Vor 100 Jahren, am 10. Dezember, ist sie in der sowjetischen Ukraine geboren worden, gestorben am 9. Dezember 1977 in Rio de Janiero, Brasilien. Einen Tag später hätte Clarice Lispector ihren 57. Geburtstag gefeiert – wäre die Krebserkrankung nicht so überraschend mit schnellem Ende über sie gekommen. Clarice Lispector könnte den bizarren Zeitpunkt ihres Todes als verdient betrachtet haben – hatte sie Zeit ihres Lebens doch Schuldgefühle, überhaupt geboren worden zu sein. Nicht nur, dass die jüdischen Eltern aus ihrem von Tumulten und Pogromen heimgesuchten Land kurz nach Chayas (erst später nannte sie sich – nicht gerade unglamourös – Clarice) Geburt zunächst nach Europa, dann nach Brasilien flohen – die Mutter war von russischen Soldaten vergewaltigt worden, wobei sie sich mit der Syphilis ansteckte und an der Krankheit schmerzvoll bis zur Lähmung laborierte. Clarice, die jüngste Tochter, macht sich – widerspiegelnd in ihren Texten – Vorwürfe, der Mutter nicht helfen zu können. Die Bindung muss eng, quälend bis zur Depression gewesen sein.

In der äußeren Welt wiederum sollte Clarice Lispector schon als junge Frau zum geheimnisvoll strahlenden, gleichwohl kühlen Stern am Literaturhimmel Brasiliens aufsteigen. Sie war die Erste der Familie, die die portugiesische Sprache lernte und darüber hinaus lernte, sie professionell (als Journalistin) und spielend künstlerisch (als Erzählerin) zu beherrschen. „Wenn ich nicht schreibe, bin ich tot“, sagt sie in einem Interview. Als Kind schon habe sie begonnen, sich Geschichten auszudenken, chaotische, intensive …

Clarice Lispector wird bekannt mit ihrem ersten Roman „Nahe dem wilden Herzen“, der 1943 erscheint, im Jahr ihrer Heirat mit dem brasilianischen Diplomaten Maury Gurgel Valente. Mit ihm reist sie in andere Länder, nach Europa und Amerika, wird Mutter zweier Söhne und lebt nach ihrer Scheidung mit den Kindern in Rio de Janeiro. Sie arbeitet als Journalistin, übersetzt, schreibt Kurzgeschichten, Drehbücher, weitere Romane.

Ihr Erstlingswerk „Nahe dem wilden Herzen“ hatte in die literarische Welt eingeschlagen, weil es der Stimme einer kompromisslosen Frau gehört, die von sich selbst erzählt und Regeln ihrer konventionellen Umwelt in Frage stellt. Die feminine Art eines brasilianischen „stream of consciousness“, der sich u.a. orientiert an Virigina Woolf, gegen festgezurrte Geschlechterrollen aufbegehrt, lässt eine auch teilweise verstörende Leidenschaftlichkeit aufbrechen. Irritierend seziert die Autorin weibliche Psychen und gilt damit als literarische Pionierin des Feminismus. Die Freiheit, in die hinter bürgerlichem Alltag aufgebrochen wird, ist freilich immer auch fremd, zwiespältig und gefährdend und dies in Texten von gleichwohl soghafter Anziehungskraft.

Benjamin Moser, der Amerikaner in den Niederlanden, ist als Herausgeber ihrer Werke in neuer Übersetzung in den USA, ein profunder Kenner. Seine Biografie „Clarice Lispector“ (568 Seiten, 10 €) ist ebenfalls im Verlag Frankfurter Schöffling & Co erschienen, der drei Clarice-Lispector-Werke, „Der große Augenblick“, „Der Lüster“ und den Roman „Nahe dem wilden Herzen“ neu herausgebracht hat. Begleitend zitiert der Verlag den türkischen Literatur-Nobel-Preisträger Orhan Pamuk: „Clarice Lispector war eine der geheimnisvollsten, schillerndsten Autorinnen des 20. Jahrhunderts“.

Das Urteil gilt nicht nur ihrem Schreiben – Clarice Lispector war schon eine seltene Schönheit; mit ihrem hellen Teint, schräg stehenden Augen und hohen Wangenknochen wirkte sie exotisch anziehend, galt gleichzeitig als verschlossen und unnahbar. Mit ihrem Geburtsjahr nahm sie es nicht allzu genau, und angesprochen darauf, dass ihre Texte „hermetisch“ (also schwer zugänglich) seien, gab sie zur Antwort, sie selbst verstehe sie schon … (bis auf einen: „Die Henne und das Ei“, Erzählung im Band Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau“). Obwohl sie das große Lob und die scheue Verehrung vieler wohl auch genoss – Clarice Lispector schrieb für sich selbst – und zwar so, „als gälte es, jemanden das Leben zu retten. Wahrscheinlich mir selbst“.

Seit 2007 ist Anita Djafari Geschäftsführerin des vor 40 Jahren gegründeten Vereins Litprom in Frankfurt, der sich für Literatur aus Afrika, Asien, Lateinamerika und der Arabischen Welt engagiert. Die Literaturwissenschaftlerin kennt sich blendend aus im Metier, hat u.a. in Verlagen gerbeitet, eine eigene Buchhandlung geführt, in Peru eine Sprachschule gegründet, die Vergabe des LiBeraturpreises für Autorinnen übernommen und wurde auf der Buchmesse 2016 zur BücherFrau des Jahres gekürt. Nach der virtuellen Buchmesse 2020 verabschiedet sie sich von ihrem Amt in den Ruhestand. Über ihre Tätigkeit und was ihr danach bleiben wird, berichtet sie in diesem Interview.  

Frau Djafari, wie haben Sie die diesjährige digitale Buchmesse erlebt?

Natürlich vollkommen anders als all die Jahre zuvor. Ich war zuhause und habe versucht, so viel wie möglich davon mitzubekommen, was die Kolleg*innen der Buchmesse auf die Beine gestellt haben. Ich hab’s bewundert und genossen und mich dabei auch gut innerlich verabschieden können.

Als Geschäftsführerin von Litprom e. V. haben Sie am Vortrag der Buchmesse ein Symposium zu Literatur in Afrika organisiert. Was hat sich daraus ergeben?

Das war ein Abenteuer, da wir das Ganze zunächst vollkommen analog geplant hatten und letztendlich vollkommen virtuell umgesetzt haben. Acht Autor*innen aus sieben Ländern dabei zusammenzubringen, war ein Erlebnis für sich. Es ist noch zu früh, Bilanz zu ziehen, die Videos sind ja weiterhin zu sehen und werden auch noch kräftig geteilt, auch international. So viele Menschen haben wir noch mit keiner analogen Veranstaltung erreicht, das steht fest.

Litprom feiert in diesem Jahr sein 40-jähriges Bestehen. Was konnte seither an Förderung der Literaturen aus Afrika, Asien und Lateinamerika erreicht werden?

Das lässt sich nicht in zwei Sätzen beantworten. Es wurden über die Übersetzungsförderung Hunderte von Veröffentlichungen ermöglicht, aber auch mit Veranstaltungen und Veröffentlichungen dafür gesorgt, dass diese Übersetzungen auch ihre Leser*innen finden. In 40 Jahren ist ein unverzichtbares Netzwerk von geballter Kompetenz entstanden, ein Knotenpunkt für alle an diesem Thema interessierten und arbeitenden Menschen.

Sie haben sich in allen Ihren mannigfaltigen Berufen (Verlagsmitarbeiterin, Buchhändlerin, Gründerin einer Sprachschule, Übersetzerin, Lektorin, Organisatorin, Litprom-Geschäftsführerin) stets für Literatur eingesetzt.  Warum und wofür ist Literatur wichtig?

Für mich war und ist sie ein Lebensmittel und zwar in allen Lebenslagen. Das fing bei mir schon als Kind an. Die Literatur hat mir immer geholfen, die Welt besser zu verstehen – sei es die vor der Haustür oder die vermeintlich fremde, die weit weg ist. Weil sie uns über die Emotionen erreicht. Das schafft kein anderes Medium

Was lernen wir von der Literatur anderer Länder?

