Hannah Mann schreibt, ihr Vater Jindrich Mann schreibt. 2018 hat er aus seinem Roman „Prag, poste restante“ im Wiesbadener Literaturhaus gelesen. Sein Großvater, Heinrich Mann, hat ein Leben lang geschrieben. Dessen Bruder Thomas ebenso. Auch seine Kinder schrieben. Die Manns – ein Clan, der schriftstellerische Leidenschaft in den Genen hat, oder auch, sich als Namensträger berufen fühlt, literarisches Erbe fortzusetzen?

An dessen Beginn stehen die beiden Brüder aus Lübeck, Heinrich und Thomas. Heinrich, der um vier Jahre Ältere, geboren 1871, ist in den 1920er Jahren der Berühmtere, bis Thomas ihn an Bekanntheitsgrad und Wertschätzung überholt. Bis heute denkt man ihn, wenn literaturgeschichtlich der Name ,Mann‘ fällt. Es ist Thomas Mann, der für seinen Roman „Buddenbrooks“ von 1901 (28 Jahre später) den Literatur-Nobelpreis erhält. Heinrich Manns „Professor Unrat“ (1905) dagegen ist allenfalls noch als Marlene-Dietrich-Film „Der blaue Engel“ in Erinnerung.

Politikwissenschaftler Günther Rüther will das mit „Heinrich Mann. Ein politischer Träumer“ ändern, einer neuen Biografie, herausgekommen im Marix Verlag im Wiesbadener Verlagshaus Römerweg. Akribisch kleinteilig verfolgt der Autor Heinrich Manns Lebensweg, dessen schriftstellerische Arbeit und politisches Denken. Das Verhältnis zum Bruder Thomas spielt dabei eine große Rolle …

Mario Krichbaum* liest Passagen aus der Heinrich-Mann-Biografie und beginnt mit der angespannten Beziehung zwischen den Brüdern Heinrich und Thomas. Warum gibt es diese Konkurrenz?

 

Wenn eingangs von der Familie Heinrich Manns die Rede war, so beginnt sie mit seiner ersten Heirat. Maria Kanová ist Tschechin und wird nach der Trennung und Hitlers Machtergreifung 1933 mit dem einzigen Kind, Tochter Leonie, nach Prag zurückkehren.

 

Ein politisch engagierter Heinrich Mann fühlt sich in der Weimarer Republik aufgehoben, während sich Thomas als Künstler allen Wirren des Profanen überlegen fühlt.

Anfang der 30er Jahre wird Heinrich Mann Präsident der Sektion Dichtkunst der  Preußischen Akademie der Künste und sein 60. Geburtstag in Berlin groß gefeiert. 1933 muss er Deutschland verlassen und emigriert nach Nizza, wo er bis 1940 lebt.

Mario Krichbaum stimmt diese verschiedenen Lebensphasen in den drei folgenden Podcasts an.

 

 

 

Heinrich Manns Flucht aus dem besetzten Frankreich nach Marseille, über die Pyrenäen bis nach Lissabon, wo noch Schiffe für die Überfahrt nach Amerika zu ergattern waren, gehört zu dem Abenteuerlichsten, was deutsche Emigranten, darunter Neffe Golo, das Ehepaar Feuchtwanger und Franz und Alma Werfel (ehemals Mahler) erlebt haben.

 

Im amerikanischen Exil findet Heinrich Mann weder eine zufriedenstellende Arbeit noch sich überhaupt zurecht. Er schreibt freilich weiter, u.a. seine Memoiren: „Ein Zeitalter wird besichtigt“, doch es bietet sich ihm nicht mehr viel – bis auf die späte Wertschätzung in der gerade gegründeten DDR mit Nationalpreis und Angebot des Akademiepräsidenten. Annehmen kann er beides nicht mehr. Heinrich Mann stirbt 1950 in Santa Monica.

