich auf das Bett fallen und zieht sich die Bettdecke über den Kopf. Angestrengt versucht sie, zu hören – und lacht über sich selbst. Was soll das schon sein, ein Reifen von einem Auto ist geplatzt! Die verrückte Malerin, die Nieklas, und der Schwiegersohn der Chefin mit seiner "Goldgrube" in Frankfurt besitzen schnelle Flitzer. Bestimmt platzen die Reifen von Sportwagen schneller als die von meinem alten Opel-Corsa. Dann zieht sie sich energisch die Decke vom Kopf, steht auf, verlässt Tonis Wohnung und geht schnell die Treppe hinunter. Im Erdgeschoss stößt sie auf zwei der drei Töchter der Chefin. Die Jüngste, die Eva, ist nicht dabei, aber die war schon immer etwas ängstlich. Ohne Begrüßung, stürzen die drei Frauen zur Haustür hinaus, wo sie auf Thomas Rogowski treffen, der aus dem Garten angerannt kommt. Alle drängeln sich durch die schmiedeeiserne Gartentür und kucken entsetzt auf
angelika.be: - ein lichterloh brennendes Auto
Richard Lifka: Kapitel 5
Richard Lifka
Richard Lifka: Im Restaurant ist wenig los. Gärtner Rogowski, und Malerin Louise Nicklas haben sich zu einem konspirativen Gedankenaustausch getroffen und sitzen sich gegenüber. Sie beugt ihren Oberkörper vor, so weit, dass sich ihre Nasen fast berühren und ihm tiefen Einblick in ihr weit ausgeschnittenes, gut gefülltes Dekolleté gewährt. Er hat seine Hand auf ihren Unterarm gelegt. Sie warten, bis der Ober den bestellten Wein bringt.
„Wenn ich nur wüsste, wer die Schmuckkassette aus dem Tresor genommen hat?“, fragt Louise. „Gut, dass ich das Notenblatt aus George Martins Nachlass noch rechtzeitig an mich genommen habe,“ ergänzt er. „Wenn ich das verkaufe, haben wir genug Geld bis an unser Lebensende.“ „Woher wusstest du von dem Notenblatt?“
„Frau Schauß erzählte mir davon. Sie war völlig aufgekratzt und glücklich, dass es ihr gelungen war, dieses Notenblatt aus George Martins Nachlass mit den Original-Unterschriften der Beatles zu ersteigern. Sie hat mit Tränen in den Augen gemurmelt: Eberhard wäre überglücklich gewesen, weil er doch sein Leben lang ein begeisterter Beatles- Fan war.“
„Wie bist du an das Notenblatt gekommen?“
„Ich hatte die Tresor-Kombination von der Portugiesin.“
„Wieso das?“
„Sie hatte Frau Schauß und Dr. Wagner belauscht, als beide über den Familiennachlass sprachen. Sie notierte die Kombination auf einem Zettel, den ich bei einem Schäferstündchen aus ihrer Nachttischschublade stahl.“
„Die hatte die Nummern für den Safe! – Dann ist doch klar, wer die Schmuckkassette mitgehen ließ! Jetzt musst du das Notenblatt schnell zu Geld machen!“ Wie immer ist er von ihrer rauen, kratzigen Stimme wie elektrisiert. „Ja, wir müssen aufpassen, du weißt, dass Wehrhahn mich schon jahrelang erpresst, obwohl wir uns so lange kennen. Er hat mich seit der Geschichte im Krankenhaus in der Hand und bestimmt die Regeln.“
Sie müssen ihr Gespräch unterbrechen. Der Ober tritt an den Tisch und stellt je ein dickbauchiges Glas mit dunkelrotem Wein hin. Sie wartet, bis die Bedienung geht, und sagt: „Ja, ich weiß doch. Nicht umsonst, habe ich ein paar meiner Freunde aus dem Milieu gebeten, sich den Pfarrer nachdrücklich vorzunehmen.“ Toni verzieht keine Miene. „Wenn ich Wolfgang richtig verstand, habe er für das Notenblatt schon einen Abnehmer. Ich glaube in Frankfurt irgendein Auktionshaus. Dieses Mal muss er unseren Anteil rausrücken, dafür werden hoffentlich deine Freunde sorgen!“ Louise nahm einen großen Schluck von dem Rotwein und flüsterte: „Ich hoffe, du hast dieser portugiesischen Schlampe klare Worte erzählt.“ Dieses Mal jedoch verzog Toni sein Gesicht zu einer Grimasse. „Ja, ich habe ihr klargemacht, dass zwischen ihr und mir nichts mehr läuft. Es war nicht mit anzuhören, wie sie geweint und sämtliche Götter angefleht hat, sie hat mir fast leidgetan. Aber was sein muss, muss eben sein“. Louise beugte sich noch etwas weiter vor: „Ach, die Arme hat sich unsterblich in den Gärtner verliebt und gehofft, nach dem Ableben ihrer Chefin, ein Leben in Saus und Braus zu führen.“ Wenig später serviert der Ober die Suppe und anschließend die englisch gebratenen Steaks. Den krönenden Abschluss bildet ein flambiertes Erdbeer-Parfait.
Der Abend verläuft in trauter und gemütlicher Gemeinsamkeit, bis Louise um Mitternacht aufsteht und 100 Euro auf den Tisch legt: „So, genug getrunken und gegessen. Ich muss ins Atelier, um mein großes Gemälde fertig zu stellen. Wenn alles, wie geplant, klappt, dann ist diese Taunussteiner Waldlandschaft wirklich mein allerletztes Bild.“
Als Rogowski in der Kapellenstraße ankommt, sieht er, dass im Schlafzimmer der Putzfrau Licht brennt. Er betritt das Grundstück, öffnet die Haustür und sprintet durchs Treppenhaus nach oben.

Richard Lifka: Vor der Bedienstetenwohnung angekommen, schleicht er auf Zehenspitzen zur Tür, die zum Schlafzimmer führt. Ein Ohr fest auf das Holz gedrückt, lauscht er konzentriert dem Gespräch, das er dahinter vernimmt. Ein Mann sagt: „Hast du das Giftfläschchen entsorgt?“ Worauf eine Frauenstimme antwortet: „Ja klar, das wird niemand mehr finden, da gestern die Mülltonnen geleert wurden. Rogowski nimmt all seinen Mut zusammen, geht 3 Schritte zurück, nimmt Anlauf und wirft sich mit der Schulter gegen die morsche Tür, die aufspringt, sodass er in den Raum hineinstolpert. Gerade noch kann er sein Gleichgewicht halten, bleibt stehen und schaut in zwei erschrocken blickende Gesichter, die zu zwei nackten, auf dem Bett liegenden Körpern gehören. Es ist der Pfarrer und die Putzfrau.
Viola Bo: Kapitel 6
Friederike Weisse

