Sie ist die Heidenreich unter Wiesbadens Buchhändler/innen: Jutta Leimbertvon der Buchhandlung Vaternahm. In den vergangenen Jahren waren ihreLesetipps zur Advents- und Weihnachtszeit für alle literaturbegeisterten Wiesbadener/innen, vorgetragen im Roten Salon des Literaturhauses Wiesbaden in der Villa Clementine, ein fester Termin. Und in diesem Jahr? Wir lassen uns von ihren Texten inspirieren und denken uns ihre begeisternde Stimme einfach dazu.

Acht Lesetipps: Von armen und schönen Frauen, glatten Tieren, Überraschungen für Greise, Promi-Meetings in Darkrooms und abgründigen Charakteren. So, genauso, besiegen wir das Virus.                                             Foto: Rita Thies/Text: Armin Conrad

 

Jutta Leimbert empfiehlt:

Monika Helfer: Die Bagage

Roman, Hanser Verlag, München 2020, 190 Seiten, 19 €

Es beginnt fast wie ein Märchen: Am Ende eines finsteren Tals im tiefen Bregenzerwald lebte einmal eine wunderschöne Frau. Diese Frau lebte mit ihrem feschen Mann in großer Armut auf kargem Grund. Die beiden hatten vier Kinder und waren trotz einiger Not eigentlich ganz zufrieden und glücklich. Dann kam der Große Krieg und der Mann musste fort. Maria blieb mit den Kindern zurück, abhängig vom Schutz des Bürgermeisters, der selbst an der schönen Maria interessiert ist. Hat er doch etwas gut, weil er die Familie mit Lebensmitteln versorgt.

Dann wird Maria wieder schwanger. Kann Josef der Vater sein, so selten wie er auf Heimaturlaub war? Oder ist das Kind des Bürgermeisters? Oder vom schönen Georg aus Hannover, den Maria auf dem Markt kennengelernt hat und der eines Tages an die Tür der Bagage klopfte?

Das Kind, das Margarete heißt und Grete genannt wird, ist die Mutter der Erzählerin. Josef wird zeitlebens kein einziges Wort mit ihr sprechen.

Ein schmaler Roman, der vom Ersten Weltkrieg bis in die Gegenwart reicht – einer der schönsten des Jahres: In „Die Bagage“ erzählt Monika Helfer mit großer Wucht die Geschichte ihrer Familie, scheinbar einfach, aber voller Hintersinn.

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Patrik Svensson: Das Evangelium der Aale

Aus dem Schwedischen von Hanna Granz, Hanser Verlag, München 2020, 256 Seiten, 22 €

Ein ganzes Buch über eine Fischart? Tatsächlich gelingt dem schwedischen Journalisten Patrik Svensson dieses Kunststück sehr überzeugend. Schnell wird klar, dass am Aal mehr dran ist, als die meisten denken.

Schon seit jeher haben die wurmähnlichen Wasserbewohner den Menschen fasziniert. Bereits in der Antike studierte Aristoteles sie und wunderte sich darüber, keine Geschlechtsorgane finden zu können. Sind Aale überhaupt Fische? Zahllose weitere Forscher widmeten sich in den folgenden Jahrhunderten der „Aalfrage“, der Suche nach den geschlechtsreifen Tieren und vor allem ihrem Laich-Ort. Svensson zeichnet diese Entdeckungsreise anhand von diversen Forscherpersönlichkeiten nach – darunter überraschenderweise Sigmund Freud, der als junger Mann an der „Aalfrage“ scheiterte.

Inzwischen wissen wir recht viel über Aale, kennen ihre Metamorphosen von der kleinen Weidenblattlarve über den Glasaal zum Gelb- und schließlich zum geschlechtsreifen Blankaal – und auch die vermutlichen Laichgründe in der Sargassosee, einem Atlantikgebiet vor der Küste Floridas, das nur von Meeresströmungen begrenzt wird. Freilich hat bis heute noch kein Forscher einen Aal beim Laichen beobachtet.

Das „Evangelium der Aale“ ist ein Stück Wissenschaftshistorie, in dem zwei Geschichten kunstvoll miteinander verwoben sind: jene der Aalforschung, sowie Svenssons eigene Familiengeschichte. Bindeglied ist Svenssons Vater, mit dem der Autor die Leidenschaft für Aale und das Angeln teilte. Daneben ist das Buch voll von literarischen Bezügen, Mythen und kulturgeschichtlichen Betrachtungen rund um den Aal. Von der ersten Seite an zieht Svenssons fundiert recherchiertes Werk seine Leser/innen in den Bann des Geheimnisvollen. Eine wunderbare Symbiose aus „family writing“ und „nature writing“ – der scharfsinnige Schwede hat das Beste aus den großen Trends der Literaturszene herausgeholt und kombiniert dabei gekonnt wissenschaftliche Genauigkeit und literarischen Anspruch.

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Fabio Geda: Ein Sonntag mit Elena

aus dem Italienischen von Verena von Koskull, Hanser Verlag, München 2020, 236 Seiten, 20 €

Einst lebten sie zu fünft in der schönen Wohnung in Turin – er und seine Familie. Nach dem Tod seiner Frau vor einigen Monaten ist es still geworden in der Wohnung am Fluss.  Der Vater ist einsam und lebt von den Erinnerungen an früher – einst reiste er als Ingenieur um die Welt und baute riesige Brücken. Die Kinder sind aus dem Haus und leben ihr eigenes Leben: Sein Sohn lebt in Finnland, mit der jüngeren Tochter hat er keinen Kontakt (sie ist die Erzählerin in diesem Buch), nur die älteste sieht er ab und zu mit ihrer Familie.

An dem Sonntag der Erzählung kocht er zum ersten Mal ein aufwendiges Essen aus dem Rezeptbuch seiner Frau, er erwartet den Besuch seiner älteren Tochter mit Familie. Kurzfristig muss die Tochter absagen. Traurig geht er in den nahen Park und lernt dort Elena mit ihrem Sohn kennen. Spontan lädt er sie zum Essen in seine Wohnung ein. Diese zufällige Begegnung wird alle drei für immer verändern.

„Elena prostete ihm zu: ,Danke‘, sagte sie, ,Heute Morgen beim Aufwachen hatte ich den Kopf voller Schatten. Alle haben Sie nicht verjagt, aber ein paar schon. Danke dafür, wirklich.'“
Große Lesefreude, diese Geschichte voller Zuversicht und Wärme!

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Marco Balzano: Ich bleibe hier

Roman, aus dem Italienischen von Maja Pflug, Diogenes Verlag, Zürich 2020, 288 Seiten, 22 €

Im Vinschgau, nicht weit von der der österreichisch-italienischen Grenze, ist eine eigentümliche Attraktion zu besichtigen, ein Turm, der bis zur Hälfte im Wasser des Reschensees steht. Im Bild dieses Kirchturms von Altgraun entdeckt Marco Balzano nicht nur die Geschichte einer Familie, sondern auch die Geschichte Südtirols und zuletzt sogar die Geschichte Europas.

