Widad, vor Kurzem hast Du in Italien den internationalen Camaiore-Poesie-Preis für „Ein Kontinent namens Körper“ erhalten. Das ist ein Gedicht, das Du für eine Aufführung im Berliner Theater der Neuköllner Oper geschrieben hast und das Dich und Aleppo, die Stadt in Syrien, in der Du gelebt hast, zum Thema hat. Hattest Du dafür mit einem Preis rechnen können?

Tatsächlich war der Preis eine Überraschung – für mich, den Verlag und auch für den Übersetzer. Er gehört zu den wichtigsten und renommiertesten Literaturpreisen für Lyrik in Italien; er wird seit 1950 verliehen, und bedeutende Namen, wie die bekannte italienische Dichterin Alda Merini, sowie der Literaturnobelpreisträger Seamus Heaney haben ihn bereits erhalten. Da ich jedoch eine Dichterin aus einer Region bin, die in den westlichen Medien oft als Ort des Terrorismus und des Islamismus dargestellt wird, hatte niemand damit gerechnet, dass der Preis an eine Autorin von dort gehen könnte. Doch die Stimme der Poesie erwies sich als stärker als alle geografischen, nationalen oder politischen Grenzen.

In Deinem neuen auf Deutsch erschienenen Buch „Wurzeln schlagen“ schreibst Du im ersten Essay über Deine Lesereise durch Italien und wie Du zwischen Italienisch und Arabisch die deutsche Sprache als Art Heimat empfunden hast. Ist Deutsch jetzt zu Deiner Sprache geworden?

Ich kann diese Frage nicht eindeutig beantworten. Aber ich kann sagen: Ich lebe zwischen drei Sprachwelten – Kurdisch, Arabisch und Deutsch –, und all diese sprachlichen Welten tragen dazu bei, meine Identität, mein Schreiben und mein Denken zu formen. Manchmal überrascht es mich selbst, dass ich, wenn ich meinem Kind strenge Anweisungen geben will, auf Deutsch spreche – als ob die Struktur einer Sprache Einfluss darauf hätte, wie man sie im Leben verwendet. Und wenn ich sehr emotional bin, spreche ich mit ihm Kurdisch. In verschiedenen und vielfältigen Sprachwelten geboren zu werden und zu leben, verändert ständig die eigene Identität, das Denken und die Sicht auf die Welt. Und genau das liebe ich an meinen Sprachwelten – auch wenn ich mich manchmal in ihren komplexen grammatikalischen Strukturen verliere.

Welche Bedeutung hat die Tatsache, dass Du Mutter bist für die Notwendigkeit, Wurzeln zu schlagen, wie es im Titel der neuen Publikation heißt?

Die Mutterschaft hat mich auf direkte und zugleich schmerzhafte Weise mit der Frage nach Zugehörigkeit und Wurzeln konfrontiert. Bevor ich Mutter wurde, hatte ich mich mit der Idee des Exils abgefunden – nicht nur mit dem geografischen, sondern auch mit dem psychischen und sprachlichen Exil. Doch die Mutterschaft hat mich mitten in die Realität gestellt.
Wir leben in einem Land, das immer wieder Phasen des Erstarkens der extremen Rechten erlebt und Probleme im Umgang mit Migration hat.
Selbst Menschen, die hier geboren wurden und deren Eltern ebenfalls hier geboren sind, werden wegen ihrer sogenannten „Migrationswurzeln“ oft nicht wirklich als Deutsche betrachtet. Im Kindergarten, in der Schule, an der Universität oder im Beruf hören sie immer wieder die gleiche Frage: „Aber woher kommt deine Familie?“ Als ob man nur dann wirklich deutsch wäre, wenn man weiße Haut und helle Augen hat. Das ist ein veraltetes, mittelalterliches und rückständiges Verständnis von Identität. Denn die Identität eines Landes verändert sich – wie seine Menschen auch – mit der Zeit, durch Migration und durch das Vermischen von Kulturen. Mit der Geburt meines Kindes befand ich mich in einem Kampf – im Kampf gegen ein festgefahrenes Verständnis deutscher Identität gegen Rassismus, gegen Vorurteile und gegen stereotype Vorstellungen davon, was es bedeutet, deutsch zu sein. Deshalb habe ich mehrere Texte geschrieben. Wenn meinem in Berlin geborenen Kind – das Deutsch als Muttersprache spricht und dessen ganzes Leben hier stattfindet – erlaubt wird, in diesem Land Wurzeln zu schlagen, dann werde auch ich es ihm gleichtun und ebenfalls Luftwurzeln schlagen.

Die Entstehungszeiten der 17 Essays im Band sind rückläufig von 2025 bis 2017, mithin enthält das Buch die Geschichte einer kontinuierlichen Entwicklung vom Ankommen in Deutschland, das Dir durch die „Zuflucht in Literatur“ erträglich wurde, über den Widerspruch, dass das Land Dir einerseits Schutz bietet, Dich andererseits aber als Fremde einordnet, bis hin zur deutschen Staatsbürgerschaft. Was hast Du innerhalb dieser zehn Jahre über Dich selbst gelernt?

