Armin Conrad fragt:

Soll ein Verleger auf die Buchmesse fahren?

Lothar Wekel antwortet:

Ein Verleger ist nichts anderes als ein Buchmensch, und Buchmenschen pilgern gerne auf Buchmessen, vor allem, wenn es die Frankfurter ist. Dort wechselt dann die Wahrnehmung sekündlich – was ihnen in der einen Halle groß erscheint, wird durch die nächste zur Miniatur. Glaubten sie eben noch, einen Überblick sich erarbeitet zu haben, schreiten sie gleich danach orientierungslos an Buchständen vorbei…

Was geschieht eigentlich auf der  Buchmesse?

Dort werden Weltdeutungen, Welterfahrungen und Weltleiden gehandelt – in Einzeilern werden große Stoffe geteasert, wer über Geld verfügt, spielt wie im Poker in der Hoffnung, dass unter den vielen Stoffen seiner groß wird. Biografien werden gegeneinander und gegen den Zeitgeist abgewogen, Viten skaliert und aufgerechnet, Handlungsingredienzen gemischt und durch die KI geschleust. Und es bleibt dabei, dass das meistgestohlene Buch ein Bestseller wird.

Und die vielen Verkleideten ?

Sie kreieren schon eine eigene Welt und eine eigene Literatur, bei der es keinen literarischen Kanon mehr gibt und auch keine Kritiker, sie entwickeln selbst die Bücher mit den Autor*innen und sorgen für deren Verbreitung im Netz, lassen sich eigentlich nicht kategorisieren, auch wenn schon neue Rubriken für sie bereitgestellt wurden. Aktuell sind sie der Motor des Buchverkaufs inklusiv limitierter Editionen auf der Buchmesse, die Babyboomer-Generationen haben sich mit dem Ausspruch „wir haben schon genug Bücher“ ausgeklinkt und bringen Buch für Buch in die Bücherschränke.

Fotos: Frankfurter Buchmesse 2025 / Börsenblatt des Börsenvereins c:  Chris Seeling

Fast 104 Jahre ist er alt geworden und wenn man ihn auf jüngeren Fotos ansieht, entdeckt man in seinen Augen die unsterbliche Rastlosigkeit seines Berufstandes. Was wird kommen? Was könnte noch kommen?

Man muss Georg Stefan Troller attestieren, dass keines seiner 103 Jahre etwas Saturiertes, Zufriedenes hatte. Lange Zeit hieß es: ‚er ist‘, jetzt muss es heißen: ‚er war‘. Und was? Ein Reporter, Autor, Schriftsteller, wie es ihn ein zweites Mal nicht geben wird.

Was soll man über diesen begnadeten Geschichtenerzähler erzählen? Wo soll man anfangen? Bei dem 16jährigen Juden auf der Flucht aus Nazi-Österreich nach Frankreich und den USA? Bei der Befreiung des KZ Dachau, an der er als US-amerikanischer Staatsbürger mitwirkte? Beim jungen Reporter für die Sender RIAS, WDR und amerikanische Rundfunkstationen, beim ZDF, wo er als Sonderkorrespondent von Paris aus jahrzehntelang Sendereihen produzierte?

Ihn „Urgestein/Legende“ zu nennen – das wäre zu wenig. Georg Stefan Troller verkörperte das Eigentliche, das im Berufsstand des Journalisten steckt. Und wenn es – sogar heute und immer noch – eine gewisse Achtung vor dem journalistischen Berufsstand und seinen Arbeitsweisen gibt, ist das zu einem erheblichen Teil seinem Wirken geschuldet. Trollers Fähigkeit in den von ihm geführten Interviews die Balance eines erkenntnisreichen Austauschs zu finden und zu halten, bleibt ein Maßstab für journalistische Arbeit schlechthin, auch in der kakophonischen Ära des Influencements im Dschungel der sozialen Medien. Es ist Trollers Arbeitsweise, die ihn für die Nachwelt kenntlich macht.

Tausende von Kolleg*innen haben versucht, ihre Formate, ihre Produkte so zu gestalten, wie es Troller in seinen Dokumentationen, Filmen und Reportagen vorgemacht hat. Lassen wir einfach offen, wie es in jedem Einzelfall gelungen ist.

Georg Stefan Trollers Fähigkeit, sich an seine Gesprächspartner heranzutasten, ihnen in jedem Moment das Gefühl seiner Achtsamkeit zu geben und am Ende doch mehr über sie zu erfahren, als sie preisgeben wollten, war seine Begabung – ein Virtuose auf der Klaviatur von Neugier und Respekt.

Georg Stefan Troller, der am 27. September 2025 in Paris verstorben ist, war im April 2019 im Alter von 97 – Gast des Fördervereins in der Villa Clementine, dessen keineswegs brüchige Stimme in mehrere Salons übertragen wurde. Viola Bolduan hat mit ihm damals ein Interview geführt, das hier angehängt sei:

Ein zauberhafter Moment: „Eintauchen in die verlorene Kindheit“

Georg Stefan Troller über sein neues Buch „Ein Traum von Paris“ und die Angst des Emigranten vor Sprachverlust

Georg Stefan Troller, Schriftsteller, Fernseh-Journalist und Dokumentarfilmer, hat ein neues Buch im Wiesbadener Römerweg-Verlag herausgebracht. „Ein Traum von Paris“ enthält frühe Texte und Fotos aus den 50er Jahren. Am 25.4. kommt der 97-Jährige aus Paris und stellt seinen Band im Veranstaltungszyklus des Fördervereins Literaturhaus zum Welttag des Buches, 19.30 Uhr, im Literaturhaus vor. Konzentriert und vital beantwortet er am Telefon in Paris Fragen aus Wiesbaden.