Ruhig und sachlich erzählt Balzano die wahre Geschichte des kleinen Bergdorfs Graun im Oberen Vinschgau anhand der fiktiven Hauptpersonen, der jungen Deutschlehrerin Trine und ihrer Familie. Zwei Ereignisse bestimmen ihr Leben, denen sie vergeblich erbitterten Widerstand entgegensetzen:

Das sogenannte „Hitler-Mussolini-Abkommen“, das Italienisierungsprogramm, stellt 1939 die deutschsprachigen Südtiroler vor die Wahl, in das ,Deutsche Reich‘ abzuwandern oder als Bürger zweiter Klasse in ihrer Heimat zu bleiben. Mehr als drei Viertel der Südtiroler optieren für die Abwanderung. Trina entscheidet sich für ihr Dorf, ihr Zuhause. (Die Ich-Erzählerin Trina richtet ihre autobiografischen Aufzeichnungen an ihre geliebte Tochter Marica, die schon lange nicht mehr in Graun lebt. Trinas Schwägerin und ihr Mann haben das kleine Mädchen eines Tages einfach entführt und mit nach Deutschland genommen.) Als die faschistische Schulreform an allen Schulen die deutsche Sprache verbietet, unterrichtet Trina heimlich in Kellern und Scheunen. Nach dem Einmarsch der Nazis in Norditalien überleben Trina und ihr Mann Erich unter widrigsten Umständen in den Bergen.

Als ein Energiekonzern für einen Stausee Felder und Häuser überfluten will, leistet sie Widerstand – mit Leib und Seele. Bis zum Schluss wehren sich Trina und ihr Mann mit vielen Vinschgauern, allen voran Pfarrer Alfred Rieper, gegen die Vertreibung. 1949/50 wird das Projekt des ehrgeizigen Staudammprojekts Reschensee, dessen Bau immer wieder unterbrochen worden war, vollendet. Seinen Fluten fallen 163 Häuser in Graun und Reschen und fruchtbarer Kulturboden zum Opfer. Rund 1000 Menschen sind von der Katastrophe betroffen.120 bäuerliche Betriebe verlieren ihre Daseinsgrundlage.

Überzeugend geht Balzano das Thema der kulturellen Entwurzelung durch staatlich verordnete Identitäten an: anhand eines Dorfes und einer Familie. Der denkmalge-schützte Kirchturm aus dem 14. Jahrhundert wird in seiner spannend und dicht erzählten Geschichte zum Symbol des Untergangs, vielleicht aber auch des Widerstands. Dass Balzano (1978 in Mailand geboren) als Italiener die Geschichte von Graun erzählt, wurde in Südtirol übrigens als Zeichen der Versöhnung verstanden.

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Vicki Baum: Vor Rehen wird gewarnt

Roman, aus dem amerikanischen Englisch von Carl Heinz Ostertag, Arche Verlag, Zürich 2020, 411 Seiten, 24 €

So rehäugig Ann auch durchs Leben geht, so rücksichtslos nimmt sie sich, was sie will. Vicki Baum erzählt von einer Frau, der man nicht in die Quere kommen will – und deren Bann man sich doch bis zur letzten Seite nicht entziehen kann. Zwölf Jahre nach „Menschen im Hotel erschien 1951 „Vor Rehen wird gewarnt“ (auf Deutsch 1960). Ihr bester und lange Zeit vergessener Roman in neuer Übersetzung präsentiert Vicki Baum als kunstvoll ironische sowie literarische Meistererzählerin.

„Vor Rehen wird gewarnt“ ist ein äußerst unterhaltsamer, psychologisch raffinierter, spannender, bisweilen humorvoller Roman über eine ungewöhnliche Frau und ein amerikanisches Gesellschaftsporträt der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts.

Die Rahmenhandlung des Romans bildet eine Zugfahrt von San Francisco nach Boston, die die 65-jährige Ann Ambros mit ihrer Stieftochter Joy unternimmt. Joys jüngerer Halbbruder wird aus dem Krieg zurückerwartet und die Mutter möchte ihn persönlich empfangen. Joy fühlte sich ihrer Stiefmutter gegenüber lange verpflichtet, aber deren Absicht, die Ehe ihres vergötterten Bruders zu zerstören, bringt das Fass zum Über-laufen, und nach einem Handgemenge stößt Joy Ann zu Beginn des Romans kurzerhand aus dem fahrenden Zug.

In Rückblenden erzählt Vicki Baum von Anns Leben und der Spur der Verwüstung, die sie überall hinterließ. Sie manipulierte die Menschen in ihrem Umfeld, überzeugt, im Recht zu sein, bekam fast immer, was sie wollte, und wurde doch nie glücklich.

Ann und ihre Schwester Maud sind Sprösslinge eines wohlhabenden Unternehmers in San Francisco. Hier lernen sie den jungen begabten und attraktiven Wiener Violinisten Florian Ambros kennen, in den sich Ann schon als 15-Jährige verliebt hatte. Ambros aber heiratet die unscheinbare Maud, ist glücklich mit ihr und der gemeinsamen Tochter Joy. Ann hingegen angelt sich aus Frust (und Geldgier) einen steinreichen Briten, den sie verabscheut. Das Glück der Schwester ist ihr ein Dorn im Auge. Geschickt arbeitet sie an dessen Zerstörung, um dann Mann, Kind und Haus an sich zu reißen.

Neben der umwerfenden Charakterisierung Anns lernt der Leser den zwischen zwei Frauen hin und her gerissenen schwachen Geigenvirtuosen Florian Ambros sowie dessen eigenwillige Tochter Joy näher kennen. Und selbst das Wesen jeder Nebenfigur ist überzeugend gezeichnet. Vicki Baum versteht etwas davon, Menschen auf den Grund ihres Herzens zu sehen. Vor allem aber versteht sie es, diese Erkenntnisse in unwiderstehlicher Weise zu Papier zu bringen, was zum Beispiel Klaus und Erika Mann dieses Kompliment entlockte: „Vicki Baum weiß so viel von der Welt, sie kennt so gut die Menschen, sie begreift so genau und warmherzig ihre Schicksale und die Beziehungen, die sie miteinander verknüpfen.“

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Christine Wunnicke: Die Dame mit der bemalten Hand

Roman, Berenberg Verlag, Berlin 2020, 168 Seiten, 22 €

Bombay, 1764. Zwei Männer, gestrandet auf einer Insel vor der indischen Küste, ein Deutscher und ein Perser. Beide hatten andere Ziele, haben verschiedene Perspektiven auf die Welt.

Wunnickes poetische Wissenschaftsgeschichte erzählt von einem kleinen Abschnitt der Arabienreise des weltreisenden Kartografen Carsten Niebuhr, der in seinem berühmten Reisebericht von 1772 nicht vorkommt: seinem Aufenthalt auf der struppigen Insel Elephantai, dem die Autorin die fiktive Begegnung mit einem persischen Astrolabienbauer (ein Astrolabium ist ein astronomisches Rechen- und Messinstrument) hinzufügt.

Man spricht leidlich Arabisch genug, um die paar Tage bis zu ihrer Rettung gemeinsam herumzubringen. Um sich ost-westlich misszuverstehen und freundlich über Sternbilder zu streiten (denn wo der eine eine Frau erkennt, sieht der andere lediglich deren bemalte Hand). Trotz aller Übersetzungsverwirrungen und kontinuierlichem Missverstehen entwickeln sie eine skurrile Freundschaft und kommen dabei jeder für sich zu dem Schluss, dass ihre Art, sich nur mit ihren jeweiligen vom Glauben diktierten Erklärungsmustern über die Welt zu verständigen, eigentlich lächerlich ist. „Die Dame mit der bemalten Hand“ ist ein wunderbar feinsinniges Buch über die Begegnung zweier Menschen, zweier Kulturen und über die Kraft des Erzählens, ein Roman, der alles verknüpft: Götter und Menschen, Himmel und Erde, Orient und Okzident.

