Widad, vor Kurzem hast Du in Italien den internationalen Camaiore-Poesie-Preis für „Ein Kontinent namens Körper“ erhalten. Das ist ein Gedicht, das Du für eine Aufführung im Berliner Theater der Neuköllner Oper geschrieben hast und das Dich und Aleppo, die Stadt in Syrien, in der Du gelebt hast, zum Thema hat. Hattest Du dafür mit einem Preis rechnen können?
Tatsächlich war der Preis eine Überraschung – für mich, den Verlag und auch für den Übersetzer. Er gehört zu den wichtigsten und renommiertesten Literaturpreisen für Lyrik in Italien; er wird seit 1950 verliehen, und bedeutende Namen, wie die bekannte italienische Dichterin Alda Merini, sowie der Literaturnobelpreisträger Seamus Heaney haben ihn bereits erhalten. Da ich jedoch eine Dichterin aus einer Region bin, die in den westlichen Medien oft als Ort des Terrorismus und des Islamismus dargestellt wird, hatte niemand damit gerechnet, dass der Preis an eine Autorin von dort gehen könnte. Doch die Stimme der Poesie erwies sich als stärker als alle geografischen, nationalen oder politischen Grenzen.
In Deinem neuen auf Deutsch erschienenen Buch „Wurzeln schlagen“ schreibst Du im ersten Essay über Deine Lesereise durch Italien und wie Du zwischen Italienisch und Arabisch die deutsche Sprache als Art Heimat empfunden hast. Ist Deutsch jetzt zu Deiner Sprache geworden?
Ich kann diese Frage nicht eindeutig beantworten. Aber ich kann sagen: Ich lebe zwischen drei Sprachwelten – Kurdisch, Arabisch und Deutsch –, und all diese sprachlichen Welten tragen dazu bei, meine Identität, mein Schreiben und mein Denken zu formen. Manchmal überrascht es mich selbst, dass ich, wenn ich meinem Kind strenge Anweisungen geben will, auf Deutsch spreche – als ob die Struktur einer Sprache Einfluss darauf hätte, wie man sie im Leben verwendet. Und wenn ich sehr emotional bin, spreche ich mit ihm Kurdisch. In verschiedenen und vielfältigen Sprachwelten geboren zu werden und zu leben, verändert ständig die eigene Identität, das Denken und die Sicht auf die Welt. Und genau das liebe ich an meinen Sprachwelten – auch wenn ich mich manchmal in ihren komplexen grammatikalischen Strukturen verliere.
Welche Bedeutung hat die Tatsache, dass Du Mutter bist für die Notwendigkeit, Wurzeln zu schlagen, wie es im Titel der neuen Publikation heißt?
Die Mutterschaft hat mich auf direkte und zugleich schmerzhafte Weise mit der Frage nach Zugehörigkeit und Wurzeln konfrontiert. Bevor ich Mutter wurde, hatte ich mich mit der Idee des Exils abgefunden – nicht nur mit dem geografischen, sondern auch mit dem psychischen und sprachlichen Exil. Doch die Mutterschaft hat mich mitten in die Realität gestellt.
Wir leben in einem Land, das immer wieder Phasen des Erstarkens der extremen Rechten erlebt und Probleme im Umgang mit Migration hat.
Selbst Menschen, die hier geboren wurden und deren Eltern ebenfalls hier geboren sind, werden wegen ihrer sogenannten „Migrationswurzeln“ oft nicht wirklich als Deutsche betrachtet. Im Kindergarten, in der Schule, an der Universität oder im Beruf hören sie immer wieder die gleiche Frage: „Aber woher kommt deine Familie?“ Als ob man nur dann wirklich deutsch wäre, wenn man weiße Haut und helle Augen hat. Das ist ein veraltetes, mittelalterliches und rückständiges Verständnis von Identität. Denn die Identität eines Landes verändert sich – wie seine Menschen auch – mit der Zeit, durch Migration und durch das Vermischen von Kulturen. Mit der Geburt meines Kindes befand ich mich in einem Kampf – im Kampf gegen ein festgefahrenes Verständnis deutscher Identität gegen Rassismus, gegen Vorurteile und gegen stereotype Vorstellungen davon, was es bedeutet, deutsch zu sein. Deshalb habe ich mehrere Texte geschrieben. Wenn meinem in Berlin geborenen Kind – das Deutsch als Muttersprache spricht und dessen ganzes Leben hier stattfindet – erlaubt wird, in diesem Land Wurzeln zu schlagen, dann werde auch ich es ihm gleichtun und ebenfalls Luftwurzeln schlagen.
