Herr Rietzschel, im September werden Sie den Rheingau-Literatur-Preis für Ihren Roman „Sanditz“ erhalten. Es ist nicht der erste Preis in Ihrer Schriftsteller-Laufbahn. Was bedeuten solcherart Auszeichnungen für Sie?

Ich bin irre dankbar für diese Wertschätzung meiner Arbeit, dass sie Sichtbarkeit erfährt und diese Art von Würdigung. Bei aller Freude auch über das Preisgeld, das mir weiteres künstlerisches Arbeiten ermöglicht, weiß ich aber auch um die Probleme, die diese Preise mit sich bringen, dass sie suggerieren, das eine oder andere Werk sei besser oder schlechter. Wir Autorinnen und Autoren finden uns manchmal in Wettbewerbs- und Hierarchisierungsprozessen wieder, die wir eigentlich ablehnen.

Wiesbaden ist Partnerstadt von Görlitz, wo Sie leben. Ist Ihnen diese Städtepartnerschaft bekannt und können Sie sich vorstellen, warum sich diese beiden Städte ausgesucht haben?

Beide Städte sind auch wundersame Weise vor Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg verschont geblieben, beide sind wunderschön und gelten als betuliche Rentnerparadiese. Wiesbaden ist Landeshauptstadt, das ist Görlitz leider nicht. Das würde Dresden auch niemals zulassen.

In der Jury-Begründung zum Rheingau-Literatur-Preis für „Sanditz“ heißt es u.a.: „Ihre Wenzel-Familie“ seien „Lausitzer Weltbürgerfiguren“ Das hat Jury-Vorsitzender Andreas Platthaus schön formuliert. Inwiefern stimmen Sie dieser Deutung zu?

Ich freue mich ganz grundsätzlich, dass Herr Platthaus die Familie als Kern der Geschichte in den Vordergrund stellt und nicht „den Osten“. Und dass er damit andeutet, dass die Figuren dieses Romans zwar lokal verwurzelt sind, aber Probleme haben, die global sind.

Es stimmt freilich auch, dass es in erster Linie Lausitzer Figuren sind mit ihrer speziellen Herkunft, DDR- und Wende- und Nachwende-Erfahrungen, die beispielsweise ich als Wiesbadenerin nicht teilen kann. Ich kann mich allerdings dank der Hilfe Ihres Buches in die Figuren hineinversetzen. Und wie versetzen Sie sich in Ihre Erfindungen? Haben Sie dafür reale Vorbilder, oder geht Figurenzeichnung auch rein aus der Fantasie?

Eine Mischung, würde ich sagen. Mein Schreiben ist immer ein Schöpfen aus mir selbst, aus meinen mir nächsten Erzählungen, aber auch viel Recherche, klar. Ich mag alle meine Figuren, alle sind mir nahe, wenngleich sie mir unsympathisch sein können. Diese Ambivalenz herauszuarbeiten begreife ich als den Kern meiner Arbeit.

Hineingezogen in den Roman hat mich der Krabat-Prolog. Die Raben kommen erst wieder nach 460 Seiten am Ende vor – diesmal als todbringende Drohnen. Eine literarische Legende stößt auf eine reale Waffe – und die Waffe wird am Ende gewinnen und töten. Die Zukunft ist finster und lässt keine Hoffnung zu?

Das würde ich so nicht sagen, nein. Dirks Entwicklung zum Beispiel ist der Entwicklung von Tom ja gegenläufig. Er bricht auf, fängt neu an. Alle Charaktere dieses Textes sind Träumende. Und sie stehen vor der Frage: Für den Traum leben und sich dabei selbst verlieren, oder den Traum beenden und am Leben bleiben.

Der Roman hat fast 500 Seiten, die sich sehr leicht lesen lassen – hat er sich auch leicht schreiben lassen?

Mal so, mal so. Schreiben lässt sich vieles schnell und leicht, aber das Nachverdichten, Nachschärfen, das ist die eigentliche Arbeit. Die jetzt 500 Seiten waren mal um die 800. Sechs Jahre Arbeit stecken in diesem Text. Das war ein hartes Ringen.

Im Roman „Sanditz“ werden wichtige Bücher abgeschrieben, Kafka, Biermann, etc.. Das spricht für ihren Wert, aber auch davon, dass Literatur immer dann ernst genommen wird, wenn die Zeiten und das Denken eng zu werden drohen. Inwiefern taugt Literatur gegen Angst?

Mir war es wichtig, die Literatur und den Austausch darüber als eine Freiheit in der Unfreiheit zu kennzeichnen. Die Gedanken sind immer frei, aber erst im Austausch, auch in den kleinsten Kreisen kann daraus eine subversive Kraft entstehen. Diese Kleinteiligkeit des Widerstands wollte ich erzählen.

Literatur ist jedenfalls keine Partei, die im September in Sachsen-Anhalt gewählt werden könnte. Aber was kann Literatur stattdessen und darüber hinaus?