Herr Troller, wie kam es zur Veröffentlichung von „Ein Traum von Paris“?

Ja, das hat mich sehr ergriffen: Meine Tochter hat nach 60 Jahren unter dem Bett in einem Karton in der Wohnung meiner geschiedenen Frau diese Fotos gefunden, hat sie mir gebracht und gefragt: ,Kannst du damit irgendetwas anfangen?‘ Das war für mich ein zauberhafter Moment. Da war auf einmal ein Stück meiner Jugend wieder da. Fotos, an die ich nicht mehr gedacht, sondern geglaubt hatte, sie seien auf dem Müll gelandet.

 Sie hatten diese Fotos vor über 60 Jahren aufgenommen. Konnten Sie sich, nachdem sie wiederentdeckt waren, an die damalige Situation in Paris noch erinnern?

Eigentlich nur sehr wenig. Ich konnte mich aber an die Stimmung erinnern, in der ich diese Fotos aufgenommen hatte. Das ist auch einer der Gründe, warum das Buch „Ein Traum von Paris“ heißt, weil es weniger die Realität als der Traum von einem verschwundenem Paris war, in dem ich meine Kindheit wiederentdecken konnte. 

Diese Fotos damals bildeten vor allem Ihren eigenen „Traum von Paris“ ab?

Ja, das Lebensgefühl des Emigranten, dessen ganze Kindheit und Jugend zusammengebrochen war. Das Trümmer-Paris der Vororte hat mich an mich selbst erinnert. „Le petit peuple“ von Paris, die kleinen Leute, die armen Leute erinnerten mich irgendwie an mich. So empfand ich mich selbst damals.  

 Welchen Reiz hat denn eine in Bildern festgehaltene Vergänglichkeit?

Für mich entsteht der Reiz einer Zusammengehörigkeit: dass man einen Augenblick lang in die Vergangenheit eintauchen kann und wieder einen Moment lang dazu gehört. Das ist wie das Eintauchen in eine verlorene Kindheit, die man spurenweise wiederfindet.

 Inwiefern kann das Bild eine „Erlösung vom Wort“ sein, wie Sie in einem Ihrer Texte im Buch schreiben?

Es geht um die Angst vor dem Sprachverlust. Die hatte ich schon damals als junger Autor. Die Sprache zieht sich bei allen Emigranten langsam zurück. Sie tut es auch noch heute. Der Anspruch der Sprache ist nicht mehr zu erfüllen. Die Sprache ist beleidigt, weil du sie nicht mehr beherrschst. 

Aber Sie beherrschen die deutsche Sprache doch! Müssen Sie sich jedes Mal beim Schreiben überwinden?

Nein, keine Überwindung, aber es herrscht ein Angstgefühl, dass die Sprache nicht kommt. Das ist ein ganz wichtiger Bestandteil der Emigration bei Autoren und etwas, worüber sie nie schreiben. Die Texte zu schreiben, wird immer anstrengender, sie kommen nicht mehr von allein. Das ist ein Resultat von 60 Jahren Abwesenheit von der Heimat.

 Welche Texte haben Sie in diesem Buch zusammengestellt?

Ich habe für das Buch ältere Texte herausgesucht, die mehr oder weniger aus dieser Zeit stammen, meine frühen Erfahrungen und Entdeckungen in Paris, bevor ich es journalistisch zu sehen lernte. Als ich Paris noch als meine Geliebte ansehen konnte und nicht als mein Ausbeutungsobjekt.

 Kann Paris nicht auch beides sein?

Es muss beides sein. Aber man hat immer gemischte Gefühle dabei. Paris war ein Liebesverhältnis, auf einmal wird es ein Beschreibungs-objekt. Die Urgefühle zu Paris waren die zu einer schwer zu erobernden Geliebten, die verlieren sich dann und werden zu solchen, wie zu einer Ehefrau.

 Was kann ein Text im Unterschied zum Bild?

Das ist eine Frage, mit der ich mich immer auseinandergesetzt habe, auch in meinen Filmen. Im Fernsehen kann der Text das Bild ausdeuten, vertiefen, schärfen, der Text darf aber nie aussprechen, was das Bild schon aussagt. Ich habe das in meinen Interviews genannt: „Das Wort als Bild“. Das Wort muss mit dem Bild verschmelzen, muss eins mit ihm werden und eine höhere Einheit ergeben. Darum habe ich mich in meinen Filmen immer bemüht. Je kürzer der Text, je zugespitzter, umso besser. Und am Mikrofon noch einmal einen Satz zu streichen, ist ein Triumph. Das Bild reicht. Das Bild spricht. Ich bin ein großer Bewunderer des Bildes.

 Das ist in Fernseh-Interviews heute aber anders…

Es wird viel gequatscht. Die Leute zeigen sich selbst im Bild, und der Troller hat sich nie im Bild gezeigt. Ich wollte, dass man sich auf die Leute konzentriert, über die ich gedreht hatte und nicht zeigen, dass der Troller da sein Mikrofon hinhält.

Ist Fernsehjournalismus denn eitler geworden?