Die Entstehungszeiten der 17 Essays im Band sind rückläufig von 2025 bis 2017, mithin enthält das Buch die Geschichte einer kontinuierlichen Entwicklung vom Ankommen in Deutschland, das Dir durch die „Zuflucht in Literatur“ erträglich wurde, über den Widerspruch, dass das Land Dir einerseits Schutz bietet, Dich andererseits aber als Fremde einordnet, bis hin zur deutschen Staatsbürgerschaft. Was hast Du innerhalb dieser zehn Jahre über Dich selbst gelernt?
Als ich die ersten Texte bis hin zu den letzten, die ich geschrieben habe, noch einmal las, fiel mir auf, dass ich mich stark verändert habe – ebenso wie meine Gedanken über Konzepte, wie Heimat, Zugehörigkeit, Integration, Migration, Grenzen usw. Mir wurde auch bewusst, dass sich meine Identität in diesen zehn Jahren ständig gewandelt hat und mit jeder neuen Erfahrung und jeder neuen Sprache reicher geworden ist. Dieses Buch hat mich daran erinnert, dass ich eine Schriftstellerin bin, die sich verändert und weiterentwickelt – nicht an die Grenzen der Vergangenheit oder an einen erlebten Krieg gebunden, sondern jemand, der unablässig unter die Oberfläche des Bewusstseins gräbt, um neue Welten und Leben zu formen.
Neben Deiner Tagesarbeit, aller Bürokratie und häuslichen Arbeit für die Familie, wie viel Zeit bleibt Dir für die Literatur?
Eigentlich nicht viel. Meinen neuen Gedichtband, der vor einem Monat auf Arabisch erschienen ist, habe ich in der Zeit fertiggestellt, in der ich mit dem Zug zur Arbeit hin- und zurückgefahren bin. Einen Teil der Gedichte habe ich in den Zügen geschrieben, und manchmal habe ich mir ein wenig Zeit „gestohlen“ und mich in die Leseecke der Hugendubel-Buchhandlung gesetzt, um dort zu schreiben.
Wie stark fühlst Du Dich in der literarischen Szene Berlins eingebunden und aufgehoben?
Ich denke, auf den ersten Teil der Frage sollten eher die literarischen Institutionen in Berlin antworten, nicht ich. Was den zweiten Teil betrifft: Berlin hat mir viel gegeben, aber zugleich ist die Stadt stark von den persönlichen und politischen Ansichten derjenigen geprägt, die diese Institutionen leiten. So gab es beispielsweise in den Jahren 2016 bis 2019 ein starkes Interesse daran, die literarischen Werke von Autorinnen und Autoren mit Migrationshintergrund zu präsentieren – im Zusammenhang mit der damaligen Flucht- und Migrationswelle. Heute liegt der Fokus jedoch eher auf anderen literarischen Themen, abhängig von der aktuellen politischen Situation. Das bedeutet, dass der Schwerpunkt weniger auf der Literatur liegt, die wir als Menschen mit Migrationshintergrund schaffen, sondern vielmehr darauf, eine Art literarisches Zeugnis über die politische Lage als „migrantische Stimme“ in Deutschland zu geben.
Vom „Weiterschreiben“-Stipendium in Wiesbaden über die Auszeichnung der Stadtschreiberin in Neuruppin bis zum diesjährigen Poesie-Preis in Camaiore – wie wichtig sind solche Anerkennungen für Deine schriftstellerische Arbeit?
Preise verleihen der literarischen Arbeit an sich keine Bedeutung, denn ihr Wert liegt in ihrer Qualität, nicht in dem Glanz, der den Autor umgibt. Gleichzeitig sind sie jedoch eine wichtige Anerkennung dafür, dass der Autor mehr Leser erreicht und sein Werk Einfluss auf deren Leben hat.
Literarische Stipendien sind ebenfalls von großer Bedeutung, da sie dem Autor Zeit und die nötigen finanziellen Mittel geben, um zu schreiben, ohne ständig an seine Rechnungen denken zu müssen.
Du warst vor Kurzem mit „Wurzeln schlagen“ auf der Frankfurter Buchmesse – wie hast Du beides, Deinen Auftritt und die Messe, erlebt?
Es war für mich etwas sehr Besonderes – dieses Gefühl, als ich die Messe betrat. Es war bereits das vierte Mal, dass ich dort teilnahm, doch zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, am richtigen Ort zu sein und genau zu wissen, wohin ich gehen sollte. Früher fühlte ich mich immer wie eine fremde Besucherin, doch dieses Mal hatte ich das Gefühl, dass dieser Ort zu mir gehört und dass ich dort wirklich Wurzeln geschlagen habe.
