Interview mit Georg Stefan Troller

16.04.2019, von Viola Bolduan


Ein zauberhafter Moment:
„Eintauchen in eine verlorene Kindheit“

WIESBADEN/PARIS. Georg Stefan Troller, Schriftsteller, Fernsehjournalist und Dokumentarfilmer, hat ein neues Buch im Wiesbadener Römerweg-Verlag herausgebracht. „Ein Traum von Paris“ enthält frühe Texte und Fotos aus den 50er Jahren. Am 25.4. kommt der 97-Jährige aus Paris und stellt seinen Band im Veranstaltungszyklus zum Welttag des Buches, 19.30 Uhr, im Literaturhaus vor. Konzentriert und vital beantwortet er am Telefon in Paris Fragen aus Wiesbaden.

Herr Troller, wie kam es zur Veröffentlichung von „Ein Traum von Paris“?

Ja, das hat mich sehr ergriffen: Meine Tochter hat nach 60 Jahren unter dem Bett in einem Karton in der Wohnung meiner geschiedenen Frau diese Fotos gefunden, sie mir gebracht und gefragt: ,Kannst du damit irgendetwas anfangen?‘ Das war für mich ein zauberhafter Moment. Da war auf einmal ein Stück meiner Jugend wieder da. Fotos, an die ich nicht mehr gedacht, sondern geglaubt hatte, sie seien auf dem Müll gelandet.

Sie hatten diese Fotos vor über 60 Jahren aufgenommen. Konnten Sie sich, nachdem sie wiederentdeckt waren, an die damalige Situation in Paris noch erinnern?

Eigentlich nur sehr wenig. Ich konnte mich aber an die Stimmung erinnern, in der ich diese Fotos aufgenommen hatte. Das ist auch einer der Gründe, warum das Buch „Ein Traum von Paris“ heißt, weil es weniger die Realität als der Traum von einem verschwundenem Paris war, in dem ich meine Kindheit wiederentdecken konnte.

Diese Fotos damals bildeten vor allem Ihren eigenen „Traum von Paris“ ab?

Ja, das Lebensgefühl des Emigranten, dessen ganze Kindheit und Jugend zusammengebrochen war. Das Trümmer-Paris der Vororte hat mich an mich selbst erinnert. „Le petit peuple“ von Paris, die kleinen Leute, die armen Leute erinnerten mich irgendwie an mich. So empfand ich mich selbst damals.

Was aber hatten Sie in diesen Armenvierteln auch an Neuem für sich entdecken können?

Hinzu kam, wie ich es nennen möchte, eine ,Ästhetik der Verkommenheit‘, so wie beim Besuch antiker Ruinenstätten und Sehenswürdigkeiten: Ich empfand diese Trümmerlandschaft als schön.

Welchen Reiz hat denn eine in Bildern festgehaltene Vergänglichkeit?

Für mich entsteht der Reiz einer Zusammengehörigkeit: dass man einen Augenblick lang in die Vergangenheit eintauchen kann und wieder einen Moment lang dazu gehört. Das ist wie das Eintauchen in eine verlorene Kindheit, die man spurenweise wiederfindet.

Warum haben Sie in diesen Porträt-und Szenen-Fotos vor allem Frauen, alte Menschen und Kinder aufgenommen?

Das hat mich auch gewundert. Aber ich glaube, die Männer waren auf Maloche, im Bistro, oder beim Boule-Spiel, zurück blieben die Frauen und die kleinen Kinder. Ich habe nie etwas gestellt bis auf das allerletzte Foto im Buch (Anm. d. Red.: Szenario über drei Stockwerke). Aber natürlich habe ich gewartet, bis der entscheidende Moment gekommen war.

Inwiefern kann das Bild eine „Erlösung vom Wort“ sein, wie Sie in einem Ihrer Texte im Buch schreiben?

Es geht um die Angst vor dem Sprachverlust. Die hatte ich schon damals als junger Autor. Die Sprache zieht sich bei allen Emigranten langsam zurück. Sie tut es auch noch heute. Der Anspruch der Sprache ist nicht mehr zu erfüllen. Die Sprache ist beleidigt, weil du sie nicht mehr beherrschst.

Aber Sie beherrschen die deutsche Sprache doch! Müssen Sie sich jedes Mal beim Schreiben überwinden?

Nein, keine Überwindung, aber es herrscht ein Angstgefühl, dass die Sprache nicht kommt. Das ist ein ganz wichtiger Bestandteil der Emigration bei Autoren und etwas, worüber sie nie schreiben. Die Texte zu schreiben, wird immer anstrengender, sie kommen nicht mehr von allein. Das ist ein Resultat von 60 Jahren Abwesenheit von der Heimat.

Welche Texte haben Sie in diesem Buch zusammengestellt?

Ich habe für das Buch ältere Texte herausgesucht, die mehr oder weniger aus dieser Zeit stammen, meine frühen Erfahrungen und Entdeckungen in Paris, bevor ich es journalistisch zu sehen lernte. Als ich Paris noch als meine Geliebte ansehen konnte und nicht als mein Ausbeutungsobjekt.

Kann Paris nicht auch beides sein?

Es muss beides sein. Aber man hat immer gemischte Gefühle dabei. Paris war ein Liebesverhältnis, auf einmal wird es ein Beschreibungsobjekt. Die Urgefühle zu Paris waren die zu einer schwer zu erobernden Geliebten, die verlieren sich dann und werden zu solchen, wie zu einer Ehefrau.

Was kann ein Text im Unterschied zum Bild?

Das ist eine Frage, mit der ich mich immer auseinandergesetzt habe, auch in meinen Filmen. Im Fernsehen kann der Text das Bild ausdeuten, vertiefen, schärfen, der Text darf aber nie aussprechen, was das Bild schon aussagt. Ich habe das in meinen Interviews genannt: „Das Wort als Bild“. Das Wort muss mit dem Bild verschmelzen, muss eins mit ihm werden und eine höhere Einheit ergeben. Darum habe ich mich in meinen Filmen immer bemüht. Je kürzer der Text, je zugespitzter, umso besser. Und am Mikrofon noch einmal einen Satz zu streichen, ist ein Triumph. Das Bild reicht. Das Bild spricht. Ich bin ein großer Bewunderer des Bildes.

Das ist in Fernseh-Interviews heute aber anders…

Es wird viel gequatscht. Die Leute zeigen sich selbst im Bild, und der Troller hat sich nie im Bild gezeigt. Ich wollte, dass man sich auf die Leute konzentriert, über die ich gedreht hatte und nicht zeigen, dass der Troller da sein Mikrofon hinhält.

Ist Fernsehjournalismus denn eitler geworden?

Ja, aber was ich hatte, war eine versteckte Eitelkeit. Ich wollte wirken, ohne, dass ich mich zeige. Das war die Kunst. Dass das ganz persönlich wirken sollte, unverwechselbar, war schon meine Absicht. Ich wollte eine persönliche Einstellung zeigen – aber, ohne mich zu produzieren. Wie ein Filmregisseur, der sich ja auch nicht zeigt, aber in jeder Einstellung drin ist.

Georg Stefan Troller stellt das Buch am 25.4., 19.30 Uhr, im Literaturhaus vor. Nur Abendkasse: 10 €.  Zur Veranstaltung