Als ich die ersten Texte bis hin zu den letzten, die ich geschrieben habe, noch einmal las, fiel mir auf, dass ich mich stark verändert habe – ebenso wie meine Gedanken über Konzepte, wie Heimat, Zugehörigkeit, Integration, Migration, Grenzen usw. Mir wurde auch bewusst, dass sich meine Identität in diesen zehn Jahren ständig gewandelt hat und mit jeder neuen Erfahrung und jeder neuen Sprache reicher geworden ist. Dieses Buch hat mich daran erinnert, dass ich eine Schriftstellerin bin, die sich verändert und weiterentwickelt – nicht an die Grenzen der Vergangenheit oder an einen erlebten Krieg gebunden, sondern jemand, der unablässig unter die Oberfläche des Bewusstseins gräbt, um neue Welten und Leben zu formen.

Neben Deiner Tagesarbeit, aller Bürokratie und häuslichen Arbeit für die Familie, wie viel Zeit bleibt Dir für die Literatur?

Eigentlich nicht viel. Meinen neuen Gedichtband, der vor einem Monat auf Arabisch erschienen ist, habe ich in der Zeit fertiggestellt, in der ich mit dem Zug zur Arbeit hin- und zurückgefahren bin. Einen Teil der Gedichte habe ich in den Zügen geschrieben, und manchmal habe ich mir ein wenig Zeit „gestohlen“ und mich in die Leseecke der Hugendubel-Buchhandlung gesetzt, um dort zu schreiben.

Wie stark fühlst Du Dich in der literarischen Szene Berlins eingebunden und aufgehoben?

Ich denke, auf den ersten Teil der Frage sollten eher die literarischen Institutionen in Berlin antworten, nicht ich. Was den zweiten Teil betrifft: Berlin hat mir viel gegeben, aber zugleich ist die Stadt stark von den persönlichen und politischen Ansichten derjenigen geprägt, die diese Institutionen leiten. So gab es beispielsweise in den Jahren 2016 bis 2019 ein starkes Interesse daran, die literarischen Werke von Autorinnen und Autoren mit Migrationshintergrund zu präsentieren – im Zusammenhang mit der damaligen Flucht- und Migrationswelle. Heute liegt der Fokus jedoch eher auf anderen literarischen Themen, abhängig von der aktuellen politischen Situation. Das bedeutet, dass der Schwerpunkt weniger auf der Literatur liegt, die wir als Menschen mit Migrationshintergrund schaffen, sondern vielmehr darauf, eine Art literarisches Zeugnis über die politische Lage als „migrantische Stimme“ in Deutschland zu geben.

Vom „Weiterschreiben“-Stipendium in Wiesbaden über die Auszeichnung  der Stadtschreiberin in Neuruppin bis zum diesjährigen Poesie-Preis in Camaiore – wie wichtig sind solche Anerkennungen für Deine schriftstellerische Arbeit?

Preise verleihen der literarischen Arbeit an sich keine Bedeutung, denn ihr Wert liegt in ihrer Qualität, nicht in dem Glanz, der den Autor umgibt. Gleichzeitig sind sie jedoch eine wichtige Anerkennung dafür, dass der Autor mehr Leser erreicht und sein Werk Einfluss auf deren Leben hat.
Literarische Stipendien sind ebenfalls von großer Bedeutung, da sie dem Autor Zeit und die nötigen finanziellen Mittel geben, um zu schreiben, ohne ständig an seine Rechnungen denken zu müssen.

Du warst vor Kurzem mit „Wurzeln schlagen“ auf der Frankfurter Buchmesse – wie hast Du beides, Deinen Auftritt und die Messe, erlebt?

Es war für mich etwas sehr Besonderes – dieses Gefühl, als ich die Messe betrat. Es war bereits das vierte Mal, dass ich dort teilnahm, doch zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, am richtigen Ort zu sein und genau zu wissen, wohin ich gehen sollte. Früher fühlte ich mich immer wie eine fremde Besucherin, doch dieses Mal hatte ich das Gefühl, dass dieser Ort zu mir gehört und dass ich dort wirklich Wurzeln geschlagen habe.

Fotos: privat

„Having a Coke with You / is even more fun than going to San Sebastián“, beginnt eines der Gedichte Frank O’Haras, gerichtet an seinen Geliebten, den Tänzer Vincent Warren, und der Satzbeginn (in der deutschen Übersetzung: „Auf eine Cola mit dir“) ist gleichzeitig Titel des neuen Romans des baskischen Autors Beñat Sarasola. Autor und Buch ist ein Abend des Fördervereins Literaturhaus im Oktober 2025 im Literaturhaus gewidmet, der außerordentlich gut besucht, nach der Lesung mit Schauspieler Uwe Kraus mit einem Empfang für Mitwirkende sowie Gäste aus Wiesbadens baskischer Partnerstadt San Sebastián und dem hiesigen Partnerschaftsverein abschließt.

Beñat Sarasola war auf dem Literaturfestival „Ins Offene“ 2024 bereits aufgetreten mit einem Kapitel aus dem in diesem Jahr veröffentlichten Roman, dessen Übersetzung damals der Förderverein in Auftrag gegeben hatte. Die damalige Lesung hatte Lothar Wekel, Leiter des Verlagshauses Römerweg, veranlasst, den kompletten Roman in deutscher Übersetzung (von Cristina Bendel) zu publizieren.

Vereinsvorsitzende Rita Thies moderiert die Premiere im Literaturhaus mit Dolmetscher und Schauspieler Uwe Kraus als Sarasolas deutsche Lesestimme. Rita Thies hat aus ihrer Zeit als Wiesbadener Kulturdezernentin den Kontakt zur baskischen Partnerstadt und insbesondere zum früheren Kollegen Ramon Etxezarreta, Gast dieses Abends, stets bewahrt.