Edith zwingt sich nach dem Tanken beim Einfädeln von der Raststätte Weilbach auf die A66 zur Konzentration – ein Unfall fehlte jetzt grade noch! Sie weiß ohnehin nicht, wo ihr der Kopf steht. Die fälligen Danksagungen, der leer geräumte Safe, die „Burg“, der Verlag, das seltsame Verhalten der Angestellten im Haus - als wenn sich alle belauern. Dann noch das brennende Auto mit dem Frankfurter Kennzeichen vor ihrer Einfahrt! Ein Nachbar hatte die Polizei gerufen; der Volvo war als gestohlen gemeldet. Auch so ein Rätsel! Und was hatte dieser smarte junge Pfarrer gewollt, der gestern vor dem Hause herumlungerte und dann ganz schnell verschwand? Alles sehr seltsam! Die Schwestern hatten vereinbart, in den nächsten Tagen die weitere Abwicklung zu besprechen und wegen des gestohlenen Safe-Inhaltes Anzeige gegen Unbekannt zu erstatten.
Edith hat sich mit Wut im Bauch in ihren Golf gesetzt, um ihren Mann in Frankfurt abzuholen. Konnte er bei all der Aufregung, mit der sie grade fertig werden musste, nicht mal die S-Bahn nehmen, wenn sein Mercedes-Coupé in der Inspektion war?
Ein paar Schritte bis zur Konstabler Wache und dann eine Taxe vom Wiesbadener Bahnhof, das war doch wirklich nicht zu viel verlangt! Ach ja, die Salzbachtalbrücke und die Sperrung, fällt ihr dann ein. Wäre doch sehr umständlich für ihn!
Edith parkt den Wagen auf dem für einen horrenden Preis angemieteten Stellplatz um die Ecke und passiert die professionell dekorierten Auslagen der „Goldgrube“. Frau König, die langjährige Angestellte (immer Etuikleid oder Seidenblüschen und Bleistiftrock!) entsperrt nach kurzer Sichtkontrolle die Eingangstür. Sie hatte kondoliert und kommt jetzt nicht mehr auf den Tod der Mutter zurück. „Grüß‘ Sie, Frau Schauß-Simmerer. Ihr Mann ist hinten in der Werkstatt.“ „Danke. Und Sie wieder so chic, Frau König!“ „Man tut was man kann.“ Es ist immer die gleiche Begrüßung.
Ediths Mann schaut erschrocken hoch, als seine Frau die Werkstatt betritt.
„Du bist früh, warte doch bitte kurz draußen. Ich muss noch etwas wegschließen.“
Edith tritt an den großen Tisch neben dem wuchtigen Panzerschrank. „Was ist das?“ Sie schaut neugierig auf das Collier, das auf dem Tisch liegt. Ihr Mann schlägt den Schmuck grade hastig in ein schwarzes Samttuch ein. „Zeig doch mal!“ „Ach, das ist nur…“ „Ich kenne das! Meine Mutter hatte so ein Collier, ein Geschenk von Papa zum zehnten Hochzeitstag. Eva war noch zu klein, aber Clara und ich haben es damals sehr bewundert an Mamas Hals. Es war eines ihrer Lieblingsstücke; sie hat es in letzter Zeit nicht mehr so oft getragen.“
„Siehst du, Schatz“ sagt Heinz erleichtert und strafft sich. „Und deshalb musst du dich irren, dieses Collier kann es nicht sein. Die Dreifachreihung in Gold mit versetzt angeordneten Brillanten, das war mal sehr beliebt. Heute mögen die Kunden es schlichter. Das Collier hier wurde mir zur Umarbeitung gebracht – eine alte Stammkundin.“ Er ergreift das Tuch mit dem Schmuckstück, legt es in den Tresor. Schnell verstaut er auch die goldenen Ketten, die daneben auf einem Tablett liegen.
Solche Gliederketten hatte Mama auch; sicher wertvoll, aber wohl keine Einzelstücke. Doch dieses Collier… Edith ist total verunsichert.
Dass es solche Zufälle gibt und dass Heinz mit seiner Erklärung recht hat – möglich. Doch da war dieser Satz der schluchzenden Eva, nachdem sie nach Mamas Beerdigung den leeren Safe entdeckt hatten.
Viola Bo: Kapitel 6 ff
Friederike Weisse

Auf einmal ist es ein Schlüsselsatz: „Wie gut Edith, dass dein Mann im letzten Jahr den Schmuck angesehen und bewertet hat für die Versicherung.“ Jetzt ist der Schmuck weg, und die Sparbücher sind auch weg! Und Heinz war damals mit der Mutter in ihrem Schlafzimmer am Safe. Hatte er sich vielleicht den Code gemerkt?
Mensch, Edith, das ist doch reine Spekulation, ruft sie sich selbst zur Ordnung. Soll ich wirklich meinem eigenen Mann so misstrauen? Die kinderlos gebliebene Ehe mit Heinz Simmerer war nach fünfzehn Jahren vielleicht nicht gerade liebevoll, aber sie hatten einander doch stets vertraut. Heinz war ein sicherer Anker gewesen, auch finanziell, der ihr die endgültige Lösung aus dieser stressigen On-Off-Beziehung mit ihrem Yoga-Guru versüßt hatte mit kostbaren Geschenken. Aus dem Geschäft hatte sich Edith immer herausgehalten.
Ich habe eigentlich keine Ahnung, wie die Geschäfte der „Goldgrube“ laufen, denkt sie.
Ein Klopfen unterbricht Ediths Gedanken. Frau König steht in der Tür, hält eine Kassette in der Hand – leer, mit geöffnetem Deckel. „T’schuldigung Chef, die stand im Abstellraum bei den Sperrmüllsachen. Ist das Absicht, oder ein Versehen?“
Edith kennt diese Kassette mit dem verzierten Griff nur zu gut. Sie schaut ihren Mann an, Verachtung im Blick. „Hast du auch die Sparbücher genommen?“
Oliver Baier: Kapitel 7
Oliver Baier