Achtung, jetzt wird’s pathetisch: Dass wir alle Menschen sind mit sehr sehr ähnlichen Bedürfnissen und Problemen. Die Unterschiede bestehen vielleicht durch die anderen Bedingungen vor Ort und die Ungleichzeitigkeit der Entwicklung. Und über diese anderen Bedingungen erfahren wir etwas und lernen, ohne es zu merken. Wir entwickeln im besten Fall Empathie. Denn unterm Strich geht es immer um Liebe und Tod, egal wo.

Sie gelten auch als eifrige Netzwerkerin für Literaturvermittlung. Wie dicht ist das Netz zur Popularisierung von Literatur aus Ländern jenseits Europas mittlerweile geworden?

Da hat sich durch die Globalisierung und die modernen Kommunikationsmittel viel getan, es herrscht eine andere Offenheit und Unbefangenheit gegenüber dem so genannten Fremden. Gleichzeitig muss weiter an dem Netz gestrickt werden, denn auch das Gegenteil, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, macht sich wieder breit. Wir müssen uns klarmachen:  Der Westen ist längst nicht mehr die einzige kulturelle Referenz.

Um Literatur anderer Länder in Deutschland bekannt zu machen, bedarf es ihrer Übersetzung. Gibt es inzwischen für jede Sprache denn hier auch entsprechend kompetente Übersetzer/innen?

Das ist eine gute Frage. Auch hier hat sich einiges getan, was die so genannten „kleinen“ Sprachen angeht, die so klein oft gar nicht sind. Aber es gibt Sprachen, für die es nicht genügend gut ausgebildete Übersetzer*innen gibt, z. B. Koreanisch. Hier ist generell Nachholbedarf, der unbedingt Förder- und Weiterbildungsprogramme zur Unterstützung braucht, damit auch dem Trend, alles (wieder) über den Umweg Englisch oder eine andere gängige Sprache zu übersetzen, entgegengewirkt werden kann. Ein komplexes Thema.

Desweitern braucht es einen Verlag, der die Übersetzungen drucken und auf den Markt bringen will. Sind hierzulande genügend Verlage dazu bereit?

Auch hier hat sich viel zum Guten verändert. Waren es früher „nur“ Nischenverlage, die nach wie vor sehr wichtige Arbeit leisten, sind es inzwischen auch die großen Publikums- und Konzernverlage, die sich nach diesen Stoffen umschauen. Sie rechnen nur schärfer als die kleinen und pflegen ihre Autor*innen nicht so gut, wenn die Zahlen nicht stimmen.

Sie sind Mitglied im Verein Litprom seit der Gründung, also seit 40 Jahren, seit 2007 seine Geschäftsleiterin und wollen sich jetzt in den Ruhestand zurückziehen. Wie wird Ihnen das gelingen?

Was für eine gemeine Frage, woher soll ich das wissen? Ich mach‘ ja ehrenamtlich noch ein bisschen weiter, in der Jury der Bestenliste Weltempfänger, im Vorstand des Hessischen Literaturrats, bei Ihrem Förderverein. Das finde ich schön, alles andere wird sich weisen. Ich freue mich allerdings wirklich auf mehr Zeit und weniger Stress.

In der Rückschau: Was war das Wichtigste Ihrer Arbeit?

Menschen zusammenzubringen, die ähnliche Ziele und Werte haben und gemeinsam an Projekten arbeiten wollen, und dafür zu sorgen, dass diese umgesetzt werden. Diese Aufgabe bleibt.

Mit Blick nach vorn: Was bleibt noch zu tun? Und wie leistet Litprom das ohne Sie?

Es gibt noch sehr viel zu tun, und da werden die Kolleg*innen, auch die neu hinzugekommenen jüngeren mit frischem Blick und neuen Ideen und vor allem auch Kompetenzen im Digitalen neue Wege beschreiten. Die Welt verändert sich rasant und damit auch die Aufgaben eines so altehrwürdigen Vereins.

Sie sind Juryvorsitzende für das Stipendium „Weiterschreiben – Wiesbaden“ des Fördervereins Literaturhaus Wiesbaden und werden am 5. November im Wiesbadener Rathaus die Laudation auf die Stipendiatin aus Syrien, Rasha Habbal, halten. Was zeichnet diese Autorin aus?

Hier möchte ich der Laudatio nicht vorgreifen, nur so viel: u. a. ihre Ernsthaftigkeit, mit der sie die Schriftstellerei betreibt und weiterverfolgt.

Schließlich: Welches Buch ist Ihnen im Verlauf Ihrer Berufstätigkeit besonders wichtig geworden?

Diese Frage kann ich eigentlich nicht beantworten. Es sind zu viele. „Tante Julia und der Kunstschreiber“ von Mario Vargas Llosa ist nur eins. Und in jüngster Zeit „Die Vegetarierin“ von Han Kang.

Welches Buch sollten wir alle unbedingt lesen?

Ich möchte Lust machen auf die Lektüre von Jean Rhys „Die weite Saragossasee“ und damit in Zusammenhang den Klassiker „Jane Eyre“ mal wieder hervorzuholen…

Und was lesen Sie jetzt?  

Jetzt stürze ich mich erstmal auf den koreanischen Thriller „Heißes Blut“ von Un-Su Kim.

Foto: Salome Roessler

Der österreichische Autor Robert Seethaler schreibt in „Der letzte Satz“ über seinen Landsmann Gustav Mahler: Woran erinnert sich der sensible Musiker, was denkt und was fürchtet der Todkranke auf seiner letzten Fahrt von New York zurück nach Europa? Seethaler lässt Mahler im Roman dessen wesentliche Lebensetappen und -momente Revue passieren – nur, über dessen Musik äußert er sich nicht. Warum der Schriftsteller das nicht wagt und viele andere Fragen mehr beantwortet Christoph Nielbock, Leiter der WMK und WMA (1991-2019) und treibende Kraft des Wiesbadener Musikgeschehens, im Interview.* Als Einstimmung in den Wehmutsklang des Romans schließt sich ein Podcast mit Mahlers „Adagietto“ aus der 5. Symphonie an (bekannt aus dem Soundtrack des Films „Tod in Venedig“).*


Herr Nielbock, wie gut haben Sie Ihre Vorstellung vom Komponisten Gustav Mahler in Robert Seethalers Roman „Der letzte Satz“ widergespiegelt gesehen?

Seethalers Roman ist eine gelungene Option, die komplexe Empfindungswelt eines genialen Künstlers an der Bruchkante zwischen Spätromantik und Moderne in Worte zu fassen. Der Autor orientiert sich dabei sehr genau an den biographischen Fakten und Ereignissen. Seine „Interpretation“ ist natürlich eine subjektive Fiktion. Die sensible Melange aus Selbsterkenntnissen, Erinnerungen und Enttäuschungen zeigt uns die ganze Zerrissenheit und Spannung eines hochsensiblen Genies. Der Roman besitzt viele Momente, die der inneren Verfasstheit des Menschen Mahler sicherlich näher kommen.

Das Roman-Thema ist Mahlers letzte Überfahrt von New York nach Europa als müder und kranker Mann – haben Sie durch Seethalers literarische Darstellung neue Eindrücke über Leben und Person des Komponisten gewinnen können?

Eine literarische Darstellung ist ja sui generis keine fachwissenschaftliche Biographie, bei der es um die objektive Aufbereitung der Fakten geht. Nichtsdestotrotz – Seethaler spürt Mahlers seelische Anspannungen und inneren Kämpfe äußerst sensibel auf. Behutsam und mit subtilem Feingefühl versetzt er sich in das Seelenleben eines Künstlers, der seine Lebensjahre und sein Schaffen bilanziert. Seethalers Annäherung ist durchaus eine Ergänzung, um sich einer derart komplexen Persönlichkeit wie Mahler zu nähern.

Robert Seethaler schreibt: „Einmal hatte er (Mahler) seine Notenblätter mit Blut gesprenkelt. Ein Schriftsteller hätte das aufgegriffen, hätte die winzigen Spritzer … zu einem brauchbaren Motiv anordnen lassen, zu … einem Aufbruch in einen neuen Satz oder so etwas.“ Inwiefern kann, wie hier insinuiert, Literatur Musik ergänzen? 

Musik und Literatur stehen sich durch wesensverwandte Züge immer schon nahe. Beide Kunstformen lassen innere Bilder entstehen, setzen Fantasien frei und besitzen starke emotionale Wirkmächte. Literatur inspiriert Musikwerke (vom Kunstlied bis zur Oper) wie umgekehrt Musik in der Literatur be-/verarbeitet wird (E.T.A. Hoffmann, Schumann, Franz Werfel, Thomas Mann, Dieter Kühn, Peter Härtling, etc.). Beide Künste können sich durch die wechselseitigen Beziehungen sinnvoll ergänzen.

