Von Viola Bolduan

Vor einer halben Stunde trug man noch Mantel, Schal und Stiefel, als die dicke Traube sich vor dem Einlass zur Kaiser-Friedrich-Therme, das Foyer hindurch bis in den Vorraum hinein zum ersten Leseabend versammelte. Während der Lesungen hängen die Winterklamotten am Haken, liegen Jacken auf den Fliesen und gehen die Leutchen auf Strümpfen durch den Jugendstil-Dekor der Bade- und Ruhe- und Schwitzräume. „Wir haben wesentlich mehr reingelassen, als vorgesehen“, begrüßt Grit Schade die über den Beckenrand baumelnden Beine, auf den Stühlen im Becken Liegende, auf Treppen und Stufen Sitzende, Standfeste an den Rändern und staunend Umherwandernde. Die kleinen Löwenfiguren stört’s nicht. Es werden wohl weit über hundert Leutchen sein, die sich den ersten Leseabend am fremden Ort Samstagabend nicht hatten entgehen lassen wollen. Viele junge Menschen darunter, denen Leseveranstaltungen sonst eher fremd. Jetzt aber haben sie alle Gelegenheit, die über 100 Jahre alte, vor 20 Jahren umfassend sanierte und im Moment aufgrund der Energiekrise für Gäste geschlossene Thermal-Anlage zu besichtigen. Zudem ist es winterkalt und das Innere der Therme verspricht heißen Quellen zu verdankende Frühsommertemperaturen, von hautnaher Begegnung unter den Säulengängen mit figürlicher Ornamentik auf verzierten Fliesen einmal ganz abgesehen. Im Übrigen war der Eintritt frei und versprach die Initiativgruppe um Grit Schade mit Franziska Geyer, Mario Krichbaum und Armin Nufer ein abwechslungsreiches Zuhör-Vergnügen. „Kein Schweiß aufs Buch“ (durchaus auch ein Buchtitel über „Saunageschichten“) ist Motto der Veranstaltung, deren zweiter Aufguss am 28. Januar in derselben Atmosphäre gereicht werden wird – wenn auch ohne Wasser.

Imagination reicht, angeregt durch Franziska Geyers gelesene Leitfäden für die Nutzung einer finnischen Sauna – möge der Saunawichtel mit uns sein. Er begleitet Dreiergruppen ins enge Steindampfbad zur Lesung mit  Armin Nufer aus Lutz Ullrichs Frankfurt-Krimi „Tod in der Sauna“, die alle wieder lebend entlassen werden ins Entree an die Quellenbar, wo Mario Krichbaum Ernst Augustins „Schule der Nackten“ vorträgt und -führt, in den hinteren Ruheraum, der komfortable Liegen bietet (wer denn schnell genug eine findet, der Rest hockt oder steht an der Wand), um Grit Schade zuzuhören, die buntbestrumpft Auszüge aus Marianna Kurttos im vergangenen Jahr in deutscher Übersetzung erschienenem Roman-Debüt „Tristania“ vorliest.  1961 bebte auf der Insel Tristan da Cunha, der abgelegenste bewohnten Insel der Welt, die Erde und brach ein Vulkan aus – Anlass für die finnische Autorin über das entbehrungsreiche Leben in unwirtlicher Landschaft, über Frustration und Sehnsucht im Wechsel der Perspektiven zwischen Lehrerin Marthe und ihrem Schüler Jon poetisch bildstark zu erzählen.

Der Beifall fällt mit dem aus dem Frischluftraum zusammen, wo zum Erlebnis einer FKK-Liegewiese aus den Augen eines Mannes, vorgetragen von einem Manne (Mario Krichbaum) durchaus gekichert werden durfte, denn der Mann hat’s mit der Sichtbarwerdung seines Hormondranges schwer, während dem Club der alten Frauen keine Runzel zu peinlich ist. Kleine Drachenköpfe wachen indes über Armin Nufer und beäugen die Leiche des Fitnessstudio-Leiters und -Trainers Klaus Momsen in der Sauna, in der sich die zuhörende Schar auf allen Stufen des Steindampfbads (ohne Dampf und Schuhe) nieder- und manche einnicken lässt – lediglich aus Temperaturgründen, denn Armin Nufer liest packend bis zum offenen Schluss.

