Es liest Armin Conrad / Texte: Viola Bolduan
Technische Unterstützung und Suppenrezept: Karina Bertagnolli (marixverlag)


Henry David Thoreau: Die Kunst, Naturfreak, Philosoph und Autor zu sein

Amerika hatte ihn wohl nötig, diesen Mann, der auf Gesellschaft und Obrigkeit pfiff, stattdessen Sonne und Mond zusah, mit Blumen und Bäumen sprach Mitte des 19. Jahrhunderts in seiner Hütte am Walden Pond bei Concord in Massachusetts. Dorthin zog sich Henry David Thoreau über zwei Jahre lang zurück, wie er es ein Jahrzehnt und sieben Manuskriptfassungen später in seinem Buch „Walden. Oder das Leben in den Wäldern“ beschreibt. Seitdem gilt Henry David Thoreau als Guru aller Naturapostel, steht Pate für Flower-Power, ist Gewährsmann aller Öko- und Anti-Bewegungen, Vorbild für Aussteiger, Rebellen, passive Widerständler – und gefeierter Autor.


Auf die Damen der Literatur legt er offensichtlich weniger Wert – sein Verhältnis zu Frauen gilt ohnehin als ausgesprochen distanziert, was seinem Streben nach Einsamkeit durchaus zuträglich ist. Geheiratet hat er nie. Auch ganz generell erweist sich Thoreau als ausgesprochen menschenscheu, lieber sitzt er auf Baumstümpfen, erzählt von sich und will mit dieser Erzählung überzeugen.


Ein Zimmer freilich, von dem Blaise Pascal meint, dass „das ganze Unglück der Menschen allein daher rührt, dass sie nicht ruhig in ihm zu bleiben vermögen“, ist für Thoreau fast schon zu viel der Zivilisation. Der Wald, den er dem geschlossenen Raum vorzieht, ist allerdings keine echte Wildnis, und das Zimmer, das er dann dort doch bezieht, eine ganz gut eingerichtete Blockhütte.


Henry David Thoreau, 1817–1862, kann sich seinen Lebensstil als eigenbrötlerischer Freizeit-Eremit leisten: Nach Studium in Harvard und kurz ausgeübtem Lehramt zieht er ins stattliche Anwesen des Schriftsteller- und ebenfalls Natur-Freundes Ralph Waldo Emerson nach Concord. Das Städtchen in der Nähe Bostons ist zu der Zeit eine Art amerikanisches Weimar – Emerson gründet hier eine neue philosophische Bewegung  und versammelt viele Autoren-Kollegen um sich. Es ist seine Blockhütte auf seinem Gelände, fußläufig von der Stadt aus erreichbar, idyllisch am See gelegen, in der Thoreau mit Lebensmitteln von zu Hause versorgt, sein persönliches Freiheitsgefühl auslebt. Die Mutter bringt Kuchen vorbei …

Davon handeln seine Schriften nicht. In ihnen propagiert Thoreau ein asketisches Leben, das unabhängig geführt, sich selbst genügen, die Natur achten, die Kunst schätzen und den Individualismus feiern soll.

Das Thoreau-Buch aus dem marixverlag versammelt aus „Walden“, „Über die Pflicht zum Ungehorsam“, Tagebüchern und Essays Zitate als aphoristische Sentenzen.

Thoreau ist ein studierter und belesener Mann mit zähem Bemühen, seine Gelehr- und Beredsamkeit mit seiner Sehnsucht nach Ursprünglichkeit zu vereinen.


Weshalb vielleicht er selbst ein Genie, Goethe es in seinen Augen aber nicht ist. Wie Jean-Jacques Rousseau („zurück zur Natur“) strebt auch Thoreau nach einer naturbelassenen Ursprünglichkeit in Erziehung und Bildung der Menschen, der es, wie er meint, im Falle Goethes mangele. Schiller übrigens hätte ihm heftig widersprochen, Thoreaus Tadel auf sich selbst bezogen und Goethes „Naivität“ bewundert, hätte der Amerikaner denn Schillers „Über naive und sentimentalische Dichtung“ herangezogen. Er aber zieht seinen Schluss aus Goethes „Wilhelm Meister“ und meint, in diesem autobiografischen Roman stecke zu viel der Kunst, die er mit Künstlichkeit gleichsetzt.


Für Thoreau erzieht der Mensch sich am besten selbst. Und zwar durch intensive Wahrnehmung der Natur und ein Vertrauen auf die menschlichen natürlichen Kräfte. Aus ihnen erwachse alles andere. Kurioserweise beruft er sich dabei auf Immanuel Kant, der freilich als Instrument zur Selbsterkenntnis an den menschlichen Verstand gedacht hatte. Das auch aus Nachdenken etwas entstehen kann, beweist zwar Thoreau höchst selbst – sonst hätte er ja keine Schriften hinterlassen – bleibt aber skeptisch gegenüber den Möglichkeiten und Wirkungen von Theorie und Abstraktion.