Im Buch werden nicht allzu viele Mahler-Werke benannt. Die Sinfonien 8 und 9, sowie „Das Lied von der Erde“ sind erwähnt – ist das musikalisch repräsentativ?

Mahler führte ein künstlerisches Doppelleben als rastloser „Stardirigent“, der in der wenig verblieben Freizeit seine eigenen Werke schuf. Das Oeuvre ist daher überschaubar: neun Sinfonien und mehrere Liedzyklen (Lieder eines fahrenden Gesellen, Kindertotenlieder etc.). Alle Werke stehen in enger Beziehung zueinander. Sie zeigen eine klare Entwicklungslinie und ihre Faktur ist immer äußerst differenziert. Mahler selbst hielt die 8. Sinfonie für sein wichtigstes Werk, nicht nur wegen des triumphalen Erfolges bei der Uraufführung 1908. Zusammen mit dem „Lied von der Erde“ und der 9. Sinfonie sind diese „Spätwerke“ daher durchaus repräsentativ für Mahlers Schaffen.

Über die Grundlage seines musikalischen Schaffens lässt Seethaler den Komponisten sagen: „Gehör und Fleiß“. Ist das Ihrer Meinung hinreichend?

Zweifellos sind Gehör und Fleiß unverzichtbar Grundlagen – das gilt eigentlich für jeden Musiker. Ein differenziertes Hörvermögen ist unverzichtbar und ohne Fleiß ist das enorme Kompendium vom Handwerk bis zur Theorie kaum zu bewältigen. Allerdings gesellen sich zu diesen Kernkompetenzen noch eine Reihe anderer „günstiger“ Eigenschaften. Die eigentliche Begabung und der sichere Instinkt für Musik sind ebenso wichtig wie Nervenstärke, Ausdauer, Intuition und künstlerisches Charisma. Die Frage nach den Voraussetzungen einer musikalischen Karriere ist allerdings ein ganz besonders weites Feld. Ein Blick in die Autobiographien großer Künstler lässt ahnen, dass Ausnahmen die Regeln bestimmen und viele unterschiedliche Wege zum Erfolg führen.

Als gefeierter Dirigent bezeichnet Mahler im Buch seine Wiener Hofoper auch eine „faule Bande … verlogen und hinterfotzig“. Wie schwierig ist es ihrer Erfahrung nach, ein Orchester zu disziplinieren?

Orchestermusiker sind hochspezialisierte Instrumentalisten, die sich ihre eigene Künstlerschaft erworben haben. Sie sind eminente Experten auf ihrem Instrument, und jeder für sich besitzt eine individuelle künstlerische Vorstellung. Das Geschick des Dirigenten besteht darin, aus diesem schillernden Potenzial von Solisten ein homogenes Klangbild zu formen. Blanke Disziplinierung lässt keine künstlerische Ensembleleistung entstehen. Geschickte „Managementqualitäten“ und charismatische Überzeugungskraft sind daher vonnöten, wenn ein Dirigent mit dem Ensemble seine künstlerische Auffassung erfolgreich verwirklichen möchte.

„Man kann über Musik nicht reden“, sagt Seethalers Mahler. Was macht denn dann ein akademischer Lehrer?

Musikalische Fähigkeiten fallen weder vom Himmel, noch klappt das mit einem simplen Download. Wer sich die „Kunst des Musizierens“ aneignen will, benötigt einen erfahrenen Mentor. Der Erwerb motorischer wie gestalterischer Fähigkeiten setzt eine lange, manchmal auch mühsame Entwicklung voraus. Diesen Prozess erfolgreich zu befördern, ist die Aufgabe des Pädagogen. Jemand, der Fehler exakt analysiert, ohne zu demotivieren und der sukzessiv den musikalischen Horizont erweitert. Und ja – natürlich muss er auch reden, um seinem Eleven mit dem Wesen und der emotionalen Mechanik der Musik vertraut zu machen. Was man allerdings nicht mit Worten erklären kann, sind die emotionalen Wirkmächte, mit denen uns die Musik das Numinose erfahren lässt.

Seethalers Mahler behauptet: „Musik brauche nichts und niemanden … weder Musiker noch Zuhörer … sie sei einfach da“. Wissen Sie, wo sie ist, wenn sie niemand aufführt und anhört?

„Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort, und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort.“ Mit diesen Versen hatte Eichendorff das ästhetische Programm der Romantik umschrieben. Abgewandelt drückt sich darin auch ein zentrales Mysterium der Musik aus. Sie kann sich nur in ihrer physikalischen Vergänglichkeit offenbaren und ist unverbrüchlich an den Ablauf der Zeit geknüpft. Gedruckte Noten sind unbelebte Symbole, die wir nur mit innerem Ohr „lesen“ können. Erst wenn geordnete Schallereignisse entstehen und uns als zeitlich begrenzte Impulse erreichen, können wir das vergängliche Wunder der Klangkunst erleben. Ebenso wenig wie Zeit lässt sich auch Musik nicht „festhalten“ – dafür aber immer wieder neu erwecken. Bis dahin schlummert sie gewissermaßen im zeitlosen Nichts oder in unserer inneren Vorstellungswelt.

Musikgeschichte lehrt die Rahmenperson des Schiffsjungen im Roman eines Besseren, der nach Mahlers Tod bedauert, dass seine „Musik (etwas Großes, Unberechenbares) nun für immer verloren ist“. Das ist nun nicht der Fall – im Gegenteil: Warum wird Mahler denn immer wieder aufgeführt?

In Mahlers Musik spiegelt sich der ganze Kosmos unserer Gefühlswelt. Die üppigen Tonbilder strahlen starke Emotionen aus. Die ganze Bandbreite der menschlichen Leidenschaften zwischen Jubel und Lebensfreude, Verzweiflung und Resignation findet in Mahlers Klangwelt unmittelbaren Ausdruck. Seine Tonsprache ist voller Temperament, lebensnah und fasslich, sie lässt uns viel Herzblut spüren. Volkstümliche Momente und ausgeprägtes Melodieempfinden erleichtern den Zugang. Kurzum – eine Musik, die den Ohren des/r Hörers/in mehrfach entgegenkommt.

Welche spezielle Mahler-Tradition hat Wiesbaden?

Einer der bedeutendsten Dirigenten des 20. Jahrhunderts, Carl Schuricht, setzte sich als langjähriger Generalmusikdirektor (1923-44) während seiner legendären Wiesbadener Jahre engagiert für Mahler ein. Bereits 1913, nur drei Jahre nach der fulminanten Münchner Uraufführung, gelang es Schuricht, die imposante „Sinfonie der Tausend“ (8. Sinfonie) in Wiesbaden aufzuführen. Er erwarb sich dann rasch einen internationalen Ruf als Wegbereiter und Experte für die Werke Mahlers. Schuricht festigte Wiesbadens Ruf als Musikstadt u.a. mit dem 1. Deutschen Mahlerfest, dass er 1923 in Wiesbaden durchführte.

Was schätzen Sie am Komponisten Gustav Mahler am meisten?

Die Unmittelbarkeit, die Expressivität und sprechende Eindringlichkeit. Mit raffinierter Präzision und komplexer Könnerschaft setzt Mahler das ganze Farbspektrum des Orchesterapparates ein, um hochenergetische Wirkungen zu erzielen. Das ist spannend zu hören. Dabei wollen die opulent-schillernden Tonschöpfungen nie als Heile-Welt-Musik unterhalten. Ihre hautnahe Spannung bringt die ganze Tiefe menschlicher Gefühle zum Ausdruck – das Beste, was uns Musik zu geben vermag.

 Was sollte man auf jeden Fall von Gustav Mahler gehört haben?