Fotos: privat
„Having a Coke with You / is even more fun than going to San Sebastián“, beginnt eines der Gedichte Frank O’Haras, gerichtet an seinen Geliebten, den Tänzer Vincent Warren, und der Satzbeginn (in der deutschen Übersetzung: „Auf eine Cola mit dir“) ist gleichzeitig Titel des neuen Romans des baskischen Autors Beñat Sarasola. Autor und Buch ist ein Abend des Fördervereins Literaturhaus im Oktober 2025 im Literaturhaus gewidmet, der außerordentlich gut besucht, nach der Lesung mit Schauspieler Uwe Kraus mit einem Empfang für Mitwirkende sowie Gäste aus Wiesbadens baskischer Partnerstadt San Sebastián und dem hiesigen Partnerschaftsverein abschließt.
Beñat Sarasola war auf dem Literaturfestival „Ins Offene“ 2024 bereits aufgetreten mit einem Kapitel aus dem in diesem Jahr veröffentlichten Roman, dessen Übersetzung damals der Förderverein in Auftrag gegeben hatte. Die damalige Lesung hatte Lothar Wekel, Leiter des Verlagshauses Römerweg, veranlasst, den kompletten Roman in deutscher Übersetzung (von Cristina Bendel) zu publizieren.
Vereinsvorsitzende Rita Thies moderiert die Premiere im Literaturhaus mit Dolmetscher und Schauspieler Uwe Kraus als Sarasolas deutsche Lesestimme. Rita Thies hat aus ihrer Zeit als Wiesbadener Kulturdezernentin den Kontakt zur baskischen Partnerstadt und insbesondere zum früheren Kollegen Ramon Etxezarreta, Gast dieses Abends, stets bewahrt.
Wie ist Beñat Sarasola auf Frank O’Hara als Protagonist seines Romans gekommen? Auf dem Podium im Roten Salon stellt Rita Thies Fragen an den Autor. Dessen Gedichte haben ihn begeistert, sagt er und hat diese reimlose, lebendige und direkte „occasional poetry“ (Gelegenheitspoesie) ins Baskische übersetzt. Aus dem Wissen über O’Haras Leben und Werk heraus entstand die Idee zu diesem biografischen doch auch fiktionalen Roman, der mit den Gedichten der Hauptfigur arbeitet, wie auch mit Werken der bildenden Kunst spielt, mit denen Frank O’Hara als Kurator-Assistent im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) in Berührung kam.
Uwe Kraus liest aus dem Romananfang Franks Bewunderung für den geliebten Tänzer Vincent und wie der wiederum in den auch in den USA bigotten 60er Jahren auf seinen öffentlichen Ruf achtet und die homosexuelle Beziehung verbergen will. Und doch habe es dort mehr Freiheit als im Spanien der Franco-Zeit („Generalissimus“ von Spanien von 1936 bis zu seinem Tod 1975) gegeben, sagt der Autor. O’Haras Begegnung mit spanischen Kunstfunktionären anlässlich der Ausstellung neuer spanischer Malerei und Skulpturen 1960 im MoMA hören wir im angenehmen Klang der Stimme von Uwe Kraus.
Beñat Sarasola: Der Protagonist seines Romans habe ein Leben wie eine „permanente Party von Liebe und Kunst“ geführt, dies in seinen Gedichten formuliert und er selbst wiederum aus den Gedichten einen Roman entstehen lassen. Viele wollten ihn anschließend erstehen und vom Autor signieren lassen, weshalb Beñat Sarasola spät erst zu den anschließend die Buch-Premiere Feiernden stieß, dann aber lange blieb. Tags darauf: Besuch der Frankfurter Buchmesse.
Auf dem Foto (v.l.): Vertreterin der Stadt, Vereinsvorsitzende Rita Thies, Autor Beñat Sarasola, Sprecher Uwe Kraus, Verleger Lothar Wekel und Ramon Etxezarreta, Literaturexperte aus San Sebastián. c: Viola Bolduan
Am kommendem Freitag, dem 17. Oktober 2025, um 19.30 Uhr findet im Literaturhaus Villa Clementine die Buchpremiere der deutschen Ausgabe des Romans „Auf eine Cola mit dir“ in Anwesenheit des Autors Beñat Sarasola aus unserer Partnerstadt San Sebastián statt.