Literatur kann alles. Kunst kann alles. Der Mensch kann alles. Das Gute und das Schlechte, meistens sogar gleichzeitig. Schwer auszuhalten, ich weiß.

 

Am sechsten Tag nach dem Pre-Opening im Nassauischen Kunstverein mit bildnerischen Werken von Jina Khayyer und der Eröffnung des Literaturfestivals 2026 „Ins Offene 6“ mit dem Roman des belarussischen Autors Sasha Filipenko „Die Elefanten“, geht die Open-Air-Veranstaltung mit noch einmal insgesamt sechs Lesungen zu Ende. Wiesbadener Buchhändler*innen haben um die (heiße) Mittagszeit ihre Leseempfehlungen gegeben und begründet, Alisha Gamisch ist den Lebenswegen dreier russlanddeutscher Frauen gefolgt, Lourdes Onederra hat mit ihrem Buch „Letzten Endes“ Wiesbadens baskische Partnerstadt San Sebastián im deutsch-spanischen Gespräch in der Moderation von Rita Thies (Vorsitzende des Fördervereins und Festival-Verantwortliche) vertreten, anschließend erzählte Katrin Zipse von deutschen Frauen in Island 1949 und berichtete Autor Burkhard Spinnen über den Klimawandel in seinem neuen Roman „Erdrutsch“, den er gemeinsam mit Charles Wolkenstein verfasst hat.

Und als es dann am Abend etwas kühler und dämmriger wird, tritt Mezzosopranistin Silvia Hauer (Theater Wiesbaden) mit ihren Begleitmusikern und Schauspieler Uwe Kraus als Vortragenden auf mit Chansons aus Frankreich, die Christoph Sator in seinem Buch „La vie en rose – Frankreich in 100 Chansons“ gesammelt und kommentiert hat. Auch Christoph Nielbock fängt das Abschiedspublikum unterhaltsam moderierend freundlich ein. Schließlich ist der letzte Ton verklungen.

Was bleibt, ist der Dank an eine unermüdlich sich für das Gelingen und die Qualität des Literaturfestivals einsetzende Rita Thies, die diesen Dank wiederum an alle Mitwirkenden und Unterstützenden weitergibt. Blümchen. Applaus.

Da innerhalb des Literaturfestivals 2026 mehr Autorinnen als Autoren eingeladen sind, herrscht auch die weibliche Lesestimme vor. Bewährte Sprecherinnen, wie Eva-Maria Damasko und Katalyn Hühnerfeld (ehemalige Schauspielerinnen am Staatstheater Wiesbaden) traten auf mit Texten der mittlerweile seit mehr als 10 Jahren in Berlin lebenden Syrerin Widad Nabi und Daniel Specks „Villa Rivolta“-Roman, sowie in der Performance am Abend des 25. Juni zu Ingeborg Bachmanns 100. Geburtstag und für Sharon Dodua Otoos rasanter Road-Mord-Geschichte. Neu mit von der Partie ist die rundfunkbekannte Sprecherin Birgitta Assheuer, bekannt auch als früheres Ensemblemitglied des Wiesbadener Schauspiels Lina Habicht, sowie ganz ganz früher Andreas Mach, während Uwe Kraus erst seit Kurzem im Ruhestand weiterhin aktiv ist.

Auch Hanns Jörg Krumpholz hat einst in Wiesbaden gespielt; heute lebt er in Berlin und kommt gern regelmäßig wieder zurück, um sich lesend am Literaturfestival zu beteiligen. Er spricht nicht nur fremde Texte; sondern tritt mit Partner Martin Theuer auch singend zur Gitarre als „Little Blues Brother“ im Hit-Potpourri der 60er/70er Jahre auf. Oliver Wronka (einst Leiter des Jungen Staatstheters Wiesbaden) leiht seine Stimme dem Eröffnungsroman „Die Elefanten“ des belarussischen Autors Sasha Filipenko, und Patrick Twinem liest gemeinsam mit Grit Schade die Empfehlungen der Wiesbadener Buchhändler*innen.

So sehr auch die eingeladenen Autor*innen und ihre meist druckfrischen Bücher interessieren, das Literatur-Stamm-Publikum goutiert auch seine Lieblingsstimmen und kommt, um die ein oder andere auch nur zu hören und ihr zu applaudieren.

Fotos: Rahel Koch

Ingeborg-Bachmann-Biografin Andrea Stoll hält auch dann ihr Versprechen, auf dem Wiesbadener Literaturfestival „Ins Offene 6 – Die Fiktion fürchtet nichts“ ihr neues Buch zu präsentieren, als die Medien-Anfragen an die Bachmann-Expertin immer drängender werden, je näher der 100. Geburtstag der österreichischen Schriftstellerin am 25. Juni rückt. Selbst Bachmanns Geburtstadt (und Wiesbadener Partnerstadt) Klagenfurt muss warten – Andrea Stoll beantwortet an diesem Tag auf unserem Festival Fragen zu Bachmanns Leben und Werk („Warum brauchte diese Frau Männer?“ (und zwar viele) und „Warum mussten es immerzu Kollegen sein?“ (Paul Celan, Max Frisch, Hans Magnus Enzensberger) und liest Passagen aus ihrer Biografie. Resultat: Ingeborg Bachmann gelang in ihrem Leben nicht, was sie sich vorgestellt hatte, hinterließ aber ein Werk mit Gültigkeit bis heute.