Und da die Menschen offensichtlich nie ganz wach sein können, unterliegen sie der Gefahr, sich vereinnahmen zu lassen – vor allem durch den Staat. Hier ist Thoreau ein entschiedener Gegner. Sein Essay „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegenüber dem Staat“ ist ein flammender Aufruf, sich ungebührlichen Gesetzen zu widersetzen, stattdessen das Recht des Individuums einzufordern und für es zu kämpfen. Dieses Fanal für die freie eigene Entscheidung gegen staatliche Verordnung sollte viele Anhänger finden. Jeder gewaltfreie Widerstand, jeder zivile Ungehorsam nach Thoreau kann sich auf ihn berufen und hat es von Mahatma Gandhi bis Martin Luther King getan. Auch heute in Zeiten verordneter Freiheits-Beschränkung als Schutz vor Corona-Ansteckung mögen Thoreaus Postulate durchaus ihre Freundinnen und Freunde finden.


Thoreau plädiert für politisches Engagement, das sich nicht mit einer Stimmabgabe bei sporadisch stattfindenden Wahlen begnügt und jedem Mehrheitsbeschluss misstraut. Thoreau glaubt an die Fähigkeit, Möglichkeit und Durchsetzungskraft des Individuums, und dass sich das Individuum nie und nimmer und niemandem zu beugen habe.


Ja, Henry David Thoreau sitzt im Gefängnis. 1846 verweigert er dem Staat Massachusetts seine Steuern, weil das Geld den Krieg gegen Mexiko und der Aufrechterhaltung der Sklaverei finanziere. Nun – die Steuerschuld war zwar schon ein paar Jahre älter als der gerade begonnene Krieg, und es war auch nur eines Tages Aufenthalt hinter Gitter – gleichwohl avanciert Thoreaus Schrift nicht nur zu einer Art Bibel für zivilen Ungehorsam, sondern ist gleichzeitig auch eine Streitschrift für die Selbstbehauptung des Individuums.


Thoreaus eigene Art zu atmen, ist dabei nicht ohne Widerspruch. Er möchte seine Gedanken „wie wilde Äpfel“ im Freien verteilen und dem Zirpen der Grille zuhören und findet sich denn doch auf den vielen Vortragsreisen ganz gern in geschlossenen Hörsälen ein, um mitzuteilen, dass dem Zirpen der Grille zuzuhören bedeutungsvoller sei – auch als ihn zu hören, wenn er seine Maxime vom einfachen Leben am Katheder weitergibt?


Henry David Thoreau hat seine Maximen durchaus in der Praxis erprobt – insofern ist er konsequent. Und wir können ihm auch in der praktischen Umsetzung seiner Sentenzen zur Literatur getrost folgen.


Auch wenn sich der bibelfeste Autor an dieser Stelle eine befremdlich götternahe Position einräumt, setzen wir seine Schlussfolgerung im Förderverein Literaturhaus doch gerne um, indem hier Schweigen gebrochen, über Bücher also gesprochen wird. In dieser Suppenlesung haben wir es versucht mit und über Passagen aus seinen eigenen Büchern. Hören wir zum Schluss Thoreaus enthusiasmierte Eloge auf sich selbst im Einklang mit der Natur.


Ehe aber die Götter sich zu ihm auf die Grasnarbe setzen und hören, wie Henry David Thoreau in noch hymnischeren Tonfall verfällt, soll er geehrt werden für die Schlichtheit des in diesem Podcast zweitletzten Satzes.


Und mit dem letzten Satz lassen wir Thoreau sich selbst interpretieren.


Thoreau stirbt am 6. Mai 1862 an verschleppter Tuberkulose im Alter von erst 44 Jahren. Sein Denken und sein Leben hatten ihn gelehrt, dem Tod ohne Angst entgegenzutreten. Der Nachhall seiner Schriften dauert an bis heute.