Ja, aber was ich hatte, war eine versteckte Eitelkeit. Ich wollte wirken, ohne, dass ich mich zeige. Das war die Kunst. Dass das ganz persönlich wirken sollte, unverwechselbar, war schon meine Absicht. Ich wollte eine persönliche Einstellung zeigen – aber, ohne mich zu produzieren. Wie ein Filmregisseur, der sich ja auch nicht zeigt, aber in jeder Einstellung drin ist.

Fotos 

c Förderverein Literaturhaus / dokumentarfilm. info WDR/BR

 

Mindestens vier Jahre lang habe ich an der objektiv verfügbaren Erkenntnis vorbeigelebt. Aber jetzt weiß auch ich: Patricia Highsmith war eine Antisemitin, nicht nur subtil, sondern frei von Hemmungen. Die Verwalter*innen ihres Nachlasses lasen nach Highsmiths Tod 1995 in ihren Briefen und Notizen, was man vorher vielleicht ahnen konnte: Sie war eine Rassistin. Dass sie eine Misanthropin war, hatte man schon läuten hören. In ihren Tagebüchern, die 2021-26 Jahre nach ihrem Tod erschienen, wurde ein Teil der Dokumente wegzensiert. Dafür ist der Diogenes-Verlag damals von mehreren Seiten scharf kritisiert worden.

Die Lektorin des Diogenes-Verlages und Herausgeberin Anna La Planta hatte das „als unsere redaktionelle Pflicht“ angesehen, weil man dem Highsmith-Antisemitismus „keine Bühne geben wollte, so wie wir auch gehandelt hätten, als sie noch lebte.“ (Zitat aus „Jüdische Allgemeine“ vom 13.01.2022.)

Aus der heutigen Perspektive – Herbst 2025 – könnte man es als eher weitsichtig ansehen, was Frau la Planta da vor vier Jahren entschieden hat. Antisemitismus ist längst mehr als ein Kampfplatz für geistige Hygiene.

Es stellt sich eine allgemeine Frage: Darf sein, was sein kann?

Kann es sein, dass es schlechte Menschen gibt, die gute Bücher schreiben? Komplizierter ausgedrückt: Sollen wir Autor*innen mit – sagen wir mal – einem fragwürdigen moralischen Kompass folgen? Auf Highsmith rückgeführt: Dürfen wir „Der talentierte Mr. Ripley“ oder „Ediths Tagebuch“ g e r n e  lesen, wenn wir doch wissen, wie die abgründig talentierte Autorin moralisch-politisch ‚tickte‘?

Meine Bewunderung für Patricia Highsmiths Texte, die Psychogramme ihrer Protagonisten und die Komposition ihrer abgründigen Plots und war eigentlich unkaputtbar. Bei jeder Gelegenheit schwärmte ich ungefragt von ihrem packenden Schreibstil und ihren verräterischen Einfügungen. Wie ein Opferlamm ließ ich mich auf die von ihr geschilderten Abgründe menschlicher Existenz ein. Bin ich nicht auch ein bisschen Tom Ripley?

Strabo, ein Geschichtsschreiber im antiken Griechenland, hatte vor über zweitausend Jahren die These aufgestellt, „Wer ein guter Dichter ist, der ist auch zugleich ein guter Mensch“. Diese Einschätzung sorgte und sorgt dafür, dass der lesende Mensch vor allem dann beim Lesen Genuss empfindet, wenn er sich mit dem Autor eins fühlen darf. Diese Erwartung hat sich gehalten: „Nur wahre Hände schreiben wahre Gedichte.“ Paul Celan!

Und wenn es nicht so ist? Wenn sich herausstellt, der Text, den wir vergöttern, ist von einem Arschloch geschrieben worden, bekommen wir dann Schluckauf? Geistig-moralisch, meine ich.

Wir sollten uns hüten, Schriftsteller auf moralische Sockel zu stellen, meinte einmal der amerikanische Essayist William H. Gass: „Es sind schon gute Bücher von schlechten Menschen geschrieben worden.“ Und man folgt gerne: Schriftsteller haben auch ein Privatleben, einen Charakter und eine politische Meinung. Was maßen wir uns als Lesende an?

Aber es geht doch mehr um uns, von Bertolt Brecht schon mal als „lesende Arbeiter“ zusammengefasst.  Vielleicht schaffen wir es, unseren Blick auf Werk und Autor zu trennen. Aber w o l l e n  wir das auch? Wir begegnen Schriftstellern und Autoren auf Lesungen, bei Festivals, auf Messen und Preisverleihungen. Wir sind voller Respekt, immer auch gegenüber dem Menschen, aus dessen Kopf das Werk stammt.

1991 gab es innerhalb der Stockholmer Jury des Literaturnobelpreises eine knappe Entscheidung, wie man hörte, für Nadine Gordimer, die südafrikanische Apartheid-Gegnerin. Patricia Highsmith bekam ihn nicht. Erzählerische Brillanz, dafür standen beide. Eine Dankesrede der damals siebzigjährigen, schon zu ihren Lebzeiten misanthropisch auffällig gewordenen Highsmith ist der Welt erspart geblieben. Wer weiß, was Sie gesagt hätte. Aber Peter Handke hat den Festakt in Stockholm zum Beispiel nicht für eine Milosevic-Philippika benutzt.

Zurück zu uns Lesenden. Zu lesen, das ist auch ein Abenteuer. Diese Dynamik an sich selbst zu erfahren, wenn man von einem beeindruckenden literarischen Text auf dessen Urheber*in zurückschließt und dass dieser Mensch doch auch irgendwie so sein müsse wie sein/ihr Text.