Es ist Thomas‘ Frau Katia, die sich in Heinrichs letzter Lebenszeit um den Schwager kümmert. Nach dem Freitod seiner eigenen Frau Nelly war Heinrich ganz auf die Bruder-Familie angewiesen. Biograf Günther Rüther fasst es so zusammen: „Die Familie galt ihm stets viel. Allen voran verehrte er seinen Bruder Thomas, mit dem er bis zu seinem Tod in einem literarischen Wettstreit stand, den er nicht gewinnen konnte.“

Text: Viola Bolduan / Lesung: Mario Krichbaum

Auszüge aus: Günther Rüther „Heinrich Mann. Ein politischer Träumer / Biographie“. Marix Verlag im Verlagshaus Römerweg. Wiesbaden. 2020. 352 S., 24 €.

*Mario Krichbaum, Schauspieler und Regisseur, geboren 1970 in Darmstadt, sagt, die Schauspielerei sei für ihn Berufung – das Regieführen habe sich zur Passion entwickelt. Nach dem Studium der Germanistik und Politik nahm er in München Schauspielunterricht, hat Hamlet gespielt und das Shakespeare-Stück auch inszeniert. In zahlreichen Filmen hat er schon mitgewirkt und ist hier für den Förderverein in weiteren Podcasts zu hören. 

Die Lesung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Marix Verlags (Verlagshaus Römerweg GmbH). Ihm und dem HMWK danken wir für die Unterstützung dieses Projekts.
 
Gefördert aus Mitteln des HMWK „Hessen kulturell neu eröffnen“, Projekt „Literaturdigialog Hessen“

Detlef Fechtners Börsen-Krimi beginnt standesgemäß mit einer Leiche: „Konstantin Winter, 29 Jahre jung, Terminhändler bei der DLZ-Bank. Keine Vorstrafen, keine auffälligen Kontobewegungen, keine ungewöhnlichen Lebensumstände.“ So wird der Leiter der eilig eingesetzten Sonderkommission den Toten später charakterisieren. Der junge Mann landet nach einem Sturz vom Dachgeschoss der 47. Etage auf dem harten Pflaster vor der Frankfurter Hypo-Union-Zentrale. Was auf den ersten Blick nach Suizid aussieht, entpuppt sich als Mordfall und alarmiert nicht nur die Polizei, sondern auch die Presse. Grund genug für den Frankfurter Polizeipräsidenten Christian Herzog, sich zum vertraulichen Gespräch mit dem Chefredakteur des Finanzblatts (im echten Leben: Börsen-Zeitung) Carl Stolberg zu verabreden. Und wo trifft man sich, wenn man in Frankfurt vertraulich reden will? Natürlich in einer Sachsenhäuser Kneipe. Eben dorthin nimmt uns der Sprecher Moritz Pliquet* in einer ersten Kostprobe aus dem Roman mit.


Oskar Willemer, an dessen Vermutungen zum Mordfall Konstantin Winter sich Carl Stolberg nach seiner Unterredung mit dem Polizeipräsidenten erinnert, ist die eigentliche Ermittlerfigur des Romans. Der 32-jährige Jungredakteur des Finanzblatts fährt Vespa und spielt Rugby im Team von Eintracht Frankfurt, das an den Wochenenden seine Zweitliga-Spiele im Waldstadion bestreitet, wo bekanntlich auch die große Fußball-Eintracht gerade Richtung Champions League marschiert. Oskar bittet seinen Chef um eine Woche Sonderurlaub und beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln. Zu Hilfe kommt ihm ausgerechnet die Tochter des Chefs: Franziska Böhning ist Professorin am Institut für Banken- & Börsenwesen und hegt an Oskar mehr als bloß fachliches Interesse. Gemeinsam kommen die beiden einer großangelegten Verschwörung auf die Spur, die darauf abzielt, mit manipulierten Nachrichten einen neuzeitlichen „Schwarzen Freitag“ zu inszenieren, einen Börsen-Crash, aus dem die Verschwörer selbst als großer Profiteuer hervorgehen wollen. Die Fäden laufen bei der Momentum Finanzberatung in Sachsenhausen zusammen. Wie auf dem Rugbyfeld entscheidet sich Oskar in der Konfrontation mit dem Gegner für einen Alleingang. Noch einmal nimmt uns Moritz Pliquet mit nach Sachsenhausen.