Es gibt jede Menge Alternativen zur Popularität des Adagiettos aus der 5. Sinfonie. Die „Lieder eines fahrenden Gesellen“ enthalten auf kleinem Raum alle wesentlichen Merkmale der Mahler‘schen Musik und besitzen in ihrer Schlichtheit eine anrührende Tonpoesie. Sprechende Eindringlichkeit, aber auch bedrückende Wehmut prägen die bittersüßen „Kindertotenlieder“. Die 1. Sinfonie steht noch in der klassisch-romantischen Tradition, weist aber schon alle Merkmale der späteren Werke auf, wie Volkstümlichkeit, krasse Verfremdungen, abrupte Stimmungswechsel und ein furioses Finale. Zum Reinhören in den Klangkosmos von Mahler gehört sicher auch die energiegeladene 8. Sinfonie. Der Bogen reicht vom jubelnden Pfingst-Hymnus bis zur Apotheose mit Goethes Faust II „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis…“ – das ist schwelgende Spätromantik im XXL-Format.

Würden Sie Seethalers Roman Musikern, gar Gustav-Mahler-Experten empfehlen?

Der Roman zeichnet sich durch ein ästhetisches Sprachgefühl, eindringliche Bildhaftigkeit und feinsinnigen Respekt vor einem großen Künstler aus. Allein deswegen ist er schon lesenswert – auch wenn man mit Vita und Werk Gustav Mahler bestens vertraut ist.


*Christoph Nielbock nahm seine erste Lehrtätigkeit in Wiesbaden 1978 am damaligen Konservatorium auf. Er initiierte die Reform des Musikschulwesens in Wiesbaden und begleitete den Prozess der Gründung von WMK und WMA. Von 1991 an zunächst als künstlerischer Direktor und von 1997-2019 als Direktor und Geschäftsführer.  Künstlerisch-pädagogisch war er für die Orchester- und Chorarbeit beider Institute verantwortlich. Darüber hinaus entwickelte er verschiedene städtische Musik-Formate, wie etwa  „Wiesbaden singt“, und führte internationale Klavierwettbewerbe durch. Er bekleidete verschiedene Vorsitzämter und wurde 2019 für seine Verdienste um das städtische Musikleben mit der „Wiesbadener Lilie“ geehrt.

Foto Christoph Nielbock: © WMK/Doreen Kimpel

*Die Aufnahme des „Adagietto“ aus Gustav Mahlers 5. Symphonie wird gespielt vom Symphonieorchester Radio Luxemburg, Dirigent: Pierre Cao, mit freundlicher Genehmigung der Online-Agentur „musicalia“.

Ansicht von Rom aus der „Schedelschen Weltchronik“
Abbildung: „Das Jüngste Gericht“ aus der „Schedelschen Weltchronik“
© ASKU Sven Uftring e.K. 2020

Wolf von Lojewski war jahrzehntelang süchtig. Nach ganz speziellen Buchseiten, den einzelnen Blättern der einst 326 Seiten umfassenden „Schedelschen Weltchronik“, einer Art Wikipedia, einer Enzyklopädie des späten Mittelalters. Bei einem Antiquar in London war der bekannte Journalist in den Sog der Bibliophilie geraten, der ihn nicht mehr losließ, bis er von überall her endlich alle Blätter zusammengesucht hatte. Wolf von Lojewski dokumentiert die Geschichte der „Schedelschen Weltchronik“ und die eigene Sammelleidenschaft in der Dokumentation „Verstreute Blätter“. Zur digitalen Buchmesse wird sie als besondere Print-Ausgabe vom Verlag ASKU-Presse herausgegeben, der spezialisiert ist auf grafisch und satztechnisch feine Editionen. Im Interview spricht Wolf von Lojewski über seine Sucht, die Bedeutung der „Schedelschen Weltchronik“ und die eigene Publikation.

Herr von Lojewski, Sie sind einer seltenen, langanhaltenden Droge verfallen – der des Sammelns von Blättern aus dem spätmittelalterlichen Schmöker der „Schedelschen Weltchronik“. Wie haben Sie sich diese Sucht geholt?

Die Blätter haben mich einfach magisch angezogen. Ein ganzer Stapel davon lag wild durcheinander auf dem Tisch eines Londoner Antiquars. Sehr preiswert übrigens, später habe ich mir Vorwürfe gemacht, sie nicht gleich alle mitgenommen zu haben. Es war einfach das Gefühl, mit diesen großen, noch ganz  mittelalterlich bebilderten Bogen die Zeit in Händen zu halten. Was das für ein Buch gewesen sein könnte, aus dem man sie herausgerissen hatte, hat mich erst später interessiert.

Zu welchem Ergebnis hat die Sammel-Leidenschaft geführt?

Ich weiß es nicht. Manchmal, wenn ich mich an freien Wochenenden mit dem Nürnberger Arzt Hartmann Schedel befasste, kam er mir vor wie ein Kollege. Nicht nur als Sammler, sondern auch als Journalist. Er hatte eine große Bibliothek geerbt und geradezu fanatisch alles Gedruckte und Geschriebene hinzugekauft, um Ordnung in ein gewaltiges Thema zu bringen: Die Welt – einfach alles, was man von ihr von ihr wusste, glaubte oder auch nur vermutete. Heute wissen wir mehr über uns und unseren Planeten. Und dennoch gehen wir ziemlich sorglos mit ihm um.

Haben Sie denn den Text aller 326 Blätter gelesen und alle Illustrationen entschlüsseln können?

Also in der Schule gehörte Latein nicht gerade zu meinen Lieblingsfächern. Aber es macht schon einen Unterschied, ob man etwas lesen muss, oder ob man es lesen will. Mein Lexikon hatte ich glücklicherweise nicht entsorgt.

Wie viel Wissenschaftliches aus mittelalterlicher Zeit haben Sie entdeckt?  

Schedel war sicher als Arzt ein Wissenschaftler, als Historiker war er es nicht. Er trug einfach alles zusammen, was in seinen Büchern stand. Manchmal in einer Reihenfolge, die wir heute nicht nachvollziehen können. So ordnet er zum Beispiel die Gründung von Mainz und Trier weit früher ein als die Gründung Roms. Wiesbaden ist leider gar nicht erwähnt, Berlin übrigens auch nicht.

Welcher war im Laufe Ihrer 40-jährigen Suche der aufregendste Fund?

Wenn man sich ein wenig in der Bibel auskennt und auch im Geschichtsunterricht gelegentlich aufgepasst hat, kommt einem ja vieles bekannt vor. Das verführt dazu, das eine oder andere Kapitel nur quer zu lesen. Das Buch ist ja eine Art Universallexikon, und auch heute würden sich nur wenige daran machen, zwei oder drei dicke Brockhaus-Bände von A bis Z durchzulesen. Wenn aber zum Beispiel in einer chronischen Abfolge der Päpste plötzlich der Holzschnitt einer Frau mit päpstlicher Krone und einem Baby auf dem Arm auftaucht, dann liest man geradezu atemlos Wort für Wort. Heute brauchen Autoren nicht viel Mut, um die Geschichte oder Legende von der Päpstin Johanna zu verfilmen oder zu erzählen, aber damals hielt die Kirche alles Gedruckte fest im Griff.  Sie war eine Macht, die hart zuschlagen konnte, wenn sich jemand mit einem Thema befasste, das ihr nicht gefiel.

Sie sprechen von der „Schedelschen Weltchronik“ auch von einem Modemagazin des Spätmittelalters – worauf beziehen Sie das?  

Auf die annähernd 2.000 Holzschnitte der Chronik. In jenen Tagen waren italienische und niederländische Buchmaler schon viel moderner nach heutigem Kunstverständnis, sie bemühten sich schon um die Perspektive und um die Details einzelner Städte und Personen. Die großen, vor allem die doppelseitigen Stadtansichten in der Chronik tun das auch. Doch bei der Vielzahl der Landschaften und Städte, die man für weniger bedeutend hielt, konnte fünf- oder sechsmal dasselbe Motiv auftauchen. Mal stellte es Verona, mal Siena, mal Mazedonien, Kärnten, Spanien oder Hessen dar. Über die Abbildung biblischer Gestalten oder weltlicher Helden haben oft die Setzer entschieden und sie manchmal von Exemplar zu Exemplar willkürlich untereinander ausgetauscht.

Sie wollen die „Verstreuten Blätter“ zu Beginn der Frankfurter Buchmesse unter der Sektion „Rare Books & Fine Arts“ präsentieren. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Die Idee kam vom Veranstalter der nunmehr rein digitalen Antiquariatsmesse. Man kannte mich in Händler- und Sammlerkreisen wie einen „bunten Hund“, und als ich einen Anruf bekam: “Wie viele Blätter haben Sie denn schon?“ und meine Antwort war: „Alle!“, machte mir der Veranstalter das Angebot, das Protokoll meines verrückten Sammelabenteuers  vom Kunstbuch-Verlag „asku-presse“ herausgeben zu lassen. Sozusagen als bunten Tupfer und Hochglanz-Produkt einer Messe, die anders ist als alle davor.