Rogowski stand in der Tür. Er hatte die Fäuste geballt. „Dass du mit dem ins Bett gehst. Das hätte ich nicht von dir gedacht. Mit diesem Schwein.“ Rogowski drehte sich zu der großen Dessertschale auf dem Schreibtisch um. Er schien damit zu kämpfen, nicht die Fassung zu verlieren.
Luisa zog sich ihre geblümte Bettdecke vor die Brust. „Wenn du mit dieser Möchtegern-Malerin in die Kiste steigst, kann ich das schon lange.“ Ihre Stimme wurde leiser. In jedes Wort packte sie mehr Enttäuschung. „Ich habe mich immer für dich aufgespart und aufgehoben und du, was machst du?“
Wehrhahn stand auf und zog seine schwarze Boxershorts an. Er sagte kein Wort. Er schien diesen Auftritt vor Rogowski zu genießen und schob sich an ihm vorbei. Ganz langsam griff er nach seinen Jeans und den Tennissocken, die auf dem Boden verstreut lagen.
Luisa hatte sich nicht überreden lassen müssen, mit diesem Beau ins Bett zu gehen. Bei ihnen war es schnell zur Sache gekommen.
Noch vor ein paar Tagen hätte sie alles für Rogowski getan. Sie hatte damals die Sparbücher mit dem vielen Geld hinter dem Geschmiere der Nicklas gut mit einem Tapeband fixiert. Für alle Fälle hatte sie niemandem davon erzählt.
Was Rogowski nur an dieser alten Malerin fand! Luisa hatte nicht nur die Küsse zwischen den beiden gesehen, sondern auch, wie er über sie geredet hatte. „Wenn die Portugiesin so auf mich abfährt, dann ist doch gut. Die weiß alles von der Chefin. Die glaubt doch tatsächlich, ich fang mit ihr ein neues Leben an. Querida (Schätzchen) hinten, querida vorne. Total lächerlich. Die kann uns dann beim Champagener trinken zusehen. Den Pfarrer müssen wir nur auch noch loswerden.“
Rogowski war ein Feigling.
Er griff nach der Schüssel „Und du machst dem auch noch als Dessert meine Natas do Céu?“
Einen Löffel hatte Luisa als Einladung dazugelegt.
„Das lasse ich mir nicht auch noch nehmen.“ Er schmatzte.
„Hau rein, Rogowski. Ich hatte ja die Hauptmahlzeit.“ Luisa zwinkerte Wehrhahn zu.
Querida hinten, querida vorne. Die Nicklas hatte gelacht. „Sie ist so eine einfache Person. Aber sie hat dir den Code verraten, Toni.“
Die Schmuckstücke für den Pfarrer waren unbedeutende Repliken vom Juwelier aus der „Goldgrube“. Der konnte sie einem Vollidioten angedreht haben. Kein Mann würde sich noch einmal über sie lustig machen.
Luisa stand auf. „Das müsste reichen.“ Sie schlang das Laken enger. Im Spiegel stand eine ganz andere Frau. Sie nahm Rogowski den Löffel aus der Hand. „Ich hoffe, es hat geschmeckt. Meine Himmelscreme. Von deiner portugiesischen Putzfee.“ Sie bekreuzigte sich.
Rogowski hustete. „Was heißt das?“ Er atmete schneller. Schweißperlen standen auf seiner Stirn. „Mir geht es gar nicht gut.“
„Das hoffe ich doch, querida.“ Luisa lachte. „Das wird noch schlimmer.“
Rogowski griff sich an den Hals und ging auf die Knie. Er sackte in sich zusammen.

Oliver Baier: „Da hat wohl einer den Hals zu voll genommen.“ Wehrhahn knöpfte sein Hemd zu und rückte den Kragen zurecht. „Wie bekommen wir den hier weg?“
Luisa zog sich den schwarzen Jumpsuit über ihre Unterwäsche. Sie schlüpfte in die Espandrilles und hängte sich die Tasche um.
In dem kleinen Rollkoffer war alles, was sie brauchte. Die Sparbücher und von dem Schmuck, den sie nicht dem Hehler in der „Goldgrube“ überlassen hatte.
Damit und dem Autoschlüssel für das alte VW Käfer Cabriolet von Anna-Maria würde sie einen guten Start hinlegen.
„Ich bin gleich wieder da. Mache mich nur kurz frisch. Fange du schon einmal an, hier für Ordnung zu sorgen.“
Sie griff nach Rogowskis Handgelenk. Seine Hände waren entspannt und der Puls verschwunden. Mit seinen Lippen würde er die Malerin nicht mehr küssen.
Sie zog leise die Tür zu und lief zum Cabriolet. In knapp vier Stunden würde sie in Luzern sein. Dort würde sie ihren neuen Pass und ihr neues Leben erhalten.
Sie klappte das Verdeck nach hinten und drehte den Zündschlüssel um. Wehrhahn fuchtelte oben am Fenster hektisch mit den Armen. Sollte er ihn doch unter der Eiche begraben. Ihr Job war erledigt.
Sie schaltete das Radio an. „Material Girl“ von Madonna war jetzt genau richtig.
Karin Kuschewitz: Kapitel 8
Karin Kuschewitz: Eva muss ihr Gewissen zur Ruhe bringen. Die Sache mit den Sparbüchern war eine gute Gelegenheit, ihre Gefühle zu entladen, Weinen war eine Erleichterung. Das brennende Auto vor dem Haus beendete das Zusammensein mit den Schwestern, das kam ihr sehr gelegen.

Jetzt erst einmal raus aus der „Burg“. Gerne wäre sie mit ihrem „Deutschen Boxer“, wie sie ihren alten, dunkelgrünen VW Käfer nennt, durch den Taunus gefahren, aber ihr Autoschlüssel war nicht auffindbar.

In der Nerotal-Anlage will sie sich sammeln. Sie sitzt hier gerne. In der Nähe der auffallenden Blutbuche, deren Blätterfarbenspiel sie von Frühjahr bis Herbst immer wieder bewundert. Aber heute, in diesem 2. Corona-Sommer, tummeln sich für ihren Geschmack zu viele Menschen auf den Wiesen. Die Parkanlage rechts und links des Schwarzbaches bringt ihr nicht die erhoffte Ruhe.

So fängt sie an auszuschreiten. Unter dem Viadukt der Nerobahn hindurch, den Philosophenweg steil hinauf. Quer durch den Wald bis zur Feldkapelle. Dann doch wieder nach Hause, in die „Burg“.

Dabei holt sie sich die Gespräche der letzten Wochen mit ihrer Mutter wieder in Erinnerung. Niemals hatte Mutter von ihrer Vergangenheit gesprochen und schon immer spürte sie, ich werde anders behandelt als meine Schwestern. Nicht schlechter, eher vorsichtiger. So wie eine lieb gewonnene Tasse mit Sprung, auf die man aber nicht verzichten will.
Hartnäckig verfolgte Eva ihr Ziel, Mutter zum Erzählen zu bringen. Irgendwann war diese dazu bereit. Natürlich nach ihren Bedingungen. Anna liebte das „große Theater“. Sie bestimmte, wann und wie lange sie erzählte. Im Grunde war es jedoch mehr eine Aufzählung. Nachfragen beantwortete sie stets mit: „Darüber spreche ich später.“

Anna erzählte:
„Ich wuchs, mit einem jüngeren Bruder, behütet im Wiesbadener Westend auf. Auch zur beginnenden Wirtschaftswunderzeit lebte unsere Familie in einfachsten Verhältnissen.
Ein älteres, kinderloses Ärzteehepaar aus der Nachbarschaft nahm sich immer wieder meiner an. Sie waren es auch, die mir einen guten Mittelschulabschluss an der Gerhart-Hauptmann-Schule ermöglichten.
Ich begann eine Lehre bei „Schauß“. Nicht der größte und älteste Musikverlag, aber er war deutschlandweit für sein Repertoire der Kirchenmusik bekannt. Es dauert nicht lange, und Eberhard, der Juniorchef, verliebte sich in mich.“

Wie es dazu kam, darüber schwieg sich Anna aus.

