Autor Ingo Schulze spricht sich im Interview über seinen neuen Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ für den Dialog und das Lebendige der Literatur aus. Wie eng und schillernd er die drei Teile seines Romans aufeinander bezogen hat, erschließt sich erst ganz am Ende des Buchs. Da heißt es also: dran bleiben. Am 26. August hat Ingo Schulze das Buch im Kulturforum Wiesbaden vorgestellt und sich dabei als sympatisch offener Gesprächspartner erwiesen.

Herr Schulze, hätte Ihre Hauptperson, Antiquar Norbert Paulini, sein im Roman dargestelltes Leben so auch in West-Deutschland leben können?

Ja, natürlich, aber es hätte anders ausgesehen. Wer 1953 im Osten geboren wurde und dort blieb, hat natürlich eine andere Sozialisation als jemand desselben Jahrgangs im Westen. Aber ich vermute, dass er auch im Westen Antiquar geworden wäre. Die Schwierigkeit, über ihn zu sprechen, liegt darin, dass wir letztlich ja gar nicht wissen, wie dieser Paulini wirklich war, er ist eine Projektion, das wird im zweiten Teil klar. Er erfährt eine Überhöhung.

Welchen Unterschied in der Begeisterung für Literatur stellen Sie im Rückblick für Ost- und West-Deutschland fest?

Ich kann das schwer vergleichen, weil ich bis zum Mauerfall nie im Westen gewesen bin. Die Verfügbarkeit von Literatur war im Westen eine andere, was nicht heißt, dass man da alles auf dem Silbertablett bekam. Im Westen war es wohl eher eine Frage des Geldes, im Osten eher eine Frage, da überhaupt heran zu kommen. Und wenn etwas Mangelware ist, dann bekommt es noch einen anderen Stellenwert. Im Osten waren die ideologischen Markierungen vordergründiger. Da führte die Literatur unmittelbar in die täglichen Auseinandersetzungen, ihre gesellschaftliche Bedeutung war enorm. War ein Buch im Osten erschienen, konnte man damit argumentieren. Deshalb vergrößerte jedes gute Buch den eigenen Spielraum.

Literaturversunkenheit führt im Falle Paulinis zu gefährlicher Weltfremdheit. Wovor bewahrt die größte Literaturkenntnis nicht? Oder mehr noch: Was behindert sie?

Als Leser weiß ich ja, welch enorme Bedeutung die Literatur für mein Leben hat. Aber wie in der Philosophie oder der Theologie, kommt es halt darauf an, welche Bücher und Autoren man liest und wie man sie interpretiert. Als ich jetzt wieder den „Hyperion“ las, war es mir unbegreiflich, wie Hölderlin für den Nationalsozialismus eingespannt werden konnte. Es ist immer ein Kampf der Erzählungen und Interpretationen. Aber ich weiß auch aus meinem Alltag, dass große Literaturgeister nicht unbedingt große Charaktere sein müssen. Wenn etwas gegen das Abrutschen in menschenfeindliche Gesinnungen hilft, dann nur die alltägliche Praxis, in der man ein anderes Verhalten „einübt“.

Nicht nur der Antiquar, auch der Autor verschreibt sich notabene der Verführungskraft der Literatur … wie schützen Sie sich selbst vor den Anfechtungen, die Ihre Figur erfährt?

Ich bin gerade dabei, die Laudatio auf Dzevad Karahasan zu schreiben, der den Goethe-Preis erhalten wird. Er macht immer wieder klar, wie wichtig das Gegenüber als Gesprächspartner ist und nicht als Bedrohung, als Feind. Und das schreibt er auch, während er im besetzten Sarajevo im Keller eines Hauses sitzt, während oben die Granaten einschlagen. Ich halte mit Dzevad Karahasan das berühmte „Cogito ergo sum“ von Descartes für einen Irrweg, weil bei aller Grandiosität von Descartes das Dialogische nicht vorkommt. Und wie soll ich meinen eigenen blinden Fleck erkennen – und den zu erkennen, ist ja die Aufgabe jeder Selbstaufklärung –, wenn ich kein Gespräch führe?

Worin besteht der Unterschied zwischen Liebe zur Literatur und „kontextlosem Ästhetizismus“, dessen Paulini sich schuldig macht?

Liebe zur Literatur ist etwas Lebendiges, wie jede Liebe. Es geht da nicht um Erfüllung von Normen. Ich werde immer nervös, wenn ein Buch gelobt wird mit einem Satz wie, „das sei gut geschrieben“. Das „gut schreiben“ ist nicht das Problem, das kann man mit etwas Begabung und Fleiß und guten Vorbildern auch lernen. Die Frage ist, wie verhält sich der Stil zum Stoff, wie angemessen ist er und was bedeutet das für mich als Leser in meiner Welt. Wir kennen es doch aus der Kunst oder der Musik, da kann gerade das Unpassende, scheinbar nur Gekritzelte oder Misstönende das Richtige sein.

Es ist ein Roman über die Literatur selbst – mit ungeheuer vielen Titel-Aufzählungen und Zitaten. Wie haben Sie sich diese Listen erarbeitet, und inwieweit muss Publikum diese geballten Anspielungen erkennen?

Es geht allein darum, die Figur des Antiquars zu charakterisieren. Da hat mir auch ein Freund viele Hinweise gegeben. Paulini musste als Antiquar denken, und ein Antiquar wie er, so stelle ich mir das zumindest vor, kennt halt viel Literatur und weiß durch seine Zitate auch zu beeindrucken.

Sie feiern im Buch auch stark die Elb-Landschaft bei Dresden – welche Bedeutung hat sie für Sie?

Das ist meine Kindheits- und Jugendlandschaft. Und ich bin immer wieder neu fasziniert, wie Dresden als Stadt mit der Elbe umgeht, das ist wunderschön, man lebt auf den Fluss hin, es gibt die Elbwiesen, die Umgebung von Meißen flussabwärts über Pillnitz und Pirna flussaufwärts bis hinein ins Elbsandsteingebirge sind atemberaubend schön und ein regelrechter Kulturspeicher. Man könnte sein Leben damit verbringen, das alles zu erkunden.