Unter dem Titel „Die Wahrheit ist dem Menshen zumutbar“ (Ingeborg-Bachmann-Zitat aus ihrer Rede zur Verleihung des renommierten Hörspielpreises der Kriegsblinden) machen Eva-Maria Damasko, Sabine Lippert und Andreas Nordheim anschließend mit diesem Werk bekannt. Dagmar Borrmann hatte weniger bekannte kürzere Texte ausgesucht, die Lippert/Nordheim musikalisch fantasievoll untermalen, und Eva-Maria Damasko liest die Erzählung „Undine geht“ („Ihr Menschen! Ihr Ungeheuer! Ihr Ungeheuer mit Namen Hans!“) mit starkem Nachdruck.

Fotos: Viola Bolduan / Archivbild Ingeborg Bachmann 

Mit seinen 26 Veranstaltungen bietet das Literaturfestival „Ins Offene 6 – Die Fiktion fürchtet nichts“ einmal mehr eine Vielzahl unterschiedlicher Lesungen im Freien. Auf der Bühne am Ende der gesperrten Kleinen Wilhelmstraße gegenüber dem Warmen Damm (das Adjektiv im Namen war in diesen Tagen von gefürchtetem Klang) nahmen Autorinnen mit ihren Debüt-Romanen Platz, wurde an den 100. Geburtstag der österreichischen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann gedacht, stellten die renommierten Autoren Kristof Magnusson und Burkhard Spinnen ihre neuen Bücher vor und klangen die Abende aus mit vertonter Poesie. Tapfere Streiter*innen für die Literatur hielten werktags unbeirrt von 15 Uhr bis zu den abschießenden, um 19:30 Uhr beginnenden Lesungen aus, während mehr Publikum zu den Abend-Veranstaltungen strömte und sich mit Fächer und Hütchen, ein kaltes Getränk in der Hand, unter den großen Schirmen versammelte, um beispielsweise Daniel Speck (mit Sprecherin Katalyn Hühnerfeld) über seinen Roman „Villa Rivolta“ zuzuhören oder mit den „Little Blues Brothers“ (Hanns Jörg Krumpholz und Martin Theuer) zu ihrem Programm mit Hits aus den 60er und 70er Jahren zu summen und zu applaudieren.

Fotos: Viola Bolduan 

„Gedichte müssen nicht bescheiden sein,“ stellt Literaturwissenschaftlerin Maren Jäger in ihrer Laudatio auf Debüt-Preisträgerin Lara Rüter fest. Die, die mit dem Wiesbadener Orphil-Preis für Lyrik 2026 im Literaturhaus ausgezeichnet werden, sind es im Umgang mit ihrem Material Sprache keineswegs. Sowohl Lara Rüters wie Karin Fellners Gedichte gewinnen ihren Sprachexperimenten leichthändig witzige Poesie ab. Wenn der Debüt-Preis, dotiert mit 2.500 € an die junge Lara Rüter (geb. 1990) geht, empfängt Karin Fellner (Jahrgang 1970) aus München den mit 10.000 € dotierten Hauptpreis, seit 2012 gestiftet von George Konells Witwe und alle zwei Jahre vergeben.

Kulturdezernent Hendrik Schmehl konstatiert in seiner Begrüßungsrede vor nur wenig besetzten Stühlen im Roten Salon dennoch allgemein „gestiegenes Interesse“ an Lyrik, deren Arbeit mit und an der Sprache zu Recht Wertschätzung und finanzielle Unterstützung brauche. Karin Fellner wird der inzwischen verstorbenen Mäzenin zuliebe ein „Orphil“-Gedicht von George Konell vorlesen – von wegen Ovid und Orpheus: „Herr Orphil“ ist Konells französischer Hahn. Das gefällt Karin Fellners Widerspruchsgeist wiederum gut. „Witz und Wucht“ bescheinigt Laudatorin Maren Jäger auch Lara Rüters Lyrik, die nun ihrerseits Wortspiele mit dem großen römischen Vorgänger Ovid treibt („… hab ovid / an der hand. lehn mich voll rein. ernte romantische blicke. das ist alles.) oder auch „carmen et error forever“, als die Gründe zitiert, die Ovid selbst für seine Verbannung aus Rom nach Constanza angibt. Da verarbeitet Lara Rüter Historie und Mythos, in anderen Gedichten Venus- und Mutter-Figuren oder dichtet den britischen Kollegen Thomas De Quincey an, der Anfang des 19. Jahrhunderts viel Ruhm als „Opium-Eater“ einheimste. Maren Jägers Lobrede weiß um subtile Arbeitsdetails, womit sie Preisträgerin Lara Rüter zu Tränen rührt. Zart trägt sie ihre durchrhythmisierten und überraschend zusammengesetzten, sich selbst auch unterbrechen könnenden Texte vor.