Nachlesen können Sie die zitierten Passagen im Band: Henry David Thoreau: „Wenn wir uns von unseren Träumen leiten lassen. Spitze Ungehorsamkeiten“ (6 Euro), wenn Sie ihn unter bertagnolli@verlagshausroemerweg.de bestellen. Als Suppe vor oder nach der Lektüre empfiehlt Karina Bertagnolli:

Wildkräuter-Suppe

2 Personen / ca. 30 min.

150 g gemischte Wildkräuter
2 Frühlingszwiebeln
50 ml Olivenöl
500 ml Gemüsebrühe
2 Esslöffel Mandelstifte oder Mandelblätter
Pfeffer aus der Mühle
Salz
8 Scheiben Vollkornbaguette
200 ml pflanzliche Sahne (z.B. Hafersahne)

Wildkräuter

Gut geeignet für die Suppe sind neben zarten Brennnesseln (am besten nur die Spitzen nehmen) auch Löwenzahn und Pimpinelle. Ergänzen kann man die Auswahl mit Kräutern aus dem Garten, wie Borretsch oder Sauerampfer und auch mit gekauften Kräutern wie Rucola oder Kerbel.

Anleitung

Den Backofen auf 220 Grad vorheizen.

Von den Kräutern die dicken Stiele entfernen. Die Blätter waschen, trockenschütteln und fein hacken. Die Frühlingszwiebeln putzen und mitsamt ihrem Grün in feine Ringe schneiden.

In einem mittleren Topf das Olivenöl erhitzen. Die Frühlingszwiebeln darin bei mittlerer Hitze unter Rühren andünsten. Die Gemüsebrühe hinzugeben und aufkochen. Die Suppe offen etwa 10 Minuten kochen lassen.

Mandeln grob hacken und mit ¼ der Kräuter, sowie dem Öl verrühren, mit reichlich Pfeffer und ein wenig Salz würzen. Die Mischung auf die Baguette-Scheiben streichen und diese auf ein Blech legen.

Die Brote im 220 Grad heißen Ofen auf der mittleren Schiene etwa 4 Minuten backen, bis die Oberfläche leicht gebräunt ist.

Inzwischen die Kräuter unter die Suppe rühren und alles kräftig aufkochen und einige Minuten kochen lassen. Am Ende die pflanzliche Sahne unterrühren und die Suppe mit Salz und Pfeffer abschmecken.

In Suppenschalen anrichten und die Crostini separat dazu servieren.

Guten Appetit!

Kulturdezernent Axel Imholz kümmert sich auch um sein Arbeitsfeld, wenn alle großen und kleinen Kulturinstitutionen der Stadt geschlossen sind. Was können wir tun, um in einer solchen Situation kulturellen Interessen weiterhin nachzugehen – und was tut er für sich selbst? 


Herr Imholz, wie sieht es im Moment im Rathaus und Ihrem Dezernat aus?

Naja, die Gebäude sind alle geschlossen und die Ämter alle am Rotieren. Einen Großteil der Mitarbeiter habe ich nach Hause geschickt, wir mailen und telefonieren und haben ganz schön viel zu tun.

Wie steht es um die Kultur der Stadt, wenn alle Kulturstätten geschlossen sind?

Das öffentliche Leben ruht, und die Kultur ruht dann natürlich auch. Das heißt nicht, dass sie tot ist. Das merken wir an den zahlreichen Anfragen der Kulturschaffenden.

Wonach wird gefragt?

Das Erste ist immer die finanzielle Situation, wie geht es jetzt mit uns weiter?

Und wie geht es weiter?

Ich hatte zuvor ja schon früher gesagt, dass wir die Zahlungsfähigkeit der Kultureinrichtungen, die bei uns in der Förderung sind, sichern werden. Das hat jetzt auch eine Verfügung des Kämmerers bestätigt. (Anmerkung der Redaktion: Kulturdezernent Imholz ist auch der Kämmerer der Stadt.)

Was bedeutet das?

Wir haben ja das Problem, dass wir die Zuschüsse immer auch an eine Leistungsvereinbarung binden. Wenn jetzt diese Leistung coronabedingt nicht erbracht werden kann, laufen die Zuschüsse dennoch weiter.

Und was ist mit denen, die keine Zuschüsse erhalten?

Wir sind jetzt erst einmal daran, denen zu helfen, die wir im Förderprogramm haben. Das ist schon eine breite Palette von Kultureinrichtungen.

Wozu auch das Theater gehört. Wird es 2020 Maifestspiele geben?

Das ist eine gute Frage, die ich abschließend noch nicht beantworten kann. Das Zeitfenster wird natürlich immer kleiner. Was wir sicher nicht machen können, ist, erst am 19. April (Anmerkung der Redaktion: vorläufiger Endtermin der Schließungsverfügung des Landes) zu entscheiden, ob die Maifestspiele stattfinden. Wir werden nicht mehr so viel Zeit haben.

Welchen neuen Zeitpunkt gibt es für die Entscheidung?

Es gibt noch keine Deadline. Wir sind in engen Gesprächen mit dem Land und dem Intendanten.

Wie sehr wird bis zu den Sommerferien Kultur in der Stadt ausgetrocknet sein?

