Andreas Schäfer: Das Gartenzimmer. DuMont Buchverlag Köln 2020. (346 Seiten. 22,-Euro)

Ein Haus kann gleichermaßen Sehnsuchtsort und Fluch sein. Die Villa Rosen in Berlin-Dahlem, die Andreas Schäfer in „Das Gartenzimmer“ ins Zentrum des Geschehens rückt, ist wie geschaffen, um auf ihre Bewohner einzuwirken und die unterschiedlichsten Phantasien und Gefühle auszulösen. Der Prachtbau im neoklassizistischen Stil mit Satteldach und Gauben stammt aus dem Jahr 1909, geplant von dem jungen Architekten Max Taubert.

Es ist sein mit vielen architektonischen Eigenheiten versehenes Erstlingswerk, ohne Keller, im Untergeschoß mit einem Gartenzimmer.

Um das Anwesen und dieses besondere Zimmer schildert nun Schäfer über eine erzählte Zeit von mehr als hundert Jahren, von 1908 bis 2013, die Geschichten seiner Bewohner. Das geschieht nicht chronologisch, doch ist die Orientierung durch Jahreszahlen über den Kapiteln gewiss. Zudem wählt der Autor zwei parallele Erzählstränge, die geschickt zusammenlaufen und so peu à peu auch die dunklen Geheimnisse, die mit der Villa verbunden sind, ans Licht bringen.

Für Max Taubert wird der Landsitz, mit dem ihm Professor Adam und Elsa Rosen beauftragt haben, zum Ausgangspunkt seiner Karriere. Durch die Rosens bekommt er die besten Kontakte, lernt auch seine Frau über die beiden kennen. Insbesondere Elsa Rosen, eine glänzende Gastgeberin verschiedenster Festivitäten im Hause, ist begeistert von dem jungen Taubert. Umso enttäuschter ist sie, als der Kontakt nach Tauberts Scheidung von seiner Ehefrau abbricht und er schließlich sogar der Beerdigung Adam Rosens fernbleibt. Es ist das Jahr 1928, Taubert gehört nun zu denjenigen Architekten, die sich dem Neuen Bauen verschreiben. Mit seinem ersten Traumhaus will er nichts mehr zu tun haben. Elsa lässt ihn aus Ärger über sein Verhalten sogar aus den Bauakten der Villa Rosen streichen. Doch mit der Herrschaft der Nazis ändert sich sein Verhalten, denn nun ist das Neue Bauen nicht mehr gefragt. Er nimmt wieder Kontakt zu Elsa auf und überrascht sie schließlich sogar mit Alfred Rosenberg im Schlepptau zu Hause…

Nachdem die Villa Rosen zehn Jahre leer gestanden hat, kaufen im Jahr 1995 Hannah und Frieder Lekebusch das Objekt. Die Renovierung ist ein gewagtes Unterfangen, denn die Auflagen des Denkmalschutzes fordern üppige Finanzmittel. Für Frieder, der als Pharmaunternehmer mit Generika sein Geld gemacht hat, ist das kein Hindernis, sondern eher Herausforderung, sich endlich einem Unikat zu widmen. Schwieriger gestaltet sich da schon das Verhältnis zu Hannah, denn sie macht mittlerweile nicht nur die Restaurierung, sondern die Inszenierung des Hauses als wiederentdecktes Bauwerk des berühmten Architekten Taubert zu ihrem Lebenswerk. Der Abglanz des verstorbenen Meisters verspricht auch ihr mehr Ruhm und Geltung. So stapfen, um Sichtachsen bewundern zu können, bald Besuchergruppen durchs Schlafzimmer. Und für das findet der Hausherr dann auch bald eine andere Besetzung…

Andreas Schäfer bildet in „Das Gartenzimmer“ einen ganzen Kosmos von Lebensschicksalen ab und wirft dabei interessante Fragen zum Umgang mit deutscher Geschichte auf. – Und wer gewillt ist: Oder ist das Unheimliche letztendlich das Haus selbst?

Rita Thies

DuMont Buchverlag, Köln 2017, 189 Seiten (Original: The Reluctant Fundamentalist, 2007)


Pakistan, in einem Straßencafé in Alt-Lahore. Ein junger Mann mit ausgesprochen höflichem Auftreten setzt sich mit den Worten: „Sie brauchen keine Angst vor meinem Bart zu haben: Ich liebe Amerika“, an den Tisch eines Unbekannten. Letzterer, vermutlich ein Amerikaner, wird nun ungefragt Zuhörer der Lebenserzählung des Pakistani.