Laudator für Hauptpreisträgerin Karin Fellner ist Literaturprofessor Christian Metz (Aachen), der eine kleine selbstironische Vorlesung über den Begriff „Spaß“ hält und dabei Fellners Gedichte „verwickelt und verwirrt“ in die Nähe von Barock und Vorromantik rückt. Wenn Fellners jüngster Gedichtband „Polle und Fu“ heißt, verbinden sich laut Metz Blütenstaub und Kampfsport mit der Empfehlung „halte Unhaltbares aus“, wenn aus einem Wort etwa unterschiedliche Bedeutungen entstehen können: Ein Gedichttitel wie „Kommen Tiere“ kann auch rein akustisch verstanden werden. Heiterkeit. Auch, wenn der Tapir nichts aufs Tapet bringt und statt zu warten, besser gegengewartet werden sollte. „Dinke, Dank, Denken“: Die Urkunden sind zur Hand und die Blumensträuße stehen von Beginn der Veranstaltung an auf der Fensterbank. Und also werden sie von Kulturdezernent Hendrik Schmehl verlesen und vergeben.

Foto: Rita Thies 

Widad, vor Kurzem hast Du in Italien den internationalen Camaiore-Poesie-Preis für „Ein Kontinent namens Körper“ erhalten. Das ist ein Gedicht, das Du für eine Aufführung im Berliner Theater der Neuköllner Oper geschrieben hast und das Dich und Aleppo, die Stadt in Syrien, in der Du gelebt hast, zum Thema hat. Hattest Du dafür mit einem Preis rechnen können?

Tatsächlich war der Preis eine Überraschung – für mich, den Verlag und auch für den Übersetzer. Er gehört zu den wichtigsten und renommiertesten Literaturpreisen für Lyrik in Italien; er wird seit 1950 verliehen, und bedeutende Namen, wie die bekannte italienische Dichterin Alda Merini, sowie der Literaturnobelpreisträger Seamus Heaney haben ihn bereits erhalten. Da ich jedoch eine Dichterin aus einer Region bin, die in den westlichen Medien oft als Ort des Terrorismus und des Islamismus dargestellt wird, hatte niemand damit gerechnet, dass der Preis an eine Autorin von dort gehen könnte. Doch die Stimme der Poesie erwies sich als stärker als alle geografischen, nationalen oder politischen Grenzen.

In Deinem neuen auf Deutsch erschienenen Buch „Wurzeln schlagen“ schreibst Du im ersten Essay über Deine Lesereise durch Italien und wie Du zwischen Italienisch und Arabisch die deutsche Sprache als Art Heimat empfunden hast. Ist Deutsch jetzt zu Deiner Sprache geworden?

Ich kann diese Frage nicht eindeutig beantworten. Aber ich kann sagen: Ich lebe zwischen drei Sprachwelten – Kurdisch, Arabisch und Deutsch –, und all diese sprachlichen Welten tragen dazu bei, meine Identität, mein Schreiben und mein Denken zu formen. Manchmal überrascht es mich selbst, dass ich, wenn ich meinem Kind strenge Anweisungen geben will, auf Deutsch spreche – als ob die Struktur einer Sprache Einfluss darauf hätte, wie man sie im Leben verwendet. Und wenn ich sehr emotional bin, spreche ich mit ihm Kurdisch. In verschiedenen und vielfältigen Sprachwelten geboren zu werden und zu leben, verändert ständig die eigene Identität, das Denken und die Sicht auf die Welt. Und genau das liebe ich an meinen Sprachwelten – auch wenn ich mich manchmal in ihren komplexen grammatikalischen Strukturen verliere.

Welche Bedeutung hat die Tatsache, dass Du Mutter bist für die Notwendigkeit, Wurzeln zu schlagen, wie es im Titel der neuen Publikation heißt?

Die Mutterschaft hat mich auf direkte und zugleich schmerzhafte Weise mit der Frage nach Zugehörigkeit und Wurzeln konfrontiert. Bevor ich Mutter wurde, hatte ich mich mit der Idee des Exils abgefunden – nicht nur mit dem geografischen, sondern auch mit dem psychischen und sprachlichen Exil. Doch die Mutterschaft hat mich mitten in die Realität gestellt.
Wir leben in einem Land, das immer wieder Phasen des Erstarkens der extremen Rechten erlebt und Probleme im Umgang mit Migration hat.
Selbst Menschen, die hier geboren wurden und deren Eltern ebenfalls hier geboren sind, werden wegen ihrer sogenannten „Migrationswurzeln“ oft nicht wirklich als Deutsche betrachtet. Im Kindergarten, in der Schule, an der Universität oder im Beruf hören sie immer wieder die gleiche Frage: „Aber woher kommt deine Familie?“ Als ob man nur dann wirklich deutsch wäre, wenn man weiße Haut und helle Augen hat. Das ist ein veraltetes, mittelalterliches und rückständiges Verständnis von Identität. Denn die Identität eines Landes verändert sich – wie seine Menschen auch – mit der Zeit, durch Migration und durch das Vermischen von Kulturen. Mit der Geburt meines Kindes befand ich mich in einem Kampf – im Kampf gegen ein festgefahrenes Verständnis deutscher Identität gegen Rassismus, gegen Vorurteile und gegen stereotype Vorstellungen davon, was es bedeutet, deutsch zu sein. Deshalb habe ich mehrere Texte geschrieben. Wenn meinem in Berlin geborenen Kind – das Deutsch als Muttersprache spricht und dessen ganzes Leben hier stattfindet – erlaubt wird, in diesem Land Wurzeln zu schlagen, dann werde auch ich es ihm gleichtun und ebenfalls Luftwurzeln schlagen.