Wie ist Beñat Sarasola auf Frank O’Hara als Protagonist seines Romans gekommen? Auf dem Podium im Roten Salon stellt Rita Thies Fragen an den Autor. Dessen Gedichte haben ihn begeistert, sagt er und hat diese reimlose, lebendige und direkte „occasional poetry“ (Gelegenheitspoesie) ins Baskische übersetzt. Aus dem Wissen über O’Haras Leben und Werk heraus entstand die Idee zu diesem biografischen doch auch fiktionalen Roman, der mit den Gedichten der Hauptfigur arbeitet, wie auch mit Werken der bildenden Kunst spielt, mit denen Frank O’Hara als Kurator-Assistent im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) in Berührung kam.

Uwe Kraus liest aus dem Romananfang Franks Bewunderung für den geliebten Tänzer Vincent und wie der wiederum in den auch in den USA bigotten 60er Jahren auf seinen öffentlichen Ruf achtet und die homosexuelle Beziehung verbergen will. Und doch habe es dort mehr Freiheit als im Spanien der Franco-Zeit („Generalissimus“ von Spanien von 1936 bis zu seinem Tod 1975) gegeben, sagt der Autor. O’Haras Begegnung mit spanischen Kunstfunktionären anlässlich der Ausstellung neuer spanischer Malerei und Skulpturen 1960 im MoMA hören wir im angenehmen Klang der Stimme von Uwe Kraus.

Beñat Sarasola: Der Protagonist seines Romans habe ein Leben wie eine „permanente Party von Liebe und Kunst“ geführt, dies in seinen Gedichten formuliert und er selbst wiederum aus den Gedichten einen Roman entstehen lassen. Viele wollten ihn anschließend erstehen und vom Autor signieren lassen, weshalb Beñat Sarasola spät erst zu den anschließend die Buch-Premiere Feiernden stieß, dann aber lange blieb. Tags darauf: Besuch der Frankfurter Buchmesse.

Auf dem Foto (v.l.): Vertreterin der Stadt, Vereinsvorsitzende Rita Thies, Autor Beñat Sarasola, Sprecher Uwe Kraus, Verleger Lothar Wekel und Ramon Etxezarreta, Literaturexperte aus San Sebastián. c: Viola Bolduan 

Fast 104 Jahre ist er alt geworden und wenn man ihn auf jüngeren Fotos ansieht, entdeckt man in seinen Augen die unsterbliche Rastlosigkeit seines Berufstandes. Was wird kommen? Was könnte noch kommen?

Man muss Georg Stefan Troller attestieren, dass keines seiner 103 Jahre etwas Saturiertes, Zufriedenes hatte. Lange Zeit hieß es: ‚er ist‘, jetzt muss es heißen: ‚er war‘. Und was? Ein Reporter, Autor, Schriftsteller, wie es ihn ein zweites Mal nicht geben wird.

Was soll man über diesen begnadeten Geschichtenerzähler erzählen? Wo soll man anfangen? Bei dem 16jährigen Juden auf der Flucht aus Nazi-Österreich nach Frankreich und den USA? Bei der Befreiung des KZ Dachau, an der er als US-amerikanischer Staatsbürger mitwirkte? Beim jungen Reporter für die Sender RIAS, WDR und amerikanische Rundfunkstationen, beim ZDF, wo er als Sonderkorrespondent von Paris aus jahrzehntelang Sendereihen produzierte?

Ihn „Urgestein/Legende“ zu nennen – das wäre zu wenig. Georg Stefan Troller verkörperte das Eigentliche, das im Berufsstand des Journalisten steckt. Und wenn es – sogar heute und immer noch – eine gewisse Achtung vor dem journalistischen Berufsstand und seinen Arbeitsweisen gibt, ist das zu einem erheblichen Teil seinem Wirken geschuldet. Trollers Fähigkeit in den von ihm geführten Interviews die Balance eines erkenntnisreichen Austauschs zu finden und zu halten, bleibt ein Maßstab für journalistische Arbeit schlechthin, auch in der kakophonischen Ära des Influencements im Dschungel der sozialen Medien. Es ist Trollers Arbeitsweise, die ihn für die Nachwelt kenntlich macht.

Tausende von Kolleg*innen haben versucht, ihre Formate, ihre Produkte so zu gestalten, wie es Troller in seinen Dokumentationen, Filmen und Reportagen vorgemacht hat. Lassen wir einfach offen, wie es in jedem Einzelfall gelungen ist.

Georg Stefan Trollers Fähigkeit, sich an seine Gesprächspartner heranzutasten, ihnen in jedem Moment das Gefühl seiner Achtsamkeit zu geben und am Ende doch mehr über sie zu erfahren, als sie preisgeben wollten, war seine Begabung – ein Virtuose auf der Klaviatur von Neugier und Respekt.

