Literaturforum am 7. Mai 2019

J. M. Coetzee: Sommer des Lebens und Annie Ernaux: Erinnerung eines Mädchens


Am Dienstag, dem 7. Mai 2019, um 19.30 Uhr, findet im Café des Literaturhauses das nächste Literaturforum statt. Folgende Titel werden diskutiert:

  • J. M. Coetzee: Sommer des Lebens (2010, Fischer Tb)
  • Annie Ernaux: Erinnerung eines Mädchens (2018, Suhrkamp)

Wie und wie zuverlässig kann eine Autorin oder ein Autor über sich selbst erzählen? Welche Form kann sie oder er wählen, um der Tatsache Rechnung zu tragen, dass jedwede Erinnerung von der Interpretation des heutigen Ichs überschrieben wird? Wie können Wahrheit und Wahrhaftigkeit beim Schreiben über sich selbst hergestellt werden?

Nobelpreisträger (2003) John M. Coetzee wählt in seinem Roman „Sommer des Lebens“ einen besonderen Kniff: Er erklärt sich selbst schon für tot und lässt einen jungen Autor, Mr. Vincent, auf Recherche gehen, um eine Biographie über »John« zu schreiben. Im Fokus stehen die Jahre 1972-1977, als er aus den USA nach Südafrika zurückkehrt. Mr. Vincent hat den Schriftsteller persönlich nie getroffen, ihm liegen ein paar Notizen Johns aus dieser Zeit vor. Mit diesen macht er sich auf, um mit verschiedenen Personen, in der Mehrzahl Frauen, Interviews über den Protagonisten zu führen …
Eingebettet in die historische Wirklichkeit allgegenwärtiger Apartheid nutzen Autor Coetzee und sein Biograph Mr. Vincent alle Möglichkeiten der fiktionalen Welt und erschaffen eine von Humor und Selbstironie gekennzeichnete Lebenserzählung, die höchst vergnüglich zu lesen ist.

Auch die Französin Annie Ernaux schreibt in »Erinnerung eines Mädchens« von sich in der dritten Person. Sie begegnet dem Mädchen Annie Duchesne (Mädchenname) im Jahr 1958. Es ist das Jahr, in dem sie 18 geworden ist und zum ersten Mal die kleinbürgerliche Enge ihres Elternhauses allein verlassen darf. Als Betreuerin in einem Ferienlager verliebt sie sich in einen jungen Mann, der sie sexuell benutzt und brutal vor anderen erniedrigt. Sie unterwirft sich, setzt sich selbst mehr und mehr Demütigungen aus, denn Annie will frei sein und dazugehören …
Es ist eine schmerzhafte, aber auch befreiende Begegnung mit der Vergangenheit, dem anderen Mädchen, das sich der Autorin ins Gedächtnis ruft. Das Schreiben ist der Weg, um sich der tiefsitzenden Scham über das Erlebte zu stellen.

(Rita Thies)

Stimmen

Zu Annie Ernaux: Erinnerung eines Mädchens

Auf Frankreich-Besuch

Von Eckart Otto

Habe mir gerade die französische Autobiographie erstanden, das andere Buch ist scheinvergriffen. 1958 war ja auch mein Jahr, mein Urlaub in Frankreich, mit meinen Eltern. Erst Brüssel, die Weltausstellung gucken, dann in Laon auf den Kirchturm steigen, Paris Notre-Dame dito. Auf den Champs-Elysée war kein Vorankommen – meine Eltern mussten in jedes Schaufenster gucken, schrecklich! Irgendwo wollte meine Mutter mir und uns ein Eis in der Waffel spendieren, ich greife gerade zu, als es hieß: ’nö, nicht zu dem Preis‘. Ich seh‘ noch heute das unschuldige Erstaunen des Eisverkäufers. 1 Franc = 1 DM damals. In einer Seitenstraße war Foto-Session, eine fesch herausgeputzte Jüngerin sagen wir des ‚Karl Lagerlöf‘ wurde im Sonnenlicht abgelichtet, ein kleine Traube drumherum, als sich ein Passant zu einem eigenen Foto erfrecht. Prompt verwandelte sich Ihre Lieblichkeit in eine Furie. Damals schon Recht am eigenen Foto.

 

Später dann Picknick an der Loire, wundervoll auf einer Kieselinsel – bis ein Wolkenbruch losbrach. Meinen Bruder in Angoulème bei seiner Schülergastfamilie besucht, die kamen gerade von ihrem Urlaub auf der Ile d’Oléron zurück,  hinter Bordeaux den herrlich betörenden Duft der Kieferwälder der ‚Landes‘ eingefangen, angeblich von Napoléon III aufgeforstet gegen die Wanderdünen, in Biarritz am Strand die Kleidung mit Teer vom Tanker versaut, und dann Spanien: trockene Mondlandschaft, zu hell, um was sehen zu können, ich immer Durst, Wasser wird hier mit Wein verdünnt wegen der Kosten, ich bekomme auch rot gefärbtes Mineralwasser – und kämpfe bald mit meinem Schwips, am grünen Ebro-Talband in Tudelan einen Assistenzarzt meines Vaters in dessen Urlaub besucht,  bzw. dessen Eltern in deren Bäckerei im Dorf Arguedas, wo die Hälfte der Bewohner in Höhlen bei gutem Komfort wohnte, anschließend Strandurlaub in Santander, vorher natürlich in San Sebastian Pause gemacht. Bin ich doch gespannt, was Annie Ernaux so alles erlebt hat, gleicher Jahrgang wie mein Bruder. Für uns war Frankreich in bester Metamorphose zur Endstation Sehnsucht.