Ich habe mir einen Selbstversuch gestattet und mir – im Wissen um den glühenden Antisemitismus und Rassismus der von mir jahrzehntelang verehrten Thriller-Autorin Patricia Highsmith – ihren letzten Roman noch einmal vorgenommen: „Small G – eine Sommeridylle“ (1999 Diogenes). Nicht ihr stärkstes Buch, das wusste ich.

Manches ist mir aufgefallen, was ich vorher wohl überlesen hätte, vor der ernüchternden Erkenntnis, aber ich habe es überlebt. Lesen ist und bleibt ein Abenteuer, bei Risiken und Nebenwirkungen möchte ich nicht von einer ärztlich-apothekerischen Fachkraft beraten werden. Die Beipackzettel auf den Klappentexten reichen immer noch vollständig aus.

Was meinen Sie?

Fotos: Porträt Patricia Highsmith; c: Wikimedia Commons / Open Media Ltd 1988 / Link: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported und Titelbild der Erstausgabe „The Talented Mr. Ripley“, 1955 c: Uncertain, Public domain via Wikimedia Commons 

Bitte nicht erschrecken, es kann keiner was dafür. Zu den Lieblingsbüchern von Wadimir Putin zählt der „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry.

Wir wissen dies, von dem viele jetzt meinen, dass sie es gar nicht wissen wollten, durch die russische Propaganda-Seite „Russia Beyond“.  Russia Beyond war 2007 gegründet worden mit dem Ziel, „der Welt zu helfen, Russland besser zu verstehen.“ Die Internet-Seite – auch in Deutsch – ist keine Plattform für polternde Agitation und Medwedjew-Sprech. Sie hat ganz praktische Themen, wie man z. B. auch ohne Master- oder Visacard im internationalen Zahlungssystem zurechtkommt, dank des russischen Zahlungssystems MIR, das „immer mehr an Bedeutung gewinnt“. Mit bunten Bildern von Eisbrechern wird ein Bericht illustriert, der die Notwendigkeit der Nord-Ost Passage für Russland herausstreicht. Und ob Stalin wirklich eines natürlichen Todes gestorben ist …?

Für alle was dabei. Wäre „Russia Beyond“ aus Papier, fände es in jedem Wartezimmer und bei jedem Friseur seinen Platz. In ihrem „Über uns“ weist „Russia Beyond“ darauf hin, von der ‚Roskomnadsor‘ der föderalen Aufsichtsbehörde im Bereich Kommunikation, Informationstechnologie und  Massenkommunikation, am 21.Juli 2023 registriert worden zu sein. Zertifikatsnummer: EL NoFS77-85596.  Eine kremltreue publizistische Seele, kein ausländisches Agententum.

Dann verrät uns „Russia Beyond“, was Putin liest. In prädigitalen Zeiten haben Journalisten dies Star Fucking genannt. Und?

Es sind nicht nur russische Volksmärchen, Tolstois „Krieg und Frieden“ und alte Schinken über Mongolen und Turkvölker, es ist auch Alexandre Dumas und seine „Drei Musketiere“, Dostojewski, Puschkin, Turgenjew – sie waren auf verschiedene Weise alle schon mal in Wiesbaden – oder Hemingway (muss einen nicht wundern: „Wem die Stunde schlägt“). In ihrer deutschen Fassung erwähnt „Russia Beyond“: auch Heine und Goethe lese E R hie und da. Und dann eben dieses kleine Büchlein. Der Junge mit den goldenen Haaren, Sonne, Mond, Saturn auf dem Cover und Blumen neben dem Vulkanausbruch.

Diese berührende Geschichte über einen Bruchpiloten, die hilfreiche Schlange, den weisen Fuchs und die Erkenntnis, dass man nur mit dem Herzen gut sieht – das soll die Lieblingslektüre eines Menschenfeindes sein?

Bei bösen historischen Figuren ist das Publikumsinteresse an ihren kulturellen Vorlieben oft größer als bei everybody‘s darling-stars. Es wird – einmal bedient – bei den meisten nicht lange vorhalten, dieses Interesse. Weil?

Weil man eben nicht möchte, dass Putin einem aus dem „Kleinen Prinzen“ vorliest. Schon allein die Vorstellung ist mit intellektuellem Mundgeruch noch vorsichtig umschrieben.

Man kann Literatur nicht vor den Lesenden schützen. All die Erwartungen an Bücher, an die neuen Sichtweisen, die man für sich gewinnen könnte, warum sollte dies Menschen, die wir für bösartig halten, verschlossen bleiben? Der wichtigste Grund, in Erzählungen einzutauchen, ist die Option, diese Welt danach – manchmal nur etwas – verändert anzusehen. Arbeit am eigenen Weltbild. Dazu lädt gute Literatur ein und macht sich  n i c h t  die Gehirne ihrer Leserschaft litaneienhaft zur Beute. Sie entkleidet, und bietet ein neues Gewand an, auch wenn es – metaphorisch – nur ein Schnupftuch sein sollte.

Und „Der kleine Prinz“, der so fremd auf einem Nachttisch im Kreml liegt, muss das wahrscheinlich aushalten. Man möchte wünschen, dass dieses literarische Meisterwerk dort zu  d e r  Rose wird, die der kleine Junge von den sieben Planeten so sehr liebt und die diese Liebe nicht erwidert, sondern stachlig bleibt. Aber ein Buch ist ein Buch und Leser*innen bleiben Leser*innen. Tapferer kleiner Prinz.