Warum kann Print auch in der jetzigen Zeit noch immer begeistern?  

Das kommt auf den Einzelnen an. Die einen schauen nur noch auf ihr Smartphone, auch ich surfe ja im Netz. Aber morgens beim Frühstück will ich kein Blitzen und Blinken, keine Updates und keine preiswerten Angebote. Ich will die Zeitung in Händen haben. Da lese ich in größerer Ruhe die Zusammenfassung und alle Hintergründe des aktuellen Geschehens. Das war auch in der hektischen Zeit beim „heute journal“ so, und so gehe ich auch abends mit dem Buch ins Bett. Wissen Sie, vor Jahrzehnten haben einige Mahner geglaubt, das Fernsehen werde der Tod des Kinos sein, und jetzt glauben viele, die Zukunft sei nur noch digital. Ich glaube das nicht.

Für wen, meinen Sie, kann diese spätmittelalterliche Darstellung des damals bekannten Weltwissens heute noch von Interesse sein?

Vor allem für mich. Und vom Verlag höre ich, dass es schon vor dem Beginn der Messe 150 andere gibt, die das auch interessiert.

Wenn Sie heute auf 40 Jahre Suchen und Finden aller Blätter der „Schedelschen Weltchronik“ von 1493 zurückblicken – würden Sie noch einmal, wie damals, von vorn anfangen?

Nein.

Foto/Abbildungen: ©ASKU Sven Uftring e.K. 2020

Widad Nabi hat fünf Monate lang bis Ende November die Funktion der Stadtschreiberin von Rheinsberg in Brandenburg inne. Die Auszeichnung ist mit 1.000 € im Monat dotiert. Welche Bedeutung der Ort für die erste Stipendiatin des Fördervereins von 2018 hat, schildert sie im Interview. Widad Nabi hatte übrigens im Frühjahr auch einen Auftritt in einer „aspekte“-Sendung neben Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller. Sie sprach mit Moderator Jo Schück über Bibliotheken als wichtigen Zufluchtsort und las ihr Gedicht „Der Ort von Erinnerung beleuchtet“ aus dem Band „Kurz vor dreißig“.

Widad, wie bist Du an das Stipendium einer Stadtschreiberin von Rheinsberg gekommen?

Mein Tandem im Projekt (Weiter Schreiben), Annett Gröschner, hat mich für das Stipendium nominiert. Ich freue mich, die 52. unter den bisherigen Schriftstellern/innen zu sein, die dieses prestigeträchtige Stipendium erhalten hat.

Welche Aufgabe hast Du als Stadtschreiberin von Rheinsberg?

Jede/r Autor/in, die dieses Stipendium erhält, muss einen 16-seitigen Langtext vorlegen. Der wird später in einem Buch veröffentlicht.

Was verbindest Du mit dem Ort Rheinsberg?

Rheinsberg ist eine kleine, überwiegend ländliche Stadt, in der ich im Schloss Rheinsberg wohne. Die Natur umgibt mich überall. Linden winken mir vom Fenster aus zu, während der See und die Lavendelblüten im Septemberlicht wie ein altes Gemälde erscheinen. Die schmalen Feldwege erinnern mich an mein Dorf in meiner Heimatstadt Kobane. Dort wachsen die wilden Kräuter und Blumen frei im Sonnenlicht. Also ja, in Rheinsberg blicke ich oft auf das Dorf meiner Geburt und Kindheit zurück. Wo die Welt einfach war und überall wilde Chrysanthemen wuchsen, da gab es noch keine Kriege, Ideologien und keinen Rassismus. Vielleicht erlaubt mir die Natur in Rheinsberg, mir vorzustellen, dass Schönheit Gedächtniswunden heilen kann.

Autor Ingo Schulze spricht sich im Interview über seinen neuen Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ für den Dialog und das Lebendige der Literatur aus. Wie eng und schillernd er die drei Teile seines Romans aufeinander bezogen hat, erschließt sich erst ganz am Ende des Buchs. Da heißt es also: dran bleiben. Am 26. August hat Ingo Schulze das Buch im Kulturforum Wiesbaden vorgestellt und sich dabei als sympatisch offener Gesprächspartner erwiesen.

Herr Schulze, hätte Ihre Hauptperson, Antiquar Norbert Paulini, sein im Roman dargestelltes Leben so auch in West-Deutschland leben können?

Ja, natürlich, aber es hätte anders ausgesehen. Wer 1953 im Osten geboren wurde und dort blieb, hat natürlich eine andere Sozialisation als jemand desselben Jahrgangs im Westen. Aber ich vermute, dass er auch im Westen Antiquar geworden wäre. Die Schwierigkeit, über ihn zu sprechen, liegt darin, dass wir letztlich ja gar nicht wissen, wie dieser Paulini wirklich war, er ist eine Projektion, das wird im zweiten Teil klar. Er erfährt eine Überhöhung.

Welchen Unterschied in der Begeisterung für Literatur stellen Sie im Rückblick für Ost- und West-Deutschland fest?

Ich kann das schwer vergleichen, weil ich bis zum Mauerfall nie im Westen gewesen bin. Die Verfügbarkeit von Literatur war im Westen eine andere, was nicht heißt, dass man da alles auf dem Silbertablett bekam. Im Westen war es wohl eher eine Frage des Geldes, im Osten eher eine Frage, da überhaupt heran zu kommen. Und wenn etwas Mangelware ist, dann bekommt es noch einen anderen Stellenwert. Im Osten waren die ideologischen Markierungen vordergründiger. Da führte die Literatur unmittelbar in die täglichen Auseinandersetzungen, ihre gesellschaftliche Bedeutung war enorm. War ein Buch im Osten erschienen, konnte man damit argumentieren. Deshalb vergrößerte jedes gute Buch den eigenen Spielraum.

Literaturversunkenheit führt im Falle Paulinis zu gefährlicher Weltfremdheit. Wovor bewahrt die größte Literaturkenntnis nicht? Oder mehr noch: Was behindert sie?

Als Leser weiß ich ja, welch enorme Bedeutung die Literatur für mein Leben hat. Aber wie in der Philosophie oder der Theologie, kommt es halt darauf an, welche Bücher und Autoren man liest und wie man sie interpretiert. Als ich jetzt wieder den „Hyperion“ las, war es mir unbegreiflich, wie Hölderlin für den Nationalsozialismus eingespannt werden konnte. Es ist immer ein Kampf der Erzählungen und Interpretationen. Aber ich weiß auch aus meinem Alltag, dass große Literaturgeister nicht unbedingt große Charaktere sein müssen. Wenn etwas gegen das Abrutschen in menschenfeindliche Gesinnungen hilft, dann nur die alltägliche Praxis, in der man ein anderes Verhalten „einübt“.

Nicht nur der Antiquar, auch der Autor verschreibt sich notabene der Verführungskraft der Literatur … wie schützen Sie sich selbst vor den Anfechtungen, die Ihre Figur erfährt?

Ich bin gerade dabei, die Laudatio auf Dzevad Karahasan zu schreiben, der den Goethe-Preis erhalten wird. Er macht immer wieder klar, wie wichtig das Gegenüber als Gesprächspartner ist und nicht als Bedrohung, als Feind. Und das schreibt er auch, während er im besetzten Sarajevo im Keller eines Hauses sitzt, während oben die Granaten einschlagen. Ich halte mit Dzevad Karahasan das berühmte „Cogito ergo sum“ von Descartes für einen Irrweg, weil bei aller Grandiosität von Descartes das Dialogische nicht vorkommt. Und wie soll ich meinen eigenen blinden Fleck erkennen – und den zu erkennen, ist ja die Aufgabe jeder Selbstaufklärung –, wenn ich kein Gespräch führe?

Worin besteht der Unterschied zwischen Liebe zur Literatur und „kontextlosem Ästhetizismus“, dessen Paulini sich schuldig macht?