Sarasola erzählt die fiktionalisierte Geschichte des US-amerikanischen Dichters und MoMa-Kurators Frank O’Hara, dessen Liebe zu Kunst, Musik und Tanz ihn durch das New York der 60er Jahre trägt – und bis nach Spanien führt. Vor dem Hintergrund der Ausstellung New Spanish Painting and Sculpture im MoMa begegnet O’Hara Künstlern, Politikern und dem Geist einer nahen kulturellen Revolution. Im Zentrum steht O’Haras Beziehung zum Tänzer Vincent Warren – ein Gefühl, das zu Gedichten wie Having a Coke with You inspirierte.
Der Roman erscheint im Marix Verlag. Das Besondere ist die Entstehungsgeschichte der Übersetzung: Wir, der Förderverein, laden seit einigen Jahren Autor*innen aus San Sebastián/dem Baskenland nach Wiesbaden auf unser Open-Air-Literaturfestival „Ins Offene: Die Fiktion fürchtet nichts“. Wir lassen einen Auszug aus einem ihrer Romane vom Spanischen ins Deutsche übersetzen und präsentieren diesen und den/die Autor*in dann in einer zweisprachigen Lesung. Denn tatsächlich liegen kaum deutschsprachige Übersetzungen zeitgenössischer baskischer Autor*innen vor, obwohl es dort eine vielfältige Autor*innenszene gibt. Tatkräftig unterstützt werden wir bei diesem Projekt vom Partnerschaftsverein Wiesbaden – San Sebastián.
Beñat Sarasola war 2024 unser Gast und präsentierte einen Ausschnitt aus einem Roman, an dem er damals gerade schrieb. Der Wiesbadener Verleger Lothar Wekel vom Verlagshaus Römerweg war von der Präsentation so angetan, dass er sich entschloss, den Roman auf Deutsch zu publizieren. „Auf eine Cola mit dir“ wird im Oktober veröffentlicht und wir können just die Buchpremiere im Literaturhaus feiern.
Für unser Projekt ist das ein schöner Erfolg, eine gelungene Literaturförderung und gelebte Städtepartnerschaft gleichermaßen.
Neben Beñat Sarasola wird auch des baskische Literaturexperte Ramon Etxezaretta anreisen, der den Autor vorschlug. Der Schauspieler Uwe Kraus-Fu wird vorlesen, ich werde moderieren. Ein Konsekutivübersetzer wird zugegen sein.
Der Eintritt beträgt 10,- Euro und schließt auch die Einladung zum anschließenden Empfang mit ein.
Wir freuen uns über eine Voranmeldung, damit wir besser planen können – nicht zwingend – über forderverein.wiliteraturhaus@online.de
Rita Thies
Diesmal stehen zwei Romane zur Diskussion, bei denen die Handlung in einem totalitären Regime im Europa des letzten Jahrhunderts spielt. Marco Balzanos Roman ist in Vinschgau in Südtirol angesiedelt, einer Gegend, die erst von den Faschisten Mussolinis besetzt war und dann vom nationalsozialistischen Deutschland eingenommen wurde. Clemens Böckmann Roman basiert auf der Recherche zum Leben der Sexarbeiterin Uta, die in der DDR von der Stasi auf Männer angesetzt wird.
Beide Autoren erzählen die Geschichte aus der Perspektive einer Frau, bei Böckmann kommen weitere dazu. In „Ich bleibe hier“ schreibt die Ich-Erzählerin Trina, eine Lehrerin und Bauersfrau, die Geschichte als Ansprache an ihre Tochter auf. Böckmann lässt die gealterte Uta selbst erzählen, ergänzt die Erzählungen aus der Chronistensicht eines Autors und durch Stasiprotokolle von Führungsoffizieren sowie der jungen Uta.
Ich schlage vor, wie im Literaturforum üblich, sich beiden Romanen erst einmal jeweils einzeln zu widmen, aber im Anschluss daran in diesem Fall einmal die unterschiedliche Romankonstruktion und deren Wirkung zu betrachten.
Als Einstieg in die Diskussion hier wenige Rezensionen zu Anregung.
Rita Thies
https://www.deutschlandfunkkultur.de/marco-balzano-ich-bleibe-hier-ein-dorf-geht-unter-100.html
https://www.deutschlandfunkkultur.de/clemens-boeckmann-was-du-kriegen-kannst-rezension-100.html
https://literaturkritik.de/mohr-boeckmann-mutmassungen-ueber-uta,30945.html
Bedauerlicherweise können wir am 4. November nicht ins Café des Literaturhauses, sondern müssen in den Konferenzraum im zweiten Stock ausweichen, der weitaus weniger Plätze bereithält. Deshalb bitte ich alle Interessierten, sich unbedingt anzumelden unter: literaturforum.wiesbaden@online.de
In dieser Sonderveranstaltung stellen die Teilnehmenden(!) Romane des 20. und 21. Jahrhunderts vor, die auf Deutsch zu erstehen sind und die sie als Lektüre empfehlen.
