• Stewart O’Nan: „Stadt der Geheimnisse“, Roman, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 2020, 221 Seiten (Tb, 12,- Euro)
  • Ulla Lenze: „Der Empfänger“, Roman, Klett-Cotta, Stuttgart 2020, 302 Seiten (Hardcover, 22,- Euro)

 

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Mit Fernando Aramburus Roman „Langsame Jahre“ über eine lähmende Epoche in der Geschichte des Baskenlands schließt das Literaturfestival des Fördervereins Literaturhaus Wiesbaden „Ins Offene“ in einer Kooperationsveranstaltung mit dem städtischen Partnerschaftsverein San Sebastián am 28. August ab. Vereinsvorsitzende Rita Thies moderiert das Gespräch mit ihm, Schauspieler Hanns-Jörg Krumpholz liest (in seinem zweiten Auftritt auf dem Festival) Auszüge aus dem Buch, das über die letzten Jahre unter dem Franco-Regime erzählt, und der Autor erzählt im Gespräch auf der Bühne von sich und seinen Erfahrungen – auch von denen in Deutschland, wo er seit den 80er Jahre zu Hause ist. Den ganzen langen Abend des Abschlussfestes trägt er eine Art Baskenmütze und freut sich über die spanischen Klänge, mit denen Hartmut Boger und Michael Linemann als „Los Gerontos Nuevos“ auf Bass und Ukulele das Publikum unterhalten. Rita Thies unterhält Fernando Aramburu. In angeregt freundlicher Stimmung im großen Kreis klingt ein Sommerabend und das Literaturfestival 2022 im Burggarten Sonnenberg aus.

Am Abend des dritten Festivaltages, 26. August, nachdem bereits sieben unterschiedliche Romane in stets moderierten Lesungen vorgestellt worden sind, darunter Anna Yeliz Schentkes Buch „Kangal“, das gerade auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis gesetzt ist, steht Steffen Schroeder, Schauspieler und Schriftsteller, auf der Bühne im Burggarten Sonnenberg. Er präsentiert, moderiert von Linde Dehner, seinen neuen historischen Roman „Planck oder Als das Licht seine Leichtigkeit verlor“. Der weltberühmte Physiker Max Planck muss um das Leben seines Sohnes fürchten, als der 1944 von den Nazis wegen seiner Beteiligung am Attentat auf Hitler zu Tode verurteilt wird. Der Vater schreibt Gnadengesuche an Hitler und Himmler – passend zieht in den Burggarten die Dämmerung ein …

Großer Andrang zur Eröffnung des Literaturfestivals „Ins Offene 2“ am Abend des 24. August bei freiem Eintritt im Burggarten Sonnenberg unter der Sonne mit Büchermarkt und Informationsstand, Kaffee und Kuchen – und der Begrüßungsrede der Vorsitzenden des veranstaltenden Fördervereins Literaturhaus Wiesbaden Rita Thies. Prominenz aus dem städtischen Kulturleben ist ebenso vertreten wie viele Literaturbegeisterte oder auch „nur“ Neugierige. Was heißt hier „nur“! Auch sie kommen anschließend in den Genuss einer von Stefan Schröder, früherer Chefredakteur des Wiesbadener Kurier und Vorsitzender des Presseclubs, moderierten Lesung mit dem Autor politischer Kriminalromane Oliver Bottini. Schauspieler und Regisseur Oliver Wronka liest aus dessen brandneuem Buch „Einmal noch sterben“, in dem der angebliche Anlass des USA-Kriegs gegen den Irak als Lüge entlarvt wird. So spannend der Spionage-Thriller, so locker die Stimmung – zumal Bottinis siebenjähriger Sohn neben Sprecher Wronka auf dem Podium Platz nehmen darf. Im Anschluss an diese  Kooperationsveranstaltung mit dem Presseclub nehmen die Gäste lebhaften Anteil am Eröffnungsfest mit seinem Sekt- und Häppchenangebot.