Sie spielen mit sich selbst als Autor namens Schultze, der in Teil 1 das Leben Paulinis referiert, in Teil 2 die eigene Begegnung mit Paulini schildert, und wir erfahren über des Autors Lektorin vom Manuskript des 1. Teils im letzten Teil. Wie viel Spaß hat es gemacht, qua Struktur am Ende dazu aufzufordern, den gesamten Roman noch einmal von vorn zu lesen?

Das freut mich, wenn Sie das so sehen. Ich habe aber nicht vorher gewusst, dass das, was ich da schreibe, einmal so aussehen wird.  Teil zwei und drei sind jeweils erst während des Schreibens notwendig geworden. Als es nach einigen Irrwegen dann so war, wie es jetzt im Buch aussieht, war ich sehr erleichtert. Diese Struktur ermöglicht es auch mir, mir als Leser Konstellationen vorzustellen, an die ich während des Schreibens überhaupt nicht gedacht habe.

In welcher der Erzählstimmen sind Sie sich selbst am nächsten?

Wenn überhaupt, dann nur in der Gesamtheit. Es hat ja jede Figur im Buch was für sich, aber jede wird auch fragwürdig.

Von „rechtschaffenen Menschen“ wird auf den letzten Buchseiten gesprochen – den Sprung zum Titelwort „Mörder“ überlassen Sie nun ganz Ihrem Lesepublikum?

Ja. Die Figur des Juso Podzan Livnjak ist sehr wichtig, der bei mir das Antiquariat von Paulini weiterführt. Ich habe mir diese Figur aus Karahasans Roman „Der Trost des Nachhimmels“ ausgeborgt. Da kommt plötzlich jemand, der noch ganz andere Erfahrungen besitzt als die anderen Figuren. Vor zwei Wochen fragte eine Frau nach einer Lesung: ,Sind wir nicht alle auch rechtschaffene Mörder?‘ Sie meinte das im Sinne unseres Alltags, welche Auswirkungen hat unser way of life für andere.

„Literatur und Leben ist zweierlei“, steht im Roman. Ist es da kein Widerspruch, dass Ihre Literatur doch auch zum Leben derer, die Sie lesen, beitragen will?

Das sage ja nicht ich, das sagt ein ziemlich aufgebrachter, von der Autorenfigur Schultze porträtierter Paulini, der zu in diesem Moment ziemlich weit rechts gelandet ist. Literarische Figuren treten doch in unser Leben ein, so wie wir in das ihre eintreten. Nicht, dass ich sie mit wirklichen Menschen verwechseln würde, aber in ihrer Bedeutung für mich kommen sie einander oft recht nahe.

„Die Dichter müssen lügen“, lesen wir auch in Ihrem Buch. Was dürfen/sollen wir Ihnen aber dennoch glauben?

Es geht um die Stimmigkeit der Geschichte. Für einen Roman spielt es keine Rolle, ob sich das alles tatsächlich so zugetragen hat oder, wie in meinem Fall, erstunken und erlogen ist.

Wenn Sie in Wiesbaden aus „Die rechtschaffenen Mörder“ lesen, welche Erinnerungen haben Sie an die Stadt?

Das Buchhändlerehepaar Vaternahm hatte mich schon mit meinem ersten Buch zu einer Lesung eingeladen und mir dann die Treue gehalten. Ich glaube, ich habe wirklich jedes meiner Bücher in Wiesbaden ziemlich bald nach dessen Erscheinen vorstellen dürfen. Das verbindet einen natürlich mit der Stadt. Und seit Frank Witzels „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion …“ und seines jüngsten Romans fühle ich mich in Wiesbaden regelrecht heimisch.

Ingo Schulze: „Die rechtschaffenen Mörder“. S. Fischer. 318 Seiten. 21 €.

„Ein Mann der Kunst“: Zu Kristof Magnussons neuem witzigen Roman

„Ich finde die Komposition so schön aus dem Fluss, der Landschaft, den Dörfern am Rhein. Und dann die Städte … Wiesbaden mit dem mondänen Charme – und als Halb-Isländer liebe ich ja eh alle Städte, in denen es Thermalquellen gibt …“. Und also hat Kristof Magnusson den Rheingau als Schauplatz für seinen neuen Roman „Ein Mann der Kunst“ gewählt. Noch bevor das Buch am 12. August erschienen ist, sprach Kristof Magnusson, der isländisch-deutsche Theater- („Männerhort“) und Romanautor („Das war ich nicht“), Übersetzer und Wiesbadener Poetikdozent 2016/17, über seinen „Mann der Kunst“ im Online-Chat des Fördervereins Literaturhaus Wiesbaden. Denn neben seinem ruhmreichen, aber menschenscheuen ,Malerfürsten‘ ist wichtiger Rollenträger eben ein Förderverein, der den Rheingau (Magnusson: „Die einzige Landschaft, die mich in Deutschland ganz tief emotional berührt“) besucht, um den Künstler-Eremiten heimzusuchen. Der weltweit renommierte Meister KD Pratz – in der Buch-Realität das Gegenteil von Protz – soll für ein zu gründendes Museum gewonnen werden. Das geht im ersten Anlauf so gründlich schief, wie pointensicher der Autor seine Figuren vom Museumsdirektor bis hin zur Vereinsvorsitzende in ihrem eifrigen Bemühen um die Kunst wunderbar ironisch darstellt. „Mir war es besonders wichtig, die Figuren mit all ihren Schrullen humorvoll zu zeichnen, aber gleichzeitig nicht parodistisch in die Pfanne zu hauen.