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Markus Orths: Picknick im Dunkeln

Roman, Hanser Verlag, München 2020, 240 Seiten, 22 €

Eine unglaubliche, unerhörte Begegnung, die den Bogen spannt über siebenhundert Jahre Weltgeschichte: Zwei Männer treffen sich in vollkommener Finsternis. Sie wollen ans Licht, sie tasten sich voran, führen irrwitzige Gespräche und teilen die Erinnerungen an zwei haarsträubend unterschiedliche Leben. Die beiden Männer sind Stan Laurel und Thomas von Aquin. Die beiden trennen nicht nur siebenhundert Jahre. Für Thomas von Aquin, den großen Denker des Mittelalters, ist ein Leben ohne Gott unvorstellbar. Der begnadete Komiker Stan Laurel wiederum kann nicht glauben, dass der große Kirchenlehrer seit seinem fünften Lebensjahr nicht mehr gelacht hat. Das war, bevor die Eltern ihn zu den Benediktinern steckten. Im Kloster entdeckt er das Wunder der Wörter und Gedanken. „Ich denke immer”, sagt er von sich. Aber wozu Lachen gut sein soll, versteht er einfach nicht und bringt damit Stan in die Bredouille. Der versucht, was ihm selbstverständlich ist, zu erklären. Dazu muss er seinem Gefährten erzählen, was sich seit dessen Tod 1274 in der Welt alles getan hat, von der Entdeckung Amerikas bis zum Kino. Aber erklären Sie mal jemandem das Kino, der elektrisches Licht nicht kennt. Und versuchen Sie mal, jemandem in einem stockdunklen Raum einen Sketch vorzuführen, ihn zum Lachen zu bringen.

Markus Orths führt auf elegante Weise vor, wie man miteinander reden, sich verständigen und schließlich verstehen kann, auch wenn man von denkbar weit entfernten Positionen herkommt.

Ein geistesblitzender und schräger, aber auch ernsthafter und bewegender Roman über die Kraft des Gesprächs und des gegenseitigen Verstehens, ein Roman des Lachens und des Denkens, der zeigt, wie sehr wir auf beides angewiesen sind.

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Ann Petry: Die Straße

aus dem amerikanischen Englisch von Uda Strätling, mit einem Nachwort von Tayari Jones, Nagel & Kimche, München 2020, 384 Seiten, 24 €

The Streeterzählt die erschütternde Geschichte einer jungen schwarzen Frau im Harlem der 1940er Jahre. 1946 erstmals erschienen, war der Roman ein Sensationserfolg von enormer politischer Brisanz, der sich über 1,5 Millionen Mal verkaufte. „Die Straße“ ist eine aufwühlende Wiederentdeckung über die verheerenden Folgen der Armut für die Menschlichkeit der betroffenen Personen. Eine junge schwarze Frau verlässt mit ihrem Sohn ihren Mann, der sie betrogen hat, und zieht auch bei ihrem Vater wieder aus, weil sie ihren achtjährigen Sohn dort schlechten Einflüssen ausgesetzt sieht. In Harlem in der 116. Straße findet sie eine schäbige Mietwohnung, mit einem Bordell im Erdgeschoss und einem übergriffigen Hausmeister. So froh sie ist, erstmals eine eigene Wohnung zu haben, so sehr sehnt sie sich nach einem Zuhause in einer besseren Umgebung, denn es ist ihr erklärtes Ziel, den Sprung in ein besseres Leben zu schaffen und ihren Sohn trotz Armut, Gewalt und rassistischer Verachtung zu einem anständigen Menschen zu erziehen. Unerschütterlich kämpft die alleinerziehende Mutter um ihre Würde.

Doch die Brutalität der Straße stellt sich ihr mit aller Macht in den Weg. Glasklar und einfühlsam schildert Ann Petry ihre Personen und deren Milieu. In wortgewaltigen Bildern beschreibt sie den elenden Kreislauf des Lebens in Harlem (ausgezeichnet übersetzt von Uda Strätling), aus dem sich die Menschen, egal mit wieviel Mühe, nicht lösen können.

Tatsächlich ist Petrys tragische Heldin eine immens vielschichtige, kämpferische, idealistische und am Ende schicksalhaft scheiternde Gestalt, die nach dem Besten für sich und ihren Sohn strebt, aber durch die Verhältnisse in einen bodenlosen Abgrund gerissen wird. In ihr spiegelt sich einerseits der amerikanische Geist, Schmied des eigenen Glücks sein zu können, andererseits ist sie den gesellschaftlichen Gegebenheiten ihrer Zeit heillos ausgesetzt: Rassismus, Sexismus, männliche Gewalt und eine verheerende soziale Schieflage – alle diese ausgrenzenden Momente überlagern sich, wirken ineinander, verstärken sich gegenseitig. Und haben sich bis heute wenig geändert.

Ann Petry (1908-1997) besitzt den unverwechselbaren Ton einer überragenden Erzählerin, ihr Stoff hat bis heute nichts von seiner erschütternden Dringlichkeit verloren.

Vor 100 Jahren, am 10. Dezember, ist sie in der sowjetischen Ukraine geboren worden, gestorben am 9. Dezember 1977 in Rio de Janiero, Brasilien. Einen Tag später hätte Clarice Lispector ihren 57. Geburtstag gefeiert – wäre die Krebserkrankung nicht so überraschend mit schnellem Ende über sie gekommen. Clarice Lispector könnte den bizarren Zeitpunkt ihres Todes als verdient betrachtet haben – hatte sie Zeit ihres Lebens doch Schuldgefühle, überhaupt geboren worden zu sein. Nicht nur, dass die jüdischen Eltern aus ihrem von Tumulten und Pogromen heimgesuchten Land kurz nach Chayas (erst später nannte sie sich – nicht gerade unglamourös – Clarice) Geburt zunächst nach Europa, dann nach Brasilien flohen – die Mutter war von russischen Soldaten vergewaltigt worden, wobei sie sich mit der Syphilis ansteckte und an der Krankheit schmerzvoll bis zur Lähmung laborierte. Clarice, die jüngste Tochter, macht sich – widerspiegelnd in ihren Texten – Vorwürfe, der Mutter nicht helfen zu können. Die Bindung muss eng, quälend bis zur Depression gewesen sein.

In der äußeren Welt wiederum sollte Clarice Lispector schon als junge Frau zum geheimnisvoll strahlenden, gleichwohl kühlen Stern am Literaturhimmel Brasiliens aufsteigen. Sie war die Erste der Familie, die die portugiesische Sprache lernte und darüber hinaus lernte, sie professionell (als Journalistin) und spielend künstlerisch (als Erzählerin) zu beherrschen. „Wenn ich nicht schreibe, bin ich tot“, sagt sie in einem Interview. Als Kind schon habe sie begonnen, sich Geschichten auszudenken, chaotische, intensive …

Clarice Lispector wird bekannt mit ihrem ersten Roman „Nahe dem wilden Herzen“, der 1943 erscheint, im Jahr ihrer Heirat mit dem brasilianischen Diplomaten Maury Gurgel Valente. Mit ihm reist sie in andere Länder, nach Europa und Amerika, wird Mutter zweier Söhne und lebt nach ihrer Scheidung mit den Kindern in Rio de Janeiro. Sie arbeitet als Journalistin, übersetzt, schreibt Kurzgeschichten, Drehbücher, weitere Romane.