Die Vorstellung der einzelnen Werks sollte 5 Minuten unterschreiten. Bitte bringen Sie die entsprechenden Bücher mit, erzählen Sie uns auf jeden Fall ganz kurz den Inhalt (ohne zu „spoilern“), definieren Sie das Thema/die Themen des Romans und verraten Sie uns, was Sie an diesem Buch so empfehlenswert finden…und gerne mehr!
Teilnehmende, die zum ersten Mal kommen, bitte ich, hier in dieser Rubrik die schon besprochenen Romane anzusehen, damit sich Empfehlungen nicht mit einem schon besprochenen Buch überschneidet.
Rita Thies
Armin Conrad fragt:
Soll ein Verleger auf die Buchmesse fahren?
Lothar Wekel antwortet:
Ein Verleger ist nichts anderes als ein Buchmensch, und Buchmenschen pilgern gerne auf Buchmessen, vor allem, wenn es die Frankfurter ist. Dort wechselt dann die Wahrnehmung sekündlich – was ihnen in der einen Halle groß erscheint, wird durch die nächste zur Miniatur. Glaubten sie eben noch, einen Überblick sich erarbeitet zu haben, schreiten sie gleich danach orientierungslos an Buchständen vorbei…
Was geschieht eigentlich auf der Buchmesse?
Dort werden Weltdeutungen, Welterfahrungen und Weltleiden gehandelt – in Einzeilern werden große Stoffe geteasert, wer über Geld verfügt, spielt wie im Poker in der Hoffnung, dass unter den vielen Stoffen seiner groß wird. Biografien werden gegeneinander und gegen den Zeitgeist abgewogen, Viten skaliert und aufgerechnet, Handlungsingredienzen gemischt und durch die KI geschleust. Und es bleibt dabei, dass das meistgestohlene Buch ein Bestseller wird.
Und die vielen Verkleideten …?
Sie kreieren schon eine eigene Welt und eine eigene Literatur, bei der es keinen literarischen Kanon mehr gibt und auch keine Kritiker, sie entwickeln selbst die Bücher mit den Autor*innen und sorgen für deren Verbreitung im Netz, lassen sich eigentlich nicht kategorisieren, auch wenn schon neue Rubriken für sie bereitgestellt wurden. Aktuell sind sie der Motor des Buchverkaufs inklusiv limitierter Editionen auf der Buchmesse, die Babyboomer-Generationen haben sich mit dem Ausspruch „wir haben schon genug Bücher“ ausgeklinkt und bringen Buch für Buch in die Bücherschränke.
Fotos: Frankfurter Buchmesse 2025 / Börsenblatt des Börsenvereins c: Chris Seeling
Fast 104 Jahre ist er alt geworden und wenn man ihn auf jüngeren Fotos ansieht, entdeckt man in seinen Augen die unsterbliche Rastlosigkeit seines Berufstandes. Was wird kommen? Was könnte noch kommen?
Man muss Georg Stefan Troller attestieren, dass keines seiner 103 Jahre etwas Saturiertes, Zufriedenes hatte. Lange Zeit hieß es: ‚er ist‘, jetzt muss es heißen: ‚er war‘. Und was? Ein Reporter, Autor, Schriftsteller, wie es ihn ein zweites Mal nicht geben wird.
Was soll man über diesen begnadeten Geschichtenerzähler erzählen? Wo soll man anfangen? Bei dem 16jährigen Juden auf der Flucht aus Nazi-Österreich nach Frankreich und den USA? Bei der Befreiung des KZ Dachau, an der er als US-amerikanischer Staatsbürger mitwirkte? Beim jungen Reporter für die Sender RIAS, WDR und amerikanische Rundfunkstationen, beim ZDF, wo er als Sonderkorrespondent von Paris aus jahrzehntelang Sendereihen produzierte?
Ihn „Urgestein/Legende“ zu nennen – das wäre zu wenig. Georg Stefan Troller verkörperte das Eigentliche, das im Berufsstand des Journalisten steckt. Und wenn es – sogar heute und immer noch – eine gewisse Achtung vor dem journalistischen Berufsstand und seinen Arbeitsweisen gibt, ist das zu einem erheblichen Teil seinem Wirken geschuldet. Trollers Fähigkeit in den von ihm geführten Interviews die Balance eines erkenntnisreichen Austauschs zu finden und zu halten, bleibt ein Maßstab für journalistische Arbeit schlechthin, auch in der kakophonischen Ära des Influencements im Dschungel der sozialen Medien. Es ist Trollers Arbeitsweise, die ihn für die Nachwelt kenntlich macht.