Der alte weiße Mann KD Pratz gerät an eine pensionierte, aber noch immer emanzipierte Psychotherapeutin als Vereinsvorsitzende, während ein gebildeter wie auch sehr beflissener Museumsdirektor den Deal so voreilig wie vergeblich schon in der Tasche zu haben meint. Das ist in Charakterisierung und Dialog schon große Erzählkunst in schlafwandlerischer Balance zwischen Realismus und Persiflage.

Realität kann freilich Fantasie bisweilen auch einholen: Als Kristof Magnusson die Burgruine Ehrenfels über Rüdesheim als Künstlerheim und -atelier literarisch als Burg Ernsteck wiederaufbaut („weil KD Pratz so ernst ist“) hat er noch nicht gewusst, dass es tatsächlich einen Maler namens Ernst Eck gab (Österreicher, 20. Jahrhundert). „Rückwirkend ist das also eine superkluge Anspielung geworden, war aber Zufall.“ Genauso offen und ehrlich gibt der Autor zu, dass die kulturpessimistische Bemerkung seiner Hauptfigur, „und wenn dann mal wieder eine große Epidemie kommt – gute Nacht“, in letzter Minute in das Buch eingefügt wurde: „Die Kontaktsperre fiel ja genau mit der Zeit zusammen, in der ich eh nicht aus dem Haus gekonnt hätte, weil ich den Roman fertigschreiben musste.“ Und Kristof Magnusson ist kein Zyniker, wenn er der Corona-bedingten Einschränkung für sich selbst auch Positives abgewinnt: „Plötzlich kann man überall mit Karte bezahlen, und die Leute drängeln nicht mehr so.“

Die Leute seines Fördervereins allerdings bedrängen den begehrten Mann der Kunst auf seiner Burg massiv. Allein der Ich-Erzähler, günstiger Weise der Vorsitzenden männerzugewandter Sohn, hält vertrauensvollen Kontakt. Und KD Pratz wiederum klärt die Vereinsmitglieder auf über einen Kunstbegriff im Gegensatz zu Fanverehrung oder gewinnträchtiger Investition: „Ich habe mich immer als Handwerker verstanden“. Magnussons Kritik an den Gepflogenheiten im gängigen Kunstbetrieb gipfelt in einer ungeheuer witzigen Kunstdemontage, als die Freunde der Kunst die Objekte ihrer Begierde einem Ort zuführen, der alles ins Fließen bringt – zum Rhein. „Wir behalten unsere Traumvorstellungen vom Rhein“, sagt der Autor im Gespräch, „weil sie uns von der Kunst und Literatur so prägnant vermittelt wurde. Der Rhein ist also ein wunderbarer Beleg für die Kraft des Erzählens, die uns so starke Bilder einpflanzen kann, dass die Realität sie nicht kaputtkriegt.“

Im Rhein also kann die Kunst nicht untergehen und in Kristof Magnussons Roman eben auch nicht. Samtpfötig kunstvoll wird hier Kritik geübt an Kunsthuberei und ihrer Entourage mit „Bildungsbürgerbespaßung“ am Feierabend. Ja, natürlich sei auch das Schreiben Bildungsbürgerbespaßung, stimmt Magnusson zu – aber: „Wo wären wir ohne Bildungsbürger! Ich bin ja selbst einer“. Und zum gelinden Choas in Fördervereinen, wie im Buch für die bildenden Kunst oder einem realen für die Literatur, kommentiert er: „Eigentlich ist es doch ein tolles Milieu, diese ganzen Leute, sie sich so ernsthaft für Kultur interessieren.“ Für uns also hat Magnusson sein Buch geschrieben – mit hohem Wiedererkennungswert. Auszuprobieren am 6. November, wenn der Autor aus dem Buch „Ein Mann der Kunst“ in Wiesbaden (Museum) liest.

Kristof Magnusson: „Ein Mann der Kunst“. Roman. Verlag Antje Kunstmann. München. 237 Seiten. 22 €.

Frau Pehnt, der Rheingau-Literatur-Preis 2020 ist nicht Ihr erster Preis – gleichwohl, was bedeutet er Ihnen?

Gerade in diesen Zeiten ist er etwas ganz Besonderes! Wie viele Autoren und Autorinnen war ich sehr verzagt, als der Literaturbetrieb stillstand – man fängt schon an zu zweifeln. Nun fühle ich mich sehr ermutigt!

Sie waren 2008 Poetikdozentin in Wiesbaden und erhielten 2014 den Preis der Landeshauptstadt für „Der Bärbeiß“ als bestes Kinder- und Jugendbuch. „Der Bärbeiß“ wird übrigens gerade am Mainzer Theater aufgeführt. Haben Sie Erinnerungen an Ihren Wiesbaden-Besuch, oder auch noch andere Verbindung zur Rhein-Main-Region?

Ja klar, das war meine erste Poetikdozentur, sehr aufregend! Wiesbaden war sehr wichtig für mich, gute Begegnungen im Literaturhaus und im Theater, sogar im Casino waren wir. Den Bärbeiß in Mainz möchte ich bald besuchen.

Sie kennen den Rheingau und hatten vom Rheingau-Musik/Literatur-Festival zuvor schon gehört?

Gehört schon, aber ansonsten bin ich dort noch nie unterwegs gewesen. Das werde ich ja nun nachholen können!

Das Musik-Festival ist in diesem Corona-Jahr leider ausgefallen, das Literatur-Festival im September wird aber stattfinden mit der Preisverleihung an Sie am 27. September auf Burg Schwarzenstein. Welche Einschränkungen seit dem Shutdown haben Sie bisher als Autorin erlebt?

Mein neuer Roman ist genau ins Corona-Loch gefallen, so dass alle Lesereisen, alle Veranstaltungen rund ums Buch abgesagt wurden – es gibt ja dann kein öffentliches Gespräch. Das ist schwer nach Jahren des Schreibens.

Sie sind promovierte Professorin für literarisches Schreiben an der Universität Hildesheim. Wie müssen wir uns seit März den Lehrbetrieb dort vorstellen?

