Sprecher: Dirk Diekmann / Text: Viola Bolduan

Da alle großen Leute auch einmal Kinder waren, widmet der französische Autor Antoine de Saint-Exupéry (1900-1944) seine Erzählung „Der Kleine Prinz“ dem Kinde, das der Freund und Kollege Léon Werth einmal war. Aber – „Der Kleine Prinz“ ist deshalb noch lange kein Buch für Kinder, sondern ein Kunstmärchen für alle, die sich Fantasie, Träume und schlichte Wahrhaftigkeit bewahrt haben.

1943 erstmals in New York, dem Exil-Ort des Autors, erschienen, kommt das Buch in seiner ersten deutschen Übersetzung 1950 im Karl-Rauch-Verlag heraus. Das 70. Jubiläum feiert der Verlag mit einer Faksimile-Ausgabe der Original-Übersetzung von Grete und Josef Leitgeb (im schönen Leinenschuber). 1,2 Millionen Exemplare dieser Originalausgabe wurden bis heute verkauft; viele andere Buch-Fassungen, Film-Versionen und Hörspiele vom „Kleinen Prinzen“ mehr sind im Umlauf und Übersetzungen in über 350 Sprachen. Mit Illustrationen des Verfassers ist das kleine Büchlein so populär wie allerliebst, weil es verführt –jeder möchte schließlich doch „gut mit dem Herzen sehen“ – zumindest Zeilen wie diese lesen.

Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Karl Rauch erinnern wir in diesem Podcast mit Auszügen aus „Der Kleine Prinz“ also an eine Geschichte, die mit ihrer feinen Aufforderung, geradeheraus, neugierig, furchtlos und sanftmütig zu sein, wie der kleine Prinz, so aktuell ist wie vor 70 Jahren.

Einen Extrakt aus „Der Kleine Prinz“ liest Dirk Diekmann, Schauspieler und Dramaturg. Das Wiesbadener Publikum wird sich an ihn in seinen vielen Protagonisten-Rollen unter der Intendanz Claus Leiningers, u.a. in den Titelrollen „Faust“ und „Hamlet“, am Hessischen Staatstheater erinnern und gern seine Stimme wieder hören.*

Dirk Diekmann hat eine gekürzte Lesefassung des Originaltexts erstellt, seine Lesung mit Hintergrundgeräusch und dezenter Musik untermalt und bietet sie als stimmliches Schauspiel: Beteiligt sind der Ich-Erzähler (ein in der Wüste abgestürzter Berufspilot, wie Saint-Exupéry selbst) und ein kleiner zarter Prinz von einem fremden Planeten, eine zischende Schlange und ein ernsthafter Fuchs.

Hören Sie von der Erkundung des kleinen Prinzen, was auf der Erde wichtig sei und seiner Sehnsucht nach einer einzigartigen Blume, die er zu Hause zurückgelassen hat …


Antoine de Saint-Exupéry: „Der Kleine Prinz“ mit Zeichnungen des Verfassers. Karl Rauch Verlag. Bad Salzig. 1950. 96 Seiten. 35 €.

Wir danken dem Ortsbeirat Mitte (Wiesbaden) für die Unterstützung des Projekts.


* Sieben Spielzeiten lang spielt Dirk Diekmann die Titelrolle in Goethes „Faust I“ am Wiesbadener Theater (Intendanz Claus Leininger) und wird in dieser Rolle als „Schauspieler des Jahres“ nominiert. In Wiesbaden trifft er Intendant Günther Beelitz, dem er 1994 ans Nationaltheater Weimar und 2000 an das Theater Heidelberg folgt. Von 2009 an ist Diekmann Chefdramaturg und Regisseur am Vorarlberger Landestheater in Bregenz. Zwischen 2014 und 2016 ruft ihn abermals Günther Beelitz, diesmal ans Düsseldorfer Schauspielhaus als stellvertretenden Generalintendanten. Dirk Diekmann arbeitet als freier Schauspieler, Dramaturg und Regisseur und hat in diesem Jahr eine Sprechrollen-Fassung von Albert Camus‘ „Die Pest“ für Schauspieler Stefan Hunstein im Online-/Zoom-Format erstellt. Dirk Diekmann lebt heute in Innsbruck. Seine Einspielung von Rilkes „Cornet“ gibt es übrigens noch immer im Online-Shop der Theaterfreunde Wiesbaden.