Georg Stefan Troller, der am 27. September 2025 in Paris verstorben ist, war im April 2019 im Alter von 97 – Gast des Fördervereins in der Villa Clementine, dessen keineswegs brüchige Stimme in mehrere Salons übertragen wurde. Viola Bolduan hat mit ihm damals ein Interview geführt, das hier angehängt sei:

Ein zauberhafter Moment: „Eintauchen in die verlorene Kindheit“

Georg Stefan Troller über sein neues Buch „Ein Traum von Paris“ und die Angst des Emigranten vor Sprachverlust

Georg Stefan Troller, Schriftsteller, Fernseh-Journalist und Dokumentarfilmer, hat ein neues Buch im Wiesbadener Römerweg-Verlag herausgebracht. „Ein Traum von Paris“ enthält frühe Texte und Fotos aus den 50er Jahren. Am 25.4. kommt der 97-Jährige aus Paris und stellt seinen Band im Veranstaltungszyklus des Fördervereins Literaturhaus zum Welttag des Buches, 19.30 Uhr, im Literaturhaus vor. Konzentriert und vital beantwortet er am Telefon in Paris Fragen aus Wiesbaden.

Herr Troller, wie kam es zur Veröffentlichung von „Ein Traum von Paris“?

Ja, das hat mich sehr ergriffen: Meine Tochter hat nach 60 Jahren unter dem Bett in einem Karton in der Wohnung meiner geschiedenen Frau diese Fotos gefunden, hat sie mir gebracht und gefragt: ,Kannst du damit irgendetwas anfangen?‘ Das war für mich ein zauberhafter Moment. Da war auf einmal ein Stück meiner Jugend wieder da. Fotos, an die ich nicht mehr gedacht, sondern geglaubt hatte, sie seien auf dem Müll gelandet.

 Sie hatten diese Fotos vor über 60 Jahren aufgenommen. Konnten Sie sich, nachdem sie wiederentdeckt waren, an die damalige Situation in Paris noch erinnern?

Eigentlich nur sehr wenig. Ich konnte mich aber an die Stimmung erinnern, in der ich diese Fotos aufgenommen hatte. Das ist auch einer der Gründe, warum das Buch „Ein Traum von Paris“ heißt, weil es weniger die Realität als der Traum von einem verschwundenem Paris war, in dem ich meine Kindheit wiederentdecken konnte. 

Diese Fotos damals bildeten vor allem Ihren eigenen „Traum von Paris“ ab?

Ja, das Lebensgefühl des Emigranten, dessen ganze Kindheit und Jugend zusammengebrochen war. Das Trümmer-Paris der Vororte hat mich an mich selbst erinnert. „Le petit peuple“ von Paris, die kleinen Leute, die armen Leute erinnerten mich irgendwie an mich. So empfand ich mich selbst damals.  

 Welchen Reiz hat denn eine in Bildern festgehaltene Vergänglichkeit?

Für mich entsteht der Reiz einer Zusammengehörigkeit: dass man einen Augenblick lang in die Vergangenheit eintauchen kann und wieder einen Moment lang dazu gehört. Das ist wie das Eintauchen in eine verlorene Kindheit, die man spurenweise wiederfindet.

 Inwiefern kann das Bild eine „Erlösung vom Wort“ sein, wie Sie in einem Ihrer Texte im Buch schreiben?

Es geht um die Angst vor dem Sprachverlust. Die hatte ich schon damals als junger Autor. Die Sprache zieht sich bei allen Emigranten langsam zurück. Sie tut es auch noch heute. Der Anspruch der Sprache ist nicht mehr zu erfüllen. Die Sprache ist beleidigt, weil du sie nicht mehr beherrschst. 

Aber Sie beherrschen die deutsche Sprache doch! Müssen Sie sich jedes Mal beim Schreiben überwinden?

Nein, keine Überwindung, aber es herrscht ein Angstgefühl, dass die Sprache nicht kommt. Das ist ein ganz wichtiger Bestandteil der Emigration bei Autoren und etwas, worüber sie nie schreiben. Die Texte zu schreiben, wird immer anstrengender, sie kommen nicht mehr von allein. Das ist ein Resultat von 60 Jahren Abwesenheit von der Heimat.

 Welche Texte haben Sie in diesem Buch zusammengestellt?

Ich habe für das Buch ältere Texte herausgesucht, die mehr oder weniger aus dieser Zeit stammen, meine frühen Erfahrungen und Entdeckungen in Paris, bevor ich es journalistisch zu sehen lernte. Als ich Paris noch als meine Geliebte ansehen konnte und nicht als mein Ausbeutungsobjekt.

 Kann Paris nicht auch beides sein?

Es muss beides sein. Aber man hat immer gemischte Gefühle dabei. Paris war ein Liebesverhältnis, auf einmal wird es ein Beschreibungs-objekt. Die Urgefühle zu Paris waren die zu einer schwer zu erobernden Geliebten, die verlieren sich dann und werden zu solchen, wie zu einer Ehefrau.

 Was kann ein Text im Unterschied zum Bild?

Das ist eine Frage, mit der ich mich immer auseinandergesetzt habe, auch in meinen Filmen. Im Fernsehen kann der Text das Bild ausdeuten, vertiefen, schärfen, der Text darf aber nie aussprechen, was das Bild schon aussagt. Ich habe das in meinen Interviews genannt: „Das Wort als Bild“. Das Wort muss mit dem Bild verschmelzen, muss eins mit ihm werden und eine höhere Einheit ergeben. Darum habe ich mich in meinen Filmen immer bemüht. Je kürzer der Text, je zugespitzter, umso besser. Und am Mikrofon noch einmal einen Satz zu streichen, ist ein Triumph. Das Bild reicht. Das Bild spricht. Ich bin ein großer Bewunderer des Bildes.

