Literaturforum am 19. März 2019

Laura Alcoba: Das Kaninchenhaus und Francesca Melandri: Alle, außer mir


Am 19. März 2019 stehen auf dem Programm des Literaturforums:

  • Laura Alcoba: Das Kaninchenhaus (Insel Verlag Berlin 2010, Original 2007) –  Leider ist das Bändchen nur noch antiquarisch zu erstehen.
  • Francesca Melandri: Alle, außer mir (Verlag Klaus Wagenbach 2018; es gibt jetzt auch eine Ausgabe der Büchergilde…)

Laura Alcoba: Das Kaninchenhaus

»Das Kaninchenhaus« ist das Erstlingswerk Laura Alcobas, ein autobiografischer Roman, in dem sie von ihrer Kindheit in Argentinien kurz vor und um den Militärputsch (1976) erzählt. Ihre Eltern sind in La Plata Mitglieder der bewaffneten Untergrundbewegung, der Montoneros. Auf der Flucht vor dem Staat und seiner inoffiziellen Todesschwadron leben sie versteckt mit falscher Identität. In dem Haus, in dem sie wohnen, betreiben sie vorgeblich eine Kaninchenzucht, tatsächlich ist es ein wichtiges Zentrum der Untergrundbewegung. Denn die Druckerpresse der Organisation steht in einem versteckten Raum. Die Siebenjährige versucht, bei dieser Camouflage in ständiger Angst nichts falsch zu machen. So weiß sie beispielsweise, dass sie die richtigen Namen der Familie nicht nennen darf.  Im Gespräch mit einer Nachbarin, die nach dem Familiennamen fragt, antwortet sie deshalb: »Wir haben keine Namen. Meine Eltern sind Herr und Frau Garnichts …«  – Doch nicht deshalb wird es für die Bewohner des »Kaninchenhauses« immer gefährlicher … Das kleine, gerade etwas über 100 Seiten starke Buch ist in mehrere Sprachen übersetzt worden und wird zu den wichtigsten zeitgenössischen Werken der argentinischen Erinnerungsliteratur gezählt. Unverständlich, warum es zurzeit in Deutschland nur antiquarisch zu erwerben ist.

Francesca Melandri: Alle, außer mir

Den Artikel zu Francesca Melandris fast 600 Seiten starken Roman »Alle, außer mir« übertitelte Enrico Ippolito im Sommer im »Spiegel«: »Lesen Sie dieses Buch, wenn Sie Italien verstehen wollen.« Recht hat er. Aber ich möchte anfügen: Lesen Sie dieses Buch auch, wenn Sie an der Ambivalenz menschlichen Handelns interessiert sind. Denn die Protagonisten in ihrem Roman sind auf unterschiedliche Art Meister der Verdrängung. Bei Ilana Profeti, einer Frau Mitte 40, steht in Rom im Jahr 2010 plötzlich ein junger Mann aus Äthiopien vor der Tür und behauptet, ihr Neffe zu sein. Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti sei sein Name. Die linksliberale Lehrerin zweifelt: Sie weiß zwar, dass ihr Vater Attilio Profeti schon einmal heimlich eine zweite Familie hatte. Sie kennt auch nur seine Partisanengeschichte aus der Zeit des italienischen Faschismus. Ein weiterer Sohn in Äthiopien? Aus der Zeit, in der Mussolini und seine Schwarzhemden Kolonien in Ostafrika errichten wollten? Als Rassegesetze erlassen wurden und Senfgas gegen die dortige Bevölkerung eingesetzt wurde? – Melandris Roman ist ein groß angelegtes Epos über drei Generationen, über Lebenslügen, die verdrängte Kolonialgeschichte Italiens und die Wirksamkeit faschistischer Denkmuster und Menschenbilder bis in die heutige Zeit.

(Rita Thies)