Muss man sich heutzutage noch an den Rivalitäten der beiden Landeshauptstädte abarbeiten? Eigentlich nicht, oder? Wer Basisarbeit betreibt, z. B. wenn er oder sie Programmhefte für das Wiesbadener Literaturfestival vom 24. bis 28. Juni 2026 in Mainz verteilt, erlebt auch Zurückweisungen. Manche begründet sich darin, dass an manchen Orten die Auslage werbender Publikationen grundsätzlich nicht erwünscht ist. Manches verstrickt sich aber auch in den kommunikativen Untiefen der beiden Ebsch-Zuweisungen. Ein persönlicher Erfahrungsbericht von Armin Conrad.
Die junge Frau am Info-Counter im Merchandise-Center der Rhein-Main-Verlagsgruppe im Schatten des Doms war geübt in Geduld, die man an einem Arbeitsplatz mit Publikumsverkehr braucht. Ich sagte meinen Spruch.
„Guten Tag, ich komme vom Wiesbadener Literaturfestival, das vom 24. bis 28. Juni an der Villa Clementine an der Ecke Frankfurter Straße/Kleine Wilhelmstraße stattfindet und ich habe einige Programmhefte dabei und möchte fragen, ob ich diese bei Ihnen auslegen darf.“
„Is Wiesbaden!“ Sie sah ihre Kollegin rechts neben ihr aus den Augenwinkeln an. Diese war offenbar ihre Vorgesetzte, hob aber die Nase nur sehr kurz — für vielleicht eine halbe Sekunde.
„Doch, doch, das können wir machen.“ Jetzt war auch die junge Frau wieder ganz entspannt und als ich dann hinzufügte, dass ja der ehemalige Chefredakteur des Wiesbadener Kurier die Eröffnungsveranstaltung moderieren würde, war das Eis endgültig gebrochen. Wären zehn Exemplare okay? „Klar, wir finden dafür einen gut passenden Ort.“
Zwei Bistros, einen Frisör, ein Museum und eine Buchhandlung weiter. Volksbank Darmstadt-Mainz, Filiale Gonsenheim.
„Guten Tag, ich komme vom Wiesbadener Literaturfestival, das vom 24. bis 28. Juni an der Villa Clementine an der Ecke Frankfurter Straße/Kleine Wilhelmstraße stattfindet und ich habe einige Programmhefte dabei und möchte fragen, ob ich diese bei Ihnen auslegen darf.“
„Da muss ich meinen Chef fragen.“ Die Frau verließ ihren Bankschalter und verschwand in den hinteren Räumen. Zwei Minuten später die Rückkehr und ein strenger Blick: „Nein, das geht nicht.“ Ich zeigte auf den mittelvoll mit Flyer und Foldern gefüllten Ständer gegenüber den Geldautomaten. Warum nicht?
„Weil es Wiesbaden ist. Wir machen hier nur für unsere Sachen Werbung.“
„Auf Wiedersehen.“ „Auf Wiedersehen.“
Stadthaus Mainz, Große Bleiche, zentraler Ort der Mainzer Stadtverwaltung, riesiges Foyer und ein großer Ständer mit vielen eingesteckten Papieren.
„Guten Tag, ich komme vom Wiesbadener Literaturfestival….“
Der Mann hinter der Glasscheibe ist freundlich. „Ich frag mal nach.“ In den folgenden anderthalb Minuten hörte er angestrengt in den Vintage-Telefonhörer hinein und nickte hier und da. „Es geht leider nicht.“ Ich wies auf den großen Ständer.
„Wir dürfen hier nur Sachen auslegen, wo das Mainzer Stadtwappen drauf ist“ „Darf ich Sie so zitieren.“ „Wenn Sie meinen, ja.“ Hoffentlich bekommt er keinen Ärger.
„Guten Tag, ich komme vom Wiesbadener Literaturfestival…“ Inzwischen war ich in der Hauptfiliale der Buchhandelskette mit dem Doppel-U angekommen. Die Frau am Info-Stand im Erdgeschoss war zuversichtlich und ich auch. In den vergangenen Jahren hatte ich immer zehn Stück bei Hugendubel ausgelegt bekommen. „Gehen Sie in den ersten Stock, wir haben ja jetzt das Café dort oben.“
Tatsächlich, vierundzwanzig Treppenstufen höher sah ich: Ein wirklich schickes Café ist dort entstanden, viele Sitzgelegenheiten, sehr einladend. Aber: Der Mann hinter der Info-Theke lehnte ab. „Früher, als wir nur den Kaffee-Automaten hatten, gab es daneben ein bisschen Platz für Werbung.“ Aber jetzt habe man grundsätzlich entschieden, „so etwas nicht mehr zu machen.“
„Darf ich Sie so zitieren?“ „Soll das eine Drohung sein?“ „Ja, das soll eine Drohung sein.“
Ich ging die 24 Treppenstufen wieder hinunter und sagte der Dame im Erdgeschoss noch, dass es wohl alles etwas anders geworden sei — eine Etage höher. Und so ist die Hugendubel-Hauptfiliale im Brandzentrum der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt Mainz die einzige Buchhandlung der Stadt, die willentlich ‚programmheftfrei‘ bleibt. Vielleicht gehört das ja zum Profil für die eigene Wettbewerbsposition, ein „unique selling point“ gewissermaßen, jetzt, da die Kettenkonkurrenz Thalia in die Nachbarschaft am Höfchen einrückt.
Das alles sollte nicht überbewertet werden, man muss es vielleicht nicht zuspitzen. Aber im Verhältnis zwischen Mainz und Wiesbaden gibt es offenbar nach wie vor „Ebsch-Seit-getränkte“ Gedankenbiotope. Humor bitte! Und davon versteht Mainz ja selbsterklärenderweise so sehr viel mehr als Wiesbaden.
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