Foto: Kreml-Mauer in Moskau c: Wikimedia Commons

Für eine Besucherin dieses Leseabends zeichnete sie noch ein Pferd neben ihre Widmung. Die Schlange der Buchgekaufthabenden war etwas kürzer geworden. Soviel Zeit muss sein, wird sich die Autorin gedacht haben. Karen Duve, eine erfahrene Schriftstellerin hat ein sicheres Gefühl für den Umgang mit ihren Leser*innen. Ein schöner Abend ging zu Ende. Die „diensthabende“ Buchhändlerin Vera Anna blickte glücklich auf den restlos leeren Büchertisch vor ihr. Kleine Gruppen standen noch eine Weile zusammen, manche nippten am vorzüglichen Primitivo, und sprachen über das ‚Sisi’-Bild, das ihnen Karen Duve gerade vermittelt hatte. In einer Lesung, die, moderiert von der so angenehm neugierigen Claudia Kramatschek (WDR/DLF), an ihrem Ende die Besucher im fast vollbesetzten Roten Salon der Villa Clementine erkenntnisgestärkt und zufrieden in den milden Herbstabend entließ.

Das ist keine Biografie, die die Autorin von „Taxi“ und „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ (Annette von Droste-Hülshoff) da im Galiani-Verlag abgeliefert hat, es steht ja auch ‚Roman’ auf dem Buchumschlag. ‚Sisi‘ ist ein Parforceritt durch etwas mehr als ein Jahr Leben. Der Beobachter bittet bei allen, die das etwas zu aufgesetzt finden, um Nachsicht für die gewählte Bildlichkeit. Die historische Entsprechung der Filmfigur Romy Schneider ist bei Karen Duve 38 Jahre alt und schon zu Anfang der etwa 400 Seiten menschlich und charakterlich dort angelangt, wo sie die Pferdefreundin aus der Mark Brandenburg menschlich und charakterlich platziert haben möchte. Elisabeth von Österreich ist eine überaus charmante, kaltherzige Schönheit, satt der höfischen ‚Comments‘ rund um die Wiener Burg, angehimmelt, angewidert, intrigant. Duves Sisi ist keine wächserne, kapriziöse Erleiderin ihres Schicksals als eine ‚von Gottes Gnaden‘, sie steht mitten im höfischen Leben, ist sich ihrer Wirkung auf andere überaus bewusst und benutzt die Frauen und Männer ihrer Umgebung stellenweise rücksichtslos.

Karen Duve, hat offenbar Spaß daran gefunden, die Möblierung des höfischen Lebens im sterbenden Milieu des Ständestaats — in England ebenso wie in Ungarn oder Wien — üppig zu beschreiben. Die Ausstattungen ebenso wie die zum Teil jämmerlich erscheinenden Figuren des erweiterten Hofstaats — manchmal ist es etwas zu üppig. Aber doch: Wir lesen uns in ein Sittenbild des späten neunzehnten Jahrhunderts hinein, auch in ein Stück Mediengeschichte: Die Tweets von damals waren: Der Tratsch, eine gelegentlich noch heute (2022!) in Wien kulturell bewehrte Kommunikationsform. Kalkuliert und zielgerichtet eingesetzt, führte Tratsch oft zum gewünschten politischen Ergebnis.

Ist Sisi ein Roman? Wenn der Verlag (das Lektorat des Buches legt leider die finanziellen Nöte der deutschsprachigen Verlage offen) und die Autorin das so sehen, warum nicht? Dabei ist es im zweiten Teil eher die persönliche Entwicklung der kaiserlichen Nichte Marie Louise von Wallersee, die die Lesenden durch das Buch trägt. Am Ende ist sie zu einer Marie Louise von Larisch-Wallersee geworden, keine und keiner, die dieser Ehe ein Gelingen voraussagen möchten. Sisi ist die ränkeschmiedende, unheilstiftende Konstante, die Marionettenspielerin. Mal im Mittelpunkt, mal aus dem Off heraus.

Pferdefreunde werden das Buch gerne lesen. So, wie sie es eben sehr gut kann, beschreibt Karen Duve die Stimmung und die Ingredienzen bei den sportlichen Fuchsjagd-Derbies in Ungarn, England, anderswo…. nicht ohne auf die hochherrschaftliche, tierquälerische Lust jenes späten 19. Jahrhunderts hinzuweisen.  Zwei auf Tanz dressierte Zirkuspferde dominieren das Cover des Buchs. „Das Cover war ein langer Kampf mit dem Verlag, der unbedingt eine Sisi dort sehen wollte“, erzählte die Schriftstellerin an diesem Abend in der Villa Clementine.

Man erfährt manches über die Kaiserin, was man nicht wusste. So z. B., welche Rotzlöffel ihre Kinder Rudolf und Marie Valerie waren. Das wurde in den vorliegenden, von Herrscherlob getränkten, Sisi-Büchern gerne übersehen. Ein Schnappschuss in die Geschichte hinein, exzellent geschrieben, ein Buch für neblige Wintertage.