„Schnell heirateten wir, und Edith und Clara wurden geboren.
Meine Tage waren ausgefüllt mit Hausarbeit, Erziehung und der Überwachung der Umbauarbeiten der „Burg“. Ich hatte ein gutes Leben, ich vermisste nichts.
Schon bald verunglückten meine Schwiegereltern auf einem Sonntagsausflug durch den Rheingau tödlich. Eberhard übernahm den Verlag. Danach arbeitete er fast täglich bis in die Nacht hinein.
Entgegen meiner Erwartung, als Ehefrau eines Musikverlegers kulturell oft und vielfältig unterwegs zu sein, blieb Eberhard viel lieber zu Hause. Ab und zu ein Konzert im Friedrich-von-Thiersch-Saal des Kurhauses oder in der Adventszeit ein Kirchenkonzert, das war alles. So blieben meine Abende einsam und leer.“

Annas Erzählung wird nun leidenschaftlicher.

„Zusehends merkte ich, wie sich die Nachbarschaft veränderte. Als Eberhard die „Burg“ kaufte, gehörten wir zu den wenigen Jungen. Dann zogen immer mehr jüngere Menschen in die großen Villen. Aber nicht als Hausbesitzer. Diese waren oft zu alt, um notwendige Modernisierungen zu betreuen. Viele dieser Häuser hatten Bäder der ersten Generation, und die hohen Räume wurden mit Einzelöfen beheizt. Sicherlich war auch oft das dazu nötige Geld nicht vorhanden. So wurden ganze Stockwerke vermietet. Zimmerweise an Einzelpersonen oder ganze Etagen an Wohngemeinschaften. Auch Eberhard vermietete, um die Hypothek abzuzahlen. Allerdings legte er Wert auf seriöse und solvente Mieter, jenseits der Vierzig. Ja, Wohngemeinschaften waren ein Zeichen der Zeit.
Karin Kuschewitz: Ein Sammelsurium unterschiedlichster junger Menschen, Männer und Frauen. Sie studierten, absolvierten Lehren, arbeiteten in Fabriken oder Behörden. Küche und Bad wurden geteilt, und allzu gerne kam man zusammen und feierte; irgendetwas gab es immer zu feiern. Ein ganz anderes Leben zog in das Viertel ein, geformt von Menschen, die nicht viel jünger waren als ich.“

Kurz vor Erreichen der „Burg“ war es Eva, als höre sie die Stimme ihrer Mutter: “… und es kam, wie es kommen musste…“ Ganz im Sinne einer Dramatikerin setzte sie dann noch dazu „Wenn ich dir die Geschichte zu Ende erzählt habe, dann werden wir uns alle viel zu verzeihen haben.“
Hätte sie geahnt, dass sie Mutter nicht mehr lebend sehen würde, hätte sie nicht ärgerlich geantwortet: „Wo hast du dir denn diesen Satz wieder aufgeschnappt.“

Aber an Mutters letzte Worte, als Eva schon fast aus dem Zimmer war, erinnert sie sich immer und immer wieder: „Ich habe Angst.“
Viola Bo: Kapitel 9
Horst Goschke

Anna Maria Schauß hatte tatsächlich einen Herzschlag erlitten. Sie war gestorben, wie Millionen von Menschen sterben und ältere Menschen besonders. Von einer Sekunde zu anderen hatte der über viele Jahrzehnte unermüdlich tätige Muskel in ihrer Brust seine Mitarbeit an ihrem Leben aufgekündigt – ohne jedwede Einwirkung von außen. Der Notarzt, so gestresst er auch war, musste sich den Vorwurf nicht machen, er habe ein Indiz übersehen.
Doch Anna Maria Schauß hatte Angst gehabt, Angst vor diesem Augenblick, dem kein weiterer mehr folgen würde. Und diese Angst war stärker und stärker geworden, je mehr sie sich in der „Burg“ mit ihrem Umfeld auseinandersetzte, allein im „Blauen Salon“, umgeben nur von ihren Gedanken und den Beobachtungen, die sie täglich so machte.
Es waren schon lange nicht mehr die besten und unvergleichbar gewiss mit jenen, die sie einmal gehabt hatte, damals, als sie in diese Villa in der Kapellenstraße gezogen war. Anfangs hatte sie diese Gedanken überspielt und sich besonders herrisch gezeigt. Was immer auch geschehen sollte, sie entschied es allein. Doch dann, als ihr Mann gestorben war, kam allmählich immer wieder jene Frage zu ihr: Wer waren diese Menschen tatsächlich, denen sie täglich in die Augen schaute? War es nur Gier, die ihnen die Kraft für ihr Verhalten gab?
Gier zeugt Angst, das wusste sie, Angst, dass diese Gier gar zu offenkundig werden könnte. Und die Folgen dieser Gier natürlich ebenso. Nicht wenige lebten dann von der Hoffnung auf einen unbeobachteten Augenblick, der ihr Leben grundlegend verändern würde. Hin zur erträumten Sorglosigkeit. Immer wieder hatte Anna Maria in den letzten Jahren in Blicken diese Hoffnung bemerkt. Auch in der „Burg“.
Besonders, wenn sie zu ihrem Tresor ging. Es waren Blicke, die herausfinden wollten, welche Geheimzahlen es wohl waren, die sie in das Schloss ihres Safes eingab. Und sie kannte allmählich auch alle, alle ohne Ausnahme, die diese Blicke besaßen. Zuerst riefen sie nur Spott in ihr hervor, dann wurde allmählich Verachtung daraus, aber plötzlich wandelten sich ihre Empfindungen in seltsame Beklemmungen. Sie fühlte: Es war die sichtbare Gier dieser anderen, die es zustande brachte, dass sie sich mehr und mehr alleine fühlte, verlassen, hineingestoßen in eine Einsamkeit, die fortan wuchs und wuchs. Erst schmerzte es nur. Dann aber veränderte sich sogar ihr Wesen. Sie ersehnte diese Gier, gab sich tollpatschig und oft auch vergesslich, weil sie dann sah, dass sich die Gier der anderen noch verstärkte und alle noch enger miteinander verband. Es wurde eine Beziehung der besonderen Art – erzeugt durch den Tresor.
Anna Maria Schauß hatte tatsächlich einen Herzschlag erlitten. Aber das interessierte nun längst keinen mehr. Nur Eva, die nie verheiratet war, hatte noch immer etwas mit ihrem Gewissen zu tun. Louisa, die portugiesische Haushälterin, hatte ein solches in der Kapellenstraße verlernt. Sie saß in Evas altem VW Käfer Cabriolet und fuhr ihrem Heimatland Portugal entgegen. Das Delta-Virus, das in Lissabon wütete, schreckte sie nicht. Sie stammte aus einem Dorf, weit entfernt von der Bevölkerungsdichte der Großstadt. Beim letzten Anruf dorthin hatte sie erfahren, dass kein Bewohner der Gemeinde bisher von einer Ansteckung betroffen worden war. Man stand halt nicht eng beieinander. Und weiter als ein Meter fünfzig konnten Aerosole nicht fliegen. Louisa stellte das Autoradio an. Und fühlte plötzlich, dass sie fröstelte. Nein, dachte sie, nein, es darf nicht sein, jetzt nicht sein, dass sie Fieber bekam. Und dann fühlte sie auch noch dieses Kratzen im Hals…
Viola Bo: Kapitel 10
Gudrun Ornth-Sümenicht

Es fällt Eva wie Schuppen von den Augen. Hier lag das Geheimnis ihrer Geburt, ihrer seltsamen Behandlung durch ihre Mutter und die Distanz von Vater. Die Leidenschaft in der Stimme ihrer Mutter! Kommune, freie Liebe, die Krishna-Disco in der Stadt, Bhagwan-Jünger in der Stadt. Da war Leben. Vielleicht ein bisschen von dem Leben, welches Mutter noch aus ihrer Kindheit kannte, nicht wie die langweiligen, alten, verstaubten, reichen Wohnungsbesitzer in ihrer Straße.