 Das ist in Fernseh-Interviews heute aber anders…

Es wird viel gequatscht. Die Leute zeigen sich selbst im Bild, und der Troller hat sich nie im Bild gezeigt. Ich wollte, dass man sich auf die Leute konzentriert, über die ich gedreht hatte und nicht zeigen, dass der Troller da sein Mikrofon hinhält.

Ist Fernsehjournalismus denn eitler geworden?

Ja, aber was ich hatte, war eine versteckte Eitelkeit. Ich wollte wirken, ohne, dass ich mich zeige. Das war die Kunst. Dass das ganz persönlich wirken sollte, unverwechselbar, war schon meine Absicht. Ich wollte eine persönliche Einstellung zeigen – aber, ohne mich zu produzieren. Wie ein Filmregisseur, der sich ja auch nicht zeigt, aber in jeder Einstellung drin ist.

Fotos 

c Förderverein Literaturhaus / dokumentarfilm. info WDR/BR

 

Der Autor beschreibt in „Coast Road“ die Situation unglücklicher Ehen kurz vor dem Referendum gegen das bis 1994/95 rechtsgültige Scheidungsverbot in Irland. Selbst dieses Referendum wurde nur mit hauchdünner Mehrheit angenommen. Diese strikte Familienpolitik war vor allem dem starken Einfluss der katholischen Kirche zu verdanken. Im Roman ist Pfarrer Brian freilich ein aufmerksamer und aufgeschlossener Gesprächspartner, weswegen er auch später aus seiner Gemeinde entfernt werden wird.

Im Mittelpunkt des Buchs stehen zwei Frauen, Izzy und Colette, die – so unterschiedlich sie auch sind – sich einander anfreunden. Colette ist diejenige, die sich aus den kleinstädtischen Fesseln befreit hatte, nun aber gescheitert wieder in den Heimatort zurückgekehrt ist. Bewundert und gleichzeitig auch abgelehnt wird ihr Schicksal bis zu seinem tödlichen Ende erzählt. Die Iren erzählen gern, sagt Alan Murrin im Gespräch, sie glaubten oft mehr einer erzählten Geschichte als nachprüfbaren Fakten. Auch davon wiederum erzählt sein Roman.

Für das Thomas-Mann-Jahr seines 150. Geburtstags hat Martin Mittelmeier sein Buch „Heimweh im Paradies“ geschrieben. Es handelt von den Jahren 1938 bis 1952, die der Schriftsteller mit seiner Familie im amerikanischen Exil verbringt, er dort zum Mittelpunkt der vielen deutschen Emigranten wird, sich aber nicht immer ihnen gegenüber fein verhält. Beispielsweise bedient er sich allzu sehr beim musiktheoretischen Wissen seines Nachbarn in Los Angeles Theodor Adorno und übernimmt ungefragt Arnold Schönbergs musikalische Neuerungen für seinen „Doktor Faustus“-Roman.

Martin Mittelmeier erweist sich im Gespräch mit Moderatorin Viola Bolduan als eleganter und charmanter Partner und aufmerksamer Zuhörer, als Hanns Jörg Krumpholz Passagen aus seinem unterhaltsamen und lehrreichen Sachbuch liest. Schauspieler und Sprecher Krumpholz hat übrigens den gesamten Text „Heimweh im Paradies“ als Hörbuch eingelesen. Der Autor und er lernen sich aber zum ersten Mal persönlich auf dem Literaturfestival kennen. Eine Premiere der besonderen Art.

Mittagszeit am zweiten Festivaltag. Die Kleine Wilhelmstraße bebt; denn Hanns Jörg Krumpholz probt. Am Abend tritt er auf der Lesebühne auf mit seinem Programm „Meeting Bob Dylan“.  Von Jugend an fühlt sich der Schauspieler und begehrte Synchronsprecher dem amerikanischen Liedermacher und Literaturnobelpreisträger von 2016 verbunden und hat sich auch in dessen musikalische Welt eingearbeitet.

Der Tontechniker variiert die Hervorhebungen zwischen Stimme und Gitarrenklang. Der bekannte Wiesbadener Filmer Andrzej Klamt hält die Probe mit Kamera und Aufnahmegerät fest. Künstler Krumpholz ist nicht zufrieden mit seiner Performance. Bis zum Abend will er noch feilen.

Der Abend des 03.07. ist da. Die Kleine Wilhelmstraße ist bis auf den letzten Stuhl besetzt; die Liegestühle auf dem Rasen vor der Anglikanischen Kirche sind alle belegt, Besucherinnen und Besucher stehen dicht gedrängt am Portikus des Literaturhauses, als Christoph Nielbock (ehemaliger Leiter der Wiesbadener Musik- und Kunstschule, sowie der Akademie und Beiratsmitglied des Fördervereins Literaturhaus) in das neue Format einer musikalischen Aufführung mit Hanns Jörg Krumpholz einführt. Und Hanns Jörg Krumpholz unterhält anderthalb Stunden lang mit Gesang und Lesung aus Bob Dylans Biografie. Begeisterter Beifall. Zugaben und Publikumsrekord bei noch immer sommerlicher Temperatur.