Ihr Erstlingswerk „Nahe dem wilden Herzen“ hatte in die literarische Welt eingeschlagen, weil es der Stimme einer kompromisslosen Frau gehört, die von sich selbst erzählt und Regeln ihrer konventionellen Umwelt in Frage stellt. Die feminine Art eines brasilianischen „stream of consciousness“, der sich u.a. orientiert an Virigina Woolf, gegen festgezurrte Geschlechterrollen aufbegehrt, lässt eine auch teilweise verstörende Leidenschaftlichkeit aufbrechen. Irritierend seziert die Autorin weibliche Psychen und gilt damit als literarische Pionierin des Feminismus. Die Freiheit, in die hinter bürgerlichem Alltag aufgebrochen wird, ist freilich immer auch fremd, zwiespältig und gefährdend und dies in Texten von gleichwohl soghafter Anziehungskraft.

Benjamin Moser, der Amerikaner in den Niederlanden, ist als Herausgeber ihrer Werke in neuer Übersetzung in den USA, ein profunder Kenner. Seine Biografie „Clarice Lispector“ (568 Seiten, 10 €) ist ebenfalls im Verlag Frankfurter Schöffling & Co erschienen, der drei Clarice-Lispector-Werke, „Der große Augenblick“, „Der Lüster“ und den Roman „Nahe dem wilden Herzen“ neu herausgebracht hat. Begleitend zitiert der Verlag den türkischen Literatur-Nobel-Preisträger Orhan Pamuk: „Clarice Lispector war eine der geheimnisvollsten, schillerndsten Autorinnen des 20. Jahrhunderts“.

Das Urteil gilt nicht nur ihrem Schreiben – Clarice Lispector war schon eine seltene Schönheit; mit ihrem hellen Teint, schräg stehenden Augen und hohen Wangenknochen wirkte sie exotisch anziehend, galt gleichzeitig als verschlossen und unnahbar. Mit ihrem Geburtsjahr nahm sie es nicht allzu genau, und angesprochen darauf, dass ihre Texte „hermetisch“ (also schwer zugänglich) seien, gab sie zur Antwort, sie selbst verstehe sie schon … (bis auf einen: „Die Henne und das Ei“, Erzählung im Band Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau“). Obwohl sie das große Lob und die scheue Verehrung vieler wohl auch genoss – Clarice Lispector schrieb für sich selbst – und zwar so, „als gälte es, jemanden das Leben zu retten. Wahrscheinlich mir selbst“.

Sacha, ein alleinstehender Schriftsteller, entschließt sich im Alter von rund vierzig Jahren, sein Leben noch einmal grundlegend zu ändern und einen Ortswechsel zu vollziehen. Er verlässt Paris und zieht sich in eine kleine Stadt irgendwo in der Provence zurück, um in Ruhe zu arbeiten, „vielleicht wiedergeboren zu werden.“

Dort in V. trifft er einen alten Freund wieder, zu dem er seit siebzehn Jahren keinen Kontakt mehr hat. „Der Anhalter“, so nennt ihn der Ich-Erzähler Sacha, ist ein Freund, mit dem er in seiner Studienzeit unentwegt getrampt ist. Ein Freund, zu dem er irgendwann bewusst Distanz gesucht hat, als ihm dessen Abenteuerlust zu viel geworden ist. „Lebe, sagte der Anhalter immer zu mir. Lebe erst mal, danach wirst du schreiben.“ – Ein Imperativ, der nicht Sachas ist.

Überrascht ist Sacha nun von der Tatsache, dass der Anhalter eine Familie hat: Marie, eine Übersetzerin italienischer Literatur, und den gemeinsamen Sohn Augustín, noch im Grundschulalter. Sacha besucht sie und stellt dabei fest, dass es den Anhalter immer noch auf die Straßen treibt, er durch die Gegend trampt. Was ihn lockt – hören Sie selbst, es liest Ulrich Cyran*:


Je mehr Sacha den Kontakt zu der kleinen Familie ausbaut, umso mehr nutzt der Anhalter die Gelegenheit loszuziehen. Immer länger bleibt er von Zuhause fort, auch Anrufe und Postkarten werden mit der Zeit immer weniger. Dabei ist sich Sacha sicher, dass sein Freund nicht vor Marie und Augustín flieht, sondern beide inniglich liebt. Doch das Abenteuer, neuen Menschen beim Trampen zu begegnen, möglichst viele Leben zu berühren, zieht ihn fort. Sacha zieht es zu Marie, und ihr Verhältnis zu den beiden Männern verändert sich ebenfalls …

„Allerorten“ ist ein Roman, der in einer unbefangenen, fast spielerischen Leichtigkeit daherkommt, das ist wohltuend zu lesen. Vor allem, da Prudhomme blitzgescheit die beiden Protagonisten zeichnet, indem er von ihren manchmal zufälligen und zutiefst unterschiedlichen Lebensentscheidungen erzählt, sich einfühlt und nicht wertet. So scheinen die Dinge einfach zu passieren… und uns ganz unauffällig zu fragen, wie wir es denn mit unserer Sehnsucht und dem halten, was uns tatsächlich glücklich macht.

Text: Rita Thies

Sylvain Prudhomme: Allerorten, Unionsverlag 2020, 253 Seiten, 22 Euro
Weitere Informationen beim Unionsverlag


*Ulrich Cyran, der 1956 in Erwitte geboren wurde, absolvierte seine Schauspielausbildung an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Hamburg. Als Theater-Schauspieler war er u.a. am Staatstheater Wiesbaden und Darmstadt, an der Internationalen Kulturfabrik Kampnagel, den Sophiensälen in Berlin und am Mousonturm in Frankfurt zu sehen. Seit vielen Jahren steht er vor der Kamera, u. a.in der Fernseh-Krimireihe „Tatort“, in der Filmkomödie „Vorwärts Immer“ von Franziska Meletzky und in „Südstadt“ von Matti Geschonneck.
In den letzten zwei Jahren spielte er am Staatstheater Darmstadt, Pfalztheater Kaiserslautern und aktuell am Staatstheater Mainz und an der HfMdK Frankfurt spielte er die Titelrolle aus Büchners Lenz. Aktuell steht er für die ZDFneo Serie Void vor der Kamera.

Wir danken dem Ortsbeirat Südost (Wiesbaden) und dem Unionsverlag für die Unterstützung dieses Projekts.


Drei Generationen, drei politische Systeme, drei Freundinnenpaare und ihre Geschichte über fast 100 Jahre … Strukturiert wird dieser komplexe Stoff durch eine, wie die Autorin selbst sagt „Ortsdramaturgie“, in der die Protagonistinnen in jedem Kapitel neu ankommen.

Da ist zunächst Martha, die mit ihrer deutschnationalen Familie bricht, weil sie in Böhmen in den 1930er Jahren einen Tschechen heiratet und mit ihm nach Brünn (später Brno) zieht. Dort lernt sie die in der kommunistischen Partei aktive Ida kennen, die beiden Töchter, Rosa und Almut, werden beste Freundinnen. Sie müssen nach Kriegsende das Land verlassen, Ida nimmt die früh verwaiste Almut als Tochter an, um mit den beiden Mädchen im Osten Deutschlands beim Aufbau eines sozialistischen Staates mitzuhelfen, erst in einem kleinen brandenburgischen Ort, später in Ostberlin. Ida macht Parteikarriere, Rosa, zwei Jahre älter als Almut und die kritischere, geht zunehmend auf Abstand zur DDR; in ihrem Beruf als Lehrerin fühlt sie sich – anders als die Freundin – eingeengt.

Am Ende eines Ausflugs flüstert Rosa ihrer Freundin zu: „Ich muss dir noch etwas sagen. Das ist der letzte gemeinsame Tag. Bevor sich alles verändert.“

Hören Sie in der von Franziska Geyer* gelesenen Passage, welche Folgen die Entscheidung Rosas für ihre Freundin und für ihre Mutter hat.