Changez, so sein Name, hat viereinhalb Jahre in Amerika gelebt. Als junger Mann kommt er in das Land und studiert an der Eliteuniversität Princeton. Er bewegt sich im Umfeld gutsituierter junger Menschen, fährt mit Studienkollegen ins Ausland und lernt in dieser Gruppe Erica kennen, in die er sich verliebt. Sein amerikanischer Traum scheint Wirklichkeit zu werden; er schließt Ende 2000 sein Studium erfolgreich ab und wird sofort als Unternehmensberater bei Underwood, Samson & Company engagiert. Der westlich orientierte Muslim erfährt von seinem Vorgesetzten Unterstützung, engagiert sich und unterwirft sich den „fundamentals“ der Firma völlig. Leitprinzipien, die fordern, dass der ökonomische Erfolg absolut vorrangig gilt. Er ist der beste „Hai“ der Firma, er passt sich erfolgshungrig bis zur Selbstaufgabe an. Doch ihn befallen immer mehr Zweifel, auch die Beziehung zu Erica läuft nicht so, wie er sie sich vorstellt. Seine Liebe erwidert sie nicht, stattdessen hängt die psychisch angeschlagene Frau weiter an ihrem verstorbenen Freund Chris. Nach den Anschlägen am 11. September 2001 nimmt die Entfremdung von Erica und zu Amerika zu. Changez erwischt sich dabei, wie er bei dem Gedanken, dass man diese selbstbewusste Nation verletzt habe, lächelt. Sein ehemaliger Traum verwandelt sich ob seiner völligen Zerrissenheit in einen Alptraum, in dem er sich in seinem wachsenden Gefühl der Fremdheit von Amerika abwendet und wieder nach Pakistan zurückgeht …

Sein Zuhörer, dem die gesamte Situation Unbehagen bereitet, kann Changez’ Monolog, der wie eine Beichte oder ein Geständnis daherkommt, nicht entfliehen …

Changez findet keine Heimat – ist er nur ein junger Mann auf der Suche nach Identität oder ein Gefährder? Bedrohlich, verstörend, unheimlich?

Rita Thies

Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg 2019, 431 Seiten

In „Metropol“ erzählt Eugen Ruge die Geschichte der beiden deutschen Kommunisten Charlotte und Jean Germaine, die zur Zeit der großen Schauprozesse, der „Säuberungen“, in der Sowjetunion leben. Entwickelt hat Ruge die beiden Figuren in Anlehnung an die Biografie seiner Großeltern, doch davon später mehr.

„Germaine“ ist ein Tarnname, „Jean“ heißt eigentlich Wilhelm. Charlotte und Wilhelm sind schon seit 1933, seit die Nazis in Deutschland die Macht innehaben, in Moskau. Die beiden sind Mitarbeiter des Nachrichtendienstes der Komintern (Kommunistische Internationale), der Abteilung für internationale Verbindungen. Diese soll durch die Vernetzung der kommunistischen Parteien in allen Ländern die Weltrevolution vorantreiben. So jedenfalls war das bei Gründung gedacht. Seit 1922 ist Stalin Generalsekretär der Partei, und im Laufe der Zeit ändern sich viele Dinge in der jungen Sowjetunion.

Der Zeitraum, von dem Ruge in „Metropol“ nun erzählt, erstreckt sich von September 1936 bis Januar 1938. Charlotte, der eine der drei Erzählstimmen in diesem Roman gehört, hat als überzeigte Kommunistin „volles Verständnis für die aufwendigen Prüfungsroutinen, die überall ablaufen, um die Partei von schädlichen Elementen zu säubern.“ Verhaftungen und Säuberungen durch die politische Polizei, das NKWD, scheinen gerechtfertigt zu sein, denn Saboteuren und Spionen hat die Parteiführung den Kampf angesagt. Irritiert ist Charlotte, als sie von der Anklage eines alten Bekannten erfährt. Axel Emel, ein Verschwörer? Unglaublich, doch das Vertrauen in die Parteiführung ist grenzenlos. Zudem möchte das Ehepaar auch durch die Bekanntschaft nicht selbst auf der Anklagebank landen. Schnell machen sich Charlotte und Wilhelm daran, ihre frühere Bekanntschaft den Vorgesetzten zu bekunden, sich selbst des Kontaktes zu bezichtigen, bevor andere dies tun.