„Der Kleine Prinz“ ist fester Bestandteil im Programm des Wiesbadener Velvets-Theaters. Hier Szenen der Begegnung mit dem Fuchs und der Prinz mit seiner Rose auf dem kleinen Planeten. Vorstellungen in diesem Jahr finden statt am 8. November, 18 Uhr; 4. November, 20 Uhr; 25. Dezember, 18 Uhr.

© Valeska Morath/Velvets-Theater

Iris Atzwanger liest aus dem Roman der südafrikanischen Autorin


„Der siebte Sinn ist der Schlaf“ ist der bekannteste Roman der 1933 in Südafrika geborenen und in Kapstadt lebenden Autorin, Schauspielerin und Übersetzerin Wilma Stockenström. Das 1981 in Afrikaans verfasste Werk wurde von J. M. Coetzee ins Englische übersetzt und weltberühmt. Aktuell hat der Verlag Klaus Wagenbach den zutiefst berührenden und exzeptionellen Roman in diesem Jahr auf Deutsch neu herausgegeben. Eine gute Gelegenheit, die Literatur dieser bei uns wenig wahrgenommenen, außergewöhnlichen Schriftstellerin kennenzulernen.

Die Ich-Erzählerin in „Der siebte Sinn ist der Schlaf“ ist eine ehemalige Sklavin, die in der Wildnis im Landesinneren in einem hohlen Baobab lebt. Dieser afrikanische Affenbrotbaum ist ihr letzter Zufluchtsort. Ein riesiger Baum, Sinnbild ewigen Lebens. Ohne Kontakt zu Menschen, die ihre Sprache sprechen, sieht sie lediglich ab und an die „Kleinen Menschen“ (südafrikanische San), deren Worte sie nicht versteht, die ihr kleine Gaben vor den Baum legen.

Im Innern des Baums tritt die Erzählerin nun Reisen in ihr eigenes Inneres, ihre Erinnerungen, an. Dabei kämpft sie gegen die Zeit, denn die Chronologie ist aufgehoben, die Bilder und Empfindungen des Gewesenen sind gleichzeitig gegenwärtig. Und doch setzt sich für die Lesenden nach und nach ihre Geschichte zusammen: Ein Mädchen aus einem kleinen Dorf, das gefangen, an die Küste verschleppt und versklavt worden ist. Jung wird sie an den ersten Mann verkauft, einer, der allein an ihrer Entjungferung interessiert ist. Danach wird sie weitergegeben an einen brutalen Besitzer, dann an einen „Wohltäter“ und schließlich an den „Fremden“, den sie auf der Expedition ins Landesinnere begleitet. Eine Reise, von der sie beide nicht mehr zurückkehren …

Das Bemerkenswerte an dieser Frau ist, dass sie trotz all der Gewalt, die sie erfahren hat, der Erfahrung, lediglich Besitz und nie Mensch zu sein, sich ihr Selbst nie nehmen lassen hat. So formen sich ihre Gedankenreisen zu Worten, schaffen Bewusstsein.

Hören Sie die ersten zwölf Seiten des Romans, die wir Ihnen mit freundlicher Genehmigung des Verlag Klaus Wagenbach präsentieren dürfen. Es liest Iris Atzwanger*.

Text: Rita Thies


Wilma Stockenström: Der siebte Sinn ist der Schlaf, Verlag Klaus Wagenbach 2020, 155 Seiten, 18 Euro

Weitere Informationen: www.wagenbach.de


*Iris Atzwanger wurde in Innsbruck geboren, wo sie zunächst ein medizinisch technisches Studium mit Diplom abschloss. Sie arbeitete 3 Jahre als Röntgenassistentin und schloss parallel dazu die Schauspielschule am Landestheater ihrer Geburtsstadt ab, wo sie auch erste Bühnenerfahrungen machte. Es folgten 20 Jahre Festengagement an den Städtischen Bühnen Regensburg, Landestheater Salzburg, Stadttheater St. Gallen, Schauspiel Dortmund und zuletzt 6 Jahre Staatstheater Wiesbaden. 1995 erhielt sie den „Bajazzo“ – den Förderpreis der Stadt Dortmund.
Seit 2006 arbeitet sie als freie Schauspielerin u.a. am Staatstheater Wiesbaden, Staatstheater Mainz, Fritz Remond Theater Frankfurt, Komödie Frankfurt, Stadttheater Bielefeld und den Burgfestspielen Bad Vilbel. Iris Atzwanger arbeitet zudem als Synchronsprecherin, seit 2013 als Regisseurin und seit 2015 ist sie Leiterin der Schauspielabteilung und Dozentin an der Musical Arts Academy in Mainz.