Colson Whitehead: Underground Railroad, aus dem Englischen von Nikolaus Stingl, Carl Hanser Verlag, München 2017, 352 Seiten, 24,- Euro – Taschenbuchausgabe von Fischer Taschenbuch, Frankfurt a.M. 2019, 13,- Euro

Harper Lee: Wer die Nachtigall störtaus dem Englischen (Original 1960) von Claire Malignon, überarbeitet von Nikolaus Stingl, Rowohlt Taschenbuch Verlag (1962) 2016, 448 Seiten, 9,99 Euro

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Mit Harper Lees „Wer die Nachtigall stört“ (Original: „To Kill a Mockingbird“) aus dem Jahr 1960 ist diesmal ein Bestseller aufgerufen, der weltweit mehr als 40 Millionen Verkäufe zu verzeichnen hat und gerne noch im Englischunterricht eingesetzt wird. Harper Lee (1926-2016) wurde 1961 für den Roman mit dem Pulitzer-Preis für Literatur ausgezeichnet. Einigen von Ihnen wird vielleicht die Verfilmung des Buchs aus dem darauffolgenden Jahr mit Gregory Peck als Anwalt Atticus Finch in Erinnerung sein, die drei Oscars erhielt. In den Focus der Feuilletons rückte der Roman 2015 erneut, als eine sehr abweichende Vorläuferfassung entdeckt und veröffentlicht wurde („Gehe hin und stelle einen Wächter“). Zudem entwickelte sich im Zusammenhang mit der Black-Live-Matters-Bewegung eine Diskussion um rassistische Klischees in dem berühmten Roman. Gleichzeitig hielten jedoch Demonstranten der Bewegung bei Protesten gegen Willkür von Staatsorganen in den USA Schilder mit der Aufschrift „Atticus Finch“ hoch. So geschehen in dem Fall um den Polizeibeamten Darren Wilson, der 2014 den unbewaffneten 18-jährigen afroamerikanischen Michael Brown in Ferguson (Missouri) erschoss und nie angeklagt wurde. – Gründe genug also, den zutiefst berührenden Roman im Literaturforum aufzurufen, zumal er mit seinem versteckten Humor ein großes Lesevergnügen verschafft.

Zum Inhalt: Die Erzählerin in „Wer die Nachtigall stört“ ist die Tochter von Atticus Finch, die in der Retrospektive ihre Entwicklung und das Leben ihrer Familie von 1933 bis 1935 in der fiktiven Kleinstadt Maycomb, angesiedelt im US-Bundesstaat Alabama, in einprägsamen Bildern lebendig werden lässt. Jean Louise Finch, genannt Scout, ist 8 Jahre alt, zur engsten Familie zählen ihr Bruder Jem (Jeremy), 12 Jahre, und ihr Vater Atticus Finch, ein Rechtsanwalt und angesehener Bürger der Stadt. Der Vater ist für die beiden Kinder ein verlässliches Vorbild und ein verständnisvoller Ansprechpartner, der sie zu aufrechten und verantwortungsbewussten Menschen erzieht und ihnen Integrität, Toleranz und Empathie vorlebt – eine durch und durch moralische und sympathische Figur. So leben die Kinder, abgesehen von kleinen Ärgernissen mit der Tante, die in den Haushalt einzieht und andere Erziehungsvorstellungen hat, in einer Idylle, in der sie die Große Depression, die im Land und in den Lebensumständen ihrer Mitschüler*innen spürbar ist, selbst nicht erleben. Doch die Erzählerin nimmt die soziale Ungleichheit sehr wohl wahr und schildert sie umso anschaulicher aus der kindlichen Perspektive. So erzählt sie auch vom allgegenwärtigen Rassismus gegenüber den Schwarzen und der Rassentrennung in der Kleinstadt, denen sie unbedarft sprachlich folgt („Nigger“) – aber sie hat Atticus, der sie dazu bringt, ihre Vorurteile zu hinterfragen…

Atticus Finch weiß, wovon er spricht: Er ist Verteidiger des Afroamerikaners Tom Robinson, dem eine Vergewaltigung vorgeworfen wird. Die junge Mayella Ewell, die mit vielen Geschwistern bei ihrem gewalttätigen, oft betrunkenen und von der Wohlfahrt lebenden Vater Bob Ewell lebt, behauptet dies. Obwohl Atticus Finch vor Gericht sehr überzeugend darlegen kann, dass sie und ihr Vater lügen, sprechen die Geschworen Tom Robinson schuldig. Atticus will gegen das Urteil Berufung einlegen, aber Tom startet im Gefängnis einen verzweifelten Fluchtversuch und wird erschossen. Bob Ewell hat sich zudem vorgenommen, sich an dem Rechtanwalt aufgrund einer vor Gericht empfundenen Bloßstellung zu rächen…

