Deutscher Krimipreis, Radio-Bremen-Krimipreis, Friedrich-Glauser-Preis – sie zählt als Krimiautorin zu den besten im deutschen Sprachraum. Und: in 2019 war Zoe Beck die Krimi-Stipendiatin unserer Landeshauptstadt. Sie ist aber darüber hinaus ein literarisch-mediales Multitalent. Sie übersetzt, sie führt Regie bei der Synchronisation von Kino- und Fernsehfilmen. Und sie verlegt – nicht ihre eigenen Werke, sondern die von Autoren aus anderen Kulturkreisen.

Ihre eigenen Thriller schweben auf gar nicht romantische Weise auf dem Plateau eines quirligen Lebensgefühls und blicken in die dabei unvermeidlichen Abgründe. Sie verfügt über ein sicheres Gefühl dafür, wie sich in ihren Protagonistinnen aktuelle politischen Verhältnisse verdichten können. Zoe Beck stattet sie nicht als Heldinnen aus. Das Schicksalhafte wird dosiert eingeführt. Der Leser wird immer wieder beiläufig überrascht.

„Die Lieferantin“ spielt in „einer nicht wirklich fernen Zukunft“, wie es Zoe Beck ausdrückt. Großbritannien in einem totalitär anmutenden technischen und politischen Setting. Schauplätze sind London und Edinburgh. Einige Frauen haben sich ein Start-up ausgedacht, das ebenso heiß wie illegal ist: Drogenlieferung per Darknet und Minidrohne.

Dass dies der Schutzgeldmafia nicht gefällt, liegt auf der Hand. Der Kampf zwischen den alten, maskulinen und den neuen femininen „Geschäftsmodellen“ wird brutal. Und dabei wird die Verstrickung von höchster Politik bloßgelegt.

Es liest Alexandra Finder*:

 

Die Hauptfiguren haben alle, jede auf ihre Art, Drogenerfahrungen. Rechtsanwältin Catherine Wiltsmith steht an der Spitze einer Kampagne gegen die Verschärfung der Drogengesetzgebung im UK. Ellie Johnson hat ihren Bruder vor fünf Jahren durch eine Überdosis verloren und Morayo Humphries, genannt Mo, Spezialistin für Drohnen-IT, raucht selbst Heroin.

 

Zoe Beck, Die Lieferantin, Suhrkamp 2017, 325 Seiten, ISBN: 978-3-518-46964-4


Es gibt eine Konstante, die Zoe Becks Bücher durchzieht. Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihre weiblichen Hauptfiguren mit Kompetenz ausstattet. Gefühle, Gedanken, Durchsetzungskraft. Männer sind in diesen Handlungen oft hilfreich und meist auch mehr als nur Stichwortgeber oder Mobiliar, aber ihre Handlungsmuster sind tradiert und erwartbar.

Ihr Krimi „Brixton Hill“ spielt im Frühjahr 2013 in London. Cameron ist gerade britischer Premierminister, Maggie Thatcher liegt im Sterben. Riots auf den Straßen Londons beherrschen die Öffentlichkeit. Emma Vine – eine aus Sicht ihrer Dynastie missratene Bankierstochter, die sich als Eventmanagerin durchs Leben schlägt – ist im Laufe des Buches mal mordverdächtig, mal selbst tödlich bedroht. Statt ihrer wird es ihren Zwillingsbruder erwischen. Emma, „Em“, nimmt den Kampf auf, ohne zu wissen wogegen.
Turbulent die Handlung, in der sich die Motive um drei Morde in Emma Vines engsten Bekanntenkreis immer weiter verengen nach dem Prinzip: Das Böse liegt so nah …
„Brixton Hill“ ist temporeich und gibt uns doch, weil der Text mit Klischees sparsam umgeht, immer wieder die Chance, Emma Vine mit all ihren Schwächen liebzugewinnen. Zoe Beck hat einen Krimi geschrieben, der alles hat, was ein guter Krimi braucht.
Treibende Handlung, Einbettung in einen politischen Kontext, Empathie mit der Heldin – und am Ende bekommt auch die Gerechtigkeit noch ein Licht gesetzt.

Zoe Beck, Brixton Hill, Heyne-Verlag, München 2014, 381 Seiten, ISBN: 978–3-453-41042-8


Das jüngste Werk Zoe Becks – „Paradise City“ – entwickelt geradezu prophetische Qualitäten. Der Thriller spielt in Deutschland, auch wenn der Titel „Paradise City“ nicht darauf verweist. Die Handlung nimmt uns mit in die Mitte des 21. Jahrhunderts. Die Küsten sind überschwemmt, die großen Pandemien überstanden, weite Teile des Landes sind entvölkert.
Berlin — eine Kulisse für Touristen, deutsche Hauptstadt ist Frankfurt. So steht es im Klappentext, der übrigens vor Corona entstanden war. Die Investigativjournalistin Liina bekommt einen Auftrag, dessen Sinn sie nicht versteht. Aber sie führt ihn aus, sie beschafft sich die Informationen in der Uckermark. Dafür schlüpft sie, wenn nötig, auch in die Identität von Wissenschaftlerinnen. Sie gerät in Bedrohung und muss dabei feststellen, dass diese ganz dicht bei Liina selbst, in ihrem Privatleben, angesiedelt ist.

 

„Paradise City“ nimmt uns mit in unsere Fantasien von der Welt, die wir zu erwarten haben, wenn alle drängenden Probleme, Klimawandel, Pandemien, Migration, gelöst zu sein scheinen.
Interessant auch: Von Geld ist wenig bis gar nicht die Rede in dieser fulminant entworfenen Fiction-Skizze. Und: Männer spielen da auch mit, aber sie bleiben Randfiguren, das Mobiliar in den konsequent feministisch entworfenen Bühnenbildern. Schon das allein macht die Lektüre auch für Männer interessant.

Zoe Beck, Paradise City; Suhrkamp-Verlag 2020; 281 S.  ISBN:  978-3-518-47055-8

Text: Armin Conrad


Hören Sie hier ein Audiointerview von Alexander Pfeiffer mit Zoë Beck zu „Paradise City“.


* Alexandra Finder arbeitet seit 2008 als freischaffende Schauspielerin an Theatern und für Filmproduktionen. Davor war sie festes Ensemblemitglied des Staatstheaters Wiesbaden unter der Intendanz von Manfred Beilharz. Als Gast spielte sie unter anderem am Deutschen Theater in Berlin und dem Schauspiel Frankfurt. Dabei verbindet sie eine enge Zusammenarbeit mit dem Theaterregisseur Jürgen Kruse. Für ihre Hauptrolle in dem Kinofilm „Die Frau des Polizisten“, der seine Weltpremiere 2013 auf den Internationalen Filmfestspielen in Venedig hatte, erhielt sie mehrere Preise.

Der Förderverein Wiesbadener Literaturhaus Villa Clementine e.V. dankt dem Ortsbeirat Nordost für seine Unterstützung.