Almut steht im Zentrum des Romans, die Geschichte ihres Lebens wird immer wieder aufgenommen, bis zu ihrem Tod im heutigen Berlin. Auch ihre Tochter Elli hat eine beste Freundin, Kristine. Diese kümmert sich um die alt gewordene Almut, und nach deren Tod sagt Elli zu ihrer Freundin: „Jetzt bist du der Mensch, der mich am längsten kennt …“ Als Motto – vielleicht auch für ihr eigenes Leben – hat Peggy Mädler ihrem Roman vier Gedichtzeilen von Hilde Domin vorangestellt: „Man muß weggehen können/und doch sein wie ein Baum:/als bliebe die Wurzel im Boden,/als zöge die Landschaft und wir ständen fest.“

Peggy Mädler hat einen schmalen, aber sehr komplexen Roman über die Anfänge der DDR und ihr Ende, übers Abschied nehmen und Losgehen, über lebenslange Freundschaft, das Älterwerden und Erinnern, über Aufbrechen und Ankommen, Brüche und Umbrüche, Entwurzelung und Heimat geschrieben.

Reichlich viel, was sich die junge Autorin für dieses, ihr zweites Buch vorgenommen hat, aber sie schafft es bravourös. Das gelingt ihr vor allem durch eine knappe, lakonische Sprache, mit der sie auf den 219 Seiten private Schicksale mit großen gesellschaftlichen Veränderungen verknüpft.  Die Jury der SWR-Bestenliste lobt denn auch Peggy Mädler dafür, „deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts in den Blick zu nehmen, ohne dabei ausufernd, prätentiös oder anmaßend zu werden.“


Peggy Mädler, 1976 in Dresden geboren, hat in Berlin Theater-, Erziehungs- und Kulturwissenschaft studiert und wurde 2008 mit einem Stipendium der Heinrich-Böll-Stiftung in Kulturwissenschaften promoviert. Sie arbeitet als freie Dramaturgin und Autorin und ist Mitbegründerin der Künstlerformation Labor für kontrafaktisches Denken (LAFT). Von 2007 bis 2009 gehörte sie dem Gründungsvorstand des LAFT Berlin an, und sie wirkt beim erfolgreichen Theater-/Performancekollektiv She She Pop mit, das 2019 beim Berliner Theatertreffen ausgezeichnet wurde. 2011 erschien ihr erster Roman: Legende vom Glück des Menschen. Mädlers zweites Buch Wohin wir gehen (2019) stand auf Platz 2 der SWR-Bestenliste und der Bestenliste des Schweizer Rundfunks „52 beste Bücher“.  2019 bekam sie den mit 40000 Euro dotierten Fontane-Literaturpreis der Fontanestadt Neuruppin und des Landes Brandenburg. In der Begründung der Jury heißt es über ihr neues Buch unter anderem: „In literarischer Perfektion beschreibt Peggy Mädler Land und Leute, ihre Seele und ihre Sehnsüchte (…) Sie braucht dabei nur wenige knappe Striche, um erzählerische Wucht zu entfalten.“

Text: Bernhard Schön

Peggy Mädler: Wohin wir gehen, Verlag Galiani Berlin, 2019


*Nach einem Schauspielstudium an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch” war Franziska Geyer u.a. am Hebbeltheater Berlin, am Stadttheater Würzburg, an den Bühnen der Stadt Bonn und am Staatstheater Wiesbaden engagiert.
Die Schauspielerin arbeitete u.a. mit Regisseur/innen wie Robert Wilson, Konstanze Lauterbach, David Mouchtar-Samurai, Jorinde Dröse, Valentin Jeker, Dietrich Hilsdorf, Jo Fabian und Herbert Fritsch.
Seit 2008 arbeitet Franziska Geyer freiberuflich und entwickelt u.a. Theaterperformances mit jungen Menschen, z.B. mit Migrantinnen des SABA Stipendiums der Crespo Stiftung im LAB Frankfurt. Demnächst arbeitet sie in dem Projekt „Entpuppt Euch“ mit jungen Geflüchteten und in Deutschland aufgewachsenen Jugendlichen in der Wartburg (Spielstätte Staatstheater Wiesbaden).

Wir danken dem Ortsbeirat Nordost (Wiesbaden) und dem Galiani Verlag (Verlag Kiepenheuer & Witsch) für die Unterstützung dieses Projekts.

Ronya Othmann: Die Sommer, Carl Hanser Verlag, München 2020 (285 Seiten, 22,- Euro)

Mit „Vierundsiebzig“, einem Text über den Völkermord an den Êzîden*, sorgte Ronya Othmann im Jahr 2019 beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb für Aufmerksamkeit und wurde mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Nicht der einzige Preis, den die 1993 in München geborene Autorin, die am Literaturinstitut in Leipzig studiert, bislang erhielt. Mit „Die Sommer“ hat sie nun ein überzeugendes Romandebüt vorgelegt. Die Geschichte ist eng an ihre eigenen Lebenserfahrungen angelehnt, auch Ronya Othmann ist wie Leyla, das Mädchen im Roman, Tochter eines êzîdischen Kurden und einer Deutschen. Sie kennt, wovon sie schreibt, und sie hat das Talent, die Gefühle von Fremd- und Zerrissenheit in vielen Episoden nachhaltig zu bebildern. So erzählt Othmann die Geschichte Leylas und ihrer Familie zwar als Er-/Sie-Erzählung und betont damit die Distanz zu ihrer eigenen Person. Die Perspektive bleibt jedoch Leylas Sicht auf die Welt, eine Welt, die immer mehr auseinanderfällt.

Jeden Sommer reist Leyla mit ihren Eltern von einer Reihenhaussiedlung bei München zur Familie ihres Vaters nach Kurdistan, in das Dorf Tel Khatoun nahe der türkischen Grenze. „Das Land hatte zwei Namen“ stellt das Mädchen fest, „Syrien/die Syrische Arabische Republik“ und „Kurdistan“. Aber den Letzteren darf sie nicht aussprechen, denn die Augen Assads sind allgegenwärtig. Im Lehmhaus ihrer geliebten Großmutter wägt die Kleine von Anfang an das Für und Wider der unterschiedlichen Lebenswelten ab: Hier schlafen alle eng beieinander, es gibt kaum Rückzugsmöglichkeiten, dafür stehen die Haustüren offen, man besucht einander, es gibt viel menschliche Nähe. Während der Lebenstraum ihrer Cousine Zozan sich in der Hoffnung auf einen Mann und sieben Kinder beschränkt, hat Leylas Vater für sie Abitur und erfolgreiches Studium vorgesehen.

Leylas Vater Silo ist derjenige, der möchte, dass seine Tochter all die Möglichkeiten nutzt, die ihm versagt geblieben sind. Denn als staatenloser Ausländer im eigenen Land hat er u.a. nicht studieren dürfen. Er, ein Religionskritiker und aufgeklärter Bücherfreund, ist vor der Geheimpolizei geflohen, in türkischen Gefängnissen misshandelt worden. – Die Ich-Erzählungen des Vaters sind es, die Leylas Sicht um die politische Dimension erweitern. Er berichtet von Verfolgung und Vertreibung, der Ermordung des Urgroßvaters und seinen eigenen Kindheitserfahrungen, als Kurdisch in der Schule nicht gesprochen werden durfte. „Vergiss nicht, dass du Kurdin bist!“, erinnert er seine Tochter immer wieder. Das ist jedoch nicht nur in Syrien ein Problem, auch in der Schule zuhause in Deutschland wird sie mit der Ablehnung von Kindern aus türkischen Familien konfrontiert: „Kurdistan gibt es nicht.“ Und ihre beste Freundin Bernadette kann alle diese Probleme nicht nachvollziehen.