Liebe zur Literatur ist etwas Lebendiges, wie jede Liebe. Es geht da nicht um Erfüllung von Normen. Ich werde immer nervös, wenn ein Buch gelobt wird mit einem Satz wie, „das sei gut geschrieben“. Das „gut schreiben“ ist nicht das Problem, das kann man mit etwas Begabung und Fleiß und guten Vorbildern auch lernen. Die Frage ist, wie verhält sich der Stil zum Stoff, wie angemessen ist er und was bedeutet das für mich als Leser in meiner Welt. Wir kennen es doch aus der Kunst oder der Musik, da kann gerade das Unpassende, scheinbar nur Gekritzelte oder Misstönende das Richtige sein.

Es ist ein Roman über die Literatur selbst – mit ungeheuer vielen Titel-Aufzählungen und Zitaten. Wie haben Sie sich diese Listen erarbeitet, und inwieweit muss Publikum diese geballten Anspielungen erkennen?

Es geht allein darum, die Figur des Antiquars zu charakterisieren. Da hat mir auch ein Freund viele Hinweise gegeben. Paulini musste als Antiquar denken, und ein Antiquar wie er, so stelle ich mir das zumindest vor, kennt halt viel Literatur und weiß durch seine Zitate auch zu beeindrucken.

Sie feiern im Buch auch stark die Elb-Landschaft bei Dresden – welche Bedeutung hat sie für Sie?

Das ist meine Kindheits- und Jugendlandschaft. Und ich bin immer wieder neu fasziniert, wie Dresden als Stadt mit der Elbe umgeht, das ist wunderschön, man lebt auf den Fluss hin, es gibt die Elbwiesen, die Umgebung von Meißen flussabwärts über Pillnitz und Pirna flussaufwärts bis hinein ins Elbsandsteingebirge sind atemberaubend schön und ein regelrechter Kulturspeicher. Man könnte sein Leben damit verbringen, das alles zu erkunden.

Sie spielen mit sich selbst als Autor namens Schultze, der in Teil 1 das Leben Paulinis referiert, in Teil 2 die eigene Begegnung mit Paulini schildert, und wir erfahren über des Autors Lektorin vom Manuskript des 1. Teils im letzten Teil. Wie viel Spaß hat es gemacht, qua Struktur am Ende dazu aufzufordern, den gesamten Roman noch einmal von vorn zu lesen?

Das freut mich, wenn Sie das so sehen. Ich habe aber nicht vorher gewusst, dass das, was ich da schreibe, einmal so aussehen wird.  Teil zwei und drei sind jeweils erst während des Schreibens notwendig geworden. Als es nach einigen Irrwegen dann so war, wie es jetzt im Buch aussieht, war ich sehr erleichtert. Diese Struktur ermöglicht es auch mir, mir als Leser Konstellationen vorzustellen, an die ich während des Schreibens überhaupt nicht gedacht habe.

In welcher der Erzählstimmen sind Sie sich selbst am nächsten?

Wenn überhaupt, dann nur in der Gesamtheit. Es hat ja jede Figur im Buch was für sich, aber jede wird auch fragwürdig.

Von „rechtschaffenen Menschen“ wird auf den letzten Buchseiten gesprochen – den Sprung zum Titelwort „Mörder“ überlassen Sie nun ganz Ihrem Lesepublikum?

Ja. Die Figur des Juso Podzan Livnjak ist sehr wichtig, der bei mir das Antiquariat von Paulini weiterführt. Ich habe mir diese Figur aus Karahasans Roman „Der Trost des Nachhimmels“ ausgeborgt. Da kommt plötzlich jemand, der noch ganz andere Erfahrungen besitzt als die anderen Figuren. Vor zwei Wochen fragte eine Frau nach einer Lesung: ,Sind wir nicht alle auch rechtschaffene Mörder?‘ Sie meinte das im Sinne unseres Alltags, welche Auswirkungen hat unser way of life für andere.

„Literatur und Leben ist zweierlei“, steht im Roman. Ist es da kein Widerspruch, dass Ihre Literatur doch auch zum Leben derer, die Sie lesen, beitragen will?

Das sage ja nicht ich, das sagt ein ziemlich aufgebrachter, von der Autorenfigur Schultze porträtierter Paulini, der zu in diesem Moment ziemlich weit rechts gelandet ist. Literarische Figuren treten doch in unser Leben ein, so wie wir in das ihre eintreten. Nicht, dass ich sie mit wirklichen Menschen verwechseln würde, aber in ihrer Bedeutung für mich kommen sie einander oft recht nahe.

„Die Dichter müssen lügen“, lesen wir auch in Ihrem Buch. Was dürfen/sollen wir Ihnen aber dennoch glauben?

Es geht um die Stimmigkeit der Geschichte. Für einen Roman spielt es keine Rolle, ob sich das alles tatsächlich so zugetragen hat oder, wie in meinem Fall, erstunken und erlogen ist.

Wenn Sie in Wiesbaden aus „Die rechtschaffenen Mörder“ lesen, welche Erinnerungen haben Sie an die Stadt?

Das Buchhändlerehepaar Vaternahm hatte mich schon mit meinem ersten Buch zu einer Lesung eingeladen und mir dann die Treue gehalten. Ich glaube, ich habe wirklich jedes meiner Bücher in Wiesbaden ziemlich bald nach dessen Erscheinen vorstellen dürfen. Das verbindet einen natürlich mit der Stadt. Und seit Frank Witzels „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion …“ und seines jüngsten Romans fühle ich mich in Wiesbaden regelrecht heimisch.

Ingo Schulze: „Die rechtschaffenen Mörder“. S. Fischer. 318 Seiten. 21 €.

„Ein Mann der Kunst“: Zu Kristof Magnussons neuem witzigen Roman

„Ich finde die Komposition so schön aus dem Fluss, der Landschaft, den Dörfern am Rhein. Und dann die Städte … Wiesbaden mit dem mondänen Charme – und als Halb-Isländer liebe ich ja eh alle Städte, in denen es Thermalquellen gibt …“. Und also hat Kristof Magnusson den Rheingau als Schauplatz für seinen neuen Roman „Ein Mann der Kunst“ gewählt. Noch bevor das Buch am 12. August erschienen ist, sprach Kristof Magnusson, der isländisch-deutsche Theater- („Männerhort“) und Romanautor („Das war ich nicht“), Übersetzer und Wiesbadener Poetikdozent 2016/17, über seinen „Mann der Kunst“ im Online-Chat des Fördervereins Literaturhaus Wiesbaden. Denn neben seinem ruhmreichen, aber menschenscheuen ,Malerfürsten‘ ist wichtiger Rollenträger eben ein Förderverein, der den Rheingau (Magnusson: „Die einzige Landschaft, die mich in Deutschland ganz tief emotional berührt“) besucht, um den Künstler-Eremiten heimzusuchen. Der weltweit renommierte Meister KD Pratz – in der Buch-Realität das Gegenteil von Protz – soll für ein zu gründendes Museum gewonnen werden. Das geht im ersten Anlauf so gründlich schief, wie pointensicher der Autor seine Figuren vom Museumsdirektor bis hin zur Vereinsvorsitzende in ihrem eifrigen Bemühen um die Kunst wunderbar ironisch darstellt. „Mir war es besonders wichtig, die Figuren mit all ihren Schrullen humorvoll zu zeichnen, aber gleichzeitig nicht parodistisch in die Pfanne zu hauen.

Der alte weiße Mann KD Pratz gerät an eine pensionierte, aber noch immer emanzipierte Psychotherapeutin als Vereinsvorsitzende, während ein gebildeter wie auch sehr beflissener Museumsdirektor den Deal so voreilig wie vergeblich schon in der Tasche zu haben meint. Das ist in Charakterisierung und Dialog schon große Erzählkunst in schlafwandlerischer Balance zwischen Realismus und Persiflage.