Wir danken dem Ortsbeirat Südost (Wiesbaden) für die Unterstützung dieses Projekts.

Autor Ingo Schulze spricht sich im Interview über seinen neuen Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ für den Dialog und das Lebendige der Literatur aus. Wie eng und schillernd er die drei Teile seines Romans aufeinander bezogen hat, erschließt sich erst ganz am Ende des Buchs. Da heißt es also: dran bleiben. Am 26. August hat Ingo Schulze das Buch im Kulturforum Wiesbaden vorgestellt und sich dabei als sympatisch offener Gesprächspartner erwiesen.

Herr Schulze, hätte Ihre Hauptperson, Antiquar Norbert Paulini, sein im Roman dargestelltes Leben so auch in West-Deutschland leben können?

Ja, natürlich, aber es hätte anders ausgesehen. Wer 1953 im Osten geboren wurde und dort blieb, hat natürlich eine andere Sozialisation als jemand desselben Jahrgangs im Westen. Aber ich vermute, dass er auch im Westen Antiquar geworden wäre. Die Schwierigkeit, über ihn zu sprechen, liegt darin, dass wir letztlich ja gar nicht wissen, wie dieser Paulini wirklich war, er ist eine Projektion, das wird im zweiten Teil klar. Er erfährt eine Überhöhung.

Welchen Unterschied in der Begeisterung für Literatur stellen Sie im Rückblick für Ost- und West-Deutschland fest?

Ich kann das schwer vergleichen, weil ich bis zum Mauerfall nie im Westen gewesen bin. Die Verfügbarkeit von Literatur war im Westen eine andere, was nicht heißt, dass man da alles auf dem Silbertablett bekam. Im Westen war es wohl eher eine Frage des Geldes, im Osten eher eine Frage, da überhaupt heran zu kommen. Und wenn etwas Mangelware ist, dann bekommt es noch einen anderen Stellenwert. Im Osten waren die ideologischen Markierungen vordergründiger. Da führte die Literatur unmittelbar in die täglichen Auseinandersetzungen, ihre gesellschaftliche Bedeutung war enorm. War ein Buch im Osten erschienen, konnte man damit argumentieren. Deshalb vergrößerte jedes gute Buch den eigenen Spielraum.

Literaturversunkenheit führt im Falle Paulinis zu gefährlicher Weltfremdheit. Wovor bewahrt die größte Literaturkenntnis nicht? Oder mehr noch: Was behindert sie?

Als Leser weiß ich ja, welch enorme Bedeutung die Literatur für mein Leben hat. Aber wie in der Philosophie oder der Theologie, kommt es halt darauf an, welche Bücher und Autoren man liest und wie man sie interpretiert. Als ich jetzt wieder den „Hyperion“ las, war es mir unbegreiflich, wie Hölderlin für den Nationalsozialismus eingespannt werden konnte. Es ist immer ein Kampf der Erzählungen und Interpretationen. Aber ich weiß auch aus meinem Alltag, dass große Literaturgeister nicht unbedingt große Charaktere sein müssen. Wenn etwas gegen das Abrutschen in menschenfeindliche Gesinnungen hilft, dann nur die alltägliche Praxis, in der man ein anderes Verhalten „einübt“.

Nicht nur der Antiquar, auch der Autor verschreibt sich notabene der Verführungskraft der Literatur … wie schützen Sie sich selbst vor den Anfechtungen, die Ihre Figur erfährt?

Ich bin gerade dabei, die Laudatio auf Dzevad Karahasan zu schreiben, der den Goethe-Preis erhalten wird. Er macht immer wieder klar, wie wichtig das Gegenüber als Gesprächspartner ist und nicht als Bedrohung, als Feind. Und das schreibt er auch, während er im besetzten Sarajevo im Keller eines Hauses sitzt, während oben die Granaten einschlagen. Ich halte mit Dzevad Karahasan das berühmte „Cogito ergo sum“ von Descartes für einen Irrweg, weil bei aller Grandiosität von Descartes das Dialogische nicht vorkommt. Und wie soll ich meinen eigenen blinden Fleck erkennen – und den zu erkennen, ist ja die Aufgabe jeder Selbstaufklärung –, wenn ich kein Gespräch führe?