Klassische Antwort: Das kommt darauf an, wie sich die Dinge weiterentwickeln. Wenn wir eine Entspannung der Lage haben, und die Bühnen wieder eröffnen können, wird es einen Run geben.

An welche Bedingung ist Entspannung geknüpft?

Das ist eine Entscheidung, die nicht der Kulturdezernent trifft. Die wird im Zuge der Risikoabschätzung erfolgen.

Wenn eine Entspannung irgendwann eintreten sollte, wie wäre dem Kulturleben wieder aufzuhelfen?

Wir sind dann ohnehin relativ nah vor der Sommerpause für viele Institutionen. Für einen Start nach der Sommerpause, wenn unsere Unterstützungsmaß-nahmen tragen, wovon ich aus gehe, und auch die Maßnahmen für die freitätigen Kulturschaffenden, die Bund und Land angekündigt haben, dann würde es wieder einen regulären Start geben.

Axel Imholz (Foto: Stadt Wiesbaden)

Was bleibt im Moment? Was empfehlen Sie, wie wir uns derzeit zu Hause kulturell beschäftigen können?

Das hängt von den jeweiligen Vorlieben ab. Das Kulturangebot aus der Konserve ist die erste Wahl. Da muss man auch nicht hamstern. Da haben die meisten Vorräte zu Hause. Sprich Video oder CD, und es gibt im Netz, u. a. auf Youtube, viele Konzerte aus dem klassischen und populären Bereich, die man sich anhören kann. Und natürlich Bücher, Bücher, Bücher … So viel Zeit zum Lesen wird man außerhalb des Urlaubs selten haben.

Und was bleibt Ihnen selbst?

Ich bin ja Filmfan, und da stapeln sich schon seit Monaten DVDs mit Filmen von Schlöndorff, Wenders, Fassbinder, Fritz Lang und aktuelle Filme. Ich könnte wahrscheinlich mit Filmegucken Wochen überstehen. Und es liegen noch Hunderte von Comics auf dem Stapel.

Haben Sie denn überhaupt Zeit dafür?

Naja, aktuell bin ich voll ausgelastet. Auch, wenn das öffentliche Kulturleben ruht, die Kulturschaffenden sind noch da und brauchen jemanden, der sich für ihre Belange einsetzt. Ich bin voll ausgelastet, aber eben nicht am Wochenende … Mein Wochenende ist sonst verplant mit Veranstaltungen. Die entfallen. Und insofern habe ich ungewohnte Freizeit.

Die Situation zeigt, wie verletzlich auch Kultur sein kann …

Das ist richtig. Und das gilt insbesondere für die freie Kulturszene, die keine Planungssicherheit hat. Planungssicherheit zu schaffen, sehe ich als oberste Priorität. Das haben wir in den letzten beiden Haushaltsrunden berücksichtigt. Das gibt uns jetzt Spielräume, im Vorgriff auf die Gesamtsumme jetzt schon vorab Auszahlungen zu machen.

Inwiefern ist Kultur auch Überlebensmittel?

Kultur gehört zum Menschsein dazu, und sie wird mit uns auch immer fortbestehen. Kultur hat ja auch in Deutschland schon viele Krisen überstanden. Ich bin mir sicher, auch diese Krise wird überstanden. Wenn alle Ebenen unseres Staates erkennen, welchen Stellenwert Kultur hat, sind die Voraussetzungen eigentlich gut.

Wenn der Förderverein Literaturhaus jetzt einen Chat über Bücher online auflegt, würden Sie daran teilnehmen?

Nein. Ich habe vor einigen Jahren für mich festgelegt, dass ich mich grundsätzlich nicht an Online-Diskussionen beteilige.

Warum nicht?

Als das Internet angefangen hat, bin ich in vielen Fach-Foren gewesen, da gab es damals sogenannte Trolle, die mitgemacht haben, um zu provozieren. Heute dominieren Trolle die Foren. Es sei denn, man hat kleine geschlossene Gruppen, da ist es gerade in dieser Zeit sinnvoll und eine Teilnahme sei jedem gegönnt.