Realität kann freilich Fantasie bisweilen auch einholen: Als Kristof Magnusson die Burgruine Ehrenfels über Rüdesheim als Künstlerheim und -atelier literarisch als Burg Ernsteck wiederaufbaut („weil KD Pratz so ernst ist“) hat er noch nicht gewusst, dass es tatsächlich einen Maler namens Ernst Eck gab (Österreicher, 20. Jahrhundert). „Rückwirkend ist das also eine superkluge Anspielung geworden, war aber Zufall.“ Genauso offen und ehrlich gibt der Autor zu, dass die kulturpessimistische Bemerkung seiner Hauptfigur, „und wenn dann mal wieder eine große Epidemie kommt – gute Nacht“, in letzter Minute in das Buch eingefügt wurde: „Die Kontaktsperre fiel ja genau mit der Zeit zusammen, in der ich eh nicht aus dem Haus gekonnt hätte, weil ich den Roman fertigschreiben musste.“ Und Kristof Magnusson ist kein Zyniker, wenn er der Corona-bedingten Einschränkung für sich selbst auch Positives abgewinnt: „Plötzlich kann man überall mit Karte bezahlen, und die Leute drängeln nicht mehr so.“

Die Leute seines Fördervereins allerdings bedrängen den begehrten Mann der Kunst auf seiner Burg massiv. Allein der Ich-Erzähler, günstiger Weise der Vorsitzenden männerzugewandter Sohn, hält vertrauensvollen Kontakt. Und KD Pratz wiederum klärt die Vereinsmitglieder auf über einen Kunstbegriff im Gegensatz zu Fanverehrung oder gewinnträchtiger Investition: „Ich habe mich immer als Handwerker verstanden“. Magnussons Kritik an den Gepflogenheiten im gängigen Kunstbetrieb gipfelt in einer ungeheuer witzigen Kunstdemontage, als die Freunde der Kunst die Objekte ihrer Begierde einem Ort zuführen, der alles ins Fließen bringt – zum Rhein. „Wir behalten unsere Traumvorstellungen vom Rhein“, sagt der Autor im Gespräch, „weil sie uns von der Kunst und Literatur so prägnant vermittelt wurde. Der Rhein ist also ein wunderbarer Beleg für die Kraft des Erzählens, die uns so starke Bilder einpflanzen kann, dass die Realität sie nicht kaputtkriegt.“

Im Rhein also kann die Kunst nicht untergehen und in Kristof Magnussons Roman eben auch nicht. Samtpfötig kunstvoll wird hier Kritik geübt an Kunsthuberei und ihrer Entourage mit „Bildungsbürgerbespaßung“ am Feierabend. Ja, natürlich sei auch das Schreiben Bildungsbürgerbespaßung, stimmt Magnusson zu – aber: „Wo wären wir ohne Bildungsbürger! Ich bin ja selbst einer“. Und zum gelinden Choas in Fördervereinen, wie im Buch für die bildenden Kunst oder einem realen für die Literatur, kommentiert er: „Eigentlich ist es doch ein tolles Milieu, diese ganzen Leute, sie sich so ernsthaft für Kultur interessieren.“ Für uns also hat Magnusson sein Buch geschrieben – mit hohem Wiedererkennungswert. Auszuprobieren am 6. November, wenn der Autor aus dem Buch „Ein Mann der Kunst“ in Wiesbaden (Museum) liest.

Kristof Magnusson: „Ein Mann der Kunst“. Roman. Verlag Antje Kunstmann. München. 237 Seiten. 22 €.

Frau Pehnt, der Rheingau-Literatur-Preis 2020 ist nicht Ihr erster Preis – gleichwohl, was bedeutet er Ihnen?

Gerade in diesen Zeiten ist er etwas ganz Besonderes! Wie viele Autoren und Autorinnen war ich sehr verzagt, als der Literaturbetrieb stillstand – man fängt schon an zu zweifeln. Nun fühle ich mich sehr ermutigt!

Sie waren 2008 Poetikdozentin in Wiesbaden und erhielten 2014 den Preis der Landeshauptstadt für „Der Bärbeiß“ als bestes Kinder- und Jugendbuch. „Der Bärbeiß“ wird übrigens gerade am Mainzer Theater aufgeführt. Haben Sie Erinnerungen an Ihren Wiesbaden-Besuch, oder auch noch andere Verbindung zur Rhein-Main-Region?

Ja klar, das war meine erste Poetikdozentur, sehr aufregend! Wiesbaden war sehr wichtig für mich, gute Begegnungen im Literaturhaus und im Theater, sogar im Casino waren wir. Den Bärbeiß in Mainz möchte ich bald besuchen.

Sie kennen den Rheingau und hatten vom Rheingau-Musik/Literatur-Festival zuvor schon gehört?

Gehört schon, aber ansonsten bin ich dort noch nie unterwegs gewesen. Das werde ich ja nun nachholen können!

Das Musik-Festival ist in diesem Corona-Jahr leider ausgefallen, das Literatur-Festival im September wird aber stattfinden mit der Preisverleihung an Sie am 27. September auf Burg Schwarzenstein. Welche Einschränkungen seit dem Shutdown haben Sie bisher als Autorin erlebt?

Mein neuer Roman ist genau ins Corona-Loch gefallen, so dass alle Lesereisen, alle Veranstaltungen rund ums Buch abgesagt wurden – es gibt ja dann kein öffentliches Gespräch. Das ist schwer nach Jahren des Schreibens.

Sie sind promovierte Professorin für literarisches Schreiben an der Universität Hildesheim. Wie müssen wir uns seit März den Lehrbetrieb dort vorstellen?

Wir machen alles digital. Ich habe eine sehr steile Lernkurve derzeit!

Wie vereinbaren Sie überhaupt Ihre Arbeit als Dozentin mit der der Autorin?

Das eine bedingt das andere. Es ist künstlerische Lehre, ich arbeite ja mit den Studierenden an Texten und Schreibprojekten, wir teilen die gleichen Fragen und Schreibprozesse.

Ihr neuer Roman „Alles was Sie sehen ist neu“ offenbart eine erstaunliche Kenntnis über Chinas Vergangenheit und Gegenwart. Wie lange haben Sie recherchiert?

Es gab eine China-Reise, ja – aber wir sind ja in dem Buch nicht in China, sondern in Kirthan. Also durfte ich auch viel erfinden.

„An die Viren darf man nicht denken“, sagt Reisende Dagmar – waren Sie während des Schreibens der Realität also schon voraus?

Es gibt einiges in dem Buch, was ich im Nachhinein ein wenig unheimlich finde.

Der Roman ist zweigeteilt: Er erzählt die Geschichte einer deutschen Reisegruppe nach Kirthan (China) und die Biografie des dortigen Reiseführers Nime. In Ihrem Roman „Ich muß los“ war die Hauptfigur auch schon ein Stadtführer. Was macht den Beruf literarisch so interessant?

Der Reiseführer ist ein Geschichtenerzähler – und das finde ich immer wieder ein zentrales Thema. Wie erzählen wir uns die Welt?

„Alles, was Sie sehen, ist neu“ wird den Reisenden vorgeführt und eben von Nime, der und dessen Familie die alten innenpolitischen Prozesse durchlebt hat. Der Blick aufs Äußere trifft nur den Schein – und die wahre Geschichte enthüllt sich nur, indem man sie erzählt?

Es gibt keine wahre Geschichte. Aber sehr viele unterschiedliche Varianten, die alle die Welt zu fassen suchen, in der wir leben.

Im Roman wird aus unterschiedlichen Ich-Perspektiven erzählt, die eine Zeitspanne von rund 30 Jahren bis 2019 umfassen. Nach welcher Struktur haben Sie diese unterschiedlichen Stimmen gewählt?

Es geht um verschiedene Menschen, die alle mit Nime auf die ein oder andere Weise verbunden sind. Sie erzählen, vielstimmig und mit vielen Lücken, sein Leben.

Nime wird als Hauptfigur des Romans als begnadeter Erzähler geschildert – erzählt selbst aber nie, sondern durchläuft einen Prozess vom Erzähler zum Zuhörer. Er stellt also damit beide Voraussetzungen einer Erzählung in einer Person dar?

Ja, er muss das Zuhören erst lernen – aber dafür zahlt er einen hohen Preis. Mehr verrate ich nicht…

„Das Buch ist ein Schlüsselroman, denn es öffnet die Welt“ urteilte die Preis-Jury. Und ist es nicht auch eine Hommage ans Erzählen selbst?

Auf jeden Fall! Aber auch ein Nachdenken über seine Begrenzungen.

Der Rheingau-Literatur-Preis ist neben der Dotierung mit 11.111 € mit 111 Flaschen Riesling ausgestattet. Wie gern trinken Sie Wein?

Als Wahl-Freiburgerin lebe ich in einer Weingegend und liebe mein Viertel Grauburgunder. Mit Riesling kenne ich mich noch nicht so aus – aber das wird sich ja bald ändern!

Rasha Habbal, warum haben Sie sich für das „Weiterschreiben-Stipendium Wiesbaden“ beworben?