Die Entstehungszeiten der 17 Essays im Band sind rückläufig von 2025 bis 2017, mithin enthält das Buch die Geschichte einer kontinuierlichen Entwicklung vom Ankommen in Deutschland, das Dir durch die „Zuflucht in Literatur“ erträglich wurde, über den Widerspruch, dass das Land Dir einerseits Schutz bietet, Dich andererseits aber als Fremde einordnet, bis hin zur deutschen Staatsbürgerschaft. Was hast Du innerhalb dieser zehn Jahre über Dich selbst gelernt?

Als ich die ersten Texte bis hin zu den letzten, die ich geschrieben habe, noch einmal las, fiel mir auf, dass ich mich stark verändert habe – ebenso wie meine Gedanken über Konzepte, wie Heimat, Zugehörigkeit, Integration, Migration, Grenzen usw. Mir wurde auch bewusst, dass sich meine Identität in diesen zehn Jahren ständig gewandelt hat und mit jeder neuen Erfahrung und jeder neuen Sprache reicher geworden ist. Dieses Buch hat mich daran erinnert, dass ich eine Schriftstellerin bin, die sich verändert und weiterentwickelt – nicht an die Grenzen der Vergangenheit oder an einen erlebten Krieg gebunden, sondern jemand, der unablässig unter die Oberfläche des Bewusstseins gräbt, um neue Welten und Leben zu formen.

Neben Deiner Tagesarbeit, aller Bürokratie und häuslichen Arbeit für die Familie, wie viel Zeit bleibt Dir für die Literatur?

Eigentlich nicht viel. Meinen neuen Gedichtband, der vor einem Monat auf Arabisch erschienen ist, habe ich in der Zeit fertiggestellt, in der ich mit dem Zug zur Arbeit hin- und zurückgefahren bin. Einen Teil der Gedichte habe ich in den Zügen geschrieben, und manchmal habe ich mir ein wenig Zeit „gestohlen“ und mich in die Leseecke der Hugendubel-Buchhandlung gesetzt, um dort zu schreiben.

Wie stark fühlst Du Dich in der literarischen Szene Berlins eingebunden und aufgehoben?

Ich denke, auf den ersten Teil der Frage sollten eher die literarischen Institutionen in Berlin antworten, nicht ich. Was den zweiten Teil betrifft: Berlin hat mir viel gegeben, aber zugleich ist die Stadt stark von den persönlichen und politischen Ansichten derjenigen geprägt, die diese Institutionen leiten. So gab es beispielsweise in den Jahren 2016 bis 2019 ein starkes Interesse daran, die literarischen Werke von Autorinnen und Autoren mit Migrationshintergrund zu präsentieren – im Zusammenhang mit der damaligen Flucht- und Migrationswelle. Heute liegt der Fokus jedoch eher auf anderen literarischen Themen, abhängig von der aktuellen politischen Situation. Das bedeutet, dass der Schwerpunkt weniger auf der Literatur liegt, die wir als Menschen mit Migrationshintergrund schaffen, sondern vielmehr darauf, eine Art literarisches Zeugnis über die politische Lage als „migrantische Stimme“ in Deutschland zu geben.

Vom „Weiterschreiben“-Stipendium in Wiesbaden über die Auszeichnung  der Stadtschreiberin in Neuruppin bis zum diesjährigen Poesie-Preis in Camaiore – wie wichtig sind solche Anerkennungen für Deine schriftstellerische Arbeit?

Preise verleihen der literarischen Arbeit an sich keine Bedeutung, denn ihr Wert liegt in ihrer Qualität, nicht in dem Glanz, der den Autor umgibt. Gleichzeitig sind sie jedoch eine wichtige Anerkennung dafür, dass der Autor mehr Leser erreicht und sein Werk Einfluss auf deren Leben hat.
Literarische Stipendien sind ebenfalls von großer Bedeutung, da sie dem Autor Zeit und die nötigen finanziellen Mittel geben, um zu schreiben, ohne ständig an seine Rechnungen denken zu müssen.

Du warst vor Kurzem mit „Wurzeln schlagen“ auf der Frankfurter Buchmesse – wie hast Du beides, Deinen Auftritt und die Messe, erlebt?