Wir machen alles digital. Ich habe eine sehr steile Lernkurve derzeit!

Wie vereinbaren Sie überhaupt Ihre Arbeit als Dozentin mit der der Autorin?

Das eine bedingt das andere. Es ist künstlerische Lehre, ich arbeite ja mit den Studierenden an Texten und Schreibprojekten, wir teilen die gleichen Fragen und Schreibprozesse.

Ihr neuer Roman „Alles was Sie sehen ist neu“ offenbart eine erstaunliche Kenntnis über Chinas Vergangenheit und Gegenwart. Wie lange haben Sie recherchiert?

Es gab eine China-Reise, ja – aber wir sind ja in dem Buch nicht in China, sondern in Kirthan. Also durfte ich auch viel erfinden.

„An die Viren darf man nicht denken“, sagt Reisende Dagmar – waren Sie während des Schreibens der Realität also schon voraus?

Es gibt einiges in dem Buch, was ich im Nachhinein ein wenig unheimlich finde.

Der Roman ist zweigeteilt: Er erzählt die Geschichte einer deutschen Reisegruppe nach Kirthan (China) und die Biografie des dortigen Reiseführers Nime. In Ihrem Roman „Ich muß los“ war die Hauptfigur auch schon ein Stadtführer. Was macht den Beruf literarisch so interessant?

Der Reiseführer ist ein Geschichtenerzähler – und das finde ich immer wieder ein zentrales Thema. Wie erzählen wir uns die Welt?

„Alles, was Sie sehen, ist neu“ wird den Reisenden vorgeführt und eben von Nime, der und dessen Familie die alten innenpolitischen Prozesse durchlebt hat. Der Blick aufs Äußere trifft nur den Schein – und die wahre Geschichte enthüllt sich nur, indem man sie erzählt?

Es gibt keine wahre Geschichte. Aber sehr viele unterschiedliche Varianten, die alle die Welt zu fassen suchen, in der wir leben.

Im Roman wird aus unterschiedlichen Ich-Perspektiven erzählt, die eine Zeitspanne von rund 30 Jahren bis 2019 umfassen. Nach welcher Struktur haben Sie diese unterschiedlichen Stimmen gewählt?

Es geht um verschiedene Menschen, die alle mit Nime auf die ein oder andere Weise verbunden sind. Sie erzählen, vielstimmig und mit vielen Lücken, sein Leben.

Nime wird als Hauptfigur des Romans als begnadeter Erzähler geschildert – erzählt selbst aber nie, sondern durchläuft einen Prozess vom Erzähler zum Zuhörer. Er stellt also damit beide Voraussetzungen einer Erzählung in einer Person dar?

Ja, er muss das Zuhören erst lernen – aber dafür zahlt er einen hohen Preis. Mehr verrate ich nicht…

„Das Buch ist ein Schlüsselroman, denn es öffnet die Welt“ urteilte die Preis-Jury. Und ist es nicht auch eine Hommage ans Erzählen selbst?

Auf jeden Fall! Aber auch ein Nachdenken über seine Begrenzungen.

Der Rheingau-Literatur-Preis ist neben der Dotierung mit 11.111 € mit 111 Flaschen Riesling ausgestattet. Wie gern trinken Sie Wein?

Als Wahl-Freiburgerin lebe ich in einer Weingegend und liebe mein Viertel Grauburgunder. Mit Riesling kenne ich mich noch nicht so aus – aber das wird sich ja bald ändern!

Rasha Habbal, warum haben Sie sich für das „Weiterschreiben-Stipendium Wiesbaden“ beworben?

Ich habe auf das Stipendium lange gewartet und bin sehr glücklich, dass ich es bekommen habe. Das Stipendium war für mich ein Ziel, nach dem ich gestrebt habe, und ich bin sehr stolz darauf, es erreicht zu haben. Dieses Stipendium unterstützt sowohl meinen beruflichen als auch ganz persönlichen Werdegang. Des Weiteren verringert es die finanziellen Sorgen einer Autorin am Anfang ihrer Karriere. Obwohl finanzielle Sorgen auch herausfordern können, bleiben doch die täglichen Ausgaben (z. B. Miete, Arztkosten usw.). Diese Situation lässt keine Zeit, angstfrei zu schreiben.

Wie sind Sie auf dieses Stipendium aufmerksam geworden?

Ich habe die Information über die Ausschreibung des Stipendiums aus drei verschiedenen Quellen erhalten: Von der Schriftstellerin Widad Nabi, die bereits das Stipendium erhalten hat; über das Frauenkulturbüro NRW und aus einer Email des Projektes „Weiterschreiben“ an interessierte Autoren durch die Projektleiterin des Instituts „Wir machen das“.

Sie haben schon einmal in Wiesbaden im Literaturhaus gelesen – welche Erinnerungen haben Sie daran?

Ein wichtiger Teil meiner Erinnerung an diesen Ort, bezieht sich auf die dort kennengelernten Menschen, mit denen ich einen schönen Abend teilen durfte. Die Fragen der Gäste in Wiesbaden drehten sich nicht nur um „Flucht“ sondern um die Texte, die ich mit Lina Atfa und Widad Salom vorgelesen habe. Die Gespräche gingen nach der offiziellen Veranstaltung bei Wein und Zigaretten weiter. Es war unkompliziert, mit den Leuten zu reden und auch Witze zu machen.

Von Mai an wollten Sie drei Monate als Stipendiatin hier verbringen – die Schließung des Literaturhauses, in dem Sie die Atelierwohnung beziehen sollten, und der Ausfall aller öffentlichen Veranstaltungen aufgrund der Corona-Krise verhindern das jetzt. Wie stellen Sie sich die Zeit Ihres Stipendiums denn nun vor? 