Worin besteht der Unterschied zwischen Liebe zur Literatur und „kontextlosem Ästhetizismus“, dessen Paulini sich schuldig macht?

Liebe zur Literatur ist etwas Lebendiges, wie jede Liebe. Es geht da nicht um Erfüllung von Normen. Ich werde immer nervös, wenn ein Buch gelobt wird mit einem Satz wie, „das sei gut geschrieben“. Das „gut schreiben“ ist nicht das Problem, das kann man mit etwas Begabung und Fleiß und guten Vorbildern auch lernen. Die Frage ist, wie verhält sich der Stil zum Stoff, wie angemessen ist er und was bedeutet das für mich als Leser in meiner Welt. Wir kennen es doch aus der Kunst oder der Musik, da kann gerade das Unpassende, scheinbar nur Gekritzelte oder Misstönende das Richtige sein.

Es ist ein Roman über die Literatur selbst – mit ungeheuer vielen Titel-Aufzählungen und Zitaten. Wie haben Sie sich diese Listen erarbeitet, und inwieweit muss Publikum diese geballten Anspielungen erkennen?

Es geht allein darum, die Figur des Antiquars zu charakterisieren. Da hat mir auch ein Freund viele Hinweise gegeben. Paulini musste als Antiquar denken, und ein Antiquar wie er, so stelle ich mir das zumindest vor, kennt halt viel Literatur und weiß durch seine Zitate auch zu beeindrucken.

Sie feiern im Buch auch stark die Elb-Landschaft bei Dresden – welche Bedeutung hat sie für Sie?

Das ist meine Kindheits- und Jugendlandschaft. Und ich bin immer wieder neu fasziniert, wie Dresden als Stadt mit der Elbe umgeht, das ist wunderschön, man lebt auf den Fluss hin, es gibt die Elbwiesen, die Umgebung von Meißen flussabwärts über Pillnitz und Pirna flussaufwärts bis hinein ins Elbsandsteingebirge sind atemberaubend schön und ein regelrechter Kulturspeicher. Man könnte sein Leben damit verbringen, das alles zu erkunden.

Sie spielen mit sich selbst als Autor namens Schultze, der in Teil 1 das Leben Paulinis referiert, in Teil 2 die eigene Begegnung mit Paulini schildert, und wir erfahren über des Autors Lektorin vom Manuskript des 1. Teils im letzten Teil. Wie viel Spaß hat es gemacht, qua Struktur am Ende dazu aufzufordern, den gesamten Roman noch einmal von vorn zu lesen?

Das freut mich, wenn Sie das so sehen. Ich habe aber nicht vorher gewusst, dass das, was ich da schreibe, einmal so aussehen wird.  Teil zwei und drei sind jeweils erst während des Schreibens notwendig geworden. Als es nach einigen Irrwegen dann so war, wie es jetzt im Buch aussieht, war ich sehr erleichtert. Diese Struktur ermöglicht es auch mir, mir als Leser Konstellationen vorzustellen, an die ich während des Schreibens überhaupt nicht gedacht habe.

In welcher der Erzählstimmen sind Sie sich selbst am nächsten?

Wenn überhaupt, dann nur in der Gesamtheit. Es hat ja jede Figur im Buch was für sich, aber jede wird auch fragwürdig.

Von „rechtschaffenen Menschen“ wird auf den letzten Buchseiten gesprochen – den Sprung zum Titelwort „Mörder“ überlassen Sie nun ganz Ihrem Lesepublikum?

Ja. Die Figur des Juso Podzan Livnjak ist sehr wichtig, der bei mir das Antiquariat von Paulini weiterführt. Ich habe mir diese Figur aus Karahasans Roman „Der Trost des Nachhimmels“ ausgeborgt. Da kommt plötzlich jemand, der noch ganz andere Erfahrungen besitzt als die anderen Figuren. Vor zwei Wochen fragte eine Frau nach einer Lesung: ,Sind wir nicht alle auch rechtschaffene Mörder?‘ Sie meinte das im Sinne unseres Alltags, welche Auswirkungen hat unser way of life für andere.