 

Georgi Gospodinov: Zeitzuflucht, Roman, auf Deutsch bei Aufbau Verlage GmbH & Co. KG, Berlin 2022, Original Plovdiv/Bulgarien 2020 (Gebunden mit Schutzumschlag, 342 Seiten, 24,- Euro)

Aufgrund des geringen Zeitabstands zum letzten Literaturforum wird diesmal nur ein Roman aufgerufen.

„Zeitzuflucht“ von Georgi Gospodinov wurde in Bulgarien schon 2020 veröffentlicht – das zu wissen, ist nicht unwichtig. Denn Sie werden beim Lesen des Romans bemerken, dass der Autor in seinem Buch geradezu prophetische Qualitäten in Bezug auf die Geschehnisse in Osteuropa entwickelt. Aber nicht nur dort wird Zuflucht in vermeintlich guten alten Zeiten gesucht…

Worum geht’s? – Ein Ich-Erzähler trifft auf Gaustín, einen Zeitreisenden, der ihn mit seiner Liebe zu Dingen und Geschichten aus der Vergangenheit fasziniert. Dieser Gaustín stellt fest, dass Menschen, deren Gedächtnis schwindet, sich erinnern, wenn sie Gegenständen, Bildern, Musik oder Gerüchen aus ihrer Vergangenheit begegnen – eine Erkenntnis, die wir aus der Demenzforschung kennen. So entwickelt er die Idee, eine Klinik für die Vergangenheit zu schaffen, in der in den diversen Stockwerken verschiedene Jahrzehnte rekonstruiert werden, die das Leben heutiger Alzheimer- oder Demenzpatienten ausgemacht haben. „Für sie ist nicht die Vergangenheit, sondern die Gegenwart ein fremdes Land, die Vergangenheit ist ihre Heimat.“ Diese Heimat möchte Gaustín den Kranken zurückgeben. Es sind „Zeitschutzräume“, die für die Patienten „einen Raum synchron zu ihrer inneren Zeit schaffen.“

Doch es scheint, dass der Wunsch, die Vergangenheit zu bewohnen, in der man sich aufgehoben fühlt, nicht nur Kranken, sondern auch gesunden Menschen ein Wohlfühlgefühl vermittelt, dem man sich lieber hingibt als den Schwierigkeiten der Gegenwart. Immer mehr Gesunde suchen in Gaustíns Klinik Zuflucht, das Unternehmen expandiert explosionsartig und eröffnet ständig neue Häuser.

Weil immer mehr Menschen die Gegenwart grau erscheint, Zukunftsangst herrscht, blickt man lieber zurück. Überall in Europa setzt eine Massenbewegung ein, die die jeweils eigene Vergangenheit nostalgisch verklärt. Das geht so weit, dass die Spitzen der EU Gaustìn aufsuchen, um mit ihm zu beraten, wie sie ein Europa der Vergangenheit aufbauen können – und so entsteht die Idee von Vergangenheitsreferenden, die in den einzelnen Ländern durchgeführt werden. Welche Vergangenheit soll es jeweils sein? Gospodiv spielt in seinem Roman das Leben als Reenactment, als Wiederaufführung der Vergangenheit, konsequent für einzelne Länder durch…

In Gospodinovs „Zeitzuflucht“ können wir nachlesen, wie sich die zweite Realität neben der Gegenwart weiterentwickelt, wie die Gegenwartsflucht eine gesamteuropäische Dimension bekommt. Eine kollektive Demenz, die sich in Europa der nationalen Erzählung zuwendet: vom 21. zurück ins 20. (und 19.) Jahrhundert.

„Zeitzuflucht“ ist ein ausgesprochen origineller, weitsichtiger und kluger Roman, voller Hintersinn und literarischer Anspielungen. So, wie Gospodinov hier unsere Gegenwart philosophisch und politisch in der Literatur ausleuchtet, hat er einen großen Roman geschrieben. Literatur, die auf der Höhe unserer Zeit ist und zugleich in der Zeit nicht flüchtig sein wird.

Rita Thies

 

Georgi Gospodinov wurde 1968 im bulgarischen Jambol geboren, lebt und arbeitet heute in Sofia. 2009 war er Stipendiat des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes in Berlin. Der Schriftsteller ist breit aufgestellt: Er schreibt Prosa, Lyrik, Romane und Drehbücher.