Skeptisch hätte er, zugeneigt dem Bauhaus-Stil, die neobarocke Ausstattung des Roten Salons im Wiesbadener Literaturhaus betrachtet, fragwürdiger noch wäre ihm das große Interesse an seinem Leben vorgekommen, das aus vollbesetzten Stuhl-Reihen sprach. Da war es gut, dass der Förderverein Literaturhaus einen Autor als Brückenbauer zwischen Ludwig Wittgenstein, dem Architekten in Wien, Dorfschullehrer, Medikamentenboten und Professor der Philosophie in Cambridge eingeladen hatte, ihn als eigenwillige und menschenscheue, gleichzeitig sympathische und spannende Person vorzustellen. Markus Seidel lässt in seinem Roman „Die letzten Tage vor dem Schweigen“ Ludwig Wittgensteins letzte Lebenswoche im Haus von dessen Arzt Edward Bevan Revue passieren (vom 23. bis 29. April 1951) und liest nach der Begrüßung durch Vereinsvorsitzende Rita Thies daraus im Literaturhaus gemeinsam mit Schauspielerin und Kabarettistin Katalyn Hühnerfeld. Er schnell, sie rhythmisch. Sie bringen Erzählprosa und Dialoge mit verteilten Rollen in fliegendem Wechsel.

Ludwig Wittgenstein geht mit Mrs. Bevan ins Pub, geht mit dem 17-jährigen Nachbarjungen ins Kino und arbeitet am letzten Werk „Über Gewißheit“. Während dieser Alltagsbeschäftigungen lässt Markus Seidel seine Figur auf entscheidende Moment seines Lebens zurückblicken. So kündigt der Autor es in der Kurzvorstellung der biografischen Stationen an und liest daraufhin die entsprechenden Passagen über Wittgensteins pädagogischen Jähzorn, seinen Hang zum Perfektionismus und das Bedauern, dass sein Denken nicht verstanden werde. „Da hat er recht gehabt“, meint Markus Seidel, der selbst zumindest „nach und nach 70 Prozent“ davon begriffen hat, was der Philosoph hatte sagen wollen (im Erstling „Tractatus Logico-Philosophicus“, 1921; Spätwerk: „Philosophische Untersuchungen“, 1953).

Sein Buch von 185 kleineren Seiten  (Verlag Omnino) befasst sich aber nicht mit Wittgensteins Denkmodellen, sondern will dessen Persönlichkeitsstruktur nachzeichnen. „Ein einsamer Typ“, dieser jüngste Knabe von neun Kindern aus schwerreicher österreichischer Industriellen-Familie, der sein Millionenerbe später weggeben wird, um sich in der Praxis selbst zu erproben, ein „leidenschaftlicher Mensch“, der alles perfekt beherrschen will, kompromisslos anstrengend für seine Umwelt, oder auch, wie Markus Seidel sagt: „ein origineller und originärer Mensch“. In seinem Buch stellt er diesem empfindlichen Genie die mitfühlende, lebenskluge und klavierspielende Arztfrau Mrs. Bevan an die Seite, die den kranken Mann begleitet. Der 17-jährige Nachbarjunge taucht in der Lesung nicht auf, ist aber für den homosexuellen Professor die tröstliche Augenweide seiner letzten Tage.

„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“ – Wittgensteins einziger Satz im letzten Abschnitt seines „Tractatus“ hat Autor Markus Seidel mit seinem Roman – wie schön – nicht befolgt, sondern nach Robert Seethalers Muster eines Gustav-Mahler-Künstlerromans in „Der letzte Satz“ (2020) seine Wittgenstein-Prosa innerhalb von zwei Monaten sehr schnell geschrieben. Entstanden ist als „Mischung aus Fakt und Fiktion“ das Porträt eines schrillen Charakters, der seinen Ruf als depressiver Exzentriker sehr wohl zu bedienen wusste und am Ende seines Lebens als Botschaft an seine Freunde hatte weitergeben können: „Sagen Sie ihnen, dass ich ein wunderbares Leben gehabt habe.“ In Seidels Roman flüstert er den Satz in Mrs. Bevans Ohr – berührend genug, dass viele aus dem Publikum ihn nachlesen wollen, indem sie das Buch erwerben.

Im Larvenstatus lebt die Maifliege lange im Flussgrund, bis sie durch die Wasseroberfläche stößt in ihr kurzes Leben: eine Beute der Fische vor Tanz und Paarung. Neue Larven schlüpfen „und harren aus, bis ihr Tag gekommen ist“. Gut für den Angler Matthias Jügler, denn die Maifliege lockt Fische an. Und eine bessere Metapher für seine im Roman „Maifliegenzeit“ erzählte Geschichte hätte er als Autor nicht finden können. Denn das Fazit in der Mitte des Buchs stimmt eben auch für die literarische Aufdeckung einer Schattenseite der DDR-Vergangenheit: „Aber nur, weil sich etwas dem Blick so konsequent entzieht, heißt das nicht, dass es nicht existiert“: Der vorgetäuschte Säuglingstod mit anschließender Adoption durch fremde Eltern. Der 39-jährige, in Leipzig lebende Matthias Jügler erhält am 22. September, 11 Uhr, auf Burg Schwarzenstein für seinen Roman „Maifliegenzeit“ den Rheingau-Literatur-Preis 2024.

