Das soll ja vorkommen und das immer wieder. Man steht vor seinem übervollen Bücherregal und vor der Entscheidung, dieses zu entlasten. Welche Bücher können weg? Gibt es für das, was sich Literatur nennt, eine Garantie, n i c h t zu Müll zu werden? Soll man vielleicht doch noch mal zu Ikea …? Aber wohin dann mit Billy? Also, besser mal alles durchkämmen und entscheiden, was einem Stand jetzt wirklich wichtig ist, das soll auch reinigend auf das Gehirn wirken.
Bei jedem Buch, das man zur Aussortierung in die Hand nimmt, stellt sich die Frage: Was ist es noch wert? Illusorisch, zu glauben, dass man ein klebrig gewordenes Paperback von 1995 heute noch verkauft bekommt. Und auch bei bibliophil anspruchsvolleren Exemplaren, gähnt einem der Markt entgegen. Wenn, dann wird es ein symbolischer Preis, oft unter den Kosten für den Versand. Und es kostet Zeit, das alles, viel Zeit. Und es gibt öffentliche Bücherschränke, es gibt gemeinnützige Second-Hand-Plattformen und die Papiermüll-Tonne, die, wenn Sie sich ehrlich machen, für viele Lesende ein fragwürdiges Endlager darstellt. Stopp! Augen auf bei der Entsorgung! Auch bei wenig attraktiven Textkonvoluten mit ‚starken Gebrauchsspuren‘. Lieber noch mal vorher ins Internet schauen.
Da gibt es ein „Büchlein“, so nennt es der deutsche Literaturwissenschaftler Christoph Hesse etwas verächtlich, ein schmales Werk, rund 150 Seiten. Der Autor ist Lion Feuchtwanger. Der Titel „Moskau 1937 – ein Reisebericht für meine Freunde.“ Broschur, dünne Pappdeckel, erschienen 1937 im Verlag Querido, Amsterdam, verlegerische Heimat vieler deutscher Exil-Autoren.
Schmucklos auch innen. Will man es erwerben, muss man jedoch tief ins Portemonnaie greifen. Einige Angebote im Internet rufen für das „Büchlein“ Summen auf, bei denen man sich die Augen reibt. Ein US-Anbieter z. B. $ 442,85, plus Versand. Dann: Antiquariat Uhlmann, Zürich: ‚Gebrauchspuren‘ € 349,65 plus Versand. Es gibt günstigere Angebote, aber keines unter hundert Euro. Was man bei diesen Exposés an Fotos sieht, lügt nicht: Risse im Buchrücken, abgegriffene Taschenbuchdeckel. Und dann diese Preise?
Der Inhalt, hmm. Elegant geschriebene, Feuchtwanger eben, schwer verdauliche Kost. Eine Eloge auf Josef Stalin, den großen Organisator des „einzigen politischen Systems, das auf Vernunft beruht“. Eine Abrechnung mit Leo Trotzki, der immer nur Visionen hatte, aber nichts auf die Reihe brachte und eine Antwort auf André Gide, der v o r Feuchtwanger in Moskau war und an den Zuständen in der Sowjetunion kein gutes Haar gelassen hatte. Lion Feuchtwanger: „Moskau 1937 – ein Reisebericht für meine Freunde“. Ein merkwürdiges Werk.
Es beschäftigt die Literaturwissenschaft noch heute. Wie konnte sich Feuchtwanger von der KPdSU so vereinnahmen lassen? Im Buch beschreibt er seine Teilnahme an der zweiten Staffel der Moskauer Schauprozesse. Er schildert die Gespräche zwischen „gut gekleideten Herren von lässigen natürlichen Gebärden“, teetrinkenderweise, über das, was war und das, was wahr ist und man wusste gar nicht mehr, wer hier eigentlich die Angeklagten seien, die nach diesen Gesprächen zum Tode verurteilt wurden.
Eine Bonner Literaturwissenschaftlerin, Professorin Anna Hartmann, ist — als das wohl noch ging— vor knapp zwanzig Jahren in Putins Moskau gereist und hat in den dortigen Archiven das Interview gefunden, das Lion Feuchtwanger mit Josef Stalin geführt hat. 2017 veröffentlichte sie eine Dokumentation dazu („Moskau 1937 – ich kam, ich sah, ich werde schreiben“). Vor ein paar Jahren gab sie einem russischen Medium ein Interview und meinte, Feuchtwanger sei damals wohl überfordert gewesen.
Die Hessische Hochschul- und Landesbibliothek (HLB) hat dieses Buch als Hardcover mit Leinenrücken ausgeliehen in einer Fassung, maobibelrot, schlicht vorne und hinten, keine Anhänge, fettes aufgerautes vergilbtes Papier, viele Anstreichungen deuten auf intensives Lesen. Die HLB prüft derzeit, ob es eine Hausbinderei war, die für das bestandserhaltende Upgrade gesorgt hat.
Und übrigens: Auch das Reprint, das der Aufbau-Verlag im Überschwang der deutschen Vereinigung 1993 neu auflegte, ergänzt um dokumentarisches Material, ist auf den Gebrauchtbuchplätzen des Internets durchaus präsent, auch hier nichts unter € 34,90.
Das ist nicht ganz so extrem, aber doch bemerkenswert. Der Aufbau-Verlag teilte auf Anfrage mit, dass das Buch damals – zu DM-Zeiten – für € 8,59, in Österreich für € 8,90 buchpreisbindungsgemäß erwerbbar war.