„Literatur und Leben ist zweierlei“, steht im Roman. Ist es da kein Widerspruch, dass Ihre Literatur doch auch zum Leben derer, die Sie lesen, beitragen will?

Das sage ja nicht ich, das sagt ein ziemlich aufgebrachter, von der Autorenfigur Schultze porträtierter Paulini, der zu in diesem Moment ziemlich weit rechts gelandet ist. Literarische Figuren treten doch in unser Leben ein, so wie wir in das ihre eintreten. Nicht, dass ich sie mit wirklichen Menschen verwechseln würde, aber in ihrer Bedeutung für mich kommen sie einander oft recht nahe.

„Die Dichter müssen lügen“, lesen wir auch in Ihrem Buch. Was dürfen/sollen wir Ihnen aber dennoch glauben?

Es geht um die Stimmigkeit der Geschichte. Für einen Roman spielt es keine Rolle, ob sich das alles tatsächlich so zugetragen hat oder, wie in meinem Fall, erstunken und erlogen ist.

Wenn Sie in Wiesbaden aus „Die rechtschaffenen Mörder“ lesen, welche Erinnerungen haben Sie an die Stadt?

Das Buchhändlerehepaar Vaternahm hatte mich schon mit meinem ersten Buch zu einer Lesung eingeladen und mir dann die Treue gehalten. Ich glaube, ich habe wirklich jedes meiner Bücher in Wiesbaden ziemlich bald nach dessen Erscheinen vorstellen dürfen. Das verbindet einen natürlich mit der Stadt. Und seit Frank Witzels „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion …“ und seines jüngsten Romans fühle ich mich in Wiesbaden regelrecht heimisch.

Ingo Schulze: „Die rechtschaffenen Mörder“. S. Fischer. 318 Seiten. 21 €.

Kristof Magnusson: Ein Mann der Kunst. Verlag Antje Kunstmann 2020 (237 Seiten. 22,-Euro)

Ausnahmsweise mag an dieser Stelle nur der Hinweis auf die Rezension von Dr. Viola Bolduan genügen, die auf dieser Webseite im „Journal“ unter dem Titel „Wenn die Kunst im Rhein versinkt…“ (14.08.2020) zu finden ist.

Nur so viel: Dieser Roman über den Besuch des Fördervereins eines Frankfurter Museums bei einem zurückgezogen lebenden Künstler auf seiner Burg am Rhein gehört für mich zu den besten Leseerlebnissen des Jahres. „Ein Mann der Kunst“ ist eine Hommage an den subtilen Humor, der gleichermaßen komisch und geistreich daherkommt. Magnussons bestechend klarer Blick auf die verschiedensten Menschen, die sich in der Kunst- und Kulturszene treffen, bleibt bei allen belustigenden Eigenheiten, die er beschreibt, immer liebevoll. Ich werde diesen Roman noch häufiger verschenken.

Wenn Sie mögen, schicken Sie mir doch nach dem Lesen Ihren Kommentar, ich setze ihn dann gerne auf diese Seite. literaturforum.wiesbaden@online.de

Rita Thies

Das Literaturhaus plant am 6. November 2020 eine Lesung mit Kristof Magnusson zu dem Titel. Informationen unter „Kalender“ (in Kürze)

Andreas Schäfer: Das Gartenzimmer. DuMont Buchverlag Köln 2020. (346 Seiten. 22,-Euro)

Ein Haus kann gleichermaßen Sehnsuchtsort und Fluch sein. Die Villa Rosen in Berlin-Dahlem, die Andreas Schäfer in „Das Gartenzimmer“ ins Zentrum des Geschehens rückt, ist wie geschaffen, um auf ihre Bewohner einzuwirken und die unterschiedlichsten Phantasien und Gefühle auszulösen. Der Prachtbau im neoklassizistischen Stil mit Satteldach und Gauben stammt aus dem Jahr 1909, geplant von dem jungen Architekten Max Taubert.

Es ist sein mit vielen architektonischen Eigenheiten versehenes Erstlingswerk, ohne Keller, im Untergeschoß mit einem Gartenzimmer.