Wer so gar keine Ahnung hat, was es mit Blue Chips, Credit Default Swaps und Put-Turbozertifikaten auf sich hat, der kann sich mit „Tod im Bankenviertel“ ein kleines bisschen schlauer machen. Die ganze Absurdität der Börsenwelt spiegelt sich in dem Erklärungsversuch des Finanzjournalisten Carl Stolberg im Gespräch mit dem Polizeipräsidenten Christian Herzog: „Sie müssen sich das so vorstellen: Terminbörsen sind Märkte, an denen Sie verkaufen, was Sie nicht besitzen, um zu kaufen, was Sie nicht haben wollen.“ Und wenn an anderer Stelle der fiktive Bundesbankchef Franz Berenbrink beteuert: „Unser wichtigstes Aktivum ist unsere Glaubwürdigkeit“, dann klingt das nach nur noch wie das einsame Rufen im Walde. Ahnen wir doch spätestens seit New Economy und Bankenkrise, dass etwas faul ist hinter den glitzernden Fenstern der Hochhäuser im Frankfurter Bankenviertel.

Alexander Pfeiffer **


Detlef Fechtner: Tod im Bankenviertel. Börsen-Krimi. Societäts-Verlag, Frankfurt 2020 (250 Seiten, 15 Euro)


Zum Autor:
Dr. Detlef Fechtner wurde in Bad Homburg geboren. Nach dem Studium (Politikwissenschaften, Wirtschaft, Geschichte und Europa-Studien) arbeitete er als Finanz-Reporter für die Nachrichtenagentur vwd, schrieb für die Frankfurter Rundschau sowie für die Westdeutsche Allgemeine Zeitung. Elf Jahre lang war er EU-Korrespondent der Börsen-Zeitung in Brüssel. Seit 2016 ist er Stellvertretender Chefredakteur des Wirtschaftsblattes und lebt mit seiner Familie wieder in Frankfurt am Main. „Tod im Bankenviertel“ ist sein erster Kriminalroman.

*Moritz Pliquet, geboren 1986 in Dortmund. Nach einem Schauspielstudium an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main folgten Engagements in Wiesbaden, Mainz, Frankfurt und Göttingen. Seit 2008 ist er als Sprecher in vielen Hörbüchern und regelmäßig bei Arte und im ZDF zu hören. Er ist außerdem Dozent für Mikrofonsprechen an der HfMDK und beim Hessischen Rundfunk.

 **Alexander Pfeiffer wurde 1971 in Wiesbaden geboren, wo er bis heute lebt. Er ist Schriftsteller, Literaturveranstalter, Moderator und Leiter von Schreibwerkstätten. Neben zwei Bänden mit Kurzgeschichten und vier Gedichtbänden veröffentlichte er bislang vier Kriminalromane und gab die Anthologiereihe „KrimiKommunale“ heraus. Zuletzt erschien sein Roman „Geisterchoral“ sowie der Gedichtband „Leuchtfeuer“.


Die Lesung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Societäts-Verlags. Ihm und dem HMWK danken wir für die Unterstützung dieses Projekts.
Gefördert aus Mitteln des HMWK „Hessen kulturell neu eröffnen“, Projekt „Literaturdigialog Hessen“

Dirk Diekmann ist eine kleine zarte Figur vom fremden Planeten, ist die Schlange und der Fuchs in der Lesefassung von Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“ im Podcast vom September 2020 auf dieser Seite. Am 17. Februar 2021 ist der frühere Wiesbadener Schauspieler und Regisseur im Alter von 62 Jahren bei Innsbruck, seinem späteren Wohnort, an Lungenversagen gestorben – zehn Jahre nach einer Transplantation des Organs.

