Herr Rietzschel, im September werden Sie den Rheingau-Literatur-Preis für Ihren Roman „Sanditz“ erhalten. Es ist nicht der erste Preis in Ihrer Schriftsteller-Laufbahn. Was bedeuten solcherart Auszeichnungen für Sie?
Ich bin irre dankbar für diese Wertschätzung meiner Arbeit, dass sie Sichtbarkeit erfährt und diese Art von Würdigung. Bei aller Freude auch über das Preisgeld, das mir weiteres künstlerisches Arbeiten ermöglicht, weiß ich aber auch um die Probleme, die diese Preise mit sich bringen, dass sie suggerieren, das eine oder andere Werk sei besser oder schlechter. Wir Autorinnen und Autoren finden uns manchmal in Wettbewerbs- und Hierarchisierungsprozessen wieder, die wir eigentlich ablehnen.
Wiesbaden ist Partnerstadt von Görlitz, wo Sie leben. Ist Ihnen diese Städtepartnerschaft bekannt und können Sie sich vorstellen, warum sich diese beiden Städte ausgesucht haben?
Beide Städte sind auch wundersame Weise vor Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg verschont geblieben, beide sind wunderschön und gelten als betuliche Rentnerparadiese. Wiesbaden ist Landeshauptstadt, das ist Görlitz leider nicht. Das würde Dresden auch niemals zulassen.
In der Jury-Begründung zum Rheingau-Literatur-Preis für „Sanditz“ heißt es u.a.: „Ihre Wenzel-Familie“ seien „Lausitzer Weltbürgerfiguren“ Das hat Jury-Vorsitzender Andreas Platthaus schön formuliert. Inwiefern stimmen Sie dieser Deutung zu?
Ich freue mich ganz grundsätzlich, dass Herr Platthaus die Familie als Kern der Geschichte in den Vordergrund stellt und nicht „den Osten“. Und dass er damit andeutet, dass die Figuren dieses Romans zwar lokal verwurzelt sind, aber Probleme haben, die global sind.
Es stimmt freilich auch, dass es in erster Linie Lausitzer Figuren sind mit ihrer speziellen Herkunft, DDR- und Wende- und Nachwende-Erfahrungen, die beispielsweise ich als Wiesbadenerin nicht teilen kann. Ich kann mich allerdings dank der Hilfe Ihres Buches in die Figuren hineinversetzen. Und wie versetzen Sie sich in Ihre Erfindungen? Haben Sie dafür reale Vorbilder, oder geht Figurenzeichnung auch rein aus der Fantasie?
Eine Mischung, würde ich sagen. Mein Schreiben ist immer ein Schöpfen aus mir selbst, aus meinen mir nächsten Erzählungen, aber auch viel Recherche, klar. Ich mag alle meine Figuren, alle sind mir nahe, wenngleich sie mir unsympathisch sein können. Diese Ambivalenz herauszuarbeiten begreife ich als den Kern meiner Arbeit.
Hineingezogen in den Roman hat mich der Krabat-Prolog. Die Raben kommen erst wieder nach 460 Seiten am Ende vor – diesmal als todbringende Drohnen. Eine literarische Legende stößt auf eine reale Waffe – und die Waffe wird am Ende gewinnen und töten. Die Zukunft ist finster und lässt keine Hoffnung zu?
Das würde ich so nicht sagen, nein. Dirks Entwicklung zum Beispiel ist der Entwicklung von Tom ja gegenläufig. Er bricht auf, fängt neu an. Alle Charaktere dieses Textes sind Träumende. Und sie stehen vor der Frage: Für den Traum leben und sich dabei selbst verlieren, oder den Traum beenden und am Leben bleiben.
Der Roman hat fast 500 Seiten, die sich sehr leicht lesen lassen – hat er sich auch leicht schreiben lassen?
Mal so, mal so. Schreiben lässt sich vieles schnell und leicht, aber das Nachverdichten, Nachschärfen, das ist die eigentliche Arbeit. Die jetzt 500 Seiten waren mal um die 800. Sechs Jahre Arbeit stecken in diesem Text. Das war ein hartes Ringen.
Im Roman „Sanditz“ werden wichtige Bücher abgeschrieben, Kafka, Biermann, etc.. Das spricht für ihren Wert, aber auch davon, dass Literatur immer dann ernst genommen wird, wenn die Zeiten und das Denken eng zu werden drohen. Inwiefern taugt Literatur gegen Angst?
Mir war es wichtig, die Literatur und den Austausch darüber als eine Freiheit in der Unfreiheit zu kennzeichnen. Die Gedanken sind immer frei, aber erst im Austausch, auch in den kleinsten Kreisen kann daraus eine subversive Kraft entstehen. Diese Kleinteiligkeit des Widerstands wollte ich erzählen.
Literatur ist jedenfalls keine Partei, die im September in Sachsen-Anhalt gewählt werden könnte. Aber was kann Literatur stattdessen und darüber hinaus?
Literatur kann alles. Kunst kann alles. Der Mensch kann alles. Das Gute und das Schlechte, meistens sogar gleichzeitig. Schwer auszuhalten, ich weiß.
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