Es war für mich etwas sehr Besonderes – dieses Gefühl, als ich die Messe betrat. Es war bereits das vierte Mal, dass ich dort teilnahm, doch zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, am richtigen Ort zu sein und genau zu wissen, wohin ich gehen sollte. Früher fühlte ich mich immer wie eine fremde Besucherin, doch dieses Mal hatte ich das Gefühl, dass dieser Ort zu mir gehört und dass ich dort wirklich Wurzeln geschlagen habe.

Fotos: privat

„Having a Coke with You / is even more fun than going to San Sebastián“, beginnt eines der Gedichte Frank O’Haras, gerichtet an seinen Geliebten, den Tänzer Vincent Warren, und der Satzbeginn (in der deutschen Übersetzung: „Auf eine Cola mit dir“) ist gleichzeitig Titel des neuen Romans des baskischen Autors Beñat Sarasola. Autor und Buch ist ein Abend des Fördervereins Literaturhaus im Oktober 2025 im Literaturhaus gewidmet, der außerordentlich gut besucht, nach der Lesung mit Schauspieler Uwe Kraus mit einem Empfang für Mitwirkende sowie Gäste aus Wiesbadens baskischer Partnerstadt San Sebastián und dem hiesigen Partnerschaftsverein abschließt.

Beñat Sarasola war auf dem Literaturfestival „Ins Offene“ 2024 bereits aufgetreten mit einem Kapitel aus dem in diesem Jahr veröffentlichten Roman, dessen Übersetzung damals der Förderverein in Auftrag gegeben hatte. Die damalige Lesung hatte Lothar Wekel, Leiter des Verlagshauses Römerweg, veranlasst, den kompletten Roman in deutscher Übersetzung (von Cristina Bendel) zu publizieren.

Vereinsvorsitzende Rita Thies moderiert die Premiere im Literaturhaus mit Dolmetscher und Schauspieler Uwe Kraus als Sarasolas deutsche Lesestimme. Rita Thies hat aus ihrer Zeit als Wiesbadener Kulturdezernentin den Kontakt zur baskischen Partnerstadt und insbesondere zum früheren Kollegen Ramon Etxezarreta, Gast dieses Abends, stets bewahrt.

Wie ist Beñat Sarasola auf Frank O’Hara als Protagonist seines Romans gekommen? Auf dem Podium im Roten Salon stellt Rita Thies Fragen an den Autor. Dessen Gedichte haben ihn begeistert, sagt er und hat diese reimlose, lebendige und direkte „occasional poetry“ (Gelegenheitspoesie) ins Baskische übersetzt. Aus dem Wissen über O’Haras Leben und Werk heraus entstand die Idee zu diesem biografischen doch auch fiktionalen Roman, der mit den Gedichten der Hauptfigur arbeitet, wie auch mit Werken der bildenden Kunst spielt, mit denen Frank O’Hara als Kurator-Assistent im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) in Berührung kam.

Uwe Kraus liest aus dem Romananfang Franks Bewunderung für den geliebten Tänzer Vincent und wie der wiederum in den auch in den USA bigotten 60er Jahren auf seinen öffentlichen Ruf achtet und die homosexuelle Beziehung verbergen will. Und doch habe es dort mehr Freiheit als im Spanien der Franco-Zeit („Generalissimus“ von Spanien von 1936 bis zu seinem Tod 1975) gegeben, sagt der Autor. O’Haras Begegnung mit spanischen Kunstfunktionären anlässlich der Ausstellung neuer spanischer Malerei und Skulpturen 1960 im MoMA hören wir im angenehmen Klang der Stimme von Uwe Kraus.

Beñat Sarasola: Der Protagonist seines Romans habe ein Leben wie eine „permanente Party von Liebe und Kunst“ geführt, dies in seinen Gedichten formuliert und er selbst wiederum aus den Gedichten einen Roman entstehen lassen. Viele wollten ihn anschließend erstehen und vom Autor signieren lassen, weshalb Beñat Sarasola spät erst zu den anschließend die Buch-Premiere Feiernden stieß, dann aber lange blieb. Tags darauf: Besuch der Frankfurter Buchmesse.

Auf dem Foto (v.l.): Vertreterin der Stadt, Vereinsvorsitzende Rita Thies, Autor Beñat Sarasola, Sprecher Uwe Kraus, Verleger Lothar Wekel und Ramon Etxezarreta, Literaturexperte aus San Sebastián. c: Viola Bolduan 

Fast 104 Jahre ist er alt geworden und wenn man ihn auf jüngeren Fotos ansieht, entdeckt man in seinen Augen die unsterbliche Rastlosigkeit seines Berufstandes. Was wird kommen? Was könnte noch kommen?

Man muss Georg Stefan Troller attestieren, dass keines seiner 103 Jahre etwas Saturiertes, Zufriedenes hatte. Lange Zeit hieß es: ‚er ist‘, jetzt muss es heißen: ‚er war‘. Und was? Ein Reporter, Autor, Schriftsteller, wie es ihn ein zweites Mal nicht geben wird.