Das Wiesbadener Publikum kennt Dirk Diekmann aus der Zeit, als er zwischen 1992 und ’97 als Protagonist in vielen Produktionen hier auf der Schauspielbühne, u.a. als Faust, Hamlet, Leonce, Furore machte. Noch nach seinem Wechsel ans Nationaltheater Weimar kam er bis 1999 immer wieder zurück als Gast in seiner Paraderolle als Goethes „Faust“, in der er insgesamt 150mal auf der Bühne stand und als „Schauspieler des Jahres“ nominiert war.

Diekmanns künstlerischer Werdegang umfasst viele Theaterstationen, angefangen von Hannover, seiner Geburtstadt, über Celle, Bremerhaven, Bremen bis nach Wiesbaden in der Intendanz Claus Leiningers unter Schauspieldirektorin Annegret Ritzel. Zwischen 1997 und 2000 spielte er am Deutschen Nationaltheater Weimar, danach in Koblenz und Heidelberg, bis er 2009 als Chefdramaturg ans Vorarlberger Landestheater Bregenz berufen wurde. 2014 bis 2016 war Dirk Diekmann stellvertretender Generalintendant am Düsseldorfer Schauspielhaus. Danach arbeitete er als freier Regisseur für Schauspiel und Musiktheater.

In seiner stupenden Vielseitigkeit war Dirk Diekmann nebenbei als Dozent, Autor und Musikkritiker tätig – ein begnadeter Rezitator mit großem Stilgefühl war er ohnehin, wie er in seinem stimmlichen Schauspiel für den „Kleinen Prinzen“ beweist.

Während seiner Wiesbadener Zeit waren er und Andreas Mach Kollegen auf der Schauspielbühne. Beide stehen jetzt wieder gemeinsam in unserem Podcast-Programm. Andreas Mach, der hier Auszüge aus Otto de Kats „Freetown“ eingelesen hat, erinnert sich an Dirk Diekmann: „Mit Dirk in ,Leonce und Lena‘, ,Goldberg-Variationen‘ oder ,Hamlet‘ auf der Bühne zu stehen, dabei mit ihm mehr zu leben als zu spielen – ganz wunderbar! Unter seiner Regie in ,Kunst‘ zu spielen – Theater mit Herz, Witz und Sinn – absolut erfüllend!“

Der Förderverein Literaturhaus Wiesbaden würdigt den Theatermann Dirk Diekmann mit zwei Podcasts, deren Einspielungen er im vergangenen Jahr innerhalb seines Freundeskreises weitergereicht hatte.

Da wir ihn in Wiesbaden vor allem als „Faust“ in Erinnerung haben, hören wir zunächst noch einmal seine Stimme u.a. im berühmten Eingangs-Monolog und dem vorgetragenen Osterspaziergang:

 

Mit Dirk Diekmanns eigenem Faible für „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“ soll diese Hommage an den verstorbenen Künstler mit dem federleichten Flügelschlag eines Hanns Dieter Hüsch in dessen „Frage für zwei“ münden:

 

Text: Viola Bolduan

Heimaterinnerungen einer Weitgereisten und Reisebuch für Fortgeschrittene: Die sizilianische Liedermacherin Etta Scollo, die als Künstlerin in Berlin lebt, gibt ein vielstimmiges Buch heraus. Es hat naturgemäß zahlreiche Autoren: Schriftstellerinnen und Polizeikommissare kommen zu Wort, eine Historikerin und Theatermacher, aber auch Staatsanwälte oder der Bürgermeister von Palermo, Leoluca Orlando, der seine Stadt von einer der Hochburgen der Mafia zur sichersten Kommune in Italien machte. Sie alle zeichnen in dem Band „Voci di Sicilia“ ein manchmal poetisches und oft genug ungeschöntes Bild der größten Insel im Mittelmeer – klug und ausdrucksstark bebildert von dem Fotografen Anton Maria Storch. Er dokumentiert Natur, die sich in ihrer ganzen Schönheit zeigt, oft urzeitlich und archaisch.  Er zeigt uns aber daneben Städte und Menschen.

Das Buch „Voci di Sicilia“ konfrontiert seine Leserinnen und Leser aber auch mit dem menschengemachten Durcheinander auf der Insel, mit unerträglicher Verwahrlosung in den Kommunen und kontaminierten Landschaften. Gleichsam zur Erholung eingestreut: Poesie. Gedichte, die im Singsang des sizilianischen Dialekts mitgeliefert werden.