Nein, Niederwald ist kein Dichter je gewesen. Die Straße dieses Namens schließt das Wiesbadener Rheingauviertel ab – da liegt das Denkmal noch näher als eine Verwandtschaft zum angrenzenden Dichterviertel. Aber, wenn auch die Adresse Niederwaldstraße 3 lautet, die Buchhandlung „erLesen“ ist die Buchhandlung des Dichterviertels. Im Sommer hat hier die Inhaberin gewechselt. Elisabeth Heinz hat das Geschäft von Brigitte Endres übernommen, die es zehn Jahre lang geleitet hat und deren langjährige Mitarbeiterin sie war. Mitarbeiterin war die Vierzigjährige auch in noch anderen Buchhandlungen der Stadt – sie kennt alle aus dem Effeff vom früheren „BücherBauer“ im Luisenforum über die Buchhandlung Vaternahm mit Ausflug nach Geisenheim bis eben zur Buchhandlung im Dichterviertel. Die kleineren, inhaberinnengeführten Geschäfte erlebt Elisabeth Heinz im freundschaftlichen Miteinander, wie sie sich ja auch in der Gruppe der „6 Richtigen“ zusammengefunden haben. Und aals sie vor sieben Jahren zum ersten Mal über die Schiersteiner Straße hinaus ins Dichterviertel eintrat, öffnete sich für Elisabeth Heinz „ein kleines Paradies“. Oder auch: „erLesen“ an der Niederwaldstraße 3 war so etwas wie Ankunft.

Denn Buchhändlerin war Elisabeth Heinz nicht von Anfang an. In Schweich (bei Trier) geboren hat sie in Köln ein Lehramtsstudium bis zum 1. Staatsexamen absolviert, dann gespürt, dass ein Lehrerinnen-Dasein denn doch nicht das richtige für sie sei. Die sechs Jahre, die sie dort verbracht hat, waren dennoch „super“, weil erfahrungsreich in vielen verschiedenen Praktika, während sie überlegen konnte, was sie denn nun wirklich wollen sollte. Da fiel es ihr in einer Bahnhofs-Buchhandlung in Ulm wie Schuppen von den Augen, präziser: atmete sie die Luft ein, von der sie künftig leben wollte. Es war der Geruch von Papier, einem bestimmten Papier: von Buchseiten.

Die stehen nun auf rund 70 qm in der Buchhandlung „erLesen“ in weiterhin gewohnter Sortierung. „Der Laden ist gut“ – zumal auch die Hausfassade nun neu glänzt, grün der Vorgarten einlädt, und Mitarbeiter Daniel Ebbecke als zuverlässige Kraft weiterhin hilft – da will Elisabeth Heinz zunächst einmal nichts ändern. Denn sie erinnert sich an die Erleichterung in den Gesichtern der Kundschaft, dass sich mit ihr als Nachfolgerin von Brigitte Endres eben ja auch nicht viel geändert hat. Und sie hält sich weiterhin an die Devise, dass sich eine gute Buchhändlerin auszeichnet durch „persönliche Beratung, Zeit für persönliche Gespräche, Kennenlernen der Vorlieben und Aufmerksamkeit“ auf die Menschen, die kommen. Ständig geht die Tür auch auf, eben nicht nur für „Kunden“ – es sind Freunde und Bekannte, die vorbeikommen, Bücher suchen, finden, mitnehmen und dabei vertraut in familiärer Atmosphäre miteinander reden. „Es ist meine Buchhandlung“, sagt meine journalistische Kollegin Shirin Sojitrawalla, die gerade den Raum betritt. „Für Literatur muss viel passieren“, sagt Elisabeth Heinz – in der Stadt und in jedem Stadtteil mit Buchhandlungen als Ankerpunkt.

Und so soll „erLesen“ als Treffpunkt im Dichterviertel auch bleiben für sie, die sich Zeit nahm, bis sich der Berufswunsch erfüllt hat, schon während der Ausbildung bei „Stephanus-Bücher“ in Trier die Kinderbuch-Abteilung leitete, ehe sie vor elf Jahren der Liebe wegen nach Wiesbaden zog. Der Lebenspartner leitet in Neu-Isenburg mit „Leanders Bücherwelt“ ebenfalls einen Buchladen, womit sich die Frage nach dem häuslichen Thema erübrigt. „Alle Ratschläge, die ich ihm früher gegeben habe“, gelten nun auch für die Inhaberin Elisabeth Heinz selbst, die jetzt seine Erfahrung teilt: Nie ist täglich alles abgearbeitet. An Papierkram – jenseits der Buchseiten, die so gut riechen.

Ein zauberhafter Moment:
„Eintauchen in eine verlorene Kindheit“

WIESBADEN/PARIS. Georg Stefan Troller, Schriftsteller, Fernsehjournalist und Dokumentarfilmer, hat ein neues Buch im Wiesbadener Römerweg-Verlag herausgebracht. „Ein Traum von Paris“ enthält frühe Texte und Fotos aus den 50er Jahren. Am 25.4. kommt der 97-Jährige aus Paris und stellt seinen Band im Veranstaltungszyklus zum Welttag des Buches, 19.30 Uhr, im Literaturhaus vor. Konzentriert und vital beantwortet er am Telefon in Paris Fragen aus Wiesbaden.

