Literaturforum am 29. September 2020 im Online-Chat

Andreas Schäfer: Das Gartenzimmer


Andreas Schäfer: Das Gartenzimmer. DuMont Buchverlag Köln 2020. (346 Seiten. 22,-Euro)

Ein Haus kann gleichermaßen Sehnsuchtsort und Fluch sein. Die Villa Rosen in Berlin-Dahlem, die Andreas Schäfer in „Das Gartenzimmer“ ins Zentrum des Geschehens rückt, ist wie geschaffen, um auf ihre Bewohner einzuwirken und die unterschiedlichsten Phantasien und Gefühle auszulösen. Der Prachtbau im neoklassizistischen Stil mit Satteldach und Gauben stammt aus dem Jahr 1909, geplant von dem jungen Architekten Max Taubert.

Es ist sein mit vielen architektonischen Eigenheiten versehenes Erstlingswerk, ohne Keller, im Untergeschoß mit einem Gartenzimmer.

Um das Anwesen und dieses besondere Zimmer schildert nun Schäfer über eine erzählte Zeit von mehr als hundert Jahren, von 1908 bis 2013, die Geschichten seiner Bewohner. Das geschieht nicht chronologisch, doch ist die Orientierung durch Jahreszahlen über den Kapiteln gewiss. Zudem wählt der Autor zwei parallele Erzählstränge, die geschickt zusammenlaufen und so peu à peu auch die dunklen Geheimnisse, die mit der Villa verbunden sind, ans Licht bringen.

Für Max Taubert wird der Landsitz, mit dem ihm Professor Adam und Elsa Rosen beauftragt haben, zum Ausgangspunkt seiner Karriere. Durch die Rosens bekommt er die besten Kontakte, lernt auch seine Frau über die beiden kennen. Insbesondere Elsa Rosen, eine glänzende Gastgeberin verschiedenster Festivitäten im Hause, ist begeistert von dem jungen Taubert. Umso enttäuschter ist sie, als der Kontakt nach Tauberts Scheidung von seiner Ehefrau abbricht und er schließlich sogar der Beerdigung Adam Rosens fernbleibt. Es ist das Jahr 1928, Taubert gehört nun zu denjenigen Architekten, die sich dem Neuen Bauen verschreiben. Mit seinem ersten Traumhaus will er nichts mehr zu tun haben. Elsa lässt ihn aus Ärger über sein Verhalten sogar aus den Bauakten der Villa Rosen streichen. Doch mit der Herrschaft der Nazis ändert sich sein Verhalten, denn nun ist das Neue Bauen nicht mehr gefragt. Er nimmt wieder Kontakt zu Elsa auf und überrascht sie schließlich sogar mit Alfred Rosenberg im Schlepptau zu Hause…

Nachdem die Villa Rosen zehn Jahre leer gestanden hat, kaufen im Jahr 1995 Hannah und Frieder Lekebusch das Objekt. Die Renovierung ist ein gewagtes Unterfangen, denn die Auflagen des Denkmalschutzes fordern üppige Finanzmittel. Für Frieder, der als Pharmaunternehmer mit Generika sein Geld gemacht hat, ist das kein Hindernis, sondern eher Herausforderung, sich endlich einem Unikat zu widmen. Schwieriger gestaltet sich da schon das Verhältnis zu Hannah, denn sie macht mittlerweile nicht nur die Restaurierung, sondern die Inszenierung des Hauses als wiederentdecktes Bauwerk des berühmten Architekten Taubert zu ihrem Lebenswerk. Der Abglanz des verstorbenen Meisters verspricht auch ihr mehr Ruhm und Geltung. So stapfen, um Sichtachsen bewundern zu können, bald Besuchergruppen durchs Schlafzimmer. Und für das findet der Hausherr dann auch bald eine andere Besetzung…

Andreas Schäfer bildet in „Das Gartenzimmer“ einen ganzen Kosmos von Lebensschicksalen ab und wirft dabei interessante Fragen zum Umgang mit deutscher Geschichte auf. – Und wer gewillt ist: Oder ist das Unheimliche letztendlich das Haus selbst?

Rita Thies