Ich hoffte, die Stadt näher kennen zu lernen. Die Gedanken, die mich dabei beim Texte schreiben inspiriert hätten, wollte ich der Stadt widmen. Ich hoffte auch, nähere Kontakte zu Ihren Einwohnern zu bekommen. Die aktuelle Situation hat dies jedoch verhindert. Allerdings führt dies zu einem unerwarteten Abenteuer, z. B. mache ich regelmäßige Videoaufnahmen aus dem privaten Gartenzimmer. Dieses Zimmer habe ich in ein Büro umgewandelt, in dem ich in diesem Sommer ungestört schreiben will. Anstatt ich jetzt Euer Gast bin, seid Ihr jetzt meine Gäste.

Arbeitsraum Rasha Habbal (Foto: © Rasha Habbal)

Welche literarischen Themen wollen Sie bearbeiten? 

Ich möchte an Prosatexten weiterarbeiten, mit denen ich direkt nach der Flucht angefangen, aber noch nicht beendet habe.

Sie haben 2015 Ihre syrische Heimat verlassen müssen und sind seitdem in Deutschland – wie haben Sie sich inzwischen hier eingelebt?

Sicherlich habe ich angefangen, mich an das Leben hier zu gewöhnen, mein Leben neu zu sortieren und einen Leitfaden für die nahe Zukunft zu erstellen. Ich bin entspannter und offener, auch mutiger geworden. Und ich habe keine Angst um meine Kinder, bevor ich ins Bett gehe. Es ist viel passiert in kurzer Zeit: Krieg, Flucht, ungewisse Zukunft und Neustart.

Warum hat es Sie nach Ihrer Flucht ausgerechnet nach Trier verschlagen?

Ich hatte keinen Einfluss darauf. Mein „Schicksal“ hat ein Beamter im Flüchtlingsaufnahmelager Lebach (Saarland) auf Grundlage eines Verteilplanes entschieden. Ich kannte die Stadt vorher nicht. Aber wenn ich die Wahl hätte, würde ich sie heute wieder auswählen. Trier ist eine Stadt mit Herz und Seele, wie meine Heimatstadt Hama.

Sie sehen Ähnlichkeiten zwischen Trier und Ihrer Heimatstadt Hama – welche sind das, und hilft es, heimisch zu werden?

Es gibt viele Ähnlichkeiten zwischen den beiden Städten, sie sind beide mein Schicksal. Sie wurden für mich „ausgesucht“. Beide wurden von den Römern gegründet, werden von einem Fluss geteilt, über den eine steinerne Brücke führt. An manchen Abenden nach Sonnenuntergang sind die Unterschiede nicht zu erkennen, erscheinen die beiden Städte wie Zwillinge.

Als Schriftstellerin wissen Sie um den Wert der Sprache. Wie gut beherrschen Sie schon die deutsche?

Ich denke, das ist die schwierigste Frage von allen. Ich habe bisher B2-Niveau erreicht. Und weil ich weiß, wie wertvoll die Sprache ist, denke ich, ich brauche längere Zeit, um ohne innerliche Angst frei zu sprechen. Diese Angst weicht mit zunehmendem Erfolg und Selbstbewusstsein.

Wie geht es Ihnen in diesen Corona-Zeiten?

In den letzten beiden Monaten hat uns diese Krise weltweit in Angst vereint. Die Natur gibt uns eine harte Lektion und bestraft uns heftig. Wir beobachten ungläubig die Geburt eines neuen, wichtigen Lebensstils. Vor zwei Monaten bedeutete das Leben, freie Beweglichkeit, soziales Engagement. Jetzt findet Leben in Isolation statt, Arbeiten können nur von zuhause erledigt werden. Diese Isolation ist jetzt keine selbstgewählte Option, sondern bedeutet Verantwortung gegenüber der Menschheit im Ganzen, und dass das Leben weiter geht.

Was macht Widad Nabi, die erste Stipendiatin des Fördervereins Literaturhaus 2018, während dieser Corona-Zeit in Berlin? Worauf muss die syrische Autorin verzichten und womit beschäftigt sie sich?


Wie geht es Dir im Moment in Berlin? 

Ich bleibe zu Hause oder gehe in Parks und Wälder. Vor Tagen war ich im Grunewald. Einen ganzen Tag lang im Wald! Es war eine kurze Flucht vor den Nachrichten über Coronavirus , Tod, Zensur und Kontrolle.

Welche Einschränkungen aufgrund der Corona-Krise erlebst Du?

Alle meine Lesungen wurden abgebrochen, und ich kann meine Mutter und meine Freunde nicht besuchen. Außerdem ist es für mich sehr wichtig, jemanden zu umarmen, wenn ich ihn treffe. Aber seit der Corona-Ausbreitung muss man Abstand halten. Und das bedeutet noch mehr Grenzen zwischen den Leuten.

Wie schützt Du Dich, Deinen Mann und andere vor einer Infektion?

Ich denke, zu Hause zu bleiben und keine Leute zu treffen, ist genug, um die Infektion nicht weiterzugeben. Aber wir benutzen auch Plastikhandschuhe, um einkaufen zu gehen.

Was möchtest Du gerne tun und darfst es jetzt nicht?

Ich hatte vor, diesen Sommer nach Spanien, speziell Andalusien, zu reisen. Leider wurde dies alles verschoben. Mein Bruder hätte mir das Fahrradfahren beigebracht, aber das wurde auch verschoben.

Womit beschäftigst Du Dich zu Hause?

Ich lese viele Bücher. Gerade lese ich ein Buch in deutscher Sprache von Abbas Khider: „Deutsch für Alle“. Trotz meiner schlechten Laune arbeite ich daran, meinen Roman, den ich während des Wiesbadener Stipendiums geschrieben habe, zu überarbeiten und zu modifizieren. Außerdem versuche ich jetzt schwieriges arabisches Kochen, das viel Zeit zur Vorbereitung braucht, aber ich habe jetzt viel Zeit. Es gibt auch eine tägliche Gehstunde mit meinem Partner, und ich verbringe auch einige Zeit damit, Briefe an meine deutsche Freundin Autorin Annett Gröschner zu schreiben. Wir tauschen Briefe aus. Und wir reisen dabei in die Vergangenheit.