Vor ihren geistigen Augen ziehen Bilder vorbei: Die lebendigen bunten Menschen ziehen auch in die Burg ein. Sex, wie Mutter es mit Eberhard nie erlebt hatte.
Und plötzlich schwanger! Wer war der Vater? Sie wusste es nicht. Konnte mit Eberhard nicht darüber sprechen. Ein Geheimnis belastete sie nun. Eberhard nahm es gleichgültig hin, wunderte sich nur, wie seine Frau bei dem wenigen Sex, den sie in den letzten Monaten hatten, noch einmal schwanger werden konnte!

So könnte es gewesen sein! Darum auch kein Sparbuch. Darum die enge Verbindung mit Mutter. Eva ist die Einzige, die Mutter besonders nah war und sich seit Vaters Tod sehr um Mutter bemühte.

Zwischenzeitlich ist Eva an der Burg angekommen. Der VW Käfer steht nicht mehr auf dem Hof. Sie wundert sich, gedankenverloren geht sie den Weg vom Hof zur anderen Ausfahrt. Da steht er. 300 Meter vom Haus entfernt. Und daneben Luisa Maria Castro! Mit einem kleinen Koffer!
So schnell will sie die Burg verlassen? Wieso mit dem VW? Hat sie ihn gestohlen? Oder haben Edith und Clara ihr den Wagen geliehen, ohne sie zu fragen?

So geht das aber nicht, denkt sie, und stürzt ins Haus. Stille. Wo ist der Gärtner, der kein Gärtner ist. Wo sind Edith und Clara?

Sie rennt die alten breiten Treppen hinauf, um in den Blauen Salon zu gelangen. Sie will mit den Schwestern über ihre Vermutungen sprechen. Dunkle Gedanken ziehen in ihr auf. Mutter hatte Angst! Angst wovor? Wusste sie noch mehr Geheimnisse? Was, wenn sie diese ausgesprochen hätte? Kam ihr plötzlicher Tod nicht gelegen?

Oben auf dem Treppenabsatz steht mit vor Schreck verzerrtem Gesicht Wehrhahn gegenüber. Wo kommt der denn jetzt her, denkt sie kurz, schenkt ihm dann weiter keine Beachtung. Sie hört Stimmen aus dem Blauen Salon. Das könnten die Schwestern sein. Vielleicht ist Edith vom Besuch bei ihrem Mann zurück.

Jetzt vernimmt sie die Stimmen der Schwestern, laut, wütend, Claras Stimme überschlägt sich. „Du dumme Gans, hast dich um nichts gekümmert, alles deinem lieben Heinz überlassen. Faul und träge bist du geworden! Heinz wird es schon richten! Ja, das hat er wohl auch. Du glaubst doch wohl nicht, dass der Schmuck von einer Kundin ist! Stille Wasser sind tief, könnte man bei deinem Mann sagen. Leise und still sorgt er für sich. Niemand traut ihm etwas Böses zu“.

Mutters Schmuck ist einmalig. Er wurde immer wieder gehütet. Getragen hat sie ihn so gut wie gar nicht. Ich, denkt Eva, hatte immer ein Gefühl, als ob es ein Geheimnis um den Schmuck gäbe. Wie um das Haus. Ein Haus von 1907! Eine Ritterburg. Wer hat sich da wohl früher verschanzt? Vater hat es günstig gekauft. Niemand hat sich um die Geschichte des Hauses gekümmert. Für eine reiche Familie soll es gebaut worden sein. In dieser Gegend wohnten auch nach 1933 reiche Nazigrößen. Man spricht in Wiesbaden nicht gerne darüber. Aber ab und zu kommt doch etwas ans Tageslicht, dank der Wiesbadener Tageszeitung. Vater hat es umbauen und sanieren lassen. Doch die Geschichte löscht man so nicht aus.

„Was ist hier los?“ Eva betritt mit lauter Stimme den Raum. „Seid ihr vollkommen verrückt geworden? Wir haben doch genug zu klären miteinander. Dazu brauchen wir einen klaren Kopf! Und was macht Wehrhahn hier? Wieso ist Luisa draußen am VW mit einem Koffer? Wo ist Rogowski?“

Viola Bo: Gudrun Ornth-Sümenicht

Und: „Habt ihr auch schon mal daran gedacht, dass Mutter vielleicht gar nicht eines natürlichen Todes gestorben ist? Sie war doch kerngesund und hatte gerade angefangen, mir von unserer Familie zu erzählen und wovor sie Angst hatte!“
Stephan Reinbacher: Kapitel 11
Stephan Reinbacher