Ihre Arbeit in der Abteilung für internationale Verbindungen dürfen sie nicht weiterführen, sie werden jedoch nicht angeklagt oder verhaftet, sondern in dem gleichermaßen legendären und luxuriösen Jugendstilhotel „Metropol“ untergebracht. 477 Tage verbringen sie dort, jeden Tag von Ungewissheit und Angst begleitet, was mit ihnen geschehen werde. Denn plötzlich scheint jede oder jeder unter Verdacht stehen zu können, zu „Verrätern“ zu gehören und abgeurteilt und umgebracht zu werden …

Eine zweite Erzählperspektive öffnet Ruge durch die Figur der Hilde Tal, die ehemalige Frau Wilhelms, die ebenfalls für die Komintern arbeitet. Nachdem sie die Verhaftung von immer mehr „treuen“ Genossinnen und Genossen erlebt, kommt sie auf die Idee, dass das NKWD von Schädlingen unterwandert werde und Stalin davon unterrichtet werden müsse …

Mit Wassili Wassiljewitsch Ulrich, dem Vorsitzenden des Militärkollegiums des Obersten Gerichts der UdSSR, führt Ruge eine dritte Figur ein, an deren Gedanken- und Gefühlswelt er uns durch das Mittel der erlebten Rede teilhaben lässt. Er, der Vorsitzende Richter in den Prozessen des „Großen Terrors“,  kommt gleichermaßen gewöhnlich als auch skrupellos daher.  Der Mann ist zu dick, leidet an Blähungen und der Abweisung durch seine Frau. Er wünscht sich von der Anklagevertretung im Geheimen eigentlich nur gut gefälschte Beweise, damit er für ein eventuelles Platzen eines Prozesses nicht verantwortlich gemacht werden kann …

Historisch belegt ist, dass Ulrich in dieser Zeit mehr als 30.000 Todesurteile unterschrieben hat. – Was in dem Roman mit Charlotte, Wilhelm und Hilde geschieht, sei hier an dieser Stelle nicht verraten.

Nur so viel: Eugen Ruge, der von der Zeit seiner Großeltern in Moskau nichts wusste, erläutert im Prolog seine Recherchen im Russischen Staatsarchiv. Dort findet er die Kaderakte seiner Großmutter Charlotte. Durch diese inspiriert, entwickelt er seine biografischen Fiktionen und seine Geschichte, „die eine Geschichte  darüber ist, was Menschen zu glauben bereit sind, zu glauben imstande sind.“

Eine Geschichte, die in der Wirklichkeit der Stalin-Ära verankert ist, einer Zeit, in der Millionen angebliche Verräter oder Agenten erschossen oder in den GULAG verbracht werden. Ermöglicht durch den unbeirrten Glauben an eine Idee – derweil die Wirklichkeit von einem System beherrscht wird, das auf Misstrauen, Angst und Falschinformation gründet und in dem Denunziation, Verleumdung und Opportunismus gedeihen.

Eine Geschichte, die von zeitloser Aktualität ist.

(Wenn Sie Lust haben, suchen Sie doch für unsere Diskussion „Ihren“ Satz zur jetzigen Zeit in diesem Roman.)

Rita Thies

Edgar Allan Poe – Erfinder neuer literarischer Genres


Es liest: Armin Conrad / Texte: Rita Thies /
Technische Unterstützung und Suppenrezept: Karina Bertagnolli (marixverlag)


1809 in Boston geboren, wird der Sohn des Schauspielerehepaars Elizabeth und David Poe schon im Alter von zwei Jahren zur Vollwaise. Poe wird von dem vermögenden Tabakhändler John Allan in dessen Familie aufgenommen und kann als junger Mann in Charlottesville studieren. Das Verhältnis zu John Allan ist jedoch nicht das beste, der Geschäftsmann will die aufwändige Lebensführung seines Zöglings nicht unterstützen. Denn der junge Edgar Allan Poe verprasst viel Geld beim Trinken und beim Spielen, schließlich bricht er das Studium ab. Was folgt, sind Verschuldung, Flucht vor den Gläubigern, Annahme eines falschen Namens, Verpflichtung in der Armee, Freikauf aus dieser. Kurz, ein Leben, das – ebenso wie seine ungeklärten Todesumstände im Jahr 1849 – selbst genügend Stoff für Geschichten liefert.

Schließlich versucht er, sein Geld als freischaffender Schriftsteller zu verdienen, ein Unternehmen, das bekanntermaßen bis heute nicht einfach ist. Poe hat Zeit seines Lebens Existenznot. Als Kritiker ist er gefürchtet und macht sich viele Feinde. Doch Kurzprosa kommt in Mode und so kann er auf dem boomenden Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt seine Geschichten unterbringen.