Um das Anwesen und dieses besondere Zimmer schildert nun Schäfer über eine erzählte Zeit von mehr als hundert Jahren, von 1908 bis 2013, die Geschichten seiner Bewohner. Das geschieht nicht chronologisch, doch ist die Orientierung durch Jahreszahlen über den Kapiteln gewiss. Zudem wählt der Autor zwei parallele Erzählstränge, die geschickt zusammenlaufen und so peu à peu auch die dunklen Geheimnisse, die mit der Villa verbunden sind, ans Licht bringen.

Für Max Taubert wird der Landsitz, mit dem ihm Professor Adam und Elsa Rosen beauftragt haben, zum Ausgangspunkt seiner Karriere. Durch die Rosens bekommt er die besten Kontakte, lernt auch seine Frau über die beiden kennen. Insbesondere Elsa Rosen, eine glänzende Gastgeberin verschiedenster Festivitäten im Hause, ist begeistert von dem jungen Taubert. Umso enttäuschter ist sie, als der Kontakt nach Tauberts Scheidung von seiner Ehefrau abbricht und er schließlich sogar der Beerdigung Adam Rosens fernbleibt. Es ist das Jahr 1928, Taubert gehört nun zu denjenigen Architekten, die sich dem Neuen Bauen verschreiben. Mit seinem ersten Traumhaus will er nichts mehr zu tun haben. Elsa lässt ihn aus Ärger über sein Verhalten sogar aus den Bauakten der Villa Rosen streichen. Doch mit der Herrschaft der Nazis ändert sich sein Verhalten, denn nun ist das Neue Bauen nicht mehr gefragt. Er nimmt wieder Kontakt zu Elsa auf und überrascht sie schließlich sogar mit Alfred Rosenberg im Schlepptau zu Hause…

Nachdem die Villa Rosen zehn Jahre leer gestanden hat, kaufen im Jahr 1995 Hannah und Frieder Lekebusch das Objekt. Die Renovierung ist ein gewagtes Unterfangen, denn die Auflagen des Denkmalschutzes fordern üppige Finanzmittel. Für Frieder, der als Pharmaunternehmer mit Generika sein Geld gemacht hat, ist das kein Hindernis, sondern eher Herausforderung, sich endlich einem Unikat zu widmen. Schwieriger gestaltet sich da schon das Verhältnis zu Hannah, denn sie macht mittlerweile nicht nur die Restaurierung, sondern die Inszenierung des Hauses als wiederentdecktes Bauwerk des berühmten Architekten Taubert zu ihrem Lebenswerk. Der Abglanz des verstorbenen Meisters verspricht auch ihr mehr Ruhm und Geltung. So stapfen, um Sichtachsen bewundern zu können, bald Besuchergruppen durchs Schlafzimmer. Und für das findet der Hausherr dann auch bald eine andere Besetzung…

Andreas Schäfer bildet in „Das Gartenzimmer“ einen ganzen Kosmos von Lebensschicksalen ab und wirft dabei interessante Fragen zum Umgang mit deutscher Geschichte auf. – Und wer gewillt ist: Oder ist das Unheimliche letztendlich das Haus selbst?

Rita Thies

„Ein Mann der Kunst“: Zu Kristof Magnussons neuem witzigen Roman

„Ich finde die Komposition so schön aus dem Fluss, der Landschaft, den Dörfern am Rhein. Und dann die Städte … Wiesbaden mit dem mondänen Charme – und als Halb-Isländer liebe ich ja eh alle Städte, in denen es Thermalquellen gibt …“. Und also hat Kristof Magnusson den Rheingau als Schauplatz für seinen neuen Roman „Ein Mann der Kunst“ gewählt. Noch bevor das Buch am 12. August erschienen ist, sprach Kristof Magnusson, der isländisch-deutsche Theater- („Männerhort“) und Romanautor („Das war ich nicht“), Übersetzer und Wiesbadener Poetikdozent 2016/17, über seinen „Mann der Kunst“ im Online-Chat des Fördervereins Literaturhaus Wiesbaden. Denn neben seinem ruhmreichen, aber menschenscheuen ,Malerfürsten‘ ist wichtiger Rollenträger eben ein Förderverein, der den Rheingau (Magnusson: „Die einzige Landschaft, die mich in Deutschland ganz tief emotional berührt“) besucht, um den Künstler-Eremiten heimzusuchen. Der weltweit renommierte Meister KD Pratz – in der Buch-Realität das Gegenteil von Protz – soll für ein zu gründendes Museum gewonnen werden. Das geht im ersten Anlauf so gründlich schief, wie pointensicher der Autor seine Figuren vom Museumsdirektor bis hin zur Vereinsvorsitzende in ihrem eifrigen Bemühen um die Kunst wunderbar ironisch darstellt. „Mir war es besonders wichtig, die Figuren mit all ihren Schrullen humorvoll zu zeichnen, aber gleichzeitig nicht parodistisch in die Pfanne zu hauen.