Ich habe auf das Stipendium lange gewartet und bin sehr glücklich, dass ich es bekommen habe. Das Stipendium war für mich ein Ziel, nach dem ich gestrebt habe, und ich bin sehr stolz darauf, es erreicht zu haben. Dieses Stipendium unterstützt sowohl meinen beruflichen als auch ganz persönlichen Werdegang. Des Weiteren verringert es die finanziellen Sorgen einer Autorin am Anfang ihrer Karriere. Obwohl finanzielle Sorgen auch herausfordern können, bleiben doch die täglichen Ausgaben (z. B. Miete, Arztkosten usw.). Diese Situation lässt keine Zeit, angstfrei zu schreiben.

Wie sind Sie auf dieses Stipendium aufmerksam geworden?

Ich habe die Information über die Ausschreibung des Stipendiums aus drei verschiedenen Quellen erhalten: Von der Schriftstellerin Widad Nabi, die bereits das Stipendium erhalten hat; über das Frauenkulturbüro NRW und aus einer Email des Projektes „Weiterschreiben“ an interessierte Autoren durch die Projektleiterin des Instituts „Wir machen das“.

Sie haben schon einmal in Wiesbaden im Literaturhaus gelesen – welche Erinnerungen haben Sie daran?

Ein wichtiger Teil meiner Erinnerung an diesen Ort, bezieht sich auf die dort kennengelernten Menschen, mit denen ich einen schönen Abend teilen durfte. Die Fragen der Gäste in Wiesbaden drehten sich nicht nur um „Flucht“ sondern um die Texte, die ich mit Lina Atfa und Widad Salom vorgelesen habe. Die Gespräche gingen nach der offiziellen Veranstaltung bei Wein und Zigaretten weiter. Es war unkompliziert, mit den Leuten zu reden und auch Witze zu machen.

Von Mai an wollten Sie drei Monate als Stipendiatin hier verbringen – die Schließung des Literaturhauses, in dem Sie die Atelierwohnung beziehen sollten, und der Ausfall aller öffentlichen Veranstaltungen aufgrund der Corona-Krise verhindern das jetzt. Wie stellen Sie sich die Zeit Ihres Stipendiums denn nun vor? 

Ich hoffte, die Stadt näher kennen zu lernen. Die Gedanken, die mich dabei beim Texte schreiben inspiriert hätten, wollte ich der Stadt widmen. Ich hoffte auch, nähere Kontakte zu Ihren Einwohnern zu bekommen. Die aktuelle Situation hat dies jedoch verhindert. Allerdings führt dies zu einem unerwarteten Abenteuer, z. B. mache ich regelmäßige Videoaufnahmen aus dem privaten Gartenzimmer. Dieses Zimmer habe ich in ein Büro umgewandelt, in dem ich in diesem Sommer ungestört schreiben will. Anstatt ich jetzt Euer Gast bin, seid Ihr jetzt meine Gäste.

Arbeitsraum Rasha Habbal (Foto: © Rasha Habbal)

Welche literarischen Themen wollen Sie bearbeiten? 

Ich möchte an Prosatexten weiterarbeiten, mit denen ich direkt nach der Flucht angefangen, aber noch nicht beendet habe.

Sie haben 2015 Ihre syrische Heimat verlassen müssen und sind seitdem in Deutschland – wie haben Sie sich inzwischen hier eingelebt?

Sicherlich habe ich angefangen, mich an das Leben hier zu gewöhnen, mein Leben neu zu sortieren und einen Leitfaden für die nahe Zukunft zu erstellen. Ich bin entspannter und offener, auch mutiger geworden. Und ich habe keine Angst um meine Kinder, bevor ich ins Bett gehe. Es ist viel passiert in kurzer Zeit: Krieg, Flucht, ungewisse Zukunft und Neustart.

Warum hat es Sie nach Ihrer Flucht ausgerechnet nach Trier verschlagen?

Ich hatte keinen Einfluss darauf. Mein „Schicksal“ hat ein Beamter im Flüchtlingsaufnahmelager Lebach (Saarland) auf Grundlage eines Verteilplanes entschieden. Ich kannte die Stadt vorher nicht. Aber wenn ich die Wahl hätte, würde ich sie heute wieder auswählen. Trier ist eine Stadt mit Herz und Seele, wie meine Heimatstadt Hama.

Sie sehen Ähnlichkeiten zwischen Trier und Ihrer Heimatstadt Hama – welche sind das, und hilft es, heimisch zu werden?

Es gibt viele Ähnlichkeiten zwischen den beiden Städten, sie sind beide mein Schicksal. Sie wurden für mich „ausgesucht“. Beide wurden von den Römern gegründet, werden von einem Fluss geteilt, über den eine steinerne Brücke führt. An manchen Abenden nach Sonnenuntergang sind die Unterschiede nicht zu erkennen, erscheinen die beiden Städte wie Zwillinge.

Als Schriftstellerin wissen Sie um den Wert der Sprache. Wie gut beherrschen Sie schon die deutsche?

Ich denke, das ist die schwierigste Frage von allen. Ich habe bisher B2-Niveau erreicht. Und weil ich weiß, wie wertvoll die Sprache ist, denke ich, ich brauche längere Zeit, um ohne innerliche Angst frei zu sprechen. Diese Angst weicht mit zunehmendem Erfolg und Selbstbewusstsein.

Wie geht es Ihnen in diesen Corona-Zeiten?

In den letzten beiden Monaten hat uns diese Krise weltweit in Angst vereint. Die Natur gibt uns eine harte Lektion und bestraft uns heftig. Wir beobachten ungläubig die Geburt eines neuen, wichtigen Lebensstils. Vor zwei Monaten bedeutete das Leben, freie Beweglichkeit, soziales Engagement. Jetzt findet Leben in Isolation statt, Arbeiten können nur von zuhause erledigt werden. Diese Isolation ist jetzt keine selbstgewählte Option, sondern bedeutet Verantwortung gegenüber der Menschheit im Ganzen, und dass das Leben weiter geht.

Was macht Widad Nabi, die erste Stipendiatin des Fördervereins Literaturhaus 2018, während dieser Corona-Zeit in Berlin? Worauf muss die syrische Autorin verzichten und womit beschäftigt sie sich?


Wie geht es Dir im Moment in Berlin? 

Ich bleibe zu Hause oder gehe in Parks und Wälder. Vor Tagen war ich im Grunewald. Einen ganzen Tag lang im Wald! Es war eine kurze Flucht vor den Nachrichten über Coronavirus , Tod, Zensur und Kontrolle.

Welche Einschränkungen aufgrund der Corona-Krise erlebst Du?

Alle meine Lesungen wurden abgebrochen, und ich kann meine Mutter und meine Freunde nicht besuchen. Außerdem ist es für mich sehr wichtig, jemanden zu umarmen, wenn ich ihn treffe. Aber seit der Corona-Ausbreitung muss man Abstand halten. Und das bedeutet noch mehr Grenzen zwischen den Leuten.

Wie schützt Du Dich, Deinen Mann und andere vor einer Infektion?

Ich denke, zu Hause zu bleiben und keine Leute zu treffen, ist genug, um die Infektion nicht weiterzugeben. Aber wir benutzen auch Plastikhandschuhe, um einkaufen zu gehen.

Was möchtest Du gerne tun und darfst es jetzt nicht?

Ich hatte vor, diesen Sommer nach Spanien, speziell Andalusien, zu reisen. Leider wurde dies alles verschoben. Mein Bruder hätte mir das Fahrradfahren beigebracht, aber das wurde auch verschoben.

Womit beschäftigst Du Dich zu Hause?

Ich lese viele Bücher. Gerade lese ich ein Buch in deutscher Sprache von Abbas Khider: „Deutsch für Alle“. Trotz meiner schlechten Laune arbeite ich daran, meinen Roman, den ich während des Wiesbadener Stipendiums geschrieben habe, zu überarbeiten und zu modifizieren. Außerdem versuche ich jetzt schwieriges arabisches Kochen, das viel Zeit zur Vorbereitung braucht, aber ich habe jetzt viel Zeit. Es gibt auch eine tägliche Gehstunde mit meinem Partner, und ich verbringe auch einige Zeit damit, Briefe an meine deutsche Freundin Autorin Annett Gröschner zu schreiben. Wir tauschen Briefe aus. Und wir reisen dabei in die Vergangenheit.