„Die Kultur ist nicht tot!“

20.03.2020, von Viola Bolduan


Kulturdezernent Axel Imholz kümmert sich auch um sein Arbeitsfeld, wenn alle großen und kleinen Kulturinstitutionen der Stadt geschlossen sind. Was können wir tun, um in einer solchen Situation kulturellen Interessen weiterhin nachzugehen – und was tut er für sich selbst? 


Herr Imholz, wie sieht es im Moment im Rathaus und Ihrem Dezernat aus?

Naja, die Gebäude sind alle geschlossen und die Ämter alle am Rotieren. Einen Großteil der Mitarbeiter habe ich nach Hause geschickt, wir mailen und telefonieren und haben ganz schön viel zu tun.

Wie steht es um die Kultur der Stadt, wenn alle Kulturstätten geschlossen sind?

Das öffentliche Leben ruht, und die Kultur ruht dann natürlich auch. Das heißt nicht, dass sie tot ist. Das merken wir an den zahlreichen Anfragen der Kulturschaffenden.

Wonach wird gefragt?

Das Erste ist immer die finanzielle Situation, wie geht es jetzt mit uns weiter?

Und wie geht es weiter?

Ich hatte zuvor ja schon früher gesagt, dass wir die Zahlungsfähigkeit der Kultureinrichtungen, die bei uns in der Förderung sind, sichern werden. Das hat jetzt auch eine Verfügung des Kämmerers bestätigt. (Anmerkung der Redaktion: Kulturdezernent Imholz ist auch der Kämmerer der Stadt.)

Was bedeutet das?

Wir haben ja das Problem, dass wir die Zuschüsse immer auch an eine Leistungsvereinbarung binden. Wenn jetzt diese Leistung coronabedingt nicht erbracht werden kann, laufen die Zuschüsse dennoch weiter.

Und was ist mit denen, die keine Zuschüsse erhalten?

Wir sind jetzt erst einmal daran, denen zu helfen, die wir im Förderprogramm haben. Das ist schon eine breite Palette von Kultureinrichtungen.

Wozu auch das Theater gehört. Wird es 2020 Maifestspiele geben?

Das ist eine gute Frage, die ich abschließend noch nicht beantworten kann. Das Zeitfenster wird natürlich immer kleiner. Was wir sicher nicht machen können, ist, erst am 19. April (Anmerkung der Redaktion: vorläufiger Endtermin der Schließungsverfügung des Landes) zu entscheiden, ob die Maifestspiele stattfinden. Wir werden nicht mehr so viel Zeit haben.

Welchen neuen Zeitpunkt gibt es für die Entscheidung?

Es gibt noch keine Deadline. Wir sind in engen Gesprächen mit dem Land und dem Intendanten.

Wie sehr wird bis zu den Sommerferien Kultur in der Stadt ausgetrocknet sein?

Klassische Antwort: Das kommt darauf an, wie sich die Dinge weiterentwickeln. Wenn wir eine Entspannung der Lage haben, und die Bühnen wieder eröffnen können, wird es einen Run geben.

An welche Bedingung ist Entspannung geknüpft?

Das ist eine Entscheidung, die nicht der Kulturdezernent trifft. Die wird im Zuge der Risikoabschätzung erfolgen.

Wenn eine Entspannung irgendwann eintreten sollte, wie wäre dem Kulturleben wieder aufzuhelfen?

Wir sind dann ohnehin relativ nah vor der Sommerpause für viele Institutionen. Für einen Start nach der Sommerpause, wenn unsere Unterstützungsmaß-nahmen tragen, wovon ich aus gehe, und auch die Maßnahmen für die freitätigen Kulturschaffenden, die Bund und Land angekündigt haben, dann würde es wieder einen regulären Start geben.

Axel Imholz (Foto: Stadt Wiesbaden)

Was bleibt im Moment? Was empfehlen Sie, wie wir uns derzeit zu Hause kulturell beschäftigen können?

Das hängt von den jeweiligen Vorlieben ab. Das Kulturangebot aus der Konserve ist die erste Wahl. Da muss man auch nicht hamstern. Da haben die meisten Vorräte zu Hause. Sprich Video oder CD, und es gibt im Netz, u. a. auf Youtube, viele Konzerte aus dem klassischen und populären Bereich, die man sich anhören kann. Und natürlich Bücher, Bücher, Bücher … So viel Zeit zum Lesen wird man außerhalb des Urlaubs selten haben.

Und was bleibt Ihnen selbst?

Ich bin ja Filmfan, und da stapeln sich schon seit Monaten DVDs mit Filmen von Schlöndorff, Wenders, Fassbinder, Fritz Lang und aktuelle Filme. Ich könnte wahrscheinlich mit Filmegucken Wochen überstehen. Und es liegen noch Hunderte von Comics auf dem Stapel.

Haben Sie denn überhaupt Zeit dafür?

Naja, aktuell bin ich voll ausgelastet. Auch, wenn das öffentliche Kulturleben ruht, die Kulturschaffenden sind noch da und brauchen jemanden, der sich für ihre Belange einsetzt. Ich bin voll ausgelastet, aber eben nicht am Wochenende … Mein Wochenende ist sonst verplant mit Veranstaltungen. Die entfallen. Und insofern habe ich ungewohnte Freizeit.

Die Situation zeigt, wie verletzlich auch Kultur sein kann …

Das ist richtig. Und das gilt insbesondere für die freie Kulturszene, die keine Planungssicherheit hat. Planungssicherheit zu schaffen, sehe ich als oberste Priorität. Das haben wir in den letzten beiden Haushaltsrunden berücksichtigt. Das gibt uns jetzt Spielräume, im Vorgriff auf die Gesamtsumme jetzt schon vorab Auszahlungen zu machen.

Inwiefern ist Kultur auch Überlebensmittel?

Kultur gehört zum Menschsein dazu, und sie wird mit uns auch immer fortbestehen. Kultur hat ja auch in Deutschland schon viele Krisen überstanden. Ich bin mir sicher, auch diese Krise wird überstanden. Wenn alle Ebenen unseres Staates erkennen, welchen Stellenwert Kultur hat, sind die Voraussetzungen eigentlich gut.

Wenn der Förderverein Literaturhaus jetzt einen Chat über Bücher online auflegt, würden Sie daran teilnehmen?

Nein. Ich habe vor einigen Jahren für mich festgelegt, dass ich mich grundsätzlich nicht an Online-Diskussionen beteilige.

Warum nicht?

Als das Internet angefangen hat, bin ich in vielen Fach-Foren gewesen, da gab es damals sogenannte Trolle, die mitgemacht haben, um zu provozieren. Heute dominieren Trolle die Foren. Es sei denn, man hat kleine geschlossene Gruppen, da ist es gerade in dieser Zeit sinnvoll und eine Teilnahme sei jedem gegönnt.