Polizeihauptkommissar Nils Walzer liegt auf der Couch und horcht tief in sich hinein. Sechzehn Stunden nach seiner zweiten Covid-19-Impfung noch immer keine Nebenwirkungen. Verdammter Mist. Er hatte die freien Tage auf Krankenschein fest eingeplant.
Stattdessen klingelt das Handy. „Chef“ steht auf dem Display. Scheiße.
Walzer holt tief Luft, drückt die grüne Taste und legt ein asthmatisches Keuchen in seine Stimme. „Ja ... bitte?“
„Hey, Nils, mein Lieber. Alles gut vertragen?“ Oh, dieser aufgesetzt fröhliche Ton. Wenn er den schon hört.
„Na ... ja“, antwortet Walzer und bemüht sich, so angeschlagen zu klingen wie möglich. Er holt theatralisch Luft.
„Sehr schön, Nils. Pass auf. Im Kurier ist heute eine ganze Seite über den Tod von Anna-Maria Schauß. Du weißt schon, die Musikverlegerin.“
„Ja ... und?“
„Also, die Zeitung hat dafür tatsächlich den ollen Haudegen ausgegraben. Du weißt schon, dieser Schreiberling, der uns immer wieder nervt, weil er Sachen bemerkt, die wir nicht so auf dem Zettel haben. Und in seinem Artikel steht was von ,rätselhaften Todesumständen', und ,erbittertem Streit der Erben'. Geh' dem doch mal nach.“
Walzer stöhnt. „Kann das nicht die Kollegin Pfannenschmidt machen?“
„Hat Urlaub, weißt du doch.“
„Und Bremer?“
„Jetzt fahr schon los, Nils. Die Villa ist in der Kapellenstraße.“
Klick. Aufgelegt.
Mürrisch steigt der Kommissar vom Sofa. Unter seinen Achseln riecht es jetzt schon nicht mehr gut. Vor dem Rausgehen gönnt er sich eine Ladung Hugo Boss. Fünfzehn Minuten später parkt er vor der „Burg“.
Er latscht durch den Vorgarten. Kies knirscht unter seinen Ledersohlen. Walzers Blick gleitet die Mauern des Gebäudes hinauf. Durch mehrere Fenster scheint Licht. Er meint auch, Stimmen zu hören. Schrill, keifend. Was ist da los? Er sieht sich nach der Türklingel um, entdeckt eine große Messingglocke und hat den Schwengel schon in der Hand, als er es sich anders überlegt. Durch die dicke Holztür kann er nur den Tonfall der Streitenden erahnen. Aber vielleicht ist irgendwo ein Fenster offen. Und Lauschen bringt ja oft viel mehr als Befragen. Alte Polizistenweisheit. Noch scheint ihn niemand bemerkt zu haben. Also los. Vorsichtig, immer an der Wand entlang, schlurft er um das Gebäude.
Stephan Reinbacher: Nur hat die Villa auf der Rückseite leider einen fast zwei Meter hohen, gemauerten Sockel, und alle Fenster liegen weit darüber. Aber in dem Sockel gibt es eine reich verzierte antike Kellertür mit schmiedeeisernem Griff. Probeweise drückt Nils Walzer ihn herunter. Nicht abgeschlossen. Durch einen modrig riechenden, dunklen Raum gelangt er zur Treppe. Oben hinter der Tür hört er die Stimmen der Streitenden auf einmal ganz laut und deutlich.
„Von wegen, wir teilen alles“, keift eine. „Ihr habt doch ...“ Sie wird unterbrochen. „Ist doch gar nicht wahr. Das war diese Pinselquälerin, die mit dem Geld unserer Mutter durchgebrannt ist.“
„Der Herr wird euch strafen für euren Zorn.“ Diese Stimme kennt der Kommissar. Er hat Pfarrer Wehrhahn schon einmal predigen gehört. Vor Monaten, als er sich am Sonntag in die Kirche verirrt hat. Vorsichtig schiebt er die Tür ein Stück auf und lugt hindurch.
„Und wenn Mutter gar keines natürlichen Todes gestorben ist? Wenn Rogowski das war? Vielleicht ist das miese Arschloch mit unserem Geld längst über alle Berge.“
„Wohl kaum.“ Wieder der Pfarrer.
„Woher wollen Sie denn das wissen?“ Plötzlich ein Poltern. Schreie. Alle schauen entsetzt nach oben. Pfarrer Wehrhahns Stimme überschlägt sich: „Ein Gespenst. Herr, erbarme dich unser.“
„Von wegen Gespenst.“ Eine ruhige männliche Stimme. „Hast wohl gedacht, ihr habt mich erledigt. Mörder.“
Zeit, sich zu erkennen zu geben, beschließt Kommissar Walzer und stößt die Tür auf. Doch direkt davor steht Clara. Und gerade begutachtet sie eine antike Vase in ihrer Hand.
„Einbrecher“, brüllt sie. Und noch bevor der Kommissar widersprechen kann, trifft ihn das schwere Gefäß am Kopf. Mit einem Schlag verwandeln sich zehntausend Euro in Scherben, und der Polizist geht bewusstlos zu Boden.
Markus Bennemann: Kapitel 12
Markus Bennemann