„Bleiben Sie gesund und lesen Sie wohl“ steht auf der Website der Buchhandlung Vaternahm, die wie alle anderen Bücherläden in Wiesbaden seit Mittwoch, 18. März 2020, wegen Corona-Ansteckungsgefahr geschlossen ist. Noch am Tag zuvor hat Mitarbeiterin Elisabeth Grimm einen Ansturm der Kundschaft verzeichnet. Gegen Bücher-Hamstern ist ja auch nichts zu sagen – und wenn der begehrte Lesestoff nicht mehr persönlich in die Hand gegeben werden darf, so bieten alle Buchhandlungen der Stadt weiterhin ihre Online-Shops zur Bücherbestellung und Lieferung an. Da würde sich doch die Unterstützung des örtlichen Buchhandels empfehlen – Amazon braucht sie nicht!

Auch Elisabeth Heinz, Inhaberin der Buchhandlung „erLesen“ im Dichterviertel, hat erlebt, wie noch kurz vor der Schließung (gegen die sich der Börsenverein des Deutschen Buchhandels vergeblich ausgesprochen hatte) sich ihre Kundinnen und Kunden eingedeckt hatten, um die literaturveranstaltungslose Zeit doch zumindest selbstlesend überbrücken zu können. Auch für Kinder wurde Lesestoff gesucht, damit sie, die derzeit weder Kitas noch Schulen besuchen können, sich zu Hause sinnvoll beschäftigen.

Lernhilfen zu diesem Zweck wurden bei Hugendubel geradezu gesammelt, berichtet Filialleiterin Felicitas Nachtigall, die ebenfalls „großen Betrieb“ noch bis Dienstagabend in ihrem Geschäft beobachtet hat. Ihr Team habe sich gut auf die publikumslose Zeit eingestellt und bleibe mit seiner Kundschaft jetzt eben in elektronischem Kontakt. Realistisch sagt sie: „Man muss es nehmen, wie es ist.“ Gudrun Olbert von der Büchergilde Gutenberg stimmt zu, obwohl es in ihrem kleinen Laden am Bismarckring keine Vollversammlung der Kunden/innen geben kann. Aber Schließung gilt eben für alle – wie alle ihre jeweiligen Online-Plattformen für eine elektronische Bestellmöglichkeit offen halten und so weiterhin mit ihrer Kundschaft in Kontakt bleiben, indem sie sie beliefern.

Zitierte Buchhandlungen:

Büchergilde Gutenberg
www.buechergilde.de

Buchhandlung Vaternahm,
https://buchhandlung-vaternahm.buchhandlung.de

Buchhandlung erLesen
www.erlesen-wiesbaden.de

Hugendubel
www.hugendubel.de

Alle anderen Buchhandlungen in der Stadt bieten ebenfalls Online-Shops an.

Es ist ein aktuelles Buch, ein kluges Buch, ein lehrreiches und lesefreundliches Buch: Karl-Heinz Ott schreibt zum Hölderlin-Jubiläumsjahr (250. Geburtstag am 20. März) über „Hölderlins Geister“. Der Ruf des goetheschen Zauberlehrling, „die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los“ darf assoziiert werden – obwohl Ott zufolge der Name Goethe bei Hölderlin Krämpfe auslöste. Denn, wenn auch zunächst Friedrich Hölderlin gemeinsam mit Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Friedrich Wilhelm Schelling in ihrer WG am Tübinger Stift zum geistigen Höhenflug ansetzt – in der Rezeption seiner Lyrik und des poetischen Romans „Hyperion“ tummeln sich die Geister, die Hölderlin post mortem nicht mehr loslassen.

Karl-Heinz Ott benennt sie und analysiert ihre verschiedenen Motivationen. Geschickt verknüpft er dabei Hölderlins Biografie mit den unterschiedlichsten Interpretationen seines Werks. Der Autor referiert aus umfassendem Wissen und legt alle Deutungsansätze anschaulich zur Diskussion vor. Er selbst deutet auch – in überzeugender Weise, publikumsnah und durchaus gewitzt.

„In der Mythologie ist alles halb so wild wie bei den Religionen“. Insofern kann Hölderlin sich der griechischen Mythologie verschreiben und will in eben ihrer Poetisierung sich ihre Wiederkunft erschreiben. Weshalb für Hölderlin selbst dann auch stimmt: „Was bleibet aber, stiften die Dichter.“ Die Funktion des Wörtchens ,aber‘ interpretiert Karl-Heinz Ott auch: den hohen Ton als Hölderlins Markenzeichen.

Der Autor ist ein profunder Hölderlin-Kenner, stellt den Dichter in ein enges Bezugsgeflecht zu den früheren Freunden Hegel und Schelling, u.a. auch zum späteren geistigen Kompagnon Nietzsche und arbeitet dabei unermüdlich mit Zitat-Belegen. Er überprüft den Realitätsgehalt in Hölderlins Griechen-Verehrung und sieht als Fazit eine idealistische Privatmythologie ins Werk gesetzt. „Mein Wunsch ist Helden zu singen“ dichtet der Mann, der die „Prosa des Lebens“ flieht und sich ins Fiktive entrückter Sphären rettet. „Dichtung wird Gottesdienst, Zauber, Mysterium.“ Und der Dichter zum „heiligen Gefäß“.