Während Leyla in Deutschland langsam erwachsen wird und studiert, spitzt sich die Situation im syrischen Bürgerkrieg immer mehr zu. Der IS greift Kobanê an, Aleppo wird zu einer einzigen Ruine. Die Angst um die Familie wächst, im August 2014 beginnt der IS den Genozid an den Êzîden im Nordirak und weitet zugleich sein Einflussgebiet immer weiter aus. Leyla, gerade verliebt, verzweifelt an der Unbekümmertheit ihrer Freunde in Deutschland angesichts des Völkermords…

Gerettet sind – und das ist nicht genug, aber ein Anfang , der Sprengkraft entfalten kann – die Erinnerungen Leylas an das, was war; festgehalten in einem berührenden Roman, der sich unter die Haut brennt.

 

Rita Thies

 

*Êzîden ist die Schreibweise im Roman, eine, die auch unter den in Deutschland lebenden „Jesiden“ üblich ist.

 

Es ist der dritte Krimi um Veit Brenner, Ranger in khakifarbener Uniform und kraftvoller Bayer. Sein Reich ist der Nationalpark Berchtesgarden, und er ein „Einheimischer“. So beschreibt ihn der Wiesbadener Autor Markus Bennemann*. Der kernige Krimiheld hat eigentlich einen Traumberuf als Wildhüter in einem idyllischen Landstrich, der – so das Urteil des Autors – zu den schönsten Deutschlands zählt.  Die Natur sich selbst überlassen, das ginge, wenn es nicht zu viele Menschen gäbe, die die Idylle massiv stören.  Und die in Wildhütern die ärgsten Feinde sehen, die ihre dunklen Machenschaften durchkreuzen. Auf den Helden des Buches wird auch schon mal geschossen. Der überlebt zum Glück und wird   von der Direktorin des Nationalparks  mit dem Projekt „Luchs“  betraut. Mit der Wiederansiedlung eines der großen Beutegreifer, zu denen in unseren Breiten auch Wölfe und Bären zählen.

Viel tierisches Blut – das von Murmeltieren, Gämsen und Steinböcken – fließt in diesem dritten Band der Veit-Brenner-Reihe „Tod am Steinernen Meer“. Der Leser begegnet Steinadlerpaaren, die ihre Jungen großziehen, trifft auf Murmeltiere, Gämsen und anderes Bergwild. Und auf Steinböcke, von denen sich mancher fragt, ob es die Nachkommen jener Tiere sein könnten, die Hermann Göring im „Dritten Reich“ für seine Jagd in Berchtesgarden ausgesetzt hat. Wälder dürfen in einem Nationalpark altern, zusammenbrechen und sich selbst wieder verjüngen. Es finden sich wundervolle Beschreibungen bizarrer Landschaften, etwa die des Karsthochplateaus zwischen Watzmann-Massiv und Königssee, das einem Meer aus Steinen gleicht. Auch das erfährt man: Das Steinerne Meer ist ein beliebtes Ziel für erfahrene Bergwanderer. Viele Hütten und markierte Wege machen das Steinerne Meer zum idealen Gebiet für mehrtägige Hüttentouren.

Mit dem verwaisten Luchs und einem mysteriösen Hirsch haben Tiere tragende Rollen bei Markus Bennemann. Der die Berge lieben muss, sonst könnte er über eine Alpenlandschaft nicht so schreiben, wie er es tut. Bennemann lässt menschliche Typen auftreten, wie sie sicher nur in Bayern existieren. Die „alte Traudl“ und den Ande, mit dem der Held Veit Brenner zusammen in der Schule war. Über Seiten finden Dialoge auf Bayerisch statt – man muss mit dem Dialekt vertraut sein, um folgen zu können. Oder sich Buchstabe für Buchstabe durch die Dialoge hindurchkämpfen.  Das Buch ist ein ungewöhnlicher Mix aus Alpen-Krimi und antikem Mythos, bei dem nichts und niemand ist, was er zu was er zu sein scheint!

In Teil eins – „Ein neuer Gefährte“ überschrieben – nimmt der Krimileser auf einer großen Lichtung am Westhang des Wimbachtals an einem bemerkenswerten Schauspiel teil. Der Wiesbadener Schauspieler Mario Krichbaum* liest Auszüge – hören Sie selbst:

 

Der kuriosen Szene der missglückten Auswilderung des Luchses, der es sich anders überlegt und lieber an der Seite seines „Herrchens“ bleibt, mit dem man wilde Spiele spielen kann, folgt im Krimi ein abscheuliches Geschehen. Veit Brenner entdeckt einen barbarischen Akt der Wilderei, und die Parkdirektorin ruft die angereisten Journalisten, die sich im Dutzend dankenswerterweise zum Schauspiel der Auswilderung eingefunden hatten, nun zu einer Pressekonferenz im Informationszentrum des Nationalparks zusammen. Hören wir einmal hinein:

 

 

Sprecher: Mario Krichbaum                                                                                                                                        Text: Ingeborg Toth

Der Förderverein Literaturhaus Wiesbaden dankt dem Ortsbeirat Mitte für die freundliche Unterstützung.

Ebenso dem Gmeiner-Verlag (Meßkirch) für die freundliche Genehmigung der Lese-Auszüge aus: Markus Bennemann: „Tod am Steinernen Meer“. 310 Seiten. 12 €.

*Markus Bennemann, geboren 1971, fühlt sich der Natur stark verbunden – wenn zum Glück auch nicht auf so unheimliche Art wie der Held seiner Krimi-Reihe. Nach dem Studium hat er als Journalist für die Wiesbadener Tageszeitung, Krimischreiber fürs Fernsehen und Autor vieler Sachbücher und Romane gearbeitet, bei denen die Natur immer eine Hauptrolle übernimmt. Seine Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Hauptberuflich arbeitet Markus Bennemann heute als Wissenschaftsredakteur in Wiesbaden. Wie für die zwei vorigen Teile der Reihe hat er auch für „Tod am Steinernen Meer“  intensiv vor Ort recherchiert und eng mit einem Kenner der lokalen Geschichte und Bergwelt zusammengearbeitet. Bennemann liest gern französische Krimis, manchmal auch im Original.

*Mario Krichbaum, Schauspieler und Regisseur, geboren 1970 in Darmstadt, sagt, die Schauspielerei sei für ihn Berufung – das Regieführen habe sich zur Passion entwickelt. Nach dem Studium der Germanistik und Politik an der TU-Darmstadt nahm er in München Schauspielunterricht. Er hat zweimal den Hamlet gespielt und einmal das Shakespeare-Stück inszeniert. Als Schauspieler hat er in zahlreichen Filmen mitgewirkt. Im Dezember wird er – nach dem Lockdown – in den Kammerspielen Wiesbaden zu sehen sein, in „Die Wunderübung“. Im Januar und Februar wirkt er im Kulturpalast der Landeshauptstadt in „Am Ende bleibt das Schweigen“ mit. Klettern gehört für Mario Krichbaum zu seinen vielen sportlichen Hobbys, er kennt sich in den Bergen aus. Krichbaum wohnt und lebt in Wiesbaden.

 

Deutscher Krimipreis, Radio-Bremen-Krimipreis, Friedrich-Glauser-Preis – sie zählt als Krimiautorin zu den besten im deutschen Sprachraum. Und: in 2019 war Zoe Beck die Krimi-Stipendiatin unserer Landeshauptstadt. Sie ist aber darüber hinaus ein literarisch-mediales Multitalent. Sie übersetzt, sie führt Regie bei der Synchronisation von Kino- und Fernsehfilmen. Und sie verlegt – nicht ihre eigenen Werke, sondern die von Autoren aus anderen Kulturkreisen.