Aus einem brennenden Auto zu entkommen, ist gar nicht so einfach. Doch als Polizeireporter des „Wiesbadener Kurier“ hatte Gangolf Säbel schon ganz andere Sachen erlebt. Groß, schwer, mit der Statur eines Türstehers und dem Herz eines Sozialarbeiters hatte er sich 30 Jahre lang in den Kommentarspalten der Zeitung für Opfer und Schwache starkgemacht. Jetzt nach seiner Pensionierung war es Zeit, das auch auf andere Weise zu tun.
„Lassen Sie mich los“, beschwerte sich Luisa, die lebenshungrige Portugiesin, die er gerade noch an der Ecke zur Geisbergstraße hatte abfangen können. Weit war sie auf ihrer Flucht nicht gekommen.
„Etwas sanfter, bitte“, bat auch Rogowski, der scheintote Gärtner, den Säbel eben oben in Luisas Zimmer eingesammelt hatte. Auf der steilen Nebentreppe zur Beletage machten ihm offenbar immer noch die Nachwehen seiner freiwillig gelöffelten Betäubung zu schaffen.
Ein tolles Schauspiel hatten sich die beiden Früchtchen ausgedacht, damit Toni endlich den erpresserischen Pfarrer loswird und sie im warmen Süden neu anfangen könnten. Besser, dachte Säbel, bekam man es selbst im Großen Haus des hiesigen Staatstheaters kaum zu sehen. Zum Beispiel bei einem Stück von Tschechow – he, he, he.
Er stieß die zwei in den Salon, dessen geschmackvolle Einrichtung sanft im milden Nachmittagslicht glänzte. Dann richtete er sich zu seiner vollen Größe auf und blickte drohend in die Runde.
„So. Jetzt ist er also gekommen, der Moment.“
„Welcher Moment?“, fragte natürlich sofort Wehrhahn, der vorlaute Gockel Gottes. „Und wer sind Sie überhaupt?“
„Das wissen manche hier ganz genau. Aber es ist jetzt egal. Gekommen ist der Moment, wenn, wie in jedem guten Krimi, der Ermittler alle Verdächtigen in einem Raum versammelt und die Geschichte aufklärt – oder ihr wenigstens eine entscheidende neue Wendung gibt. Der liebe Kommissar Walzer dort war ja schon auf dem Weg. Aber dann hat er unliebsame Bekanntschaft mit einer chinesischen Vase gemacht.“
Eva-Maria, die jüngste und hübscheste der drei Schwestern, blickte erschrocken auf die ausgestreckte Gestalt neben ihr. Walzer und seine Kollegen nannten Säbel gerne einen „alten Haudegen“, aber jetzt hatte den jungen Polizisten selbst was umgehauen. Eva-Maria griff nach einem zerknüllten Stofftaschentuch auf dem Steinway-Flügel neben ihr – Piano-Schulz sicher, der alte Traditionsladen lag nicht weit vom Pressehaus. Während sie dem Bewusstlosen wenigstens etwas Luft zufächelte, schauten die älteren Schwestern mit gerunzelter Stirn zu.
Markus Bennemann: „Was ist denn das für eine komische Versammlung? Und wer ist der alte Sean-Connery-Verschnitt in der Lederjacke da drüben? Hat der uns allen diese SMS geschickt?“
Wie es sich für so ein Treffen gehörte, traf nun auch der Rest der Bande ein. Während Louise Nicklas mit dem alten Steuerfuchs Dr. Wagner und dem Frankfurter Goldgräber Heinz Simmerer im Schlepptau über Walzers Kopf stieg, drehte sich Pfarrer Wehrhahn zu ihr um.
„Wir wissen auch nicht, wer der Typ ist. Hat sich einfach in die Geschichte reingedrängelt. Behauptet, er wisse irgendwas. Ziemlich Deus ex Machina, finde ich. Und mit Göttern kenn' ich mich aus.“
„Nonsens, im letzten Kapitel wurde ich schon angedeutet“, erwiderte Säbel ruhig. „Und wenn, dann auch nicht ex Machina, sondern höchstens ex Wisi. Den schon unter Karl dem Großen bekannten Wiesen unserer schönen Bäderstadt.“
„Keine Ahnung, was der Kerl faselt.“
Obwohl Säbel bei seinen Artikeln nie was davon gehalten hatte, konnte er sich jetzt etwas künstliche Dramatik nicht verkneifen. Langsam zog er das große, gefaltete Stück Papier aus seiner Jacke. Zum Schutz war es in einen alten Gefrierbeutel gehüllt, an dem noch Erdkrümel hingen. Gleichzeitig glich es so einem der Beweisstücke, die Säbel von seinen Tagen im alten Amtsgericht und dem neuen Justizzentrum kannte.
„Mein Notenblatt“, sagte Rogowski.
„Mein Gefrierbeutel“, sagte Luisa.
Säbel deutete mit dem Papier auf Luisas Handtasche, in die sie vorhin noch schnell ihre Beute gestopft hatte.
„Ihr alle glaubt, dass es hier um Dinge wie Schmuck, Sparbücher und Erbschaften geht. Dabei geht es um was viel Wichtigeres.“
„Ach ja, worum denn?“, ätzte Louise.
„Um Liebe.“
„Himmel“, stöhnte Wehrhahn, auch der Rest verdrehte die Augen. Nur in Eva-Marias Blick schimmerte kurz Verwirrung auf.
„Na gut, und es geht um eine Erbschaft, die noch viel größer ist als jene, um die ihr euch alle reißt.“
„Dann reden Sie ruhig weiter“, erklärte Simmerer. Auch die zwei älteren Schwestern neigten plötzlich das Ohr.
„Weiß hier jemand, wer George Martin ist?“
„Der Autor von ,Game of Thrones'? Oder der Schauspieler?“
„Das ist Dean Martin, du Depp“, zischte Rogowski Wehrhahn an. „Nein, natürlich der Beatles-Produzent, von dem das Notenblatt ist, das ich draußen vergraben habe. Es ist einen hübschen Batzen wert.“
„Ja, und Sir George war noch viel mehr wert“, erklärte Säbel. „Henning Wossidlo, unser alter Kurdirektor, hat ihn mit einer gewissen Dame beim Konzert von Elton John auf dem Bowling Green vor zehn Jahren gesehen. Dessen Produzent war er nämlich auch.“
Er nahm das Blatt aus dem Beutel und entfaltete es. Gleichzeitig bat er Eva-Maria, das Taschentuch hochzuhalten, auf dem in rosa die Initialen ihrer Mutter eingestickt waren.
Gebannt rückten alle näher und blickten auf den kleinen Schriftzug, der unter den kostbaren Unterschriften zu erkennen war:
For the love of my life: AMS.
Mathias Scherer: Kapitel 13
Mathias Scherer: Jetzt nahm Eva ihren Arm mit dem Taschentuch langsam herunter. „Heißt das, Mutter kannte diesen George? Ist er am Ende vielleicht sogar mein…“ Weiter kam Eva nicht, denn ein unheimliches Stöhnen erfüllte den Salon. Kommissar Walzer schien langsam aus seiner Ohnmacht zu erwachen und gab dabei die sonderbarsten Geräusche von sich. Niemand im Raum rührte sich oder sagte etwas, während sich Walzer aus seiner horizontalen Lage in eine einigermaßen aufrechte Position bemühte. Nur Eva eilte herbei, um Walzer einen Sessel zuzuschieben. Walzer warf Eva ein dankbares Lächeln zu und ließ sich sogleich in den plüschigen Fauteuil fallen. „Darf ich vorstellen,“ brach Gangolf Säbel das Schweigen, „Hauptkommissar Nils Walzer von der Wiesbadener Polizei.“ Walzer deutete eine Verbeugung an. „Warum ist denn plötzlich die Polizei im Haus, werden Sie sich fragen“, fuhr Säbel in beschwingtem Ton fort. „Ich will es Ihnen sagen: Es bestehen erhebliche Zweifel daran, dass Anna-Maria Schauß eines natürlichen Todes gestorben ist.“ Hier machte Säbel eine künstliche Pause, um die Reaktion der Anwesenden abzuwarten. Doch niemand sagte etwas. Nur Eva murmelte: „Also doch.“ Ihre beiden Schwestern blieben äußerlich ruhig, nur Clara wurde auffällig bleich. „Und dies hat in erheblichem Maße hiermit zu tun,“ dozierte Säbel weiter, während er das Notenblatt in die Höhe hielt und im Salon langsam umherlief. „Kommissar Walzer und seine fähigen Kollegen werden herausfinden, dass der oder die Täter mit einem raffinierten Plan Anna-Maria Schauß ins Jenseits beförderten, ohne dass auf den ersten Blick – selbst für einen erfahrenen Mediziner – ein Fremdverschulden erkennbar war.“ Mit hochgezogenen Augenbrauen lauschte Walzer aufmerksam Säbels Worten und wunderte sich über all das, was er und seine „fähigen Kollegen“ noch herausfinden werden. „Und da die Hinterbliebenen freundlicherweise der altmodischen Erdbestattung im Familiengrab den Vorzug vor einer Feuerbestattung gaben, wird Kommissar Walzer noch heute die Exhumierung des Leichnams von Anna-Maria Schauß beantragen und dessen eingehende Untersuchung veranlassen“, fuhr Säbel mit ernster Miene fort. „Werde ich?“, fragte der Kommissar ungläubig. „Aber natürlich werden Sie, mein lieber Walzer, denn auch, wenn die Täter mit großem medizinischen Know-how ans Werk gegangen sind, wird man ihnen auf die Schliche kommen. Und das dank unserer fähigen Polizei.“ Bei diesen Worten tätschelte Säbel dem sichtlich gerührten Walzer über seinen verschwitzten Kopf. Die Blässe in Claras Gesicht hatte derweil so weit zugenommen, dass es den anderen nicht verborgen blieb. Edith beugte sich zu ihr. „Geht es dir gut, Clara? Alles in Ordnung?“ Clara rang um Fassung: „Erst das Malheur mit der Vase. Und jetzt soll Mutter auch noch exhumiert werden. Das ist einfach zu viel für mich.“ So zartfühlend hatten ihre Schwestern die sonst so toughe Geschäftsfrau noch nie erlebt, die sich jetzt erhob und eilends den Salon verließ.
Mathias Scherer: Nachdem alle Augen auf die sich von außen schließende Zimmertür gerichtet waren, räusperte sich Säbel, um seinen Vortrag fortzusetzen. „Kommen wir zurück zu Sir George Martin“, wieder begann Säbel im Salon umherzugehen und legte das Notenblatt auf einen kleinen Beistelltisch. „Wie der scheintote Herr Rogowski bereits richtig bemerkte, war Sir George der kongeniale Plattenproduzent der Beatles. Er machte aus ihnen die kommerziell erfolgreichste Band aller Zeiten. Es ist allgemein bekannt, dass die Beatles hierdurch ein immenses Vermögen anhäuften. Und es darf angenommen werden, dass auch der Produzent hierbei nicht gerade arm geblieben ist.“ Säbels Zuhörer hingen an seinen Lippen, keiner rührte sich oder sagte etwas. Nur Rogowski rutschte etwas unruhig auf seinem Stuhl. „Vor gut fünf Jahren starb Sir George im gesegneten Alter von 90 Jahren in seiner englischen Heimat. Er hinterließ Ehefrau und vier Kinder. Jedoch ist sein Nachlass bis heute noch nicht ganz aufgeteilt. Denn es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass Sir George noch ein fünftes Kind hatte – außerehelich – und zwar hier in Deutschland. Das muss er gezeugt haben, als er schon um die 60 war. Wer mitgerechnet hat, weiß also, dass dieses ominöse fünfte Kind jetzt ungefähr 35 Jahre als sein muss.“ Eva schoss das Blut in den Kopf. Plötzlich drang vom Flur her eine hysterische Frauenstimme. Jetzt fiel Kommissar Walzer auf, dass Clara bereits seit geraumer Zeit der Versammlung ferngeblieben war. Er fühlte sich wieder so weit erholt, dass er sich aus seinem Sessel erhob und draußen im Flur nach ihr suchen wollte. Während Säbel im Salon weiter dozierte, traf Walzer im Flur auf eine völlig aufgelöste Clara, die fortwährend in ihr Mobiltelefon hineinschrie: „Du musst was unternehmen!“ Als sie den Kommissar erblickte, schaltete sie abrupt ihr Telefon aus. Bevor Walzer etwas sagen konnte, ertönte Lärm aus dem Salon, Schreie, Gepolter. Die Tür wurde von innen aufgerissen. Heraus stürmte Rogowski mit einem Blatt Papier in der Hand und sich mit einem Affenzahn Richtung Ausgang bewegend. Kurz darauf stürmte Gangolf Säbel hinterher und schrie fortlaufend: „Bleiben Sie stehen, Rogowski!“
Viola Bo: Kapitel 14
Manfred Gerber