Fantastische Schauergeschichten, die auch heute noch gern gelesen und gehört werden. Denn das Faszinierende an ihnen ist das Spiel zwischen Realität und menschlichen Ängsten, der diffuse Raum zwischen Albträumen, Obsessionen und dem, was auch bei Licht geschehen mag.

Doch hören Sie selbst, es folgt „Der schwarze Kater“. Das ist für die Zeitgenossenschaft Poes neu: Erzählt wird aus der Sicht eines Mörders


Die Trunksucht – auch Poe hat in seinem Leben immer wieder Probleme mit dem Alkohol … Aus den Dämonen entsteht das Grauen.

Effektvoll inszenierte Gräuel, mit Geschichten, die sich manchmal auch in den Bereich des Unmöglichen wagen, mit ihnen wird er zum Vater der Horrorliteratur. Doch damit nicht genug, Edgar Allan Poe begründet zudem den Detektivroman. Sein exzentrischer Ermittler Auguste Dupin, den er 1841 in seiner Erzählung „Der Doppelmord/Die Mordtat in der Rue Morgue“ vorstellt, löst den Fall durch Nachdenken, Analyse und Kombinatorik. „Er findet Gefallen an Denkaufgaben, an Rätseln, an Hieroglyphen, und bei ihrer aller Lösung legt er einen Grad von Scharfsinn an den Tag …“, so Poe in seinem theoretischen Vorwort zu der Geschichte. Seinem Dupin stellt er einen namenlosen Bewunderer und Freund an die Seite, der dem/der geneigten Leser/in die Story erzählt. So kann er die geistigen Spitzenleistungen seines Superhirns Dupin noch mehr hervorheben. Nicht allein Arthur Conan Doyle kopiert später mit Sherlock Holmes und Dr. Watson diese interessante Figurenaufstellung.

Hören Sie einen Auszug aus „Die Mordtat in der Rue Morgue“, gleich zu Beginn der Geschichte wird Auguste Dupin vorgestellt.



Zeitlich gesehen wären wir hier beim Live-Programm in der Villa Clementine schon am Ende angekommen. Doch angesichts von Ausnahmesituationen wie der durch die Corona-Pandemie, in der sich die Welt gerade befindet, haben wir noch eine weitere Erzählung aufbereitet, die Sie in dem Band mit Geschichten von Edgar Ellen Poe im Wiesbadener marixverlag finden: „Die Maske des roten Todes“.

Nur so viel zum Hintergrund: Der Autor war 1831 Zeuge der großen Cholera-Epidemie in Baltimore. Der „rote Tod“ steht für eine infektiöse, schwere Fiebererkrankung, die von Blutungen begleitet ist. Es ist eine Geschichte, die zu unserer Zeit passt, sie erzählt von all denen, die sich unangreifbar und sicher wähnen.

Hören Sie „Die Maske des roten Todes“:



Nachlesen können Sie alle diese und weitere Geschichten in dem oben erwähnten Band „Edgar Allan Poe: Der Goldkäfer. Unheimliche Geschichten“ (6 Euro)

Sie können den Band unter bertagnolli@verlagshausroemerweg.de bestellen und finden diesen in wenigen Tagen in Ihrem Briefkasten.

Als Suppe vor oder nach der Lektüre empfiehlt Karina Bertagnolli:

Grüne Gefrierschranksuppe

2 Personen / ca. 30 min.
300g gefrorener Spinat
200g gefrorene Erbsen
1 Dose weiße Bohnen
1 Zwiebel in kleine Würfel geschnitten
1 Knoblauchzehe, fein gehackt
1 Dose Kokosmilch
etwas Salz

  • etwas Olivenöl in einem Topf bei mittlerer Hitze erwärmen
  • Zwiebeln und Knoblauch mit etwas Salz 5-10 Minuten glasig dünsten
  • Spinat, Erbsen, Bohnen und Kokosmilch dazugeben und alles zum Kochen bringen, danach bei mittlerer Hitze für 10-15 Minuten köcheln lassen
  • wenn alles weich ist, die Suppe pürieren und bei Bedarf mit etwas Zitronensaft abschmecken
Guten Appetit!

„Heimsuchungen gehen tatsächlich alle Menschen an, aber es ist schwer, an sie zu glauben, wenn sie über einen hereinbrechen.  ….Weil die Plage das Maß des Möglichen übersteigt, sagt man sich, sie sei unwirklich, ein böser Traum, der vergehen werde. Aber er vergeht nicht immer, und von bösem Traum zu bösem Traum vergehen die Menschen…..“
*(S. 27)

So beschreibt Albert Camus in „Die Pest“ das Gefühl von Menschen, die sich überraschend in einer Situation wiederfinden, die sie überwältigt, der sie nicht ausweichen können. Was macht das mit Menschen, und: Was kann der Einzelne tun?