Dem Paar Hans und Katrin wird in Naumburg ein Kind geboren, das kurze Zeit später im Jenaer Kinderkrankenhaus für tot erklärt und von den Eltern begraben wird. Katrin hegt Zweifel; ihr Mann, Ich-Erzähler des Buchs, unternimmt nicht viel mehr, als dass er an der Unstrut liebend gern angeln geht. Viele Kapitel über diverse Fischarten, Köder, Fangtechniken fügt Matthias Jügler ein. Am Fluss sitzend und wartend erholt sich der Erzähler vom aufregenden Verdacht, dass der Säuglingstod nur hätte vorgetäuscht sein können. Seine Frau hat sich getrennt und ist schon gestorben, als sich nach 40 Jahren der totgeglaubte Sohn beim Vater meldet.

Soweit zur unerhörten Begebenheit, die offenbar nicht nur Fiktion ist. Die Jury schreibt zur Preisvergabe: „,Maifliegenzeit‘, der (Roman), der einen realen Verdachtsfall zur Vorlage hat, macht einen Schatten der Zeitgeschichte sichtbar, aber erhebt nicht den Anspruch aufzuklären, was damals geschah. Die Literatur bleibt bei sich: als Möglichkeitsraum.“

Die Leben, wäre das Kind nicht für tot gehalten worden, hätten einen anderen Verlauf genommen als unter der existenziellen Kränkung, der Trauer, der müden Abkehr in die Stille der Natur. Doch auch das reicht noch nicht für die insgeheime Wucht dieses Romans. Als Vater und Sohn sich nach langer Zeit begegnen, liegen sie sich eben nicht beglückt in den Armen – sondern der Sohn klagt an: Seine Eltern hätten ihn einfach weggegeben „wie ein Haustier, das einem nicht mehr gefällt“. Der Vater erkennt, dass der Sohn die Lüge für Wahrheit hält – und weiß nicht viel mehr als Anglergeduld dagegenzusetzen. Sie wird enttäuscht. In symbolischer Szene hat der Erzähler den größten Fisch am Haken und verliert ihn wieder… Und doch endet der Roman nicht völlig in Verzweiflung. Der Sohn will schließlich doch mit dem Vater angeln gehen – und wieder ist Maifliegenzeit.

Matthias Jüglers Roman hat ein Nachspiel. „Dieser Roman basiert auf historischen Begebenheiten“, so steht’s im Nachwort. „Seit einigen Jahren ist nachgewiesen, dass es in der DDR Fälle von vorgetäuschten Säuglingstod gab.“ Eine „Interessengemeinschaft gestohlene Kinder der DDR“ fordert umfassende Aufklärung. Etwa 2.000 Verdachtsfälle soll es geben. Dem hatte die frühere Landesbeauftragte für Aufarbeitung der SED-Diktatur in Sachsen-Anhalt  widersprochen: Es gebe keine wissenschaftlichen Belege. Betroffene freilich hegen Misstrauen und suchen weiter nach ihren verlorenen Kindern. Die Kontroverse aber ficht Matthias Jüglers sehr behutsam erzählten Roman in seinem „Möglichkeitsraum“ nicht an.

Interview Matthias Jügler zu seinem Roman „Maifliegenzeit“:

„Das Angelzeug kommt mit …“

Matthias Jügler erhält für seinen Roman „Maifliegenzeit“ am 22. September den Rheingau-Literatur-Preis 2024. Er spricht über sein Buch, die Debatte, die es ausgelöst hat und über die Auszeichnung.

Ist der Romantitel „Maifliegenzeit“ eine bewusste Camouflage für das Ungeheure fälschlich erklärten Säuglingstod in der früheren DDR, worüber Sie erzählen?

Ja und Nein. Die Maifliege als Eintagsfliege kann auch Symbol sein für das Kind, das da erst einmal weg ist.

Das Angeln dient der erzählenden Hauptfigur zur Beruhigung. Wozu noch?

Die Welt der Fische bietet überhaupt eine Menge literarischer Allegorien.

So auch die, wie mit Ihrem Roman nach Erscheinen umgegangen wurde, als er ein Tabu brach und sich eine öffentliche Debatte eingefangen hat?

Das kann man so sehen. Ich war schon sehr überrascht. Ich habe mich gefühlt, als ob ich in einen Zwei-Fronten-Krieg hineingeraten sei: Einerseits eine Art öffentlicher Gegendarstellung, andererseits Eltern, die sich bestätigt fühlten.

Wie gehen Sie mit dem öffentlichen Druck um?

Ich habe mir sehr schnell eine dicke Haut zugelegt. Ich brauche keinen Anwalt und bin kein Don Quixote. Ich bin Schriftsteller.

Was macht Literatur aus?

Literatur ist Geschichtenerzählen, ein Figurenexperiment, eine Versuchsanordnung.

Sie angeln, Sie schreiben – wie beeinflusst das eine das andere?

Wenn nicht beides, würde mir eines fehlen. Angeln ist im Vergleich aber einfacher – Schreiben ist Kopfarbeit.

Was bedeutet Ihnen der Rheingau-Literatur-Preis?

Er bedeutet mir wirklich viel und bestärkt mich, die Kontroverse nicht zu scheuen. Ich habe mich geradezu diebisch gefreut, gerade als Ostdeutscher literarisch so wahrgenommen zu werden.

Bringen Sie zur Preisverleihung Ihr Angelzeug mit?

Ja, es kommt in den Koffer.