Clara wollte die Exhumierung ihrer Mutter offenbar mit aller Macht verhindern. Der aus dem Kurzzeitkoma erwachte Kommissar Walzer kombinierte das messerscharf aus den Wortfetzen, die er im Flur der „Burg“ aufgeschnappt hatte. Machte sie sich damit nicht zur ersten Hauptverdächtigen?
Gangolf Säbel war schon einen Schritt weiter. Er lancierte noch am selben Abend im „Wiesbadener Kurier“ eine Story, die am nächsten Tag die Bevölkerung aufrüttelte und die Beamten der Kripo und die Staatsanwaltschaft mächtig auf Trab brachte. Wurde Anna-Maria Schauß tatsächlich ermordet? Wer hatte daran ein Interesse? Gab es Streit unter den Erben? Fragen über Fragen. Säbel wusste um die Wirkung einer geschickt formulierten Verdachtsberichterstattung. Darin hatte er nicht nur jahrzehntelange Übung, sondern auch viele, sogar preisgekrönte Erfolge erzielt.
Gefahr im Verzug bestand nicht, also konnte man in Ruhe die Entscheidung des Landgerichts abwarten. Mord an einer der bekanntesten Verlegerinnen der Landeshauptstadt? In der Gerüchteküche der Stadt brodelte es. Die Polizei kündigte für den nächsten Tag eine Pressekonferenz an.

Mit einer DNA-Probe George Martins Vaterschaft nachzuweisen, war nicht einfach. Weder seine vier Kinder noch die Enkel dürften ein Interesse haben, ihr Millionen-Erbe mit einer unbekannten Wiesbadenerin zu teilen. Säbels Rat an Eva: einen britischen Detektiv beauftragen. Der solle sich den Herrschaften nähern und Beweismaterial für die mögliche Vaterschaft sichern. Er könne gerne seine Verbindungen nach England spielen lassen.

Der Check von Claras Handy-Verbindungen ergab, dass sie an dem turbulenten Abend mit ihrem Apotheker-Freund in Hannover telefoniert hatte. An sich noch nichts Verdächtiges. Oder doch? Apotheker sind schließlich gelernte Giftmischer. Doch warum Claras plötzliche Hysterie?
„Was, bitteschön, sollte Ihr Freund in Hannover unternehmen?“ Beim Verhör im Polizeipräsidium Westhessen an der Konrad-Adenauer-Allee redete Kommissar Walzer mit beiden Händen fuchtelnd auf Clara ein. Aufgeregt scharwenzelte er um sie herum, um der Sache Nachdruck zu verleihen.
„Gegen wen sollte etwas unternommen werden?“
„Das tut hier nichts zur Sache. Das hat weder mit Wiesbaden noch mit meiner Mutter etwas zu tun.“
„Sie waren wahnsinnig aufgebracht. Wie erklären Sie das?“
Die Beamten bissen auf Granit. Mussten sie laufen lassen.
Die Spurensicherung der Wiesbadener Kripo arbeitete perfekt. Akribisch sicherte sie in der „Burg“ alles, was nicht niet- und nagelfest war. Einschließlich der Reste des Natas do Céu, der Himmelscreme der portugiesischen Putzfrau Luisa, die auf einem ungewaschen Teller in der Spülmaschine lag und deren Substanzen Rogowskis temporären Pulsstillstand ausgelöst hatte.

Viola Bo: Fortsetzung Kapitel 14
Manfred Gerber

Auch Pfarrer Wehrhahn nahmen die Beamten ins Visier. Rogowski hatte ihn im Salon einen Mörder genannt. Eine Überprüfung von Wehrhahns Bankdaten ergab, dass er immer wieder neue Schulden anhäufte, die stets auf mysteriöse Weise getilgt wurden. Welche Rolle spielte er in der „Burg“? Hatte ihn die Verlegerin alimentiert?
Rogowski mit dem Blatt Papier war Säbel leider durch die Lappen gegangen. Ein Anruf genügte, um ihn zur Fahndung auszuschreiben. Hatte Rogowski ein Interesse am Ableben von Anna-Maria Schauß?
Auch Säbel behielt den seltsamen Pfarrer im Auge. Ein Pfarrer, der ständig neue Schulden macht? Wofür? Wehrhahn wurde vorgeladen.
„Bankgeheimnis.“
Er weigerte sich hartnäckig, den oder die ominösen Geldgeber preiszugeben.
„Warum überhaupt war Ihr Konto jeden Monat bis zum Anschlag überzogen?“
Der Pfarrer geriet ins Stottern, fühlte sich in die Enge getrieben. Er verlangte einen Anwalt.
Wenn Rogowski auspackte, war er verloren.
Hauptkommissar Nils Walzer witterte eine brandheiße Spur.