Wie Hölderlin sich mit Visionen griechischen Götter- und Heldentums entrückt, können spätere Generationen mit Hilfe von LSD erfahren. Soweit Einbezug und Einordnung in die Gegenwart. Hölderlin scheint es seinen nachfolgenden Geistern leicht zu machen: Philosoph Heidegger deutet ihn „heimatselig“ und „bräunlich“, Säulenheiliger ist er dem Stefan-George-Kreis, in Feldauswahl-Heftchen wird sein hymnischer Ton zur Durchhalte-Kraftstärkung an die Wehrmacht verteilt, und „plötzlich steht er links“. Pierre Bertaux macht Hölderlin zum Jakobiner, der sich hinter der Maske des Wahnsinns versteckt (was der französische Germanist später aber wieder zurücknimmt). Gleichwohl gehört Hölderlin „seit den 60er Jahren auf die Barrikaden“ – für die Rezeption. „Alle schlagen Kapital aus ihm.“ Gut strukturiert, fein analysiert und sprachlich elegant serviert macht Karl-Heinz Ott deutlich, wer denn welches.

Und was aber bleibt vom Dichter? Vom Typus des Narziss, der konfliktscheu dem Alltäglichen entsagt und sich im Gefühl kosmischen Verschmelzens („Eins sein mit Allem“) nur aufgehoben fühlt, kommt der so Enthobene der Welt abhanden. Und schafft, so Ott aber auch, wiederum eine Bildsprache in „überwältigender Sprachmusik“, ohne die die Welt ärmer wäre. Hölderlins poetische Antriebskraft bleibt in seinen Texten spürbar, und es springt über sein Glaube an die Kraft und Macht des Wortes. Das nennt man auch Kunst.

Auf die Fassade des Hölderlin-Turms in Tübingen hat jemand gesprayt: „Der Hölderlin isch et verrückt gwä!“. Durch diesen Turm, in dem ein entrückter Dichter 36 Jahre lang zwischen 1807 und 1843 lebte, hatte Karl-Heinz Ott früher selbst geführt, er hat seinen ersten Roman mit einem Hölderlin-Vers betitelt („Ins Offene“, 1998), den Hölderlin-Förderpreis 1999 erhalten und führt mit seiner jüngsten Studie nun durch Hölderlins Geist im Nachvollzug der Geister, die ihn haben vereinnahmen wollen. Ohne Weihrauch – biografisch-philosophisch-literarisch sachbezogen sieht sich der Autor seinem Thema nah. „Anwesenheit aus naher Ferne, von was auch immer“, lautet der Schlusssatz – nonchalant im Tonfall des gesamten Buches. Eine Erholung!

Karl-Heinz Ott: „Hölderlins Geister“, Carl Hanser Verlag. München. 240 Seiten. 22 Euro

„Ich gehe joggen, aus der Altstadt hinaus ins Freie und nehme wahr“, wenn er sich in einer fremden Stadt aufhält. Nach vier erfolgreichen Büchern und einem Deutschen Buchpreis ist Saša Stanišić ein begehrter Gastautor. Im Hotel der fremden Stadt nimmt er wahr „Männer beim Frühstück“ und abends bei seinen Lesungen „Frauen über 50“. Im großen Hörsaalpavillon der Wiesbadener Hochschule RheinMain am Kurt-Schumacher-Ring sitzen auch sie, freilich durchmischt mit vielen Studierenden. Die müssen zum großen Teil freilich stehen. Denn der Ansturm auf den neuen Poetikdozenten ist riesengroß. Professor Michael May (Fachbereich Sozialwesen) stellt den bald 42-jährigen Autor vor – so kenntnisreich wie direkt: „Wie geht es dem Vorzeige-Geflüchteten?“ Saša Stanišić kennt das, seitdem er als gebürtiger Bosniake mit 14 Jahren nach Deutschland kam, hier die Sprache lernte, studierte und von 2006 an bis zum Deutschen Buchpreis 2019 erfolgreich Bücher schreibt. „Die 25.000 Euro (Preisgeld) gaben ein gutes Gefühl.“ Der schlaksige noch junge Mann ist um keine Antwort verlegen, Saša Stanišić spricht schnell, seine Stimme ist hell und der ganze Mann fängt sich in seiner Lebhaftigkeit sofort alle Sympathien ein. Er weiß, dass sein Schriftdeutsch mittlerweile exzellent ist und doch um seine Andersartigkeit. „Mit dem Namen fängt es an.“ Und rezitiert als Beispiel ein frühes Gedicht („noch nie vorgelesen: ,Und wenn weine ich, dann ich weine, weil weiß ich, dass fallen meinen Träne in die Schnee von fremder Land‘“.) Er schwärmt von dieser deutschen Sprache, vor der er „keinen und doch sehr viel Respekt“ habe, weil sie biegsam sei – für ihn in den Werken auch spielerisch schmiegsam.

Michael May geht mit dem Autor den Stapel seiner Romane und Erzählungen durch: „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ (2006) schließt das Thema Kriegserfahrung ab, „Vor dem Fest“ (2010) erfindet Geschichten von Dorfbewohnern in der Uckermark, in „Herkunft“ schließlich erzählt Stanišić die eigene Geschichte. Über Zäune lässt er hier „freundliche Grüße“ schicken, zugewandt und witzig. Geschichten wachsen aus Brüchen, und Humor ist ein geschmeidiges Transportmittel. Erfahrung, Erfindung, Recherche bilden den Stoff, wobei er Recherche zur „Lieblingsbeschäftigung“ erklärt. Saša Stanišić sammelt gerade wieder – „ich schreibe Miniaturen als Reisender auf“, so auch jetzt in Wiesbaden. Ob er hier auch etwas literarisch festhalten kann? „Es wäre doch schön …“ – davon erzählen seine Geschichten.