Was soll man über diesen begnadeten Geschichtenerzähler erzählen? Wo soll man anfangen? Bei dem 16jährigen Juden auf der Flucht aus Nazi-Österreich nach Frankreich und den USA? Bei der Befreiung des KZ Dachau, an der er als US-amerikanischer Staatsbürger mitwirkte? Beim jungen Reporter für die Sender RIAS, WDR und amerikanische Rundfunkstationen, beim ZDF, wo er als Sonderkorrespondent von Paris aus jahrzehntelang Sendereihen produzierte?

Ihn „Urgestein/Legende“ zu nennen – das wäre zu wenig. Georg Stefan Troller verkörperte das Eigentliche, das im Berufsstand des Journalisten steckt. Und wenn es – sogar heute und immer noch – eine gewisse Achtung vor dem journalistischen Berufsstand und seinen Arbeitsweisen gibt, ist das zu einem erheblichen Teil seinem Wirken geschuldet. Trollers Fähigkeit in den von ihm geführten Interviews die Balance eines erkenntnisreichen Austauschs zu finden und zu halten, bleibt ein Maßstab für journalistische Arbeit schlechthin, auch in der kakophonischen Ära des Influencements im Dschungel der sozialen Medien. Es ist Trollers Arbeitsweise, die ihn für die Nachwelt kenntlich macht.

Tausende von Kolleg*innen haben versucht, ihre Formate, ihre Produkte so zu gestalten, wie es Troller in seinen Dokumentationen, Filmen und Reportagen vorgemacht hat. Lassen wir einfach offen, wie es in jedem Einzelfall gelungen ist.

Georg Stefan Trollers Fähigkeit, sich an seine Gesprächspartner heranzutasten, ihnen in jedem Moment das Gefühl seiner Achtsamkeit zu geben und am Ende doch mehr über sie zu erfahren, als sie preisgeben wollten, war seine Begabung – ein Virtuose auf der Klaviatur von Neugier und Respekt.

Georg Stefan Troller, der am 27. September 2025 in Paris verstorben ist, war im April 2019 im Alter von 97 – Gast des Fördervereins in der Villa Clementine, dessen keineswegs brüchige Stimme in mehrere Salons übertragen wurde. Viola Bolduan hat mit ihm damals ein Interview geführt, das hier angehängt sei:

Ein zauberhafter Moment: „Eintauchen in die verlorene Kindheit“

Georg Stefan Troller über sein neues Buch „Ein Traum von Paris“ und die Angst des Emigranten vor Sprachverlust

Georg Stefan Troller, Schriftsteller, Fernseh-Journalist und Dokumentarfilmer, hat ein neues Buch im Wiesbadener Römerweg-Verlag herausgebracht. „Ein Traum von Paris“ enthält frühe Texte und Fotos aus den 50er Jahren. Am 25.4. kommt der 97-Jährige aus Paris und stellt seinen Band im Veranstaltungszyklus des Fördervereins Literaturhaus zum Welttag des Buches, 19.30 Uhr, im Literaturhaus vor. Konzentriert und vital beantwortet er am Telefon in Paris Fragen aus Wiesbaden.

Herr Troller, wie kam es zur Veröffentlichung von „Ein Traum von Paris“?

Ja, das hat mich sehr ergriffen: Meine Tochter hat nach 60 Jahren unter dem Bett in einem Karton in der Wohnung meiner geschiedenen Frau diese Fotos gefunden, hat sie mir gebracht und gefragt: ,Kannst du damit irgendetwas anfangen?‘ Das war für mich ein zauberhafter Moment. Da war auf einmal ein Stück meiner Jugend wieder da. Fotos, an die ich nicht mehr gedacht, sondern geglaubt hatte, sie seien auf dem Müll gelandet.

 Sie hatten diese Fotos vor über 60 Jahren aufgenommen. Konnten Sie sich, nachdem sie wiederentdeckt waren, an die damalige Situation in Paris noch erinnern?

Eigentlich nur sehr wenig. Ich konnte mich aber an die Stimmung erinnern, in der ich diese Fotos aufgenommen hatte. Das ist auch einer der Gründe, warum das Buch „Ein Traum von Paris“ heißt, weil es weniger die Realität als der Traum von einem verschwundenem Paris war, in dem ich meine Kindheit wiederentdecken konnte. 

Diese Fotos damals bildeten vor allem Ihren eigenen „Traum von Paris“ ab?

Ja, das Lebensgefühl des Emigranten, dessen ganze Kindheit und Jugend zusammengebrochen war. Das Trümmer-Paris der Vororte hat mich an mich selbst erinnert. „Le petit peuple“ von Paris, die kleinen Leute, die armen Leute erinnerten mich irgendwie an mich. So empfand ich mich selbst damals.  

 Welchen Reiz hat denn eine in Bildern festgehaltene Vergänglichkeit?

