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Ronya Othmann: Die Sommer


Ronya Othmann: Die Sommer, Carl Hanser Verlag, München 2020 (285 Seiten, 22,- Euro)

Mit „Vierundsiebzig“, einem Text über den Völkermord an den Êzîden*, sorgte Ronya Othmann im Jahr 2019 beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb für Aufmerksamkeit und wurde mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Nicht der einzige Preis, den die 1993 in München geborene Autorin, die am Literaturinstitut in Leipzig studiert, bislang erhielt. Mit „Die Sommer“ hat sie nun ein überzeugendes Romandebüt vorgelegt. Die Geschichte ist eng an ihre eigenen Lebenserfahrungen angelehnt, auch Ronya Othmann ist wie Leyla, das Mädchen im Roman, Tochter eines êzîdischen Kurden und einer Deutschen. Sie kennt, wovon sie schreibt, und sie hat das Talent, die Gefühle von Fremd- und Zerrissenheit in vielen Episoden nachhaltig zu bebildern. So erzählt Othmann die Geschichte Leylas und ihrer Familie zwar als Er-/Sie-Erzählung und betont damit die Distanz zu ihrer eigenen Person. Die Perspektive bleibt jedoch Leylas Sicht auf die Welt, eine Welt, die immer mehr auseinanderfällt.

Jeden Sommer reist Leyla mit ihren Eltern von einer Reihenhaussiedlung bei München zur Familie ihres Vaters nach Kurdistan, in das Dorf Tel Khatoun nahe der türkischen Grenze. „Das Land hatte zwei Namen“ stellt das Mädchen fest, „Syrien/die Syrische Arabische Republik“ und „Kurdistan“. Aber den Letzteren darf sie nicht aussprechen, denn die Augen Assads sind allgegenwärtig. Im Lehmhaus ihrer geliebten Großmutter wägt die Kleine von Anfang an das Für und Wider der unterschiedlichen Lebenswelten ab: Hier schlafen alle eng beieinander, es gibt kaum Rückzugsmöglichkeiten, dafür stehen die Haustüren offen, man besucht einander, es gibt viel menschliche Nähe. Während der Lebenstraum ihrer Cousine Zozan sich in der Hoffnung auf einen Mann und sieben Kinder beschränkt, hat Leylas Vater für sie Abitur und erfolgreiches Studium vorgesehen.

Leylas Vater Silo ist derjenige, der möchte, dass seine Tochter all die Möglichkeiten nutzt, die ihm versagt geblieben sind. Denn als staatenloser Ausländer im eigenen Land hat er u.a. nicht studieren dürfen. Er, ein Religionskritiker und aufgeklärter Bücherfreund, ist vor der Geheimpolizei geflohen, in türkischen Gefängnissen misshandelt worden. – Die Ich-Erzählungen des Vaters sind es, die Leylas Sicht um die politische Dimension erweitern. Er berichtet von Verfolgung und Vertreibung, der Ermordung des Urgroßvaters und seinen eigenen Kindheitserfahrungen, als Kurdisch in der Schule nicht gesprochen werden durfte. „Vergiss nicht, dass du Kurdin bist!“, erinnert er seine Tochter immer wieder. Das ist jedoch nicht nur in Syrien ein Problem, auch in der Schule zuhause in Deutschland wird sie mit der Ablehnung von Kindern aus türkischen Familien konfrontiert: „Kurdistan gibt es nicht.“ Und ihre beste Freundin Bernadette kann alle diese Probleme nicht nachvollziehen.

Während Leyla in Deutschland langsam erwachsen wird und studiert, spitzt sich die Situation im syrischen Bürgerkrieg immer mehr zu. Der IS greift Kobanê an, Aleppo wird zu einer einzigen Ruine. Die Angst um die Familie wächst, im August 2014 beginnt der IS den Genozid an den Êzîden im Nordirak und weitet zugleich sein Einflussgebiet immer weiter aus. Leyla, gerade verliebt, verzweifelt an der Unbekümmertheit ihrer Freunde in Deutschland angesichts des Völkermords…

Gerettet sind – und das ist nicht genug, aber ein Anfang , der Sprengkraft entfalten kann – die Erinnerungen Leylas an das, was war; festgehalten in einem berührenden Roman, der sich unter die Haut brennt.

 

Rita Thies

 

*Êzîden ist die Schreibweise im Roman, eine, die auch unter den in Deutschland lebenden „Jesiden“ üblich ist.