Etta Scollo schreibt: „Breitgefächert sind die Zeugnisse und Stimmen in diesem Buch – ein ‚kaleidoskopisches‘ Sizilien. Die Orte, die ich in meinem Leben passiert habe, die Klänge des Gesprochenen haben in mir Musik erzeugt, als eine Form der ‚Sprache in der Sprache‘. Ich habe meine Ortswechsel immer als glückliche Gelegenheiten empfunden, die mir das Leben bot.“

Etta Scollo, die Frau mit dem sizilianischen Herzen, gelingt eine bemerkenswerte künstlerischer Rückkehr nach Sizilien. Ihr ist ein Buch zu verdanken, das sich nicht nur der Literatur und der Musik annimmt, sondern auch gesellschaftlicher Themen und politischer Fragen und das versucht, die vielfältigen kulturellen Einflüsse, die Sizilien zu einem eigenen Kontinent gemacht haben, miteinander zu verbinden.

Hören Sie in das Auftaktkapitel hinein, das die Sängerin und Komponistin geschrieben hat. Die Überschrift lautet: „Catania ist ein Geruch“.


Die als Schriftstellerin in Italien sehr bekannte und geschätzte Autorin Dacia Maraini, wurde 1936 in Fiesole bei Florenz geboren. Sie beschreibt in einem autobiografischen Roman die Kleinstadt Bagheria in der Provinz Palermo. Dort lebte die Familie Maraini, nachdem sie 1946 von einem Japan-Aufenthalt nach Italien zurückkehrte, in der Villa Valguarnera. Dacia lernte hier ihre Großeltern mütterlicherseits kennen, die zum verarmten sizilianischen Adel zählten. Die mittlerweile 13-Jährige wurde mit den traditionellen Verhaltensweisen Süditaliens konfrontiert und reagierte darauf zunächst verstört. In dieser Zeit fing sie an, ihre sizilianischen Eindrücke auf Papier zu bringen.


Hören Sie nun das Kapitel „Bagheria“ aus dem gleichnamigen autobiografischen Roman, in dem Dacia Mariani von der Kindheit in Sizilien berichtet:


Den roten Faden das Buches bilden die Lieder von Etta Scollo, von denen einige auf einer beigelegten CD mitgeliefert werden. Die Lieder sind Kompositionen traditioneller sizilianischer Musik, oft Vertonungen der Texte sizilianischer Dichter. Hören Sie zum Schluss „Rosa canta e cunta“ („Rosa singt und erzählt“), ein Lied der berühmten Volkssängerin Rosa Balistreri, der sogenannten „Stimme Siziliens“ – hier eindrucksvoll interpretiert von Etta Scollo.


Text: Ingeborg Toth

„Voci di Sicilia“ von Etta Scollo, aus dem Italienischen von Klaudia Ruschkowski, erzählt von der jahrtausendealten Geschichte Siziliens und ihrer Gegenwart, die neben alter Schönheit auch neue Hoffnung vermittelt.

Erschienen bei Corso (Verlagshaus Römerweg), Wiesbaden 2020, ISBN 9783737407595, gebunden, 256 Seiten mit eingelegter CD, 39,90 Euro


Zu Etta Scollo:
Die Sängerin wurde 1958 in Catania geboren. Nach einem Studium der Kunst und Architektur in Turin und einer Ausbildung in Gesang und Tanz am Konservatorium Wien, wurde sie 1988 mit zwei Goldenen Schallplatten ausgezeichnet. In einer Periode, die sie als künstlerische Selbstfindung erlebte, arbeitete Etta Scollo auch für das Theater und die Oper. In der musikalischen Aufführung von Johann Wolfgang Goethes „Faust II“ im Jahr 2009 (Musik von Karsten Gundermann) spielte sie die Rolle der Helena. Im Jahr darauf sang sie am Teatro Massimo in Palermo die Alice in der Oper „Alice im Wunderland“. 2010 bearbeitete sie die Musik von Giuseppe Verdis Oper „Rigoletto“ für eine zeitgenössische Inszenierung an der Neuköllner Oper in Berlin.
Etta Scollo ist es ein Anliegen geworden, Musik mit Literatur und Dichtung zu verbinden, sei es auf Alben oder auf der Bühne. Seit 2014 präsentiert sie in ihrem Programm „Parlami d’amore“ gemeinsam mit Joachim Król  italienische Liebeslieder und -geschichten.