Der alte weiße Mann KD Pratz gerät an eine pensionierte, aber noch immer emanzipierte Psychotherapeutin als Vereinsvorsitzende, während ein gebildeter wie auch sehr beflissener Museumsdirektor den Deal so voreilig wie vergeblich schon in der Tasche zu haben meint. Das ist in Charakterisierung und Dialog schon große Erzählkunst in schlafwandlerischer Balance zwischen Realismus und Persiflage.

Realität kann freilich Fantasie bisweilen auch einholen: Als Kristof Magnusson die Burgruine Ehrenfels über Rüdesheim als Künstlerheim und -atelier literarisch als Burg Ernsteck wiederaufbaut („weil KD Pratz so ernst ist“) hat er noch nicht gewusst, dass es tatsächlich einen Maler namens Ernst Eck gab (Österreicher, 20. Jahrhundert). „Rückwirkend ist das also eine superkluge Anspielung geworden, war aber Zufall.“ Genauso offen und ehrlich gibt der Autor zu, dass die kulturpessimistische Bemerkung seiner Hauptfigur, „und wenn dann mal wieder eine große Epidemie kommt – gute Nacht“, in letzter Minute in das Buch eingefügt wurde: „Die Kontaktsperre fiel ja genau mit der Zeit zusammen, in der ich eh nicht aus dem Haus gekonnt hätte, weil ich den Roman fertigschreiben musste.“ Und Kristof Magnusson ist kein Zyniker, wenn er der Corona-bedingten Einschränkung für sich selbst auch Positives abgewinnt: „Plötzlich kann man überall mit Karte bezahlen, und die Leute drängeln nicht mehr so.“

Die Leute seines Fördervereins allerdings bedrängen den begehrten Mann der Kunst auf seiner Burg massiv. Allein der Ich-Erzähler, günstiger Weise der Vorsitzenden männerzugewandter Sohn, hält vertrauensvollen Kontakt. Und KD Pratz wiederum klärt die Vereinsmitglieder auf über einen Kunstbegriff im Gegensatz zu Fanverehrung oder gewinnträchtiger Investition: „Ich habe mich immer als Handwerker verstanden“. Magnussons Kritik an den Gepflogenheiten im gängigen Kunstbetrieb gipfelt in einer ungeheuer witzigen Kunstdemontage, als die Freunde der Kunst die Objekte ihrer Begierde einem Ort zuführen, der alles ins Fließen bringt – zum Rhein. „Wir behalten unsere Traumvorstellungen vom Rhein“, sagt der Autor im Gespräch, „weil sie uns von der Kunst und Literatur so prägnant vermittelt wurde. Der Rhein ist also ein wunderbarer Beleg für die Kraft des Erzählens, die uns so starke Bilder einpflanzen kann, dass die Realität sie nicht kaputtkriegt.“

Im Rhein also kann die Kunst nicht untergehen und in Kristof Magnussons Roman eben auch nicht. Samtpfötig kunstvoll wird hier Kritik geübt an Kunsthuberei und ihrer Entourage mit „Bildungsbürgerbespaßung“ am Feierabend. Ja, natürlich sei auch das Schreiben Bildungsbürgerbespaßung, stimmt Magnusson zu – aber: „Wo wären wir ohne Bildungsbürger! Ich bin ja selbst einer“. Und zum gelinden Choas in Fördervereinen, wie im Buch für die bildenden Kunst oder einem realen für die Literatur, kommentiert er: „Eigentlich ist es doch ein tolles Milieu, diese ganzen Leute, sie sich so ernsthaft für Kultur interessieren.“ Für uns also hat Magnusson sein Buch geschrieben – mit hohem Wiedererkennungswert. Auszuprobieren am 6. November, wenn der Autor aus dem Buch „Ein Mann der Kunst“ in Wiesbaden (Museum) liest.

Kristof Magnusson: „Ein Mann der Kunst“. Roman. Verlag Antje Kunstmann. München. 237 Seiten. 22 €.