Tausende von Kolleg*innen haben versucht, ihre Formate, ihre Produkte so zu gestalten, wie es Troller in seinen Dokumentationen, Filmen und Reportagen vorgemacht hat. Lassen wir einfach offen, wie es in jedem Einzelfall gelungen ist.
Georg Stefan Trollers Fähigkeit, sich an seine Gesprächspartner heranzutasten, ihnen in jedem Moment das Gefühl seiner Achtsamkeit zu geben und am Ende doch mehr über sie zu erfahren, als sie preisgeben wollten, war seine Begabung – ein Virtuose auf der Klaviatur von Neugier und Respekt.
Georg Stefan Troller, der am 27. September 2025 in Paris verstorben ist, war im April 2019 im Alter von 97 – Gast des Fördervereins in der Villa Clementine, dessen keineswegs brüchige Stimme in mehrere Salons übertragen wurde. Viola Bolduan hat mit ihm damals ein Interview geführt, das hier angehängt sei:
Ein zauberhafter Moment: „Eintauchen in die verlorene Kindheit“
Georg Stefan Troller über sein neues Buch „Ein Traum von Paris“ und die Angst des Emigranten vor Sprachverlust
Georg Stefan Troller, Schriftsteller, Fernseh-Journalist und Dokumentarfilmer, hat ein neues Buch im Wiesbadener Römerweg-Verlag herausgebracht. „Ein Traum von Paris“ enthält frühe Texte und Fotos aus den 50er Jahren. Am 25.4. kommt der 97-Jährige aus Paris und stellt seinen Band im Veranstaltungszyklus des Fördervereins Literaturhaus zum Welttag des Buches, 19.30 Uhr, im Literaturhaus vor. Konzentriert und vital beantwortet er am Telefon in Paris Fragen aus Wiesbaden.
Herr Troller, wie kam es zur Veröffentlichung von „Ein Traum von Paris“?
Ja, das hat mich sehr ergriffen: Meine Tochter hat nach 60 Jahren unter dem Bett in einem Karton in der Wohnung meiner geschiedenen Frau diese Fotos gefunden, hat sie mir gebracht und gefragt: ,Kannst du damit irgendetwas anfangen?‘ Das war für mich ein zauberhafter Moment. Da war auf einmal ein Stück meiner Jugend wieder da. Fotos, an die ich nicht mehr gedacht, sondern geglaubt hatte, sie seien auf dem Müll gelandet.
Sie hatten diese Fotos vor über 60 Jahren aufgenommen. Konnten Sie sich, nachdem sie wiederentdeckt waren, an die damalige Situation in Paris noch erinnern?
Eigentlich nur sehr wenig. Ich konnte mich aber an die Stimmung erinnern, in der ich diese Fotos aufgenommen hatte. Das ist auch einer der Gründe, warum das Buch „Ein Traum von Paris“ heißt, weil es weniger die Realität als der Traum von einem verschwundenem Paris war, in dem ich meine Kindheit wiederentdecken konnte.
Diese Fotos damals bildeten vor allem Ihren eigenen „Traum von Paris“ ab?
Ja, das Lebensgefühl des Emigranten, dessen ganze Kindheit und Jugend zusammengebrochen war. Das Trümmer-Paris der Vororte hat mich an mich selbst erinnert. „Le petit peuple“ von Paris, die kleinen Leute, die armen Leute erinnerten mich irgendwie an mich. So empfand ich mich selbst damals.
Welchen Reiz hat denn eine in Bildern festgehaltene Vergänglichkeit?
Für mich entsteht der Reiz einer Zusammengehörigkeit: dass man einen Augenblick lang in die Vergangenheit eintauchen kann und wieder einen Moment lang dazu gehört. Das ist wie das Eintauchen in eine verlorene Kindheit, die man spurenweise wiederfindet.
Inwiefern kann das Bild eine „Erlösung vom Wort“ sein, wie Sie in einem Ihrer Texte im Buch schreiben?
Es geht um die Angst vor dem Sprachverlust. Die hatte ich schon damals als junger Autor. Die Sprache zieht sich bei allen Emigranten langsam zurück. Sie tut es auch noch heute. Der Anspruch der Sprache ist nicht mehr zu erfüllen. Die Sprache ist beleidigt, weil du sie nicht mehr beherrschst.
Aber Sie beherrschen die deutsche Sprache doch! Müssen Sie sich jedes Mal beim Schreiben überwinden?