Zu Jutta Eckes, die die Texte aus dem Buch „Voci di Sicilia“ liest:
Sie ist Literaturwissenschaftlerin und Italianistin, Dolmetscherin, Übersetzerin und Lehrbuchautorin. Die Wiesbadenerin unterrichtet Gesangsstudierende und Korrepetierende an Musikhochschulen und Konservatorien in Köln, Mainz, Frankfurt und Darmstadt.
Seit zwanzig Jahren arbeitet Jutta Eckes als Italienisch-Sprachcoach auf internationaler Ebene mit namhaften Regisseuren und Dirigenten sowie Sängerinnen und Sängern an Opernhäusern und bei Festspielen. Publikationen bei Rowohlt, Hueber und Bärenreiter.


Die Lesung und die Musikeinspielung erfolgen mit freundlicher Genehmigung des Corso Verlags (Verlagshaus Römerweg GmbH). Ihm und dem HMWK danken wir für die Unterstützung dieses Projekts.
 
Gefördert aus Mitteln des HMWK „Hessen kulturell neu eröffnen“, Projekt „Literaturdigialog Hessen“

„Überredt!“

Es lebe die Völkerverständigung! Dazu sollten sich die Völker natürlich auch verständigen können. Nicht immer gelingt das auf Anhieb. Was dann folgt oder folgen sollte, nennt man Volksbildung, nicht etwa deshalb, weil ein Volk gebildet, also hergestellt oder produziert wird, sondern weil es reicher an Bildung wird. Als gebürtiger Niederbayer kann ich davon gar nicht genug bekommen.

Ich stamme aus einem Sprachgebiet, in dem man auf höchstmögliche sprachliche Effizienz achtet. Für: „Ich habe Sie leider nicht ganz verstanden; könnten Sie bitte Ihren letzten Satz noch einmal wiederholen?“ reicht dort aus: „Ha!!?“ In gebildeteren Familien unterweist man die Kinder natürlich in grundlegenden Benimmregeln: „Des hoaßt net ‚Ha!?‘, des hoaßt ‚Wos!?‘!!“

Nicht zufällig stammt die kürzeste Liebesgeschichte Europas aus meiner Heimatregion:
ER: „Mogst?“
SIE: „Überredt.“ (siehe Übersetzung am Ende des Textes)*

Vielleicht ahnen die Leser*innen schon das Ausmaß meines Kulturschocks beim Herzug in den Rheingau. Ich hatte jahrelang größte Mühe, aus den Wortgirlanden und Geschichten-Reben einheimischer „native speakers“ die Kernbotschaften heraus zu pflücken.

Ein wesentlicher Baustein zum Gelingen der Völkerverständigung ist – neben Toleranz (lat.: tolerantia: „geduldiges Ertragen“) – die Kenntnis von Kultur und Geschichte des Landes, in das man eingewandert ist. Und hier kommt nun „Übberichens…“ ins Spiel, jener kostbare Beitrag zu Fort- und Weiterbildung eingewanderter Volksstämme. Soweit ich die Botschaften in dem Büchlein bisher entziffern konnte, dient „Übberichens …“ einem einzigen Zweck: Man erfährt etwas, das man vorher noch nicht oder nicht mehr oder eh schon wusste. Das ist ein lobenswertes Unterfangen. Ganz gleich, ob ich neckisch eingeladen werde, den Erfinder jener Sprudelwasserflaschenetikettenbeschriftung mit den Miligramm-genauen Angaben zu erraten, ob ich staunend begreifen darf, dass ein echter Nassauer gerade kein Nassauer war, nur die unechten Nassauer waren echte Nassauer; egal, ob ich über die Innovationskraft rheingauer Winzer in Coronazeiten staune oder demütig erkennen muss, dass ich die überschäumende rheingauer Bodenhaftung im Fasching, pardon, in de Fassenacht wohl nie erreichen werde: Mithilfe derartiger Volksbildungs-Häppchen, gewürzt mit dem milden Humor der Gegend, ist mir der Rheingau tief in die Seele gewachsen.