Wir lernen: Beim Aussortieren des heimischen Bücherregals lohnt es sich, aufmerksam zu sein.
Armin Conrad
Fotos: Cover und Lion Feuchtwanger (links) neben Josef Stalin c: Corriere-Web-Sezioni
Infos folgen
Christine Wunnicke: „Wachs“, Berenberg Verlag GmbH, Berlin 2025
Gaea Schoeters: „Das Geschenk“, Paul Zsolnay Verlag Ges.m.b.H., Wien
(Hinweis: Beide Bücher sind auch als Büchergilde-Ausgaben erhältlich)
Das Geschenk
Elefanten mitten in der Großstadt, und es werden immer mehr. Was geht hier vor? Rasch muss der Bundeskanzler erkennen, dass die Tiere nicht aus dem Zoo entkommen, sondern ein Geschenk des Präsidenten von Botswana sind. 20 000 Elefanten hat er nach Deutschland geschickt, nachdem die deutsche Regierung ein Einfuhrverbot von Jagdtrophäen beschlossen und damit den armen Regionen Botswanas die Lebensgrundlage entzogen hat. »Ihr Europäer wollt uns vorschreiben, wie wir zu leben haben. Vielleicht solltet ihr es einmal selbst versuchen …«
Gaea Schoeters nähert sich nach ihrem Sensationserfolg »Trophäe« den existenziellen Themen des globalen Zusammenlebens aus einer anderen Richtung – und mit blitzgescheitem Humor. Ein neues Lese- und Nachdenkvergnügen!
Wachs
Eine Liebesgeschichte, so schön, so verwegen, wie nur Christine Wunnicke sie schreibt. Schauplatz ist Frankreich im 18. Jahrhundert, das vorrevolutionäre und das überaus revolutionäre. Und es lieben sich zwei Frauen, die verschiedener nicht sein könnten: Marie Biheron, die schon im zarten Alter Leichen seziert, um deren Innenleben aus Wachs zu modellieren; und Madeleine Basseporte, die zeichnend die Anatomie von Blumen aufs Papier zaubert, weil Menschen einen ja doch nur von der Arbeit abhalten und meist keine Ahnung haben. Männer kommen auch vor, in schönen Nebenrollen – ein nervöser Bestseller-Autor, ein junger Nichtsnutz und Diderot, der Kaffee trinkt und viel redet. Ein hinreißender Liebesroman, der hin und her schwingt zwischen der Zeit, als Küchenschellen friedlich am Wegesrand wachsen, und jenen Schreckenstagen, als nicht allein der Königin wie einer schönen Blume der Kopf abgeschlagen wurde.
(Verlagsankündigungen)
Azar Nafisi: “ Lolita lesen in Teheran“, btb Verlag, München 2023 (Wiederveröffentlichung, Original 2003)
Zhang Yueran: „Schwanentage“, Ecco Verlag, Hamburg 2025
Azar Nafasi:„Lolita lesen in Teheran“
Als die iranische Literaturprofessorin Azar Nafisi den Schleier nicht länger tragen will, wird sie von der Universität Teheran verwiesen – und erfüllt sich einen Traum. Zwei Jahre lang kommen sie und sieben ihrer besten Studentinnen jeden Donnerstagmorgen heimlich zusammen, um verbotene Klassiker der westlichen Literatur zu lesen. Mit der Lektüre von Vladimir Nabokov, Jane Austen, Henry James und F. Scott Fitzgerald schaffen sie sich Freiräume in der ihnen aufgezwungenen Enge der Islamischen Republik Iran. Aus verstohlen in ihr Haus huschenden schwarz verschleierten Schatten werden junge Frauen in Jeans und bunten Kleidern. Sie öffnen sich in der Diskussion über die literarischen Werke und beginnen die eigene Realität, der gegenüber sie sich lange sprachlos und ohnmächtig fühlten, zu hinterfragen und zu verändern.
»Überwältigend. Ein literarisches Rettungsboot auf dem Meer des iranischen Fundamentalismus.« Margaret Atwood
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Zhang Yueran: „Schwanentage“
Das Kindermädchen Yu Ling arbeitet für ein wohlhabendes Ehepaar der chinesischen Elite und kümmert sich hingebungsvoll um deren siebenjährigen Sohn. Yu Ling kennt die Geheimnisse der Familie bis ins Detail, ihre Arbeitgeber hingegen ahnen nicht, dass auch sie einiges verbirgt. Eines Tages plant Yu Ling in der Hoffnung auf Lösegeld und ein besseres Leben, den Jungen zu entführen. Doch es kommt ganz anders: Großvater und Vater des Jungen werden wegen Korruptionsverdachts verhaftet, die Mutter verschwindet spurlos – und Yu Ling ist plötzlich gezwungen, Entscheidungen zu treffen, die weit in die Zukunft reichen, für sich wie für den Jungen …
Zhang Yueran schreibt zärtlich, doch mit unerbittlicher Prägnanz über Beziehungsdynamiken und Klassismus aus der Sicht eines Kindermädchens und gewährt so einen einzigartigen Blick auf die chinesische Gesellschaft.
»Zhang Yuerans Szenen und Bilder haben einen weltentrückten Glanz, der sowohl von hart gewonnener Einsicht als auch von zeitloser Wahrheit geprägt ist.« Ian McEwan
(Aus den Verlagsankündigungen)