Nein, keine Überwindung, aber es herrscht ein Angstgefühl, dass die Sprache nicht kommt. Das ist ein ganz wichtiger Bestandteil der Emigration bei Autoren und etwas, worüber sie nie schreiben. Die Texte zu schreiben, wird immer anstrengender, sie kommen nicht mehr von allein. Das ist ein Resultat von 60 Jahren Abwesenheit von der Heimat.
Welche Texte haben Sie in diesem Buch zusammengestellt?
Ich habe für das Buch ältere Texte herausgesucht, die mehr oder weniger aus dieser Zeit stammen, meine frühen Erfahrungen und Entdeckungen in Paris, bevor ich es journalistisch zu sehen lernte. Als ich Paris noch als meine Geliebte ansehen konnte und nicht als mein Ausbeutungsobjekt.
Kann Paris nicht auch beides sein?
Es muss beides sein. Aber man hat immer gemischte Gefühle dabei. Paris war ein Liebesverhältnis, auf einmal wird es ein Beschreibungs-objekt. Die Urgefühle zu Paris waren die zu einer schwer zu erobernden Geliebten, die verlieren sich dann und werden zu solchen, wie zu einer Ehefrau.
Was kann ein Text im Unterschied zum Bild?
Das ist eine Frage, mit der ich mich immer auseinandergesetzt habe, auch in meinen Filmen. Im Fernsehen kann der Text das Bild ausdeuten, vertiefen, schärfen, der Text darf aber nie aussprechen, was das Bild schon aussagt. Ich habe das in meinen Interviews genannt: „Das Wort als Bild“. Das Wort muss mit dem Bild verschmelzen, muss eins mit ihm werden und eine höhere Einheit ergeben. Darum habe ich mich in meinen Filmen immer bemüht. Je kürzer der Text, je zugespitzter, umso besser. Und am Mikrofon noch einmal einen Satz zu streichen, ist ein Triumph. Das Bild reicht. Das Bild spricht. Ich bin ein großer Bewunderer des Bildes.
Das ist in Fernseh-Interviews heute aber anders…
Es wird viel gequatscht. Die Leute zeigen sich selbst im Bild, und der Troller hat sich nie im Bild gezeigt. Ich wollte, dass man sich auf die Leute konzentriert, über die ich gedreht hatte und nicht zeigen, dass der Troller da sein Mikrofon hinhält.
Ist Fernsehjournalismus denn eitler geworden?
Ja, aber was ich hatte, war eine versteckte Eitelkeit. Ich wollte wirken, ohne, dass ich mich zeige. Das war die Kunst. Dass das ganz persönlich wirken sollte, unverwechselbar, war schon meine Absicht. Ich wollte eine persönliche Einstellung zeigen – aber, ohne mich zu produzieren. Wie ein Filmregisseur, der sich ja auch nicht zeigt, aber in jeder Einstellung drin ist.
Fotos
c Förderverein Literaturhaus / dokumentarfilm. info WDR/BR
Mindestens vier Jahre lang habe ich an der objektiv verfügbaren Erkenntnis vorbeigelebt. Aber jetzt weiß auch ich: Patricia Highsmith war eine Antisemitin, nicht nur subtil, sondern frei von Hemmungen. Die Verwalter*innen ihres Nachlasses lasen nach Highsmiths Tod 1995 in ihren Briefen und Notizen, was man vorher vielleicht ahnen konnte: Sie war eine Rassistin. Dass sie eine Misanthropin war, hatte man schon läuten hören. In ihren Tagebüchern, die 2021-26 Jahre nach ihrem Tod erschienen, wurde ein Teil der Dokumente wegzensiert. Dafür ist der Diogenes-Verlag damals von mehreren Seiten scharf kritisiert worden.
Die Lektorin des Diogenes-Verlages und Herausgeberin Anna La Planta hatte das „als unsere redaktionelle Pflicht“ angesehen, weil man dem Highsmith-Antisemitismus „keine Bühne geben wollte, so wie wir auch gehandelt hätten, als sie noch lebte.“ (Zitat aus „Jüdische Allgemeine“ vom 13.01.2022.)
Aus der heutigen Perspektive – Herbst 2025 – könnte man es als eher weitsichtig ansehen, was Frau la Planta da vor vier Jahren entschieden hat. Antisemitismus ist längst mehr als ein Kampfplatz für geistige Hygiene.
Es stellt sich eine allgemeine Frage: Darf sein, was sein kann?
