Literaturforum am 4. Februar 2020

Éric Vuillard: Die Tagesordnung / Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer


Für „Die Tagesordnung“ ist Eric Vuillard 2017 mit dem bedeutendsten Literaturpreis Frankreichs ausgezeichnet worden, dem Prix Goncourt. Vuillard erzählt pointiert deutlich die Geschichte, wie das NS-Regime zwischen Anfang 1933 bis zum Münchener Abkommen im September 1938 seine Macht ausgebaut und Europa ausgetrickst hat: „Die Welt gehorcht dem Bluff.“

Der studierte Historiker, Autor und Filmemacher Vuillard ist ein Meister der szenischen Verknappung. Anhand weniger Episoden, die er literarisch wie in einem Film ausgestaltet und miteinander montiert, schafft er eine große Erzählung: Da werden am 20. Februar 1933 vierundzwanzig hochrangige Vertreter der deutschen Industrie zu einem Treffen mit Adolf Hitler geladen, und Hjalmar Schacht spricht Klartext: „Und nun, meine Herren, an die Kasse.“ So füllt sich die Wahlkampfkasse der Nazis. Als Kurt von Schuschnigg im Juli 1936 Hitler heimlich auf seinem Berghof besucht, erlebt der österreichische Bundeskanzler dies Treffen als einzige Demütigung. Die Einschüchterung, die unverschämten Drohungen und Ultimaten der Nazis funktionieren. So auch bei der Annexion Österreichs, die Welt glaubt den Wochenschaubildern von der mächtigen Wehrmacht, obwohl die Panzer in Österreich erst einmal liegenbleiben…

Während Vuillard in seinem schmalen Büchlein Geschichte in Miniaturen erzählt, betätigt sich Karen Duve in ihrem üppigen Roman „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ eher als literarische Historienmalerin. In dem biografischen Roman über das Leben der jungen Annette von Droste-Hülshoff von 1817 bis 1821 entsteht zugleich ein großes Panoramabild der Zeitgeschichte. Ob die Brüder Grimm, Heinrich Heine, Turnvater Jahn, Karl Ludwig Sand, August von Kotzebue … sie alle treffen wir hier.

Annette von Droste-Hülshoff (1797–1848) ist eine gebildete und intelligente junge Frau, die mit ihrer extremen Kurzsichtigkeit ebenso wie mit den gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit zu kämpfen hat. Statt in Demut zu sticken, sich dem Haushalt zu widmen und ansonsten zu schweigen, schreibt sie lieber und mischt sich in die Gespräche der Männer über Literatur und Politik ein. Ein Umstand, welcher der selbstgefälligen Männerriege um ihren kaum älteren Onkel August von Haxthausen ebenso wie vielen Frauen in ihrer Familie gar nicht gefällt. Nette begehrt mit spitzer Zunge gegen die Abwertung ihrer Person und ihres Könnens auf und findet allein in dem von Onkel August gesponserten „Genie“, dem bürgerlichen Studenten Heinrich Straube, einen Unterstützer, der sie wertschätzt. Doch kaum entspinnt sich zwischen den beiden eine kleine Liebesgeschichte, wird auch schon eine gemeine Intrige entwickelt …

So verschieden die beiden Romane auch sein mögen, für ein zusätzliches Lesevergnügen sorgen in beiden die Erzählerstimmen, die oft ironisch, manchmal auch bissig-subversiv daherkommen.

Rita Thies