Herr Troller, wie kam es zur Veröffentlichung von „Ein Traum von Paris“?

Ja, das hat mich sehr ergriffen: Meine Tochter hat nach 60 Jahren unter dem Bett in einem Karton in der Wohnung meiner geschiedenen Frau diese Fotos gefunden, sie mir gebracht und gefragt: ,Kannst du damit irgendetwas anfangen?‘ Das war für mich ein zauberhafter Moment. Da war auf einmal ein Stück meiner Jugend wieder da. Fotos, an die ich nicht mehr gedacht, sondern geglaubt hatte, sie seien auf dem Müll gelandet.

Sie hatten diese Fotos vor über 60 Jahren aufgenommen. Konnten Sie sich, nachdem sie wiederentdeckt waren, an die damalige Situation in Paris noch erinnern?

Eigentlich nur sehr wenig. Ich konnte mich aber an die Stimmung erinnern, in der ich diese Fotos aufgenommen hatte. Das ist auch einer der Gründe, warum das Buch „Ein Traum von Paris“ heißt, weil es weniger die Realität als der Traum von einem verschwundenem Paris war, in dem ich meine Kindheit wiederentdecken konnte.

Diese Fotos damals bildeten vor allem Ihren eigenen „Traum von Paris“ ab?

Ja, das Lebensgefühl des Emigranten, dessen ganze Kindheit und Jugend zusammengebrochen war. Das Trümmer-Paris der Vororte hat mich an mich selbst erinnert. „Le petit peuple“ von Paris, die kleinen Leute, die armen Leute erinnerten mich irgendwie an mich. So empfand ich mich selbst damals.

Was aber hatten Sie in diesen Armenvierteln auch an Neuem für sich entdecken können?

Hinzu kam, wie ich es nennen möchte, eine ,Ästhetik der Verkommenheit‘, so wie beim Besuch antiker Ruinenstätten und Sehenswürdigkeiten: Ich empfand diese Trümmerlandschaft als schön.

Welchen Reiz hat denn eine in Bildern festgehaltene Vergänglichkeit?

Für mich entsteht der Reiz einer Zusammengehörigkeit: dass man einen Augenblick lang in die Vergangenheit eintauchen kann und wieder einen Moment lang dazu gehört. Das ist wie das Eintauchen in eine verlorene Kindheit, die man spurenweise wiederfindet.

Warum haben Sie in diesen Porträt-und Szenen-Fotos vor allem Frauen, alte Menschen und Kinder aufgenommen?

Das hat mich auch gewundert. Aber ich glaube, die Männer waren auf Maloche, im Bistro, oder beim Boule-Spiel, zurück blieben die Frauen und die kleinen Kinder. Ich habe nie etwas gestellt bis auf das allerletzte Foto im Buch (Anm. d. Red.: Szenario über drei Stockwerke). Aber natürlich habe ich gewartet, bis der entscheidende Moment gekommen war.

Inwiefern kann das Bild eine „Erlösung vom Wort“ sein, wie Sie in einem Ihrer Texte im Buch schreiben?

Es geht um die Angst vor dem Sprachverlust. Die hatte ich schon damals als junger Autor. Die Sprache zieht sich bei allen Emigranten langsam zurück. Sie tut es auch noch heute. Der Anspruch der Sprache ist nicht mehr zu erfüllen. Die Sprache ist beleidigt, weil du sie nicht mehr beherrschst.

Aber Sie beherrschen die deutsche Sprache doch! Müssen Sie sich jedes Mal beim Schreiben überwinden?

Nein, keine Überwindung, aber es herrscht ein Angstgefühl, dass die Sprache nicht kommt. Das ist ein ganz wichtiger Bestandteil der Emigration bei Autoren und etwas, worüber sie nie schreiben. Die Texte zu schreiben, wird immer anstrengender, sie kommen nicht mehr von allein. Das ist ein Resultat von 60 Jahren Abwesenheit von der Heimat.

Welche Texte haben Sie in diesem Buch zusammengestellt?

Ich habe für das Buch ältere Texte herausgesucht, die mehr oder weniger aus dieser Zeit stammen, meine frühen Erfahrungen und Entdeckungen in Paris, bevor ich es journalistisch zu sehen lernte. Als ich Paris noch als meine Geliebte ansehen konnte und nicht als mein Ausbeutungsobjekt.

Kann Paris nicht auch beides sein?

Es muss beides sein. Aber man hat immer gemischte Gefühle dabei. Paris war ein Liebesverhältnis, auf einmal wird es ein Beschreibungsobjekt. Die Urgefühle zu Paris waren die zu einer schwer zu erobernden Geliebten, die verlieren sich dann und werden zu solchen, wie zu einer Ehefrau.