Armin Conrad

„Sisi“ von Karen Duve, Galiani 2022, 409 Seiten, € 26,00

Es liest Armin Conrad / Texte: Viola Bolduan
Technische Unterstützung und Suppenrezept: Karina Bertagnolli (marixverlag)


Henry David Thoreau: Die Kunst, Naturfreak, Philosoph und Autor zu sein

Amerika hatte ihn wohl nötig, diesen Mann, der auf Gesellschaft und Obrigkeit pfiff, stattdessen Sonne und Mond zusah, mit Blumen und Bäumen sprach Mitte des 19. Jahrhunderts in seiner Hütte am Walden Pond bei Concord in Massachusetts. Dorthin zog sich Henry David Thoreau über zwei Jahre lang zurück, wie er es ein Jahrzehnt und sieben Manuskriptfassungen später in seinem Buch „Walden. Oder das Leben in den Wäldern“ beschreibt. Seitdem gilt Henry David Thoreau als Guru aller Naturapostel, steht Pate für Flower-Power, ist Gewährsmann aller Öko- und Anti-Bewegungen, Vorbild für Aussteiger, Rebellen, passive Widerständler – und gefeierter Autor.


Auf die Damen der Literatur legt er offensichtlich weniger Wert – sein Verhältnis zu Frauen gilt ohnehin als ausgesprochen distanziert, was seinem Streben nach Einsamkeit durchaus zuträglich ist. Geheiratet hat er nie. Auch ganz generell erweist sich Thoreau als ausgesprochen menschenscheu, lieber sitzt er auf Baumstümpfen, erzählt von sich und will mit dieser Erzählung überzeugen.


Ein Zimmer freilich, von dem Blaise Pascal meint, dass „das ganze Unglück der Menschen allein daher rührt, dass sie nicht ruhig in ihm zu bleiben vermögen“, ist für Thoreau fast schon zu viel der Zivilisation. Der Wald, den er dem geschlossenen Raum vorzieht, ist allerdings keine echte Wildnis, und das Zimmer, das er dann dort doch bezieht, eine ganz gut eingerichtete Blockhütte.


Henry David Thoreau, 1817–1862, kann sich seinen Lebensstil als eigenbrötlerischer Freizeit-Eremit leisten: Nach Studium in Harvard und kurz ausgeübtem Lehramt zieht er ins stattliche Anwesen des Schriftsteller- und ebenfalls Natur-Freundes Ralph Waldo Emerson nach Concord. Das Städtchen in der Nähe Bostons ist zu der Zeit eine Art amerikanisches Weimar – Emerson gründet hier eine neue philosophische Bewegung  und versammelt viele Autoren-Kollegen um sich. Es ist seine Blockhütte auf seinem Gelände, fußläufig von der Stadt aus erreichbar, idyllisch am See gelegen, in der Thoreau mit Lebensmitteln von zu Hause versorgt, sein persönliches Freiheitsgefühl auslebt. Die Mutter bringt Kuchen vorbei …

Davon handeln seine Schriften nicht. In ihnen propagiert Thoreau ein asketisches Leben, das unabhängig geführt, sich selbst genügen, die Natur achten, die Kunst schätzen und den Individualismus feiern soll.

Das Thoreau-Buch aus dem marixverlag versammelt aus „Walden“, „Über die Pflicht zum Ungehorsam“, Tagebüchern und Essays Zitate als aphoristische Sentenzen.

Thoreau ist ein studierter und belesener Mann mit zähem Bemühen, seine Gelehr- und Beredsamkeit mit seiner Sehnsucht nach Ursprünglichkeit zu vereinen.


Weshalb vielleicht er selbst ein Genie, Goethe es in seinen Augen aber nicht ist. Wie Jean-Jacques Rousseau („zurück zur Natur“) strebt auch Thoreau nach einer naturbelassenen Ursprünglichkeit in Erziehung und Bildung der Menschen, der es, wie er meint, im Falle Goethes mangele. Schiller übrigens hätte ihm heftig widersprochen, Thoreaus Tadel auf sich selbst bezogen und Goethes „Naivität“ bewundert, hätte der Amerikaner denn Schillers „Über naive und sentimentalische Dichtung“ herangezogen. Er aber zieht seinen Schluss aus Goethes „Wilhelm Meister“ und meint, in diesem autobiografischen Roman stecke zu viel der Kunst, die er mit Künstlichkeit gleichsetzt.


Für Thoreau erzieht der Mensch sich am besten selbst. Und zwar durch intensive Wahrnehmung der Natur und ein Vertrauen auf die menschlichen natürlichen Kräfte. Aus ihnen erwachse alles andere. Kurioserweise beruft er sich dabei auf Immanuel Kant, der freilich als Instrument zur Selbsterkenntnis an den menschlichen Verstand gedacht hatte. Das auch aus Nachdenken etwas entstehen kann, beweist zwar Thoreau höchst selbst – sonst hätte er ja keine Schriften hinterlassen – bleibt aber skeptisch gegenüber den Möglichkeiten und Wirkungen von Theorie und Abstraktion.


Und da die Menschen offensichtlich nie ganz wach sein können, unterliegen sie der Gefahr, sich vereinnahmen zu lassen – vor allem durch den Staat. Hier ist Thoreau ein entschiedener Gegner. Sein Essay „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegenüber dem Staat“ ist ein flammender Aufruf, sich ungebührlichen Gesetzen zu widersetzen, stattdessen das Recht des Individuums einzufordern und für es zu kämpfen. Dieses Fanal für die freie eigene Entscheidung gegen staatliche Verordnung sollte viele Anhänger finden. Jeder gewaltfreie Widerstand, jeder zivile Ungehorsam nach Thoreau kann sich auf ihn berufen und hat es von Mahatma Gandhi bis Martin Luther King getan. Auch heute in Zeiten verordneter Freiheits-Beschränkung als Schutz vor Corona-Ansteckung mögen Thoreaus Postulate durchaus ihre Freundinnen und Freunde finden.