Für mich entsteht der Reiz einer Zusammengehörigkeit: dass man einen Augenblick lang in die Vergangenheit eintauchen kann und wieder einen Moment lang dazu gehört. Das ist wie das Eintauchen in eine verlorene Kindheit, die man spurenweise wiederfindet.

 Inwiefern kann das Bild eine „Erlösung vom Wort“ sein, wie Sie in einem Ihrer Texte im Buch schreiben?

Es geht um die Angst vor dem Sprachverlust. Die hatte ich schon damals als junger Autor. Die Sprache zieht sich bei allen Emigranten langsam zurück. Sie tut es auch noch heute. Der Anspruch der Sprache ist nicht mehr zu erfüllen. Die Sprache ist beleidigt, weil du sie nicht mehr beherrschst. 

Aber Sie beherrschen die deutsche Sprache doch! Müssen Sie sich jedes Mal beim Schreiben überwinden?

Nein, keine Überwindung, aber es herrscht ein Angstgefühl, dass die Sprache nicht kommt. Das ist ein ganz wichtiger Bestandteil der Emigration bei Autoren und etwas, worüber sie nie schreiben. Die Texte zu schreiben, wird immer anstrengender, sie kommen nicht mehr von allein. Das ist ein Resultat von 60 Jahren Abwesenheit von der Heimat.

 Welche Texte haben Sie in diesem Buch zusammengestellt?

Ich habe für das Buch ältere Texte herausgesucht, die mehr oder weniger aus dieser Zeit stammen, meine frühen Erfahrungen und Entdeckungen in Paris, bevor ich es journalistisch zu sehen lernte. Als ich Paris noch als meine Geliebte ansehen konnte und nicht als mein Ausbeutungsobjekt.

 Kann Paris nicht auch beides sein?

Es muss beides sein. Aber man hat immer gemischte Gefühle dabei. Paris war ein Liebesverhältnis, auf einmal wird es ein Beschreibungs-objekt. Die Urgefühle zu Paris waren die zu einer schwer zu erobernden Geliebten, die verlieren sich dann und werden zu solchen, wie zu einer Ehefrau.

 Was kann ein Text im Unterschied zum Bild?

Das ist eine Frage, mit der ich mich immer auseinandergesetzt habe, auch in meinen Filmen. Im Fernsehen kann der Text das Bild ausdeuten, vertiefen, schärfen, der Text darf aber nie aussprechen, was das Bild schon aussagt. Ich habe das in meinen Interviews genannt: „Das Wort als Bild“. Das Wort muss mit dem Bild verschmelzen, muss eins mit ihm werden und eine höhere Einheit ergeben. Darum habe ich mich in meinen Filmen immer bemüht. Je kürzer der Text, je zugespitzter, umso besser. Und am Mikrofon noch einmal einen Satz zu streichen, ist ein Triumph. Das Bild reicht. Das Bild spricht. Ich bin ein großer Bewunderer des Bildes.

 Das ist in Fernseh-Interviews heute aber anders…

Es wird viel gequatscht. Die Leute zeigen sich selbst im Bild, und der Troller hat sich nie im Bild gezeigt. Ich wollte, dass man sich auf die Leute konzentriert, über die ich gedreht hatte und nicht zeigen, dass der Troller da sein Mikrofon hinhält.

Ist Fernsehjournalismus denn eitler geworden?

Ja, aber was ich hatte, war eine versteckte Eitelkeit. Ich wollte wirken, ohne, dass ich mich zeige. Das war die Kunst. Dass das ganz persönlich wirken sollte, unverwechselbar, war schon meine Absicht. Ich wollte eine persönliche Einstellung zeigen – aber, ohne mich zu produzieren. Wie ein Filmregisseur, der sich ja auch nicht zeigt, aber in jeder Einstellung drin ist.

Fotos 

c Förderverein Literaturhaus / dokumentarfilm. info WDR/BR

 

Der Autor beschreibt in „Coast Road“ die Situation unglücklicher Ehen kurz vor dem Referendum gegen das bis 1994/95 rechtsgültige Scheidungsverbot in Irland. Selbst dieses Referendum wurde nur mit hauchdünner Mehrheit angenommen. Diese strikte Familienpolitik war vor allem dem starken Einfluss der katholischen Kirche zu verdanken. Im Roman ist Pfarrer Brian freilich ein aufmerksamer und aufgeschlossener Gesprächspartner, weswegen er auch später aus seiner Gemeinde entfernt werden wird.

Im Mittelpunkt des Buchs stehen zwei Frauen, Izzy und Colette, die – so unterschiedlich sie auch sind – sich einander anfreunden. Colette ist diejenige, die sich aus den kleinstädtischen Fesseln befreit hatte, nun aber gescheitert wieder in den Heimatort zurückgekehrt ist. Bewundert und gleichzeitig auch abgelehnt wird ihr Schicksal bis zu seinem tödlichen Ende erzählt. Die Iren erzählen gern, sagt Alan Murrin im Gespräch, sie glaubten oft mehr einer erzählten Geschichte als nachprüfbaren Fakten. Auch davon wiederum erzählt sein Roman.