Von links nach rechts: Schauspielerin Leslie Malton, Fördervereinsvorsitzende Rita Thies und Litprom-Geschäftsführerin Anita Djafari (Foto: Dirk Hoga)

 

„Sein Mund war wie eine Insel in dem Meer, das sein Gesicht war …“, und Jamaica Kincaid (aus der Karibik) schreibt zwölf Seiten lang eine Liebesgeschichte weiter – stark und sinnlich aus der Erinnerung einer genießenwollenden, unabhängigen Frau. Fariba Vafi aus Teheran fühlt sich wie eine iranische Frau, deren Familie auswandern, sie selbst aber bleiben will. Und schließlich: Clarice Lispector, Doyenne der brasilianischen Literatur, ist in ihrer Kurzgeschichte „Die Reste vom Karneval“ wieder das zarte Mädchen von acht Jahren, das seine Verwandlung in eine Rose, also junge Frau, herbeisehnt. Drei Ich-Erzählungen von Frauen unterschiedlicher Herkünfte und Generationen kommen zu Wort in Lesung und Gespräch über die Publikation „Vollmond hinter fahlgelben Wolken“, eine Anthologie, die im vergangenen Jahr zum 30. Jubiläum des LiBeraturpreises herausgekommen ist. Litprom, der Frankfurter Verein für Vermittlung der Literatur von Autorinnen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und der arabischen Welt, verleiht den Preis, und deren Geschäftsführerin Anita Djafari ist Gast der Veranstaltung „Autorinnen aus vier Kontinenten“ im Literaturhaus, organisiert von Litprom, Literaturhaus und Förderverein Literaturhaus. Dessen Vorsitzende Rita Thies moderiert und begrüßt die deutsch-amerikanische Schauspielerin Leslie Malton als Rezitatorin der Texte. Da hört ein konzentrierter Publikumskreis eine warme, wandlungsfähige, ungemein sichere Stimme, die sich an den jeweiligen Stil und Rhythmus der Texte schmiegt, ihnen Glut, Dialogstärke und Spielerisches verleiht.

Kenntnisreich präsentieren Anita Djafari und Rita Thies die Autorinnen Jamaica Kincaid, heute als Literaturdozentin in den USA lebend, Fariba Vafi, Iranerin und LiBeratur-Preisträgerin, sowie Clarice Lispector als wichtige Vorreiterin zeitgenössischer Literatur von Frauen. Sie stehen beispielhaft für die knapp 30 Ausschnitte im Band. Herausgeberin Anita Djafari: „Ich habe ausgesucht, was mir gefallen hat.“ Jamaica Kincaids Text „Rolands Lied“ hat sie auch übersetzt. Der Erfolg dieser Schriftstellerin, wie auch der so vieler anderer, setzt freilich erst nach der Auswanderung ein. Rita Thies bewundert gerade deren „ungeheures Selbstbewusstsein“, das sich auch in Kincaids erotischen Szenen niederschlägt, und Leslie Malton betont: „Es ist Literatur, keine Pornografie.“ Zu ihrer eigenen Vita trägt die prominente Darstellerin eine köstliche Szene bei: Wie ihr, der Amerikanerin mit Wiener Mutter, für den bundesrepublikanischen Pass ein Deutsch-Test zwar ungern, dann aber doch erlassen wurde. Die deutschsprachige Übersetzung wiederum ist absolut wichtig für die in der Anthologie versammelten Autorinnen – sie dadurch hier bekannt zu machen, erklärtes Ziel. „Es sind alle tolle Frauen“, werben die Drei am Podium, und anschließend schmilzt der Stapel auf dem Büchertisch denn auch.

(publiziert in „Wiesbadener Kurier/Tagblatt)

Die österreichische Schriftstellerin Eva Melasse kuratiert in diesem Jahr die Wiesbadener Literaturtage vom 15. bis 21. September. Die Literaturtage finden seit 1986 als Veranstaltung des Kulturamts statt und sind ein spartenübergreifendes Kulturfestival, das der/die jeweilige Gastgeber/in gestaltet.

Eva Menasse war im Frühjahr dieses Jahres bereits Stadtschreiberin in Mainz, so dass sie mühelos mit ihrer künstlerischen Arbeit nun in der Nachbarstadt fortfahren kann. Sie ist 1970 in Wien geboren und lebt seit 2003 in Berlin. Eva Menasse ist die Halbschwester des Autors Robert Menasse. Ihre Bücher wurden mit vielen Auszeichnungen geehrt, in diesem Jahr erhielt sie den Ludwig-Börne-Preis in der Frankfurter Paulskirche.
Der Auftakt mit ihr als Gastgeberin der Wiesbadener Literaturtage findet am 15. September, 17 Uhr, im Museum Wiesbaden statt unter dem Titel „Wie soll man in C-Dur verzweifelt sein?“ Eva Menasse wird u.a. aus ihrem autobiografischen Essay „Stell dir vor, du hättest den Hintern von Montserrat Caballé“ lesen. Sie wird begleitet von Mezzosopranistin Silke Gäng und Mitgliedern des Sinfonieorchesters Basel.

Zu den Lesungen in der Veranstaltungswoche gehören die Auftritte von Zora del Buono & Iris Wolf im Literaturhaus, 17.09., 19.30 Uhr, und der Schlussakkord mit Schauspielerin Senta Berger, die gemeinsam mit Eva Menasse am 21.09., 19 Uhr, aus den Werken des Österreichers Heimito von Doderer lesen wird. Anschließend wird um 21 Uhr der Film „Das Diarium des Dr. Döblinger“ im Caligari gezeigt, der auf Erzählungen Heimito von Doderers basiert. Zum Thema Film wird zuvor am 16.09., 18 Uhr, im Caligari der österreichische Filmemacher Michael Glawogger (gestorben 2014) mit seinen Dokumentarfilmen „Workingman’s Death“ und „Untitled“ von Musiker und Autor Sven Regener vorgestellt.
Gespräche über Kunst finden am 18.09., 19.30 Uhr, im Museum („Wie frei ist sie noch, die Kunst?“) und zum Thema „Schreibende Frauen“ am 19.09., 19.30 Uhr mit den Schriftstellerinnen und Wissenschaftlerinnen Zsuzsa Bánk, Ines Geipel und Barbara Vinken im Frauenmuseum statt.
Sandra Kreisler und Jochem Hochstenbach bringen am 20.09, 19.30 Uhr, ihr Programm „Kreisler singt Kreisler“ auf die Studiobühne des Staatstheaters.