Was kann ein Text im Unterschied zum Bild?

Das ist eine Frage, mit der ich mich immer auseinandergesetzt habe, auch in meinen Filmen. Im Fernsehen kann der Text das Bild ausdeuten, vertiefen, schärfen, der Text darf aber nie aussprechen, was das Bild schon aussagt. Ich habe das in meinen Interviews genannt: „Das Wort als Bild“. Das Wort muss mit dem Bild verschmelzen, muss eins mit ihm werden und eine höhere Einheit ergeben. Darum habe ich mich in meinen Filmen immer bemüht. Je kürzer der Text, je zugespitzter, umso besser. Und am Mikrofon noch einmal einen Satz zu streichen, ist ein Triumph. Das Bild reicht. Das Bild spricht. Ich bin ein großer Bewunderer des Bildes.

Das ist in Fernseh-Interviews heute aber anders…

Es wird viel gequatscht. Die Leute zeigen sich selbst im Bild, und der Troller hat sich nie im Bild gezeigt. Ich wollte, dass man sich auf die Leute konzentriert, über die ich gedreht hatte und nicht zeigen, dass der Troller da sein Mikrofon hinhält.

Ist Fernsehjournalismus denn eitler geworden?

Ja, aber was ich hatte, war eine versteckte Eitelkeit. Ich wollte wirken, ohne, dass ich mich zeige. Das war die Kunst. Dass das ganz persönlich wirken sollte, unverwechselbar, war schon meine Absicht. Ich wollte eine persönliche Einstellung zeigen – aber, ohne mich zu produzieren. Wie ein Filmregisseur, der sich ja auch nicht zeigt, aber in jeder Einstellung drin ist.

Georg Stefan Troller stellt das Buch am 25.4., 19.30 Uhr, im Literaturhaus vor. Nur Abendkasse: 10 €.  Zur Veranstaltung

Für sein zweites Büchertheater im Literaturhaus hatte der frühere Wiesbadener Theaterintendant Manfred Beilharz den international bekannten Roman des tschechisch-französischen Autors Milas Kundera „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ ausgewählt. Im Veranstaltungsprogramm des Fördervereins Literaturhaus komprimiert Beilharz das dickleibige Buch über das Leben vor und nach dem ,Prager Frühling‘ auf eine anderthalbstündige Lesezeit. In der Darbietung wechselt er sich mit seinem früheren Ensemblemitglied Alexandra Finder ab. Tomas, angesehener Chirurg in Prag, bevorzugt in seiner Beziehung zu Frauen „erotische Freundschaft“ mit mehreren, die er auch dann nicht aufgibt, als er die junge Teresa trifft, die ihn liebt und seine Untreue aushält. Nach der russischen Besetzung Tschechiens emigriert das Paar in die Schweiz, wo es Teresa aber nicht lange aushält. Als sie zurück nach Prag zieht, folgt Tomas ihr. Er arbeitet weiter als Arzt, bis er einer politischen Erpressung nicht nachgibt und von seiner Klinik entlassen als Fensterputzer eine bisher unbekannte Leichtigkeit erfährt. Noch mehr Freiheit im Überwachungsstaat verspricht das Leben auf dem Land, wohin das Paar zieht und bei einem Autounfall ums Leben kommt. Neben persönlichen und politischen Gedanken zum Thema Freiheit und deren Grenzen, wägt der Autor das Schwere gegen das Leichte in der Liebe ab und unterfüttert die Geschichte von Tomas und Teresa mit philosophischen Exkursen, die vor allem auf die Nietzsche-These von der „ewigen Wiederkunft“ des Gleichen zurückführen. Manfred Beilharz´ und Alexandra Finders Lesung fesselten ein muckmäuschenstilles Publikum, das mit viel Applaus dankte.

Frau Beck, kennen Sie Wiesbaden?

Eigentlich nein. Ich war ganz früher schon einmal zu einer Lesung hier im Literaturhaus und im Frauenmuseum. Da habe ich aber nichts von der Stadt gesehen.

Wie mutet Sie das bisher Gesehene an?

In diesem schönen Literaturhaus gewöhne ich mich gerade ein, und ich werde auch durch die Stadt geführt. Ich muss vieles aber erst noch erkunden. Schon aber gefällt mir der hessische Dialekt.

Sie sind die Wiesbadener Krimi-Stipendiatin 2019. Welchen Stellenwert unter Ihren bisherigen Preisen hat dieses Stipendium?

Einen hohen, denn das Wiesbadener Krimi-Stipendium ist in der Branche unter Autorinnen und Autoren sehr begeht. Wie man hört, waren die bisherigen Stipendiaten/innen sehr begeistert von diesem Literaturhaus.