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Mit „(The) Underground Railroad“ veröffentlichte Colson Whitehead 2016 einen Roman, der in den USA ebenfalls die Bestsellerlisten erklomm und u.a. mit dem Pulitzer-Preis für Literatur ausgezeichnet wurde. Es ist ein Werk mit phantastischen Elementen, in dem die realen, grauenvollen Erfahrungen der Afroamerikaner*innen über die letzten 200 Jahre mit dem Rassismus in den USA literarisch verdichtet sind.

Underground Railroad, so nannte sich das Fluchtnetzwerk von Abolitionisten, die in den heranwachsenden Vereinigten Staaten des 19. Jahrhunderts die Sklaverei abschaffen wollten und den flüchtenden Sklavinnen und Sklaven auf ihrem Weg von den südlichen Staaten in den Norden halfen. Colson Whitehead lässt in seinem Roman die Allegorie Wirklichkeit werden und durchzieht die Staaten um 1850 mit einer Eisenbahn im Untergrund, deren Zugänge und Strecken nur wenige kennen.

Cora, eine elternlose jugendliche Sklavin auf einer Baumwollplantage in Georgia, ist die Protagonistin des Romans. Nach albtraumhaften Gewalterfahrungen wie z.B. einer Gruppenvergewaltigung und dem Verbrennen von Sklaven bei lebendigem Leibe begibt sie sich mit zwei Mitsklaven auf die Flucht. Sie werden von Sklavenfängern verfolgt, denen es auch gelingt, den jungen Lovey gefangen zu nehmen. Cora und Caesar gelingt die Flucht, u.a. auch deshalb, da Cora sich erfolgreich gegen einen jungen Sklavenjäger wehrt und diesen dabei umbringt. Ein Fluchthelfer bringt sie zur Underground Railroad, der Zug fährt nach South Carolina. Dort findet Cora unter anderem Namen eine Anstellung. Doch die scheinbare Idylle in South Carolina, die Afroamerikaner*innen Arbeit und Gemeinschaftswohnungen beschert, erweist sich für Cora schnell als wahres Horrorkabinett: Sie findet heraus, dass alle schwarzen Frauen sterilisiert werden sollen, damit die Bevölkerungsgruppe nicht zu groß wird. Schwarze Männer werden als Testpersonen bei einer Syphilisstudie eingesetzt, bei der sie nicht wissen, dass sie nicht wie vorgegeben behandelt werden, sondern mit ihnen lediglich experimentiert wird. Zudem sind die Sklavenjäger Cora und Caesar weiter auf der Spur. Allen voran werden sie von Ridgeway gejagt, den es immer noch ärgert, dass Coras Mutter die einzige Sklavin gewesen ist, die er nach ihrer Flucht nie einfangen konnte. Als Ridgeway sich den beiden immer weiter nähert, ist es Cora allein, die rechtzeitig zur Underground Railway flüchten kann. Ihr nächster Zug fährt nach South Carolina und ihre Flucht ist noch lange nicht zu Ende…

Colson Whitehead schickt seine bewundernswerte Heldin auf ihrer Suche nach Freiheit weiter durch verschiedene Staaten – und überall erfährt sie die Hölle auf Erden. Es ist eine komprimierte Geschichte des US-amerikanischen Rassismus – kein historischer Roman -erlebt aus der Perspektive der Sklavin. Eine Geschichte, die Traumata hervorbrachte, die bis heute fortwirken. Geschaffen aus einer Gedankenwelt, die das erbarmungslose Faustrecht, dies z.T. auch in Gesetze gegossen, als weiße Überlegenheit postuliert. Eine Gedankenwelt, die noch heute – z.B. in den Ereignissen von Charlottesville 2017 und der Reaktion des damaligen Präsidenten Donald Trump darauf – ihre böse Fratze zeigt. „Der amerikanische Imperativ“, so Colson Whitehead in seinem Roman, „wenn du es halten kannst, dann gehört es dir. Dein Eigentum, ob Sklave oder Kontinent.“

Hintergrundinformationen zum Roman sowie ein Interview mit Colson Whitehead finden Sie z.B. auf der Webseite des Carl Hanser Verlag, München:

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/underground-railroad/978-3-446-25655-2/

Rita Thies