Thoreau plädiert für politisches Engagement, das sich nicht mit einer Stimmabgabe bei sporadisch stattfindenden Wahlen begnügt und jedem Mehrheitsbeschluss misstraut. Thoreau glaubt an die Fähigkeit, Möglichkeit und Durchsetzungskraft des Individuums, und dass sich das Individuum nie und nimmer und niemandem zu beugen habe.


Ja, Henry David Thoreau sitzt im Gefängnis. 1846 verweigert er dem Staat Massachusetts seine Steuern, weil das Geld den Krieg gegen Mexiko und der Aufrechterhaltung der Sklaverei finanziere. Nun – die Steuerschuld war zwar schon ein paar Jahre älter als der gerade begonnene Krieg, und es war auch nur eines Tages Aufenthalt hinter Gitter – gleichwohl avanciert Thoreaus Schrift nicht nur zu einer Art Bibel für zivilen Ungehorsam, sondern ist gleichzeitig auch eine Streitschrift für die Selbstbehauptung des Individuums.


Thoreaus eigene Art zu atmen, ist dabei nicht ohne Widerspruch. Er möchte seine Gedanken „wie wilde Äpfel“ im Freien verteilen und dem Zirpen der Grille zuhören und findet sich denn doch auf den vielen Vortragsreisen ganz gern in geschlossenen Hörsälen ein, um mitzuteilen, dass dem Zirpen der Grille zuzuhören bedeutungsvoller sei – auch als ihn zu hören, wenn er seine Maxime vom einfachen Leben am Katheder weitergibt?


Henry David Thoreau hat seine Maximen durchaus in der Praxis erprobt – insofern ist er konsequent. Und wir können ihm auch in der praktischen Umsetzung seiner Sentenzen zur Literatur getrost folgen.


Auch wenn sich der bibelfeste Autor an dieser Stelle eine befremdlich götternahe Position einräumt, setzen wir seine Schlussfolgerung im Förderverein Literaturhaus doch gerne um, indem hier Schweigen gebrochen, über Bücher also gesprochen wird. In dieser Suppenlesung haben wir es versucht mit und über Passagen aus seinen eigenen Büchern. Hören wir zum Schluss Thoreaus enthusiasmierte Eloge auf sich selbst im Einklang mit der Natur.


Ehe aber die Götter sich zu ihm auf die Grasnarbe setzen und hören, wie Henry David Thoreau in noch hymnischeren Tonfall verfällt, soll er geehrt werden für die Schlichtheit des in diesem Podcast zweitletzten Satzes.


Und mit dem letzten Satz lassen wir Thoreau sich selbst interpretieren.


Thoreau stirbt am 6. Mai 1862 an verschleppter Tuberkulose im Alter von erst 44 Jahren. Sein Denken und sein Leben hatten ihn gelehrt, dem Tod ohne Angst entgegenzutreten. Der Nachhall seiner Schriften dauert an bis heute.

Nachlesen können Sie die zitierten Passagen im Band: Henry David Thoreau: „Wenn wir uns von unseren Träumen leiten lassen. Spitze Ungehorsamkeiten“ (6 Euro), wenn Sie ihn unter bertagnolli@verlagshausroemerweg.de bestellen. Als Suppe vor oder nach der Lektüre empfiehlt Karina Bertagnolli:

Wildkräuter-Suppe

2 Personen / ca. 30 min.

150 g gemischte Wildkräuter
2 Frühlingszwiebeln
50 ml Olivenöl
500 ml Gemüsebrühe
2 Esslöffel Mandelstifte oder Mandelblätter
Pfeffer aus der Mühle
Salz
8 Scheiben Vollkornbaguette
200 ml pflanzliche Sahne (z.B. Hafersahne)

Wildkräuter

Gut geeignet für die Suppe sind neben zarten Brennnesseln (am besten nur die Spitzen nehmen) auch Löwenzahn und Pimpinelle. Ergänzen kann man die Auswahl mit Kräutern aus dem Garten, wie Borretsch oder Sauerampfer und auch mit gekauften Kräutern wie Rucola oder Kerbel.

Anleitung

Den Backofen auf 220 Grad vorheizen.

Von den Kräutern die dicken Stiele entfernen. Die Blätter waschen, trockenschütteln und fein hacken. Die Frühlingszwiebeln putzen und mitsamt ihrem Grün in feine Ringe schneiden.

In einem mittleren Topf das Olivenöl erhitzen. Die Frühlingszwiebeln darin bei mittlerer Hitze unter Rühren andünsten. Die Gemüsebrühe hinzugeben und aufkochen. Die Suppe offen etwa 10 Minuten kochen lassen.

Mandeln grob hacken und mit ¼ der Kräuter, sowie dem Öl verrühren, mit reichlich Pfeffer und ein wenig Salz würzen. Die Mischung auf die Baguette-Scheiben streichen und diese auf ein Blech legen.

Die Brote im 220 Grad heißen Ofen auf der mittleren Schiene etwa 4 Minuten backen, bis die Oberfläche leicht gebräunt ist.

Inzwischen die Kräuter unter die Suppe rühren und alles kräftig aufkochen und einige Minuten kochen lassen. Am Ende die pflanzliche Sahne unterrühren und die Suppe mit Salz und Pfeffer abschmecken.

In Suppenschalen anrichten und die Crostini separat dazu servieren.

Guten Appetit!

Edgar Allan Poe – Erfinder neuer literarischer Genres


Es liest: Armin Conrad / Texte: Rita Thies /
Technische Unterstützung und Suppenrezept: Karina Bertagnolli (marixverlag)


1809 in Boston geboren, wird der Sohn des Schauspielerehepaars Elizabeth und David Poe schon im Alter von zwei Jahren zur Vollwaise. Poe wird von dem vermögenden Tabakhändler John Allan in dessen Familie aufgenommen und kann als junger Mann in Charlottesville studieren. Das Verhältnis zu John Allan ist jedoch nicht das beste, der Geschäftsmann will die aufwändige Lebensführung seines Zöglings nicht unterstützen. Denn der junge Edgar Allan Poe verprasst viel Geld beim Trinken und beim Spielen, schließlich bricht er das Studium ab. Was folgt, sind Verschuldung, Flucht vor den Gläubigern, Annahme eines falschen Namens, Verpflichtung in der Armee, Freikauf aus dieser. Kurz, ein Leben, das – ebenso wie seine ungeklärten Todesumstände im Jahr 1849 – selbst genügend Stoff für Geschichten liefert.

Schließlich versucht er, sein Geld als freischaffender Schriftsteller zu verdienen, ein Unternehmen, das bekanntermaßen bis heute nicht einfach ist. Poe hat Zeit seines Lebens Existenznot. Als Kritiker ist er gefürchtet und macht sich viele Feinde. Doch Kurzprosa kommt in Mode und so kann er auf dem boomenden Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt seine Geschichten unterbringen. Fantastische Schauergeschichten, die auch heute noch gern gelesen und gehört werden. Denn das Faszinierende an ihnen ist das Spiel zwischen Realität und menschlichen Ängsten, der diffuse Raum zwischen Albträumen, Obsessionen und dem, was auch bei Licht geschehen mag.

Doch hören Sie selbst, es folgt „Der schwarze Kater“. Das ist für die Zeitgenossenschaft Poes neu: Erzählt wird aus der Sicht eines Mörders


Die Trunksucht – auch Poe hat in seinem Leben immer wieder Probleme mit dem Alkohol … Aus den Dämonen entsteht das Grauen.

Effektvoll inszenierte Gräuel, mit Geschichten, die sich manchmal auch in den Bereich des Unmöglichen wagen, mit ihnen wird er zum Vater der Horrorliteratur. Doch damit nicht genug, Edgar Allan Poe begründet zudem den Detektivroman. Sein exzentrischer Ermittler Auguste Dupin, den er 1841 in seiner Erzählung „Der Doppelmord/Die Mordtat in der Rue Morgue“ vorstellt, löst den Fall durch Nachdenken, Analyse und Kombinatorik. „Er findet Gefallen an Denkaufgaben, an Rätseln, an Hieroglyphen, und bei ihrer aller Lösung legt er einen Grad von Scharfsinn an den Tag …“, so Poe in seinem theoretischen Vorwort zu der Geschichte. Seinem Dupin stellt er einen namenlosen Bewunderer und Freund an die Seite, der dem/der geneigten Leser/in die Story erzählt. So kann er die geistigen Spitzenleistungen seines Superhirns Dupin noch mehr hervorheben. Nicht allein Arthur Conan Doyle kopiert später mit Sherlock Holmes und Dr. Watson diese interessante Figurenaufstellung.

Hören Sie einen Auszug aus „Die Mordtat in der Rue Morgue“, gleich zu Beginn der Geschichte wird Auguste Dupin vorgestellt.



Zeitlich gesehen wären wir hier beim Live-Programm in der Villa Clementine schon am Ende angekommen. Doch angesichts der weltweiten Ausnahmesituation durch die Corona-Pandemie haben wir noch eine weitere Erzählung aufbereitet, die Sie in dem Band mit Geschichten von Edgar Ellen Poe im Wiesbadener marixverlag finden: „Die Maske des roten Todes“.

Nur so viel zum Hintergrund: Der Autor war 1831 Zeuge der großen Cholera-Epidemie in Baltimore. Der „rote Tod“ steht für eine infektiöse, schwere Fiebererkrankung, die von Blutungen begleitet ist. Es ist eine Geschichte, die zu unserer Zeit passt, sie erzählt von all denen, die sich unangreifbar und sicher wähnen.

Hören Sie „Die Maske des roten Todes“:



Nachlesen können Sie alle diese und weitere Geschichten in dem oben erwähnten Band „Edgar Allan Poe: Der Goldkäfer. Unheimliche Geschichten“ (6 Euro)

Sie können den Band unter bertagnolli@verlagshausroemerweg.de bestellen und finden diesen in wenigen Tagen in Ihrem Briefkasten.

Als Suppe vor oder nach der Lektüre empfiehlt Karina Bertagnolli:

Grüne Gefrierschranksuppe

2 Personen / ca. 30 min.
300g gefrorener Spinat
200g gefrorene Erbsen
1 Dose weiße Bohnen
1 Zwiebel in kleine Würfel geschnitten
1 Knoblauchzehe, fein gehackt
1 Dose Kokosmilch
etwas Salz

  • etwas Olivenöl in einem Topf bei mittlerer Hitze erwärmen
  • Zwiebeln und Knoblauch mit etwas Salz 5-10 Minuten glasig dünsten
  • Spinat, Erbsen, Bohnen und Kokosmilch dazugeben und alles zum Kochen bringen, danach bei mittlerer Hitze für 10-15 Minuten köcheln lassen
  • wenn alles weich ist, die Suppe pürieren und bei Bedarf mit etwas Zitronensaft abschmecken
Guten Appetit!