Kann es sein, dass es schlechte Menschen gibt, die gute Bücher schreiben? Komplizierter ausgedrückt: Sollen wir Autor*innen mit – sagen wir mal – einem fragwürdigen moralischen Kompass folgen? Auf Highsmith rückgeführt: Dürfen wir „Der talentierte Mr. Ripley“ oder „Ediths Tagebuch“ g e r n e lesen, wenn wir doch wissen, wie die abgründig talentierte Autorin moralisch-politisch ‚tickte‘?
Meine Bewunderung für Patricia Highsmiths Texte, die Psychogramme ihrer Protagonisten und die Komposition ihrer abgründigen Plots und war eigentlich unkaputtbar. Bei jeder Gelegenheit schwärmte ich ungefragt von ihrem packenden Schreibstil und ihren verräterischen Einfügungen. Wie ein Opferlamm ließ ich mich auf die von ihr geschilderten Abgründe menschlicher Existenz ein. Bin ich nicht auch ein bisschen Tom Ripley?
Strabo, ein Geschichtsschreiber im antiken Griechenland, hatte vor über zweitausend Jahren die These aufgestellt, „Wer ein guter Dichter ist, der ist auch zugleich ein guter Mensch“. Diese Einschätzung sorgte und sorgt dafür, dass der lesende Mensch vor allem dann beim Lesen Genuss empfindet, wenn er sich mit dem Autor eins fühlen darf. Diese Erwartung hat sich gehalten: „Nur wahre Hände schreiben wahre Gedichte.“ Paul Celan!
Und wenn es nicht so ist? Wenn sich herausstellt, der Text, den wir vergöttern, ist von einem Arschloch geschrieben worden, bekommen wir dann Schluckauf? Geistig-moralisch, meine ich.
Wir sollten uns hüten, Schriftsteller auf moralische Sockel zu stellen, meinte einmal der amerikanische Essayist William H. Gass: „Es sind schon gute Bücher von schlechten Menschen geschrieben worden.“ Und man folgt gerne: Schriftsteller haben auch ein Privatleben, einen Charakter und eine politische Meinung. Was maßen wir uns als Lesende an?
Aber es geht doch mehr um uns, von Bertolt Brecht schon mal als „lesende Arbeiter“ zusammengefasst. Vielleicht schaffen wir es, unseren Blick auf Werk und Autor zu trennen. Aber w o l l e n wir das auch? Wir begegnen Schriftstellern und Autoren auf Lesungen, bei Festivals, auf Messen und Preisverleihungen. Wir sind voller Respekt, immer auch gegenüber dem Menschen, aus dessen Kopf das Werk stammt.
1991 gab es innerhalb der Stockholmer Jury des Literaturnobelpreises eine knappe Entscheidung, wie man hörte, für Nadine Gordimer, die südafrikanische Apartheid-Gegnerin. Patricia Highsmith bekam ihn nicht. Erzählerische Brillanz, dafür standen beide. Eine Dankesrede der damals siebzigjährigen, schon zu ihren Lebzeiten misanthropisch auffällig gewordenen Highsmith ist der Welt erspart geblieben. Wer weiß, was Sie gesagt hätte. Aber Peter Handke hat den Festakt in Stockholm zum Beispiel nicht für eine Milosevic-Philippika benutzt.
Zurück zu uns Lesenden. Zu lesen, das ist auch ein Abenteuer. Diese Dynamik an sich selbst zu erfahren, wenn man von einem beeindruckenden literarischen Text auf dessen Urheber*in zurückschließt und dass dieser Mensch doch auch irgendwie so sein müsse wie sein/ihr Text.
Ich habe mir einen Selbstversuch gestattet und mir – im Wissen um den glühenden Antisemitismus und Rassismus der von mir jahrzehntelang verehrten Thriller-Autorin Patricia Highsmith – ihren letzten Roman noch einmal vorgenommen: „Small G – eine Sommeridylle“ (1999 Diogenes). Nicht ihr stärkstes Buch, das wusste ich.
Manches ist mir aufgefallen, was ich vorher wohl überlesen hätte, vor der ernüchternden Erkenntnis, aber ich habe es überlebt. Lesen ist und bleibt ein Abenteuer, bei Risiken und Nebenwirkungen möchte ich nicht von einer ärztlich-apothekerischen Fachkraft beraten werden. Die Beipackzettel auf den Klappentexten reichen immer noch vollständig aus.
Was meinen Sie?
Fotos: Porträt Patricia Highsmith; c: Wikimedia Commons / Open Media Ltd 1988 / Link: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported und Titelbild der Erstausgabe „The Talented Mr. Ripley“, 1955 c: Uncertain, Public domain via Wikimedia Commons