Wenn ich diesen Text hier in meinem Heimatidiom verfasst hätte statt in Hochdeutsch, hätten die leidensbereiten Leser*innen womöglich eine Ahnung bekommen, welche Mühe des Entzifferns ich auf mich nahm bei Wörtern wie „Dubbes un Bubbes“, „Ninividde“ und „Dalbe“, „Wullewagges“ oder „Scheierbambeler“. Kantonesisch schien mir danach lernbar. Für mich ist es zugegeben inzwischen leichter, Hessisch zu hören als zu lesen. Noch immer fällt es mir allerdings schwer abzuschätzen, ob meine hiesigen Gesprächspartner bei meinen Verständnislücken mein „Ha!?“ richtig deuten können. Im Zweifelsfall kann ich ja noch ein „Wos!?“ nachschieben – wobei ich jedoch mit beiden Klärungs-Silben äußerst sparsam umgehe. Denn inzwischen ahne ich auch den tiefen Wahrheitsgehalt jener „Badesalz“-Nummer, bei der ein Hesse solange auf einen Räuber einredet, bis dieser mit blutenden Ohren tot zusammenbricht.

Aber keine Frage, aus meiner „tolerantia“ wurde „sympathia“ („natürliche Übereinstimmung, natürlicher Zusammenhang“). Wenn das keine Völkerverständigung ist! Als ich daher gebeten wurde, eine Randnotiz zu dieser rheingauer Volksbildungs-Blütenlese beizusteuern, konnte meine Antwort nur lauten: „Überredt!“

*ER: „Könntest du dir vorstellen, mit mir eine längerfristige, vielleicht sogar erotische Beziehung aufzubauen?“
SIE: „Immer wenn ich deine wunderbar poetische Sprache höre, erlischt in mir jeglicher anerzogener Widerstand gegen ein voreiliges Einwilligen in deine Beziehungsanfragen und ich bin geneigt, deinem Wunsch nachzugeben.“

Arno Hermer**


Hören Sie hier nun in die Sammlung Rheingauer Mundartkolumnen „Überrichens“ hinein. Es lesen die Autor*innen:

Ulrike Neradt: Schnudedunker im Internet


Leo Gros: Wer war’s?


Markus Molitor: Fassenacht bei uns


Helga Simon: Nassauer, Schnorrer, Schnudedunker


Leo Gros, Ulrike Neradt, Markus Molitor, Helga Simon: „Überrichens“, Eigenverlag, 10 Euro – zu beziehen über die Wiesbadener Buchhandlungen (z. B. über buchhandlung-vaternahm@t-online.de)


**Arno Hermer, gebürtiger Niederbayer mit langjährigem Wohnsitz in Wiesbaden, hat Germanistik und Theaterwissenschaft studiert. Er war als Chefdramaturg, Schauspieler, Autor und Regisseur in Bruchsal und Esslingen engagiert. Seit 1989 arbeitet er freiberuflich als Autor, Schauspieler, Regisseur, Couch und Theaterpädagoge. Er ist mit zahlreichen Bühnenprogrammen unterwegs.


Gefördert aus Mitteln des HMWK „Hessen kulturell neu eröffnen“ im Rahmen unseres Projektes „Literaturdigialog Hessen“ – Zum Auftakt der Reihe, in der wir Ihnen aktuelle Publikationen hessischer Verlage vorstellen, starten wir hier direkt mit einer Ausnahme, dem Eigenverlag. Denn die Mundart aus unserer Region soll in dieser literarischen Umschau nicht fehlen.