Als Krimi-Stipendiatin sind Sie auch Mitglied der Jury für den Fernsehkrimi-Preis. Sie kennen sich als Buchautorin und Film-Synchron-Regisseurin in beiden Genres aus. Was zeichnet einen guten Fernsehkrimi im Unterschied zum Kriminalroman aus?

In den 90 Minuten Fernsehkrimi muss die Dramaturgie kompakter sein, und daher das Timing auch anders eingesetzt werden. Die Figuren können im Roman dagegen vielschichtiger dargestellt werden.

Sie setzen sich für mehr Beachtung der Frauen auf dem Buchmarkt ein. Wie können es denn Frauen erreichen, sich da durchzusetzen?

Laut sein, unangenehm sein, dran bleiben. Das fällt mit zunehmendem Alter leichter.

Das Interview führte Viola Bolduan.

„Freiheit für das Wort“ vom 23. – 26. April

Am 23. April ist Welttag des Buches, ein von der UNESCO erklärter Gedenktag für das Lesen, für Bücher und die Rechte der Autoren. Der Förderverein Literaturhaus Wiesbaden feiert diesen Tag mit seinem zweiten Bücher-Speed-Dating.

Kommen dabei ganz verschiedene Literaturen zu Ehren, so soll in der Veranstaltungswoche des Fördervereins vor allem daran gedacht werden, dass das freie Wort mittlerweile vielen versagt bleibt – sei es durch Flucht aus der Heimat und Verlust ihrer Muttersprache, sei es durch Zensur oder gar Verfolgung und Haft. Die türkische Autorin Asli Erdogan hat es erlebt, als sie 2016 als Kolumnistin einer pro-kurdischen Zeitung inhaftiert und verurteilt wurde. Mittlerweile konnte sie nach Deutschland ausreisen, lebt als Stipendiatin in Frankfurt und hat ihr Engagement für die „Freiheit für das Wort“ nie aufgegeben. „Die Wahrheit muss heraus“ fordert Georg Stefan Troller, mit seinen 97 Jahren Doyen des aufschlüsselnden Interviews. Der Publizist lebt seit 1949 in Paris und hat seinem jüngsten Buch „Ein Traum von Paris“ alte Bilder und frühe Texte aus einer auch im westlichen Europa untergegangenen Welt wiederentdeckt.

Förderverein Literaturhaus

Neujahrsempfang

Rita Thies verwandelt das Wiesbadener Literaturhaus mit ihrer Willkommensrede in eine Art Reisebüro, das unabhängig von Zeit und Raum Möglichkeit zu Begegnung und Traum eröffnet: Die Vorsitzende des Fördervereins Literaturhaus begrüßt am Abend des 24. Januar rund 100 Gäste zum Neujahrsempfang, den der Verein gemeinsam mit dem Literaturhaus in dessen Räumen veranstaltet. Sie trifft auf offene Ohren, wenn sie sagt:

„Jedes Buch, jede Lesung ist ein Angebot zu den Träumen, Möglichkeiten und Leben der Menschheit“, und dass es den lebendigen Austausch darüber brauche in Räumen wie diesen im Literaturhaus.

Rita Thies erinnert an den Schwerpunkt im Programm des Fördervereins 2018, mit Hilfe seines „Weiterschreiben-Stipendiums“ Autorinnen und Autoren im deutschen Exil die Fortsetzung ihrer Arbeit zu gewährleisten. Widad Nabi, die kurdische-syrische Stipendiatin, hat es in ihrem öffentlichen Auftritt im Literaturhaus unter Beweis gestellt. In diesem Jahr wird es rund um den Welttag des Buches am 23. April wieder eine vom Förderverein veranstaltete Reihe zur „Freiheit für das Wort“ mit den Gästen Asli Erdogan und Georg Stefan Troller geben. Das Stipendium wird im kommenden Jahr fortgeschrieben. Rita Thies wünscht noch mehr Stipendien dieser Art und stellt sich vor, dass in Wiesbaden ein ganzes neues Haus für die Zuflucht exilierter Autorinnen und Autoren entstehen könne.

Christoph Nielbock, Leiter der Wiesbadener Musik-und Kunstschule, sowie der Akademie, hat zuvor als Vertreter der Stadt die Anwesenden begrüßt und launig Musik und Literatur miteinander verglichen und verbunden. Christiane Kögler tritt in einem kabarettistischen Zwischenspiel als englische Literaturkritikerin auf. Da hier ein real drohender Brexit kein Thema ist, bleiben die Gäste unbesorgt noch lange im Gespräch beieinander.