Fotos: Franziska Hauser/Melina Wörsdorf              

Der Buchtitel nennt das Objekt, worüber erzählt wird: „Die Treppe“, geschrieben von Wolf von Lojewski, dem prominenten Journalisten, Fernsehmoderator, Dokumentarfilmer und Sachbuchautor. Und obwohl es diese Treppe tatsächlich gibt am Wohnort des Autors in Georgenborn als Überbleibsel des ehemaligen Schlosses Hohenbuchau, informiert er diesmal (nach seinen Büchern über Amerika und Ostpreußen) nur zum Teil über die historischen Fakten der verschiedenen Schloss-Besitzer und -Besitzerinnen – hauptsächlich schildert Wolf von Lojewski auf seiner „Treppe“ einen „Sommernachtstraum“, den er dort erlebt, beziehungsweise ersponnen hat.

Und wenn der Traum in seiner schriftlichen Form Literatur wird, erklärt Wolf von Lojewski, was er sich vorgenommen hat: „Es ist das Wesen von Literatur, in fremden Leben herumzukramen.“ In der Literatur der „Treppe“ tut er es, kramt aber vor allem in seinem eigenen Leben herum und holt zunächst aus ihm etwas heraus, das dem Traum einen stabilen Rahmen gibt.

Die Tatsache: Wolf von Lojewski war im Sommer 2011 von Gemeindevertretern in Georgenborn gebeten worden, zur Einweihung der Treppe als restauriertem Schloss-Rest eine Rede zu halten. Das tat er und schildert im Buch die Umstände.

Die Fiktion: Nach der Feierlichkeit wandelt sein Alter Ego durch den Schlosspark und gerät plötzlich hinein in eine verstörende Phantasmagorie. Ob es nicht doch zu viel Riesling mit anschließendem Grappa war, dass er nun im Scheinwerferlicht eines Drehorts steht, auf dem das Schloss wieder zum Leben erweckt wird und er am Filmgeschehen teilnehmen soll? Nein, denn der Autor träumt ja wirklich, dass da auf dem Platz des früheren Schlosses die verschiedenen Etappen der Hohenbuchau-Historie nachgespielt werden. Und mehr als das: Im Verlauf des Traumspiels wird die Frage laut, warum die menschlichen Schicksale in diesem Schloss allesamt nicht glücklich verlaufen waren und wer verantwortlich sei für Unglück, Unheil und Ungerechtigkeit auf der Welt.

Die Utopie: Ein Computerspiel könnte doch im Rückgriff korrigierend in schlingernde Lebenslinien eingreifen, meint die Versuchung.

Nein, entschieden wendet sich das Erzähler-Ich gegen Gedankenspiele dieser Art und – wie kritisch es auch sich selbst gegenüber verhält – sich lieber einer göttlichen Instanz zu. Gott kommt vor. In schöner Zurückhaltung. Und so hört sich der Erzähler auf die Frage „Ist alles, was wir Menschen auf dieser Welt erleben oder erleiden, der Wille Gottes?“ – nicht ohne Erstaunen – antworten: „Ja!“

Wolf von Lojewski schreibt mit brillant funkelnder Fantasie die Geschichte des Schlosses Hohenbuchau und gleichzeitig eine Art skeptisch vorgetragenes Lebensresümee. Und dies in einem Tonfall, der auch eine Antwort gibt, wie Welt zu ertragen wäre: mit sehr viel Ironie bis zu ihrer höchsten Form der Selbstironie, das probateste literarische Mittel gegen Depression, Zweifel und Verzweiflung.

„Die Treppe“ ist nicht nur – wie abgebildet auf dem Cover – ein steinerner Zugang zu einem nicht mehr vorhandenem Schloss, sondern in diesem Buch ein flexibler zum Denken und zur träumerischen Fantasie seines Autors Wolf von Lowjeski.

Auf dem Literaturfestival des Fördervereins Literaturhaus hat Wolf von Lojewski am 21.06. sein Buch vorgestellt. Schauspieler Uwe Kraus hat ausgewählte Passagen gelesen. Es war ein schöner Erfolg.

Wolf von Lojewski: „Die Treppe. Ein Sommernachtstraum“. 140 Seiten. 14 Euro. Zu beziehen über www.asku-presse.de oder in jeder engagierten Buchhandlung.

Am Nikolausabend, 6. Dezember 2023, waren Mitglieder des Rotary-Clubs Wiesbaden-Kochbrunnen zu Gast im Literaturhaus. Clubmitglied und Vorsitzende des Fördervereins Literaturhaus Wiesbaden, Rita Thies, hatte eingeladen, die großbürgerlichen Räumlichkeiten zu bestaunen. Nach ihrer Vorstellung des Hauses und der Begrüßung durch die derzeitige Club-Präsidentin Christine Rother stellte Buchhändlerin Jutta Leimbert (Buchhandlung Vaternahm) im voll besetzten Roten Salon anschaulich ihre Lieblingsbücher der Saison vor, die im Anschluss auch ihre eigenen Liebhaber*innen fanden. Andere bildeten derweil Schlangen vor dem reichhaltigen Fingerfood-Büffet, bestellten Wein und Wasser an der von Fördervereins-Mitgliedern besorgten Theke und alle sammelten sich dann im Café an adventlich dekorierten Tischen zu anregendem Gespräch. Rund 40 Personen erlebten einen stimmungsvollen Abend, an dem ein Auftritt des Clubmitglieds Manfred Kühn traditionsgemäß nicht fehlen durfte. Der ältere Herr erinnerte als Pfarrer i.R. an die Entstehung und Entwicklung des Nikolaus-Kults innerhalb des Christentums und erhielt für seine Rede viel Beifall.