Ihre eigenen Thriller schweben auf gar nicht romantische Weise auf dem Plateau eines quirligen Lebensgefühls und blicken in die dabei unvermeidlichen Abgründe. Sie verfügt über ein sicheres Gefühl dafür, wie sich in ihren Protagonistinnen aktuelle politischen Verhältnisse verdichten können. Zoe Beck stattet sie nicht als Heldinnen aus. Das Schicksalhafte wird dosiert eingeführt. Der Leser wird immer wieder beiläufig überrascht.

„Die Lieferantin“ spielt in „einer nicht wirklich fernen Zukunft“, wie es Zoe Beck ausdrückt. Großbritannien in einem totalitär anmutenden technischen und politischen Setting. Schauplätze sind London und Edinburgh. Einige Frauen haben sich ein Start-up ausgedacht, das ebenso heiß wie illegal ist: Drogenlieferung per Darknet und Minidrohne.

Dass dies der Schutzgeldmafia nicht gefällt, liegt auf der Hand. Der Kampf zwischen den alten, maskulinen und den neuen femininen „Geschäftsmodellen“ wird brutal. Und dabei wird die Verstrickung von höchster Politik bloßgelegt.

Es liest Alexandra Finder*:

 

Die Hauptfiguren haben alle, jede auf ihre Art, Drogenerfahrungen. Rechtsanwältin Catherine Wiltsmith steht an der Spitze einer Kampagne gegen die Verschärfung der Drogengesetzgebung im UK. Ellie Johnson hat ihren Bruder vor fünf Jahren durch eine Überdosis verloren und Morayo Humphries, genannt Mo, Spezialistin für Drohnen-IT, raucht selbst Heroin.

 

Zoe Beck, Die Lieferantin, Suhrkamp 2017, 325 Seiten, ISBN: 978-3-518-46964-4


Es gibt eine Konstante, die Zoe Becks Bücher durchzieht. Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihre weiblichen Hauptfiguren mit Kompetenz ausstattet. Gefühle, Gedanken, Durchsetzungskraft. Männer sind in diesen Handlungen oft hilfreich und meist auch mehr als nur Stichwortgeber oder Mobiliar, aber ihre Handlungsmuster sind tradiert und erwartbar.

Ihr Krimi „Brixton Hill“ spielt im Frühjahr 2013 in London. Cameron ist gerade britischer Premierminister, Maggie Thatcher liegt im Sterben. Riots auf den Straßen Londons beherrschen die Öffentlichkeit. Emma Vine – eine aus Sicht ihrer Dynastie missratene Bankierstochter, die sich als Eventmanagerin durchs Leben schlägt – ist im Laufe des Buches mal mordverdächtig, mal selbst tödlich bedroht. Statt ihrer wird es ihren Zwillingsbruder erwischen. Emma, „Em“, nimmt den Kampf auf, ohne zu wissen wogegen.
Turbulent die Handlung, in der sich die Motive um drei Morde in Emma Vines engsten Bekanntenkreis immer weiter verengen nach dem Prinzip: Das Böse liegt so nah …
„Brixton Hill“ ist temporeich und gibt uns doch, weil der Text mit Klischees sparsam umgeht, immer wieder die Chance, Emma Vine mit all ihren Schwächen liebzugewinnen. Zoe Beck hat einen Krimi geschrieben, der alles hat, was ein guter Krimi braucht.
Treibende Handlung, Einbettung in einen politischen Kontext, Empathie mit der Heldin – und am Ende bekommt auch die Gerechtigkeit noch ein Licht gesetzt.

Zoe Beck, Brixton Hill, Heyne-Verlag, München 2014, 381 Seiten, ISBN: 978–3-453-41042-8


Das jüngste Werk Zoe Becks – „Paradise City“ – entwickelt geradezu prophetische Qualitäten. Der Thriller spielt in Deutschland, auch wenn der Titel „Paradise City“ nicht darauf verweist. Die Handlung nimmt uns mit in die Mitte des 21. Jahrhunderts. Die Küsten sind überschwemmt, die großen Pandemien überstanden, weite Teile des Landes sind entvölkert.
Berlin — eine Kulisse für Touristen, deutsche Hauptstadt ist Frankfurt. So steht es im Klappentext, der übrigens vor Corona entstanden war. Die Investigativjournalistin Liina bekommt einen Auftrag, dessen Sinn sie nicht versteht. Aber sie führt ihn aus, sie beschafft sich die Informationen in der Uckermark. Dafür schlüpft sie, wenn nötig, auch in die Identität von Wissenschaftlerinnen. Sie gerät in Bedrohung und muss dabei feststellen, dass diese ganz dicht bei Liina selbst, in ihrem Privatleben, angesiedelt ist.

 

„Paradise City“ nimmt uns mit in unsere Fantasien von der Welt, die wir zu erwarten haben, wenn alle drängenden Probleme, Klimawandel, Pandemien, Migration, gelöst zu sein scheinen.
Interessant auch: Von Geld ist wenig bis gar nicht die Rede in dieser fulminant entworfenen Fiction-Skizze. Und: Männer spielen da auch mit, aber sie bleiben Randfiguren, das Mobiliar in den konsequent feministisch entworfenen Bühnenbildern. Schon das allein macht die Lektüre auch für Männer interessant.

Zoe Beck, Paradise City; Suhrkamp-Verlag 2020; 281 S.  ISBN:  978-3-518-47055-8

Text: Armin Conrad


Hören Sie hier ein Audiointerview von Alexander Pfeiffer mit Zoë Beck zu „Paradise City“.


* Alexandra Finder arbeitet seit 2008 als freischaffende Schauspielerin an Theatern und für Filmproduktionen. Davor war sie festes Ensemblemitglied des Staatstheaters Wiesbaden unter der Intendanz von Manfred Beilharz. Als Gast spielte sie unter anderem am Deutschen Theater in Berlin und dem Schauspiel Frankfurt. Dabei verbindet sie eine enge Zusammenarbeit mit dem Theaterregisseur Jürgen Kruse. Für ihre Hauptrolle in dem Kinofilm „Die Frau des Polizisten“, der seine Weltpremiere 2013 auf den Internationalen Filmfestspielen in Venedig hatte, erhielt sie mehrere Preise.

Der Förderverein Wiesbadener Literaturhaus Villa Clementine e.V. dankt dem Ortsbeirat Nordost für seine Unterstützung.

Seit 2007 ist Anita Djafari Geschäftsführerin des vor 40 Jahren gegründeten Vereins Litprom in Frankfurt, der sich für Literatur aus Afrika, Asien, Lateinamerika und der Arabischen Welt engagiert. Die Literaturwissenschaftlerin kennt sich blendend aus im Metier, hat u.a. in Verlagen gerbeitet, eine eigene Buchhandlung geführt, in Peru eine Sprachschule gegründet, die Vergabe des LiBeraturpreises für Autorinnen übernommen und wurde auf der Buchmesse 2016 zur BücherFrau des Jahres gekürt. Nach der virtuellen Buchmesse 2020 verabschiedet sie sich von ihrem Amt in den Ruhestand. Über ihre Tätigkeit und was ihr danach bleiben wird, berichtet sie in diesem Interview.  

Frau Djafari, wie haben Sie die diesjährige digitale Buchmesse erlebt?