Zu Recht wird dieser weltberühmte Roman aus dem Jahr 1947, der heute meist nur noch von Französischklassen in der Oberstufe gelesen wird, zurzeit nicht nur in Deutschland als Lesetipp gehandelt.

 Ort der Handlung ist die Stadt Oran in Algerien, damals französische Kolonie. Zu einem unbestimmten Zeitpunkt in den 1940er Jahren verenden plötzlich überall Ratten in der Stadt. Der Arzt Bernard Rieux beschreibt nun als Chronist den Ablauf der Katastrophe. (Im Roman gibt er sich erst zum Ende hin als die Stimme, die erzählt, zu erkennen.) Als die ersten Anzeichen der Seuche auftauchen, glauben viele nicht an die Pest. Mit dem Ausbruch des großen Sterbens lässt die Isolierung der gesamten Stadt nicht lange auf sich warten. Im Mikrokosmos Oran beschreibt Camus nun anhand der verschiedensten Figuren alle Facetten möglichen menschlichen Handelns in der Katastrophensituation. Da sind diejenigen, die aus der Quarantäne fliehen wollen. Diejenigen, die von der apokalyptischen Situation profitieren. Und es gibt diejenigen, die gegen die Pest kämpfen, das sind Rieux und ein paar Freunde…

Recht, Unrecht, Gerechtigkeit – solche Kategorien zählen bei der Pest nicht, sie tötet einfach. Heimsuchungen sind ohne Logik, sie sind sinnlos. Die Situation ist grausam, absurd. So erlebt Rieux als Arzt die Pest als endlose Niederlage, aber – und das ist die Botschaft Camus, die von zeitloser Aktualität ist – er kämpft weiter gegen die Sinnlosigkeit. Freunde schließen sich an, gründen einen freiwilligen Sanitätsdienst, üben sich in Solidarität. Sinn und menschliche Freiheit entstehen genau in dem Moment, in dem das Handeln im Kampf gegen die Seuche über das Ich hinausgeht.

Angesichts unseres eigenen Erlebens und all der damit einhergehenden widersprüchlichen Gefühle und Verunsicherungen lässt sich „Die Pest“ so einerseits als sehr realistische Beschreibung einer sich zuspitzenden, unfassbaren Tragödie und der damit verbundenen psychopathischen Reaktionen der Bevölkerung lesen.  (Camus zitiert vorweg Daniel Defoe. Dieser veröffentlichte 1722 mit „Die Pest zu London“ seine „Chronik“, in der er das Wüten der Pest und die Auswirkungen auf die Bewohner im Jahre 1665 beschreibt.)

 

 

Zeitgenossen Camus lasen den Roman vor allem als Allegorie. Die „braune“ Pest, Nazi-Deutschland, hielt Frankreich von 1940 bis 1944 besetzt. Camus gehörte zu denjenigen, die im Widerstand gegen den Faschismus aktiv waren.

Das, was den Roman zeitlos macht, ist jedoch darüber hinaus seine oben schon erwähnte philosophische Dimension. In einer sinnlosen Situation entsteht das sinnerfüllte Leben eben darin, dass der Mensch sich widersetzt. Er übernimmt in seiner Arbeit Verantwortung, mit Mut, Verstand und Solidarität.

Es ist der eindringliche Appell an den Einzelnen, gerade angesichts des Bösen, des Absurden (denn weder tödliche Bazillen, Viren noch Kriege machen Sinn) – vernünftig und solidarisch zu handeln als Möglichkeit eines sinnerfüllten Lebens.

So schließt der Roman am Ende mit zwei Botschaften: Er warnt nach dem Ende der Pest vor der Möglichkeit, dass sie jederzeit wieder ausbrechen könne, sie sich nur verstecke. Zugleich aber lässt er den Chronisten feststellen:

„…er wollte schlicht schildern, was man in den Heimsuchungen lernen kann, nämlich dass es an den Menschen mehr zu bewundern als zu verachten gibt.“* (S. 202)

 Auf denn!

 

*Albert Camus: Die Pest (Meine Zitate sind der Übersetzung von Guido G. Meister entnommen, hier die Sonderausgabe rororo aus dem Jahr 1987. Es gibt mittlerweile eine neuere Übersetzung von Uli Aumüller aus dem Jahr 1997.)