Bücher-Speed-Dating – Von Tisch zu Tisch

30.04.2019, von Hendrik Jung


Einen solch angeregten Austausch wünscht man sich bei jedem Speed-Dating, in diesem Fall über Bücher, und da ist der Geräuschpegel so groß, dass man die 13 parallel geführten Gespräche bereits am Eingang des Literaturhauses hört.
Leidenschaftlich werden in jeweils fünf Minuten die Vorzüge der Werke vorgestellt, die neue Liebhaber/innen finden sollen. „Er beginnt als Weiberheld, das ist kaum lesbar“, beschreibt Viola Bolduan Wolf Biermanns frisch erschienene Novellensammlung „Barbara“. Dann aber lobt die frühere Feuilleton-Chefin von Wiesbadener Kurier/Tagblatt die politische Dimension und weist darauf hin, dass man viel über den Umgang des Bürgerrechtlers mit einem seiner zehn Kinder erfahre. „Das hätte ich ihm nicht zugetraut, dass er sich so liebevoll mit den Kindern beschäftigt„, zeigt sich Dating-Partnerin Birgit Goehlnich erstaunt. Kurz darauf sorgt sie dafür, dass der Stapel der Scheine neben der versierten Verkäuferin wächst.

Gekauft wird aus ganz unterschiedlichen Gründen. Eine junge Frau erwirbt „Alte weiße Männer“, weil das Buch von Sophie Passmann ohnehin auf ihrer Leseliste gestanden habe. Eine Mutter entscheidet sich für Kazuo Ishiguros Dystopie „Alles, was wir geben mussten“. Das scheint ihr eine interessante Lektüre für ihre Tochter zu sein, die verletzt das Bett hüten muss.

Die Auswahl ist groß. Manfred Beilharz etwa hat die Erzählung „Der schöne Ort“ seines Freundes Tankred Dorst mitgebracht. „Ich möchte, dass das auch zur Kenntnis genommen wird. Er wird immer ausschließlich als Dramatiker gesehen“, erläutert der ehemalige Intendant des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden. Die Autoren Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz präsentieren eigene Werke, etwa über die Familie Georg Büchners oder über Piraten in Nord- und Ostsee. Literaturwissenschaftlerin Ulrike Scholtz wiederum hat gleich Dutzende Bücher mitgebracht, darunter den Roman „Romeo oder Julia“ von Gerhard Falkner.

Gerne unterstützen alle den guten Zweck, dass der Erlös dem Förderverein des Literaturhauses dazu dient, erneut ein Stipendium auszuschreiben für Autoren/innen, die in Deutschland im Exil leben.

Der Artikel in voller Länge ist erschienen am 25.04.2019 in Wiesbadener Kurier/Tagblatt