Edgar Selge: Hast Du uns endlich gefunden, Rowohlt Verlag, Hamburg 2021 (304 Seiten,24,- Euro)

Volker Widmann: Die Molche, DuMont Buchverlag, Köln 2022 (254 Seiten, 22,- Euro)

 

Texte in Kürze

 

Aus organisatorischen Gründen beträgt der Abstand des Mai-Forums zum letzten nur vierzehn Tage, deshalb wird diesmal nur ein Titel aufgerufen.

  • Delphine de Vigan: Die Kinder sind Könige, DuMont Buchverlag, Köln 2022 (Original bei Gallimard, Paris 2021)

Als die sechsjährige Kimmy Diore im November 2019 beim Versteckspiel plötzlich verschwindet und nicht wieder auftaucht, erhält die junge Polizeibeamtin Clara Roussel bei ihren Ermittlungen Einblicke in ein bizarres Paralleluniversum: Kimmys Familie betreibt den YouTube-Kanal „Happy Récré“, in dem sie banale Alltagssituationen im Internet „teilt“. Das inszenierte perfekte Familienleben wird von 5 Millionen Abonnenten verfolgt und bringt reichlich Werbeverträge.

Die treibende Kraft hinter diesem Projekt ist Kimmys Mutter, Mélanie Diore, die schon in Jugendjahren vom Glanz und der Anerkennung durch öffentliche Berühmtheit träumt. So stillt die virtuelle Welt der Sozialen Medien mit ihren Likes und der wachsenden Fan-Gemeinde ihr Verlangen nach Ruhm und Zuwendung. Ihr Mann Bruno hat mittlerweile seinen Job aufgegeben und widmet sich den täglichen Videoaufnahmen, denn das Werbegeschäft ist überaus einträglich. So sind es Kimmy und ihr zwei Jahre älterer Bruder Sammy von klein an gewohnt, gefilmt zu werden und sich an die anonyme Gemeinde der Follower zu wenden. Dies würden sie lieben, so ihre Mutter.

Je mehr Videos der Familie sich Kriminalpolizistin Clara anschaut, um so deutlich wird, dass dieses öffentlich zur Schau gestellte Leben, das hauptsächlich aus dauerndem Konsum von irgendwelchen Produkten besteht und dabei weder Intimität noch Rückzug der Kinder zulässt, bei Kimmy auf immer mehr Widerstand gestoßen ist…

Wie sich der Kriminalfall um das Mädchen auflöst, sei hier nicht verraten – nur so viel: die Autorin wagt einen Blick ins Jahr 2031 und schaut, welche psychischen Folgen diese virtuelle Daueröffentlichkeit bei Sammy auslöst. Und auch Mélanie wird überrascht…

Delphine de Vigan beschreibt in ihrem Roman sehr ausführlich die Spielarten des zur Schau gestellten Narzissmus in der Virtual Reality und die Formate, die Millionen schauen und mit denen einige auf Kosten der Kinder Millionen verdienen: „Unboxing“-Videos, Konsum-„Challenges“ etc. So überrascht, wie im Roman die Ermittlerin Clara ob all der Auswüchse und des Erfolgs dieses Familienblogs ist, wird sicher auch die eine oder der andere Leser*in sein. Vigan leuchtet zudem sehr exakt eine Form des emotionalen Missbrauchs von Kindern aus, denen erzählt wird, die hohe Anzahl von Likes gebe Auskunft darüber, wie sehr sie geliebt würden. Ein gesellschaftspolitisch wichtiger und diskussionswürdiger Roman, bei dem ich mir gewünscht hätte, dass einige Redundanzen vom Lektorat aufgespürt worden wären – ich bin gespannt auf Ihre Leseeindrücke.

 

Rita Thies

 

Hinweis: Bitte melden Sie sich zur Teilnahme an diesem Literaturforum bitte freundlicherweise unter literaturforum.wiesbaden@online.de an, damit wir entsprechend disponieren können.