Natürlich vollkommen anders als all die Jahre zuvor. Ich war zuhause und habe versucht, so viel wie möglich davon mitzubekommen, was die Kolleg*innen der Buchmesse auf die Beine gestellt haben. Ich hab’s bewundert und genossen und mich dabei auch gut innerlich verabschieden können.

Als Geschäftsführerin von Litprom e. V. haben Sie am Vortrag der Buchmesse ein Symposium zu Literatur in Afrika organisiert. Was hat sich daraus ergeben?

Das war ein Abenteuer, da wir das Ganze zunächst vollkommen analog geplant hatten und letztendlich vollkommen virtuell umgesetzt haben. Acht Autor*innen aus sieben Ländern dabei zusammenzubringen, war ein Erlebnis für sich. Es ist noch zu früh, Bilanz zu ziehen, die Videos sind ja weiterhin zu sehen und werden auch noch kräftig geteilt, auch international. So viele Menschen haben wir noch mit keiner analogen Veranstaltung erreicht, das steht fest.

Litprom feiert in diesem Jahr sein 40-jähriges Bestehen. Was konnte seither an Förderung der Literaturen aus Afrika, Asien und Lateinamerika erreicht werden?

Das lässt sich nicht in zwei Sätzen beantworten. Es wurden über die Übersetzungsförderung Hunderte von Veröffentlichungen ermöglicht, aber auch mit Veranstaltungen und Veröffentlichungen dafür gesorgt, dass diese Übersetzungen auch ihre Leser*innen finden. In 40 Jahren ist ein unverzichtbares Netzwerk von geballter Kompetenz entstanden, ein Knotenpunkt für alle an diesem Thema interessierten und arbeitenden Menschen.

Sie haben sich in allen Ihren mannigfaltigen Berufen (Verlagsmitarbeiterin, Buchhändlerin, Gründerin einer Sprachschule, Übersetzerin, Lektorin, Organisatorin, Litprom-Geschäftsführerin) stets für Literatur eingesetzt.  Warum und wofür ist Literatur wichtig?

Für mich war und ist sie ein Lebensmittel und zwar in allen Lebenslagen. Das fing bei mir schon als Kind an. Die Literatur hat mir immer geholfen, die Welt besser zu verstehen – sei es die vor der Haustür oder die vermeintlich fremde, die weit weg ist. Weil sie uns über die Emotionen erreicht. Das schafft kein anderes Medium

Was lernen wir von der Literatur anderer Länder?

Achtung, jetzt wird’s pathetisch: Dass wir alle Menschen sind mit sehr sehr ähnlichen Bedürfnissen und Problemen. Die Unterschiede bestehen vielleicht durch die anderen Bedingungen vor Ort und die Ungleichzeitigkeit der Entwicklung. Und über diese anderen Bedingungen erfahren wir etwas und lernen, ohne es zu merken. Wir entwickeln im besten Fall Empathie. Denn unterm Strich geht es immer um Liebe und Tod, egal wo.

Sie gelten auch als eifrige Netzwerkerin für Literaturvermittlung. Wie dicht ist das Netz zur Popularisierung von Literatur aus Ländern jenseits Europas mittlerweile geworden?

Da hat sich durch die Globalisierung und die modernen Kommunikationsmittel viel getan, es herrscht eine andere Offenheit und Unbefangenheit gegenüber dem so genannten Fremden. Gleichzeitig muss weiter an dem Netz gestrickt werden, denn auch das Gegenteil, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, macht sich wieder breit. Wir müssen uns klarmachen:  Der Westen ist längst nicht mehr die einzige kulturelle Referenz.

Um Literatur anderer Länder in Deutschland bekannt zu machen, bedarf es ihrer Übersetzung. Gibt es inzwischen für jede Sprache denn hier auch entsprechend kompetente Übersetzer/innen?

Das ist eine gute Frage. Auch hier hat sich einiges getan, was die so genannten „kleinen“ Sprachen angeht, die so klein oft gar nicht sind. Aber es gibt Sprachen, für die es nicht genügend gut ausgebildete Übersetzer*innen gibt, z. B. Koreanisch. Hier ist generell Nachholbedarf, der unbedingt Förder- und Weiterbildungsprogramme zur Unterstützung braucht, damit auch dem Trend, alles (wieder) über den Umweg Englisch oder eine andere gängige Sprache zu übersetzen, entgegengewirkt werden kann. Ein komplexes Thema.

Desweitern braucht es einen Verlag, der die Übersetzungen drucken und auf den Markt bringen will. Sind hierzulande genügend Verlage dazu bereit?

Auch hier hat sich viel zum Guten verändert. Waren es früher „nur“ Nischenverlage, die nach wie vor sehr wichtige Arbeit leisten, sind es inzwischen auch die großen Publikums- und Konzernverlage, die sich nach diesen Stoffen umschauen. Sie rechnen nur schärfer als die kleinen und pflegen ihre Autor*innen nicht so gut, wenn die Zahlen nicht stimmen.

Sie sind Mitglied im Verein Litprom seit der Gründung, also seit 40 Jahren, seit 2007 seine Geschäftsleiterin und wollen sich jetzt in den Ruhestand zurückziehen. Wie wird Ihnen das gelingen?

Was für eine gemeine Frage, woher soll ich das wissen? Ich mach‘ ja ehrenamtlich noch ein bisschen weiter, in der Jury der Bestenliste Weltempfänger, im Vorstand des Hessischen Literaturrats, bei Ihrem Förderverein. Das finde ich schön, alles andere wird sich weisen. Ich freue mich allerdings wirklich auf mehr Zeit und weniger Stress.

In der Rückschau: Was war das Wichtigste Ihrer Arbeit?

Menschen zusammenzubringen, die ähnliche Ziele und Werte haben und gemeinsam an Projekten arbeiten wollen, und dafür zu sorgen, dass diese umgesetzt werden. Diese Aufgabe bleibt.

Mit Blick nach vorn: Was bleibt noch zu tun? Und wie leistet Litprom das ohne Sie?

Es gibt noch sehr viel zu tun, und da werden die Kolleg*innen, auch die neu hinzugekommenen jüngeren mit frischem Blick und neuen Ideen und vor allem auch Kompetenzen im Digitalen neue Wege beschreiten. Die Welt verändert sich rasant und damit auch die Aufgaben eines so altehrwürdigen Vereins.

Sie sind Juryvorsitzende für das Stipendium „Weiterschreiben – Wiesbaden“ des Fördervereins Literaturhaus Wiesbaden und werden am 5. November im Wiesbadener Rathaus die Laudation auf die Stipendiatin aus Syrien, Rasha Habbal, halten. Was zeichnet diese Autorin aus?

Hier möchte ich der Laudatio nicht vorgreifen, nur so viel: u. a. ihre Ernsthaftigkeit, mit der sie die Schriftstellerei betreibt und weiterverfolgt.

Schließlich: Welches Buch ist Ihnen im Verlauf Ihrer Berufstätigkeit besonders wichtig geworden?

Diese Frage kann ich eigentlich nicht beantworten. Es sind zu viele. „Tante Julia und der Kunstschreiber“ von Mario Vargas Llosa ist nur eins. Und in jüngster Zeit „Die Vegetarierin“ von Han Kang.

Welches Buch sollten wir alle unbedingt lesen?

Ich möchte Lust machen auf die Lektüre von Jean Rhys „Die weite Saragossasee“ und damit in Zusammenhang den Klassiker „Jane Eyre“ mal wieder hervorzuholen…

Und was lesen Sie jetzt?  

Jetzt stürze ich mich erstmal auf den koreanischen Thriller „Heißes Blut“ von Un-Su Kim.

Foto: Salome Roessler