Der Geruch von Buchseiten

24.09.2019, von Viola Bolduan


Nein, Niederwald ist kein Dichter je gewesen. Die Straße dieses Namens schließt das Wiesbadener Rheingauviertel ab – da liegt das Denkmal noch näher als eine Verwandtschaft zum angrenzenden Dichterviertel. Aber, wenn auch die Adresse Niederwaldstraße 3 lautet, die Buchhandlung „erLesen“ ist die Buchhandlung des Dichterviertels. Im Sommer hat hier die Inhaberin gewechselt. Elisabeth Heinz hat das Geschäft von Brigitte Endres übernommen, die es zehn Jahre lang geleitet hat und deren langjährige Mitarbeiterin sie war. Mitarbeiterin war die Vierzigjährige auch in noch anderen Buchhandlungen der Stadt – sie kennt alle aus dem Effeff vom früheren „BücherBauer“ im Luisenforum über die Buchhandlung Vaternahm mit Ausflug nach Geisenheim bis eben zur Buchhandlung im Dichterviertel. Die kleineren, inhaberinnengeführten Geschäfte erlebt Elisabeth Heinz im freundschaftlichen Miteinander, wie sie sich ja auch in der Gruppe der „6 Richtigen“ zusammengefunden haben. Und aals sie vor sieben Jahren zum ersten Mal über die Schiersteiner Straße hinaus ins Dichterviertel eintrat, öffnete sich für Elisabeth Heinz „ein kleines Paradies“. Oder auch: „erLesen“ an der Niederwaldstraße 3 war so etwas wie Ankunft.

Denn Buchhändlerin war Elisabeth Heinz nicht von Anfang an. In Schweich (bei Trier) geboren hat sie in Köln ein Lehramtsstudium bis zum 1. Staatsexamen absolviert, dann gespürt, dass ein Lehrerinnen-Dasein denn doch nicht das richtige für sie sei. Die sechs Jahre, die sie dort verbracht hat, waren dennoch „super“, weil erfahrungsreich in vielen verschiedenen Praktika, während sie überlegen konnte, was sie denn nun wirklich wollen sollte. Da fiel es ihr in einer Bahnhofs-Buchhandlung in Ulm wie Schuppen von den Augen, präziser: atmete sie die Luft ein, von der sie künftig leben wollte. Es war der Geruch von Papier, einem bestimmten Papier: von Buchseiten.

Die stehen nun auf rund 70 qm in der Buchhandlung „erLesen“ in weiterhin gewohnter Sortierung. „Der Laden ist gut“ – zumal auch die Hausfassade nun neu glänzt, grün der Vorgarten einlädt, und Mitarbeiter Daniel Ebbecke als zuverlässige Kraft weiterhin hilft – da will Elisabeth Heinz zunächst einmal nichts ändern. Denn sie erinnert sich an die Erleichterung in den Gesichtern der Kundschaft, dass sich mit ihr als Nachfolgerin von Brigitte Endres eben ja auch nicht viel geändert hat. Und sie hält sich weiterhin an die Devise, dass sich eine gute Buchhändlerin auszeichnet durch „persönliche Beratung, Zeit für persönliche Gespräche, Kennenlernen der Vorlieben und Aufmerksamkeit“ auf die Menschen, die kommen. Ständig geht die Tür auch auf, eben nicht nur für „Kunden“ – es sind Freunde und Bekannte, die vorbeikommen, Bücher suchen, finden, mitnehmen und dabei vertraut in familiärer Atmosphäre miteinander reden. „Es ist meine Buchhandlung“, sagt meine journalistische Kollegin Shirin Sojitrawalla, die gerade den Raum betritt. „Für Literatur muss viel passieren“, sagt Elisabeth Heinz – in der Stadt und in jedem Stadtteil mit Buchhandlungen als Ankerpunkt.

Und so soll „erLesen“ als Treffpunkt im Dichterviertel auch bleiben für sie, die sich Zeit nahm, bis sich der Berufswunsch erfüllt hat, schon während der Ausbildung bei „Stephanus-Bücher“ in Trier die Kinderbuch-Abteilung leitete, ehe sie vor elf Jahren der Liebe wegen nach Wiesbaden zog. Der Lebenspartner leitet in Neu-Isenburg mit „Leanders Bücherwelt“ ebenfalls einen Buchladen, womit sich die Frage nach dem häuslichen Thema erübrigt. „Alle Ratschläge, die ich ihm früher gegeben habe“, gelten nun auch für die Inhaberin Elisabeth Heinz selbst, die jetzt seine Erfahrung teilt: Nie ist täglich alles abgearbeitet. An Papierkram – jenseits der Buchseiten, die so gut riechen.