 

 

 

 

 

 

 

Vom Vormittag an sind viele Besucher*innen im Haus. Der Welttag des Buches am 23. April wird in Kooperations-Veranstaltungen von Förderverein Literaturhaus und Literaturhaus im Literaturhaus gebührend gefeiert. Die Kaffee-und-Kuchen-Theke findet schon vor der ersten Lesung für Kinder Zuspruch. Manche betreten gar das erste Mal die großbürgerliche Villa Clementine und können sich nicht satt sehen am gründerzeitlichen Dekor des Hauses. Es sollte eben offen sein für alle, auch tags über zum Schauen – nicht nur an Leseabenden. Der Förderverein will den Zuspruch, den das Literaturhaus erfährt, unter Beweis stellen und ermuntern, indem er mit ehrenamtlichen Helfer*innen den gesamten Tag über Speisen und Getränke anbietet, zumal der Gelbe Salon an diesem Tag als Café doch einmal wieder genutzt werden kann. Und im Café präsentiert Katalyn Hühnerfeld denn um die Mittagszeit lebhaft und ausdrucksstark Kurt Tucholsky zur Suppe, angerührt von den Hofköchen und serviert von Karina Bertagnolli vom Verlagshaus Römerweg. Die Verlegerin gibt nach dem leiblichen Gericht den Gästen den Tucholsky-Band „C`est la vie–! Ssälawih–!“ in die Hand als gelesen werden wollendes Dessert.

Als weiterer Kaffeehaus-Literat macht Erich Kästner den Auftakt für ein Nachmittags-Programm mit „Die Konferenz der Tiere“, gelesen von Schauspieler und Regisseur Andreas Mach, der die vielen verschiedenen Tieren bravourös stimmlich charakteristisch zu Wort kommen lässt. Kästners Buch ist mit seinem Aufruf gegen den Krieg gerade höchst aktuell und wird genauso aufgenommen.

Das Fördervereins-Motto des Welttags des Buches „Freiheit für das Wort“ ist Thema im Anschluss, als Vorsitzende Rita Thies prominente Bürger*innen der Stadt mit deren Buch-Auswahl begrüßt. „Ich habe früher viel und gern gelesen“ – als er noch nicht Oberbürgermeister dieser Stadt war, aber doch länger schon Gatte einer gelernten Buchhändlerin, hört das Publikum von Gert-Uwe Mende gern. Er präsentiert Judith Kerrs „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ als ihn geprägt habende Leseerfahrung in jungen Jahren. Felicitas Reusch (Gründerin der Wiesbadener Kunstarche) macht auf Bücher über das Bürgerkriegsland Mali aufmerksam, Presseclub-Vorsitzender Stefan Schröder hält „Erdogan, eine Biografie als Graphic novel“ von Can Dündar und „Russische Botschaften“ von Yassin Musharbash hoch, und zum Abschluss empfiehlt Buchhändlerin Jutta Leimbert u.a. Katerina Poladjans „Zukunftsmusik“.

Eine zweistündige Veranstaltung mit dem belarussischen Autor Sasha Filipenko schließt am Abend den Welttag des Buches ab. Er spreche gerade mit Dostojewski, weshalb er gern nach Wiesbaden gekommen sei, sagt er, der, geboren in Minsk, 2020 mit seiner Familie St. Petersburg verlassen hat, jetzt in der Schweiz lebt, wo der Diogenes-Verlag sein jüngstes Buch „Die Jagd“ in diesem Jahr veröffentlicht hat. Irina Kissin, Slawistin an der Uni Heidelberg, dolmetscht das Gespräch, Armin Nufer liest Passagen aus dem neuen Roman. Sasha Filipenko hadert mit Dostojewski: Über die Schuld Raskolnikows in dessen Roman „Verbrechen und Strafe“ hätte der Kollege nicht über 700 Seiten lang verhandeln müssen. „Das Unzulässige ist unzulässig. Punkt.“ Es ist die Einsicht eines Journalisten, der beim kritischen Sender „Doschd“ in Russland gearbeitet und die Schikanen und Propaganda-Mechanismen erfahren hat. Ein Journalist, Anton Quint, ist – verfolgt und gehetzt – auch die Hauptfigur im neuen Buch. Die derzeit in der Ukraine herrschenden Sprache der Gewalt definiert der Autor als die des „Rugby-Spielers“ Putin, rational geplant und von langer Hand durch ein weites, komplexes Propaganda-Netz vorbereitet. In Russland, so Filipenko, gebe es eben keine Gesellschaft, nur einzelne Interessenvertretungen, daher auch keine verbreiteten Proteste gegen den Angriff. „Was sind das für Väter, die ihre Söhne in den Krieg schicken, die Ja sagen zum Tod“? Im Roman bildet Filipenko Vater-Figuren ab und ist selbst einer am Abend – der kleine Sohn sitzt aufmerksam im Publikum, das im Programm gut vorbereitet war auf diesen Abschluss. So auch der Förderverein, der jetzt Brot- und Kuchenreste einpackt und letzte Krümel von der Theke wischt.

Schlangenbildung am Eingang – viele Besucher*innen stehen in der Türe zum Foyer der Gründerzeit-Räume in der Bel Étage des Literaturhauses und möchten Eintrittskarten zur Lesung mit Hildegard E. Keller, die ihren Roman über Hannah Arendt „Was wir scheinen“ präsentieren will. Es ist der dritte Abend in der Reihe „Literatur und Philosophie“, zu dem der Förderverein Literaturhaus einlädt. Es ist ein besonderer Abend, denn die Autorin aus der Schweiz hat eine Multi-Media-Performance versprochen und wird vom stellvertretenden Generalkonsul der Schweiz, Hans-Peter Willi, begleitet, der nicht nur selbst darauf neugierig ist, sondern in großer Kühltasche auch Wein aus dem Wallis mitgebracht hat für den anschließenden Empfang.

Zunächst aber platzt der Rote Salon aus seinen Nähten. Zusätzliche Stühle werden herangekarrt, und von ganz hinten um die Ecke hört man zumindest, auch wenn die Sicht auf den aufgestellten Monitor behindert ist. Auf dem Bildschirm wird Hildegard E. Keller Dokumente zeigen, die Hannah Arendts Leben begleitet haben, wird hier auch Lieder einspielen, Kompositionen erst kürzlich entdeckter Gedichte der Hannah Arendt. Dass die vielseitige Literaturwissenschaftlerin – ein „beherztes und kenntnisreiches Multitalent“ hat sie Vereinsvorsitzende Rita Thies in ihrer Begrüßung genannt – „nicht über, sondern mit“ Hannah Arendt während des Schreibens gefühlt, gedacht und gearbeitet hat, wird von Anfang an deutlich.

Hildegard E. Keller steht vor dem überquellenden Saal mit Headset auf dem Podium, spricht frei in ihren Überleitungen zu den einzelnen ausgewählten Lese-Passagen aus ihrem Buch. Seinen Titel, „Was wir scheinen“, hat sie übrigens einem Hannah-Arendt-Gedicht entlehnt. In Wiesbaden darf das „Wiesbaden-Kapitel“ aus dem Buch natürlich nicht fehlen. Es ist Februar 1950, als Hannah Arendt aus ihrem Exil in New York beauftragt ist, Inventurlisten von geraubtem jüdischem Kulturgut zu erstellen. Sie sieht den Enten auf dem Kurhaus-Weiher zu und schaut auf die Ruinen des damals zerstörten Kurviertels der Stadt und erkennt die darüber liegende Trauer. Zum ersten Mal sticht ihr hier der Name „Adolf Eichmann“ ins Bewusstsein. Sie wird später berühmt werden mit ihrer Reportage über den Eichmann-Prozess in Jerusalem, veröffentlicht 1963: „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“. Die Publikation mit ihrer Interpretation wird ihr Bewunderung, mehr aber noch Hass und Häme einbringen. „Was hat das mit ihr gemacht?“ Die Frage hat Hildegard E Keller beschäftigt und wollte sie beantworten, indem sie eine Lebensreise begleitet, „was nur in einem Roman möglich war“.

In einem Roman, der dann eben auch ganz andere Seiten der Philosophin aufdecken kann, wie etwa Hannah Arendts Hang zum Schönen und Luxuriösen, dokumentiert in ihrem Aufenthalt im Nobelhotel „Dolder“ am Zürichberg. Dort hat Autorin Keller im Oktober 2021 bei „Bacon & Egg und Champagner“ die vertonten Arendt-Gedichte uraufführen können. Im Literaturhaus gibt es vom Konsul kredenzten Fendant, der nur knapp den ersten Ansturm auf die am Abend geöffnete Theke überlebt. Danach gibt es Fördervereins-Wein aus dem Rheingau. Der schmeckt den vielen, die sich nach der Performance im Wintergarten und den Café-Räumen treffen, auch. „Wir haben uns sehr wohl gefühlt“ in der gelösten Atmosphäre eines langen Abends, lautet die Reaktion der Gäste. Der Konsul dankt und die Autorin nimmt bis zum Schluss an vielen Gesprächen teil.

Für das kommende Literaturforum habe ich zwei Autor*innen ausgewählt, die sich sowohl in der Ukraine als auch in Deutschland gut auskennen.

– Natalka Sniadanko: „Frau Müller hat nicht die Absicht, mehr zu bezahlen“, Haymon-Verlag, Innsbruck-Wien 2016 (Original 2013)

–  Dmitrij Kapitelman: „Eine Formalie in Kiew“, Hanser Berlin, 2021

 

Dmitrij Kapitelmans Erzählung „Eine Formalie in Kiew“, die 2021 vor dem großen Angriffskrieg auf die Ukraine erschienen ist, trägt starke autobiographische Züge des Autors, deshalb vorweg ein paar Informationen zur Person.

Kapitelman wird 1986 in Kiew in der Ukraine geboren und kommt 1994 im Alter von acht Jahren mit seinen Eltern als jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland. Er studiert in Leipzig und in München und arbeitet als freier Journalist, Autor und Musiker.

In der Erzählung entschließt sich sein Alter Ego Dima nach 25 Jahren in Deutschland, die deutsche Staatsangehörigkeit anzunehmen. Das ist im Leipziger Rathaus jedoch nicht ganz so einfach wie vorgestellt. Er muss nach Kiew, um sich bei den dortigen Behörden eine Apostille zu besorgen, die seine Geburt in der ukrainischen Hauptstadt noch einmal bestätigt. Ganz im Gegensatz zu seinen Eltern, die im Laufe der Jahre immer mehr ihrem verlorenen Lebensglück nachtrauern, ist ihm sein Geburtsland fremd. Er erwartet Korruption und Bestechung überall und wird doch ab und an überrascht. Zudem muss er die Erfahrung machen, dass er nicht nur mit Aussagen wie „das verstehst du als Deutscher nicht“ konfrontiert wird, sondern mit dem Sowjetrussisch, das er mit dem seinen Eltern gesprochen hat, als Fremder auffällt. Ukrainisch spricht er nicht.

Sein Aufenthalt in Kiew dauert länger als geplant. Dies ist nicht der Bürokratie geschuldet – sein Problem mit der Apostille löst sich dann doch schnell auf – vielmehr der Anreise seines Vaters, der sich in der Ukraine ein neues Gebiss besorgen möchte. Ein Vater, ehemals derjenige, der mit guter Laune und Witz die Familie zusammenhielt, nun aber ein wenig verwirrt ist. So wird nach und nach das gesamte Drama um die Veränderungen, die das Exil für die Familie mit sich gebracht hat, sichtbar: Eine ehemals als liebevoll wahrgenommene Mutter, die sich nur noch um ihre Katzen kümmert. Die russische Enklave, die sie sich, so Dima, damit gebaut habe: Katzastan. – Als die Mutter auf Drängen von Dima dann doch auch anreist, findet die Familie in all ihrer Verlorenheit zwischen den Welten doch wieder einen Weg zueinander…

All das erzählt Kapitelman mit einem äußerst sensiblen und den Menschen zugewandten Humor. Seine vielen Wortneuschöpfungen (Katzastan, Entdankung = Bestechungsgeld) sind überaus treffend und machen das Lesen zu einer äußerst unterhaltsamen Angelegenheit. Bei all dem kommt der Blick auf die Ukraine nicht zu kurz.

 

Natalka Sniadanko, 1973 im ukrainischen Lemberg (L’viv) geboren, hat bis vor Kurzem mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern nach einer Studienzeit in Freiburg im Breisgau wieder in ihrer Geburtsstadt gelebt und als Schriftstellerin, Journalistin und Übersetzerin gearbeitet. Nach dem brutalen Überfall der russischen Armee auf die Ukraine ist sie mit ihren Kindern nach Deutschland geflohen.

„Frau Müller hat nicht die Absicht, mehr zu bezahlen“ ist in der Ukraine schon 2013 erschienen. D.h., dass der Roman zeitlich vor dem Euromaidan angesiedelt ist. –

Chrystyna und Solomija, beide in den Dreißigern, leben in Lemberg. Als Chrystynas Musikschule, in der sie unterrichtet, geschlossen wird, lässt sie sich von ihrer Freundin überreden, die Ukraine zu verlassen. Ihr Ziel ist Athen, doch sie stranden beide – Solomija, weil sie erst keine Schengen-Visum erhält, erst später – in Berlin. Die ehemalige Musiklehrerin Chystyna arbeitet dort als illegale Putzhilfe in verschiedenen Haushalten, lebt mit einer Frau, Eva, zusammen und liest eines morgens in der Zeitung, dass Solomija sich und eine von ihr gepflegte Frau umgebracht habe… So die Rahmenhandlung. Thematisch lotet Sniadanko dabei das Lebensgefühl, die Aufbruchstimmung, die Ungewissheiten von Frauen aus einem Land aus, die in der postsowjetischen Zeit ihre europäische Identität finden möchten. Sie taucht dazu tief in die Figuren ein, erzählt eine Menge wunderbar wilder Geschichten, beherrscht aber auch die leisen Töne. Dass Transformation auch Selbstzweifel auslöst – auch das ist ein Thema in diesem Roman. Eine Binnenerzählung in diesem Roman, die Lebensgeschichte der 92jährigen Hanna Kopyryz, mag gern mehrfach gelesen werden, denn in ihren Erinnerungen wird die wechselhafte und z.T. blutige Geschichte der Westukraine sehr anschaulich.

 

Rita Thies

 

Hinweis: Bitte melden Sie sich rechtzeitig vorher an, denn die Anzahl der Plätze im Literaturhauscafé ist aufgrund der Pandemie weiterhin reduziert. Anmeldung ab dem 13.4. unter literaturforum.wiesbaden@online.de

Liebe Freundinnen und Freunde des Literaturforums, aufgrund der hohen 7-Tage-Inzidenz von über 1500 in Wiesbaden habe ich mich kurzfristig dafür entschieden, das Literaturforum noch einmal via Zoom durchzuführen. Denn mit Maske lässt sich schlecht diskutieren. – Anforderung des Links für diejenigen, die nicht im Verteiler sind, unter literaturforum.wiesbaden@online.de

Eva Menasse: Dunkelblum (Roman). Köln, 2021

Anmerkung: Diesmal steht nur ein Roman zur Debatte, da das Werk 523 Seiten umfasst.

„Dunkelblum“, so nennt Eva Menasse die fiktive Kleinst(!)stadt im Burgenland nahe der ungarischen Grenze, den Handlungsort des Romans. Gleich zu Anfang gibt die Autorin den Erzählton vor, mit dem sie sich diesem und seiner Bevölkerung nähert:

„Jedes Mal, wenn Gott von oben in diese Häuser schaut, als hätten sie gar keine Dächer, wenn er hineinblickt in die Puppenhäuser seines Modellstädtchens, das er zusammen mit dem Teufel aufgebaut hat zur Mahnung an alle, dann sieht er in fast jedem Haus welche, die an den Fenstern hinter den Vorhängen stehen und hinausspähen. Manchmal, oft, stehen auch zwei oder drei im selben Haus an den Fenstern, in verschiedenen Räumen und voreinander verborgen. Man wünschte Gott, dass er nur in die Häuser sehen könnte und nicht in die Herzen.“

Diese humoristische Subversion, manchmal ausgesprochen bitter, durchweht das 523 Seiten starke Werk. Es ist Menasse Weg, über das Miteinander einer Gesellschaft zu schreiben, in der ein barbarisches Verbrechen über Jahrzehnte unter einer Betondecke des Schweigens verschwindet.

Im Sommer 1989 sammeln sich nicht weit von Dunkelblum entfernt auf der ungarischen Seite der Grenze die ersten DDR-Flüchtlinge. Gleichzeitig quartiert sich ein Unbekannter in der Stadt ein und stellt Fragen zur Vergangenheit. Auch die jungen Leute aus Wien, die plötzlich auftauchen und sich der Herrichtung des verwahrlosten Jüdischen Friedhofs widmen, provozieren bei manchen Dunkelblumern Reaktionen. Und diejenigen im Ort, die an der Heimatchronik schreiben, stoßen plötzlich auf Geschichten, die sie nicht glauben wollen. Dann verschwindet die junge, engagierte Flocke Malnitz, die Überreste eines Menschen werden am Ortsrand durch Zufall ausgegraben… Schließlich taucht die Hauptstadtpresse auf, die Welt schaut mit Abscheu auf den Ort, in dem die, die es noch wissen könnten, ein Massaker und seine Folgen verdrängen. Dies Massaker wird in dem Roman nicht im Detail geschildert, aber das Geschehen erschließt sich in den verschiedenen Rückblenden nach und nach.

Eva Menasse fiktionalisiert den brutalen Mord an 180 jüdischen Zwangsarbeitern in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs im österreichischen Rechnitz. In der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 feierten dort SS-Leute mit der Gräfin Margit Batthyány-Thyssen in ihrem Schloss ein Fest und berauschten sich zwischendurch an dem Massenmord. Die Hauptverantwortlichen konnten nie zur Rechenschaft gezogen werden, zwei Zeugen wurden vor dem Prozess ermordet und die Überreste der Opfer wurden bislang nicht gefunden. –

Sie habe „keinen historischen Roman schreiben wollen, sondern eine paradigmatische Menschheitsgeschichte“, so Eva Menasse in einem Interview in Deutschlandfunk Kultur (18.8.21) Dafür hat sie ein immenses Figurenensemble entwickelt. Haupt- und Nebenfiguren, deren Handlungen und Gedanken sie mittels eines auktorialen Erzählers abwechselnd in den einzelnen Kapiteln nachspürt. Das gestaltet sie sehr lebensnah – aber sind das unverwechselbare Figuren, die sich weiterentwickeln? Führt nicht das Nebeneinander der vielen Geschichten und der unterschiedlichen Beweggründe der Einzelnen für ihr Handeln dazu, ein wenig „alles“ zu verstehen? – Es ist ein sehr gnädiger Gott, der da in die Dunkelblumer Herzen schaut.

Rita Thies

 

 

 

 

 

„Wie man mit dem Hammer philosophiert” hat Friedrich Nietzsche seine Schrift „Götzendämmerung” untertitelt. Und mit diesem Hammer-Philosophen eröffnet der Förderverein Literaturhaus seine neue Reihe 2022 am 15. März, 19:30 Uhr, im Literaturhaus. Laut wollte Nietzsche hineintönen in die für ihn allzu biederen Denkgewohnheiten seines 19. Jahrhunderts, formulierte seine Prosa gleichzeitig aber ausgesprochen stilistisch elegant („man wird einmal sagen, dass Heine und ich bei weitem die ersten Artisten der deutschen Sprache gewesen sind“), verfasste Epigramme und Lyrik – kann also als „der Literat unter den Philosophen“ gelten. Beispiele hierfür gibt der Wiesbadener Schauspieler und Regisseur Ulrich Cyran mit einer Lesung aus seinem Werk, eingeführt von Viola Bolduan.

Theodor W. Adornos „Minima Moralia“ nehmen nicht nur in ihrer ebenfalls aphoristischen Miniatur-Form Bezug auf Friedrich Nietzsche. Die „Fröhliche Wissenschaft“ des Letzteren freilich kehrt Adorno, Philosoph des 20. Jahrhunderts, um in eine „traurige“, wenn es um die „Lehre vom richtigen Leben“ gehen soll. Was besagt sie, und wie wäre ihr zu folgen? Soziologie-Professor Tilman Allert lädt am 30. März zu einem Gespräch über dieses Adorno-Hauptwerks, das wiederum – gegen jedes Vorurteil schwerer Verständlichkeit – zu einem Vergnügen an diesem philosophischen Text einladen will. Viola Bolduan führt ein.

Eine Philosophin ergänzt die Reihe zu „Literatur und Philosophie“: Hannah Arendt. Die Schweizer Literaturkritikerin und Autorin Hildegard E. Keller folgt in ihrem 2021 erschienenen ersten Roman „Was wir scheinen“ deren letzter Reise 1975 ins Tessin und rekapituliert aus Fakten und Fiktion Hannah Arendts Lebensstationen, darunter die Beobachtungen vom Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem. Hildegard E. Keller wird ihr Buch am 13. April in einer Multi-Media-Performance präsentieren, vorgestellt von Rita Thies.

Schließlich nimmt auch das Literaturhaus an der Reihe teil und stellt am 3. Mai Wolfram Eilenbergers Buch „Feuer der Freiheit“ vor. Der langjährige Chefredakteur des Philosophie Magazins folgt den Lebenswegen von vier Philosophinnen: Simone de Beauvoir, Hannah Arendt, Simone Weil und Ayn Rand. Die Frauen leben in den Wirren des Zweiten Weltkriegs als Flüchtlinge und Widerstandskämpferinnen, Verfemte und Erleuchtete und propagieren eine freie, emanzipierte Gesellschaft.

Wenn Eva von Redecker am 11. Mai ihr Buch „Revolution für das Leben“ präsentiert, dann formuliert sie eine „Philosophie der neuen Protestformen“. In diesen neuen Formen, wie Black Lives Matter, Fridays for Future und NiUnaMenos erkennt sie die Anfänge einer Revolution für das Leben, die die herrschende Ordnung stürzen könnte und eine neue solidarische Form verspricht: Pflegen statt Beherrschen, Regenerieren statt Ausbeuten, Teilhaben statt Verwerten. Ihr Plädoyer gilt